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Dienstag, 26. August 2014

Von Al-Kaida zum Kalifat: Der blutige Aufstieg des "Islamischen Staats"

Von Benjamin Wehrmann

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Der brutale Vormarsch der Terroristen der Organisation Islamischer Staat (IS) im Grenzland zwischen Syrien und dem Irak schockiert in den vergangenen Monaten die Welt. (Foto: REUTERS)

Der brutale Vormarsch der Terroristen der Organisation Islamischer Staat (IS) im Grenzland zwischen Syrien und dem Irak schockiert in den vergangenen Monaten die Welt.

Der brutale Vormarsch der Terroristen der Organisation Islamischer Staat (IS) im Grenzland zwischen Syrien und dem Irak schockiert in den vergangenen Monaten die Welt.

Die laut Beobachtern "schier unmenschliche Mordlust" und die schnellen Gebietsgewinne bringen der sunnitischen Miliz den Ruf ein, den islamistischen Terror auf eine neue Stufe zu heben.

US-Verteidigungsminister Chuck Hagel nannte die Bedrohung durch den IS jüngst "größer als den 11. September", Vorgehen und Struktur der Terrororganisation seien "jenseits von allem, was wir kennen". Doch woher stammt die Bewegung, die sich scheinbar urplötzlich ins Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit katapultiert hat?

Die Ursprünge des IS lassen sich auf die Zeit des US-Einmarsches in den Irak unter Saddam Hussein im Jahr 2003 zurückverfolgen. Kurz nach dem Sturz des sunnitischen Machthabers formieren sich im Untergrund Kampftruppen, deren Ziel die Vertreibung der westlichen Besatzer ist.

Eine davon ist die sogenannte "Gemeinschaft für Monotheismus und Dschihad" von Abu Mussab al-Sarkawi. Der Jordanier gilt für die USA schnell als einer der meistgesuchten Terroristen.

Kurz nach dem vom damaligen US-Präsidenten George W. Bush verkündeten "Ende" der Kampfhandlungen im Mai 2003 beginnt Sarkawis Vereinigung damit, durch gezielte Anschlägen die Lage im Irak zu destabilisieren. So sterben beispielsweise im August des Jahres 22 Menschen beim Anschlag auf ein UN-Quartier in Bagdad.

Neben westlichen Einrichtungen und Soldaten zielt Sarkawi vor allem auch auf "Kollaborateure", die den demokratischen Aufbau des Irak unterstützen. So stirbt der Präsident des provisorischen Regierungsrates, der Schiit Ezzedine Salim, kurz nach seiner Amtsübernahme im Mai 2004 bei einem Selbstmordanschlag.

Auch die Entführung und Ermordung westlicher Geiseln gehört bereits zu den Mitteln, derer sich Sarkawi und seine Gefolgsleute bedienen. Die Enthauptung des US-Ingenieurs Nicholas Berg (Foto) im Mai 2004 ist nur eine von mehreren Hinrichtungen von Ausländern, die die Terroristen zur Abschreckung auf Video aufzeichnen.

Im Oktober 2004 schwört Sarkawis Gemeinschaft Osama bin Laden die Treue. Nach der Anbindung an den Strippenzieher des 11. Septembers benennt sich die Gruppe in "Organisation der Basis des Dschihads im Zweistromland" um - unter westlichen Beobachtern läuft sie jedoch fortan unter der Bezeichnung "Al-Kaida im Irak".

Von Aiman al-Sawahiri (r.), der damaligen Nummer Zwei Al-Kaidas, erhält der den schiitischen Glauben stark ablehnende Sarkawi in einem Brief die Aufforderung, zum Wohle des Dschihads die mehrheitlich schiitische Bevölkerung des Iraks hinter sich zu scharen. Zudem nennt Sawahiri die besondere Bedeutung der Medien, in denen "die Hälfte des Kampfes" ausgetragen werde.

Mit einer Anschlagsserie auf Hotels in Amman, der Hauptstadt seines Geburtslandes Jordanien, beweist Sarkawi im Oktober 2005, dass es seiner Organisation um mehr als nur die Bekämpfung des westlichen Einflusses im Irak geht. 60 Menschen finden dabei den Tod.

Ebenso erklärt Sarkawi den Schiiten den "totalen Krieg". Er wirft ihnen vor, die "Kreuzzügler" aus dem Westen zu unterstützen und sich ihrerseits gegen die Sunniten zu wenden.

Im Juni 2006 gelingt es den USA nach mehreren Versuchen, Sarkawi durch einen Luftschlag zu töten. Doch sein Tod markiert lediglich den Beginn ...

... der Führungsperiode Abu Ayyub al-Masris. Unter ihm bekommt die Organisation erstmals den Namen "Islamischer Staat im Irak" (ISI).

Unter Al-Masri verschärfen die Terroristen ihre Anschläge auf öffentliche Plätze, vor allem in mehrheitlich schiitischen Gegenden wie der Hauptstadt Bagdad. In den folgenden Jahren ...

... erlebt das Zweistromland eine Anschlagswelle ungekannten Ausmaßes.

Beinahe täglich kommt es zu schweren Attacken, bei denen vor allem Autobomben jedes Mal Dutzende Menschenleben kosten.

Durchschnittlich fast 600 Menschen monatlich fallen dem Terror der Organisation unter Al-Masri zum Opfer.

2010 gelingt es den USA schließlich mithilfe der irakischen Truppen, Al-Masri durch einen Luftschlag nahe Tikrit zu töten. US-Vizepräsident nennt die Aktion einen "potenziell vernichtenden Schlag gegen Al-Kaida im Irak". Doch abermals ...

... rückt innerhalb der Terrororganisation binnen kürzester Zeit ein neuer Anführer nach: Abu-Bakr al-Bagdadi. Der 1971 im Irak geborene Sunnit befindet sich schon 2003 in US-Gefangenschaft, kommt jedoch wieder auf freien Fuß.

Bereits zwei Anführer des ISI beziehungsweise Al-Kaidas im Irak sind zu diesem Zeitpunkt schon getötet worden, doch die Ziele der Organisation bestehen fort. Der schiitische Premierminister Nuri al-Maliki regiert den Irak seit den ersten freien Wahlen 2010 und besetzt wichtige Positionen systematisch mit Anhängern seiner Glaubensrichtung. Maliki rechtfertigt dies damit, dass er nur so Mitstreiter des ehemaligen Machthabers Saddam Hussein unschädlich machen könne.

Im Jahr darauf häufen sich Ereignisse, die Al-Bagdadis ISI in die Hände spielen. US-Präsident Barack Obama erklärt 2011 den Irak-Krieg offiziell für beendet und kündigt den weitreichenden Abzug seiner Truppen an. Gleichzeitig ...

... bricht über weite Teile Nordafrikas und des Nahen Ostens der "Arabische Frühling" herein. Während in Ländern wie Tunesien oder Ägypten die Absetzung der Machthaber zunächst weitgehend friedlich gelingt, ...

... nimmt die Entwicklung in Syrien unter Baschar al-Assad eine andere Richtung. Der alawitische Präsident hält nahezu ohne Abstriche an seinem Amt fest und lässt sich stattdessen auf den bis heute andauernden Bürgerkrieg ein.

Aiman al-Sawahiri, der nach Bin Ladens Tod die Führung von Al-Kaida übernommen hat, ruft Anfang 2012 alle Muslime der Welt dazu auf, den syrischen Rebellen beim Sturz Assads zu helfen. Ironischerweise spielt genau dies Assad in die Hände, der sich seit Beginn des Konfliktes darum bemüht, die Aufständischen in seinem Land als muslimische Extremisten zu diskreditieren. ISI-Chef Bagdadi jedenfalls folgt dem Aufruf Sawahiris.

Die Nusra-Front, ebenfalls ein Ableger von Al-Qaida im Irak, ist zu dieser Zeit bereits im Krieg gegen Syriens Regierungstruppen aktiv. Bagdadi erklärt kurz nach Ankunft in Syrien, die Nusra-Front sei ein Bestandteil seiner Organisation, die er fortan unter dem Namen "Islamischer Staat im Irak und Großsyrien" (ISIS) führt. Die Nusra-Führungsebene lehnt die Fusion jedoch ab. In der Folge werden die beiden Gruppen Kontrahenten. Auch die anderen Rebellengruppen entwickeln sich zu Gegnern des radikalen ISIS.

Die Vorgabe von Al-Kaida-Chef Sawahiri, nach welcher die Nusra-Front ihre Aktionen auf Syrien und der Isis auf den Irak beschränken sollen, lehnt Abu Bakr Al-Bagdadi ab. Für ihn ist diese Strategie eine indirekte Legitimierung der "Sykes-Picot-Linie", also der Grenze, die die Besatzungsmächte Großbritannien und Frankreich 1916 nach dem Sieg über das Osmanische Reich in die Karte des Nahen Ostens zogen und so die Staaten Syrien und Irak erst kreierten.

Der ISIS distanziert sich daraufhin von Al-Kaida und beginnt, seine Schlagkraft aus eigener Kraft zu erhöhen. Gezielt wirbt Bagdadi Dschihadisten aus dem Ausland an, während sich seine Organisation in den zuvor durch andere Rebellengruppen eroberten Städten im Nordosten Syriens festsetzt.

Die 200.000-Einwohner-Stadt Rakka entwickelt sich zum Zentrum der ISIS-Aktivitäten. Bis Mitte 2013 vertreiben die Terroristen nach und nach alle anderen Kräfte aus der Stadt und bieten ausländischen Dschihadisten damit einen festen Rückzugsraum, in dem der ISIS seine ganz eigene Vorstellung einer "wahren islamischen Rechtstradition" etablieren kann.

Diese beinhaltet beispielsweise ein striktes Verbot von Alkohol und Tabak, weswegen die Miliz-Kämpfer in Rakka Tausende Packungen Zigaretten in Brand stecken. Ebenso ...

... werden die Bekleidungsvorschriften für Frauen strenger. Plakate weisen die Einwohner auf die rigiden Vorgaben hin. Auf Nichteinhaltung ihrer Regeln reichen die Strafen des ISIS von Gefängnis über Auspeitschung bis hin zu Amputation und Steinigung.

Zudem sichert sich die Terrorgruppe nach und nach die Kontrolle über die wichtigsten Ölfelder im Osten Syriens. Über die Grenze verkauft der ISIS das Rohöl und finanziert so seine militärische Expansion. Neben den Einnahmen aus dem Ölgeschäft lebt die Organisation vor allem aber auch von Spenden wohlgesinnter Geber.

Syriens Machthaber Assad entscheidet derweil angeblich bewusst, den ISIS vorerst gewähren und die Rebellen schwächen zu lassen. Langfristig wird er damit den Gegner stärken, vor dem er den Rest der Welt bis dahin gewarnt hat.

Im de facto staatenlos gewordenen Nordosten Syriens schlägt dem ISIS als radikalster und rücksichtslosester Kraft bald praktisch keine Gegenwehr mehr entgegen. Um den Jahreswechsel 2013/14 herum beschließen Al-Bagdadi und seine Gefolgsleute, ihr Einflussgebiet auch auf den Nordirak auszuweiten.

Schließlich setzt die Terrormiliz zum Sturm auf das Nachbarland an. Beim Überschreiten der Grenze nehmen die Terroristen ein Video auf, das sie bei der Zerstörung der verhassten Sykes-Picot-Linie zeigen und das dem Nationalstaat als politischer Einheit eine Absage erteilt.

Durch die Rekrutierung von ehemaligen Anhängern von Saddams Baath-Partei und anderer kampfbereiter Sunniten gelingt dem ISIS ein rascher Vormarsch im Nordirak. Zudem sind die Regierungstruppen Bagdads durch die jahrelange politische Krise zermürbt und demoralisiert und überlassen den Terroristen oft kampflos das Feld.

"Es gibt hier eine kurdische, sunnitische, schiitische und christliche Identität. Aber keine irakische Identität", erklärt der Präsident der kurdischen Autonomieregion, Massud Barsani. Gerade in den sunnitischen Gebieten, wie hier in Mossul, wollen die Sicherheitskräfte der Regierung ihr Leben nicht für die schiitische Regierung hergeben und überlassen dem ISIS ihr Material.

Auf ihrem Feldzug erbeuten die Kämpfer auch etliche schwere Waffen von der irakischen Armee. Die militärischen Erfolge treiben den Terroristen in den durch jahrelange Gewaltherrschaft geprägten Gebieten im Irak und in Syrien weitere Kämpfer in die Arme.

Nachdem der ISIS in wenigen Monaten beinahe durch den halben Irak marschiert ist, nimmt die Gegenwehr der Armee zu. Rund 100 Kilometer vor Bagdad stabilisiert sich die Front vorerst.

Die US-Regierung hält die Bedrohung durch die Terrorgruppe bis vor der Einnahme der Großstädte Falludscha und Mossul noch für überschaubar. "Wir haben die Stärke, den Zusammenhalt und die Führung beim ISIS falsch bewertet", räumte General Michael Flynn, Direktor des Verteidigungsgeheimdienstes DIA, in einem Interview ein.

Auf ihrem Vormarsch durch den Irak begeht der ISIS das, was die Vereinten Nationen eine "systematische und ungeheuerliche Verletzung des Völkerrechtes" nennen. Wo er auf Gegenwehr trifft, geht der ISIS mit aller Härte vor. Auch Zivilisten geraten aufgrund ihres Glaubens oder mangelnden Gehorsams ins Visier der Extremisten. Männer werden dabei ermordet, Frauen oft vergewaltigt.

Der irakischen Armee gelingt die teilweise Rückeroberung von Territorium, doch die Reihen des ISIS stärken sich durch Zulauf aus dem Ausland und Rekruten in Syrien und dem Nordirak. Außerdem ...

... gelingt den Terroristen die Einnahme strategisch bedeutsamer Infrastruktur wie des Mossul-Damms, durch die sie eigenen Zugang zu Strom- und Wasserversorgung bekommen.

Eine der wenigen Kräfte, die dem ISIS die Stirn bieten, sind die Kurden im Nordirak. Erfahrene Kämpfer, wie die der Peschmerga, können den vorrückenden Terroristen zwar Einhalt gebieten, doch durch ihre veraltete Bewaffnung geraten sie gegenüber den erbeuteten High-Tech-Waffen des ISIS ins Hintertreffen.

Ende Juni ruft Bagdadi in Mossul medienwirksam inszeniert das grenzüberschreitende "Kalifat" aus. Kalif Ibrahim, wie er sich nun nennt, vereint damit nach seinem Verständnis alle weltliche und geistliche Führerschaft auf seine Person und betrachtet sich selbst als Nachfahren des Propheten Mohammeds. Beobachter meinen, dass er Osama bin Laden als islamistische Integrationsfigur beerben könnte.

"Nach Meinung von Dschihadisten gibt es mit der Errichtung eines islamischen Kalifats keinen Bedarf mehr für Al-Kaida", sagt der jordanische Experte für islamistische Bewegungen, Hassan Abu Hanijeh. Da diese selbst nie über ein eigenes Staatsgebiet geherrscht hat, könnte sie nun beim Kampf um die "Herzen und Köpfe" junger Radikaler gegenüber der nun nur "Islamischer Staat" (IS) genannten Organisation das Nachsehen haben.

Mit der Ausrufung des Kalifats sind die Pläne des IS jedoch nicht erfüllt. In Furcht vor einer "Säuberung" der eroberten Gebiete fliehen viele Menschen vor den IS-Schergen, wie beispielsweise die kurdischen Jesiden, zu Fuß meilenweit durch die Wüste.

Der drohende Genozid ruft die USA endgültig zurück auf den Plan. Ab Mitte August fliegt die Air Force Angriffe auf Stellungen des IS. Die bestialische Ermordung des Journalisten James Foley tut ihr Übriges, um Barack Obama in der Bevölkerung Rückhalt für ein neuerliches Engagement im Irak zu verschaffen.

Trotz der US-Luftschläge gelingen den Kämpfern zuletzt weiter wichtige Gebietsgewinne, wie ein wichtiger Militärflughafen in Syrien. US-Militärexperten fordern daher, dass der Einsatz auch auf syrisches Gebiet ausgeweitet werden müsse. Durch seine stabile Finanzierung kann der IS zudem auch Kämpfer mit Geld locken, die die Version des gottesfürchtigen Lebens im Kalifat nicht absolut teilen.

Die größte Gefahr für den IS selbst stellt momentan womöglich die zu schnelle Ausdehnung des eigenen Einflussgebietes dar. Zu viel Hybris könne schnell wieder zu Verlusten von Territorium führen, schreibt der Terrorismusexperte J. M. Berger. Jeglicher Gebietsverlust des Kalifats, der nicht von ausländischen Interventionen herrührt - wie etwa die US-Luftangriffe -, könnte den IS seine führende Position kosten.

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