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Freitag, 07. Oktober 2011

Nach 10 Jahren Taliban "stärker als zuvor": Der blutige Krieg in Afghanistan

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In Manhattan türmten sich noch die Trümmer des World Trade Centers, … (Foto: REUTERS)

In Manhattan türmten sich noch die Trümmer des World Trade Centers, …

In Manhattan türmten sich noch die Trümmer des World Trade Centers, …

… als die USA mit Kampfflugzeugen und Marschflugkörpern Ziele in Afghanistan bombardierten. Die Luftangriffe am 7. Oktober 2001, kaum einen Monat nach den Anschlägen vom 11. September, markierten den Beginn eines Militäreinsatzes, der eigentlich mit dem Sturz der Taliban schnell beendet sein sollte.

Doch zehn Jahre später befinden sich die USA und ihre Verbündeten noch immer am Hindukusch und suchen einen Ausweg, bei dem sie zumindest ein einigermaßen stabiles Land hinterlassen.

Seit mehr als drei Jahrzehnten gehören Krieg und Gewalt zum afghanischen Alltag. In den 80er Jahren kämpften die Afghanen gegen die Sowjetunion, …

… nach deren Abzug versank das Land in den 90er Jahren im Bürgerkrieg und erlebte den Aufstieg der radikalislamischen Taliban.

Dann rückten die Anschläge vom 11. September Afghanistan schlagartig in den Fokus der USA:

Mit dem Wohlwollen der Taliban betrieb das Terrornetzwerk Al-Kaida dort Ausbildungslager, die auch die 9/11-Attentäter durchlaufen hatten.

Unterstützt von der US-Armee brachten die afghanischen Kämpfer der Nordallianz die Taliban noch vor Ende 2001 zu Fall.

Zu Beginn des Einsatzes hatte der damalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld in einem Vermerk deutlich gemacht, dass der Aufbau eines afghanischen Musterstaates nicht das "vorrangige strategische Ziel" sei. Dennoch schmiedete die internationale Gemeinschaft auf dem Petersberg bei Bonn große Pläne für ein friedlicheres Afghanistan.

Die damalige rot-grüne Bundesregierung setzte sich für ein von ausländischen Truppen begleitetes "Nation Building" am Hindukusch ein.

Als die ausländischen Truppen vor zehn Jahren nach Afghanistan kamen, wurden sie auch noch von der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung freudig begrüßt.

Kinder winkten den Patrouillen selbst in einstigen Taliban-Hochburgen zu.

Die Afghanen glaubten den Versprechen des Westens, dem geschundenen Land Frieden, Sicherheit und Wohlstand zu bringen.

In den am Einsatz beteiligten Ländern ging man von einem kurzen Einsatz aus, die Taliban galten als geschlagen.

Ein Jahrzehnt später sind die Hoffnungen auf allen Seiten enttäuscht worden.

Zwar gibt es etwa im Bildungswesen unbestreitbare Fortschritte.

Doch Milliarden Dollar an Hilfsgeldern flossen in die falschen Taschen.

Der Westen ging blauäugig und mit überhöhten Erwartungen in die Mission am Hindukusch. Vorgesehen war ein "Light Footprint", also ein möglichst zurückhaltendes internationales Engagement - während eigentlich ein massiver Einsatz notwendig gewesen wäre.

Nach Ansicht von Seth Jones, Afghanistan-Experte an der Denkfabrik RAND Corporation, haben die USA zwei große Fehler begangen, die den Konflikt in die Länge gezogen haben.

Zunächst hätten sich die Taliban in ihren Rückzugsgebieten ungestört auf ihre Offensive vorbereiten können.

Außerdem sei den Afghanen eine Zentralregierung aufgedrängt worden. "Die Machtstruktur in Afghanistan ist sehr ländlich und basiert auf Stämmen und Clans", sagt Jones.

Gerade die paschtunischen Stämme, aus deren Reihen die Taliban stammen, seien viel zu lange vernachlässigt worden.

Als einer der größten Fehler gilt allerdings der Irakkrieg ab 2003. Er kostete Ressourcen, die in Afghanistan fehlten.

Dabei hätte das Land am Hindukusch nach Einschätzung von Experten in den ersten Jahren noch relativ leicht stabilisiert werden können. Stattdessen schaute die Staatengemeinschaft hilflos zu, wie die Taliban sich nach dem Sturz ihres Regimes in Pakistan neu formierten.

Zwei Jahre nach Beginn des Einsatzes waren in Afghanistan nicht einmal 20.000 ausländische Soldaten im Einsatz.

Inzwischen umfasst die Schutztruppe ISAF 130.000 Soldaten – aus Deutschland sind derzeit fast 5000 Bundeswehrsoldaten im Einsatz.

Die Lage ist aber alles andere als unter Kontrolle.

Selbst die westlichen Ausländer trauen ihren eigenen Versprechen von Sicherheit und Stabilität schon lange nicht mehr. Die Botschaften gleichen nach zahlreichen Anschlägen Festungen, die mit Mauern und Sprengschutzwällen von der Außenwelt abgeschirmt sind.

Deutsche und andere Diplomaten mussten bereits vor Jahren auf ihre Botschaftsgelände ziehen. Zu Terminen fahren Botschafter nur mit Personenschützern, auch bekannt als Close Protection Teams.

Auch Präsident Hamid Karsai - dessen Verhältnis zu den USA seit seiner von schwerem Betrug überschatteten Wiederwahl 2009 dramatisch abgekühlt ist - kann sich in seinem eigenen Land nicht frei bewegen.

Mehrfach wurde er zum Ziel von Anschlägen, zu denen es auch immer wieder in der Nähe seines Amtssitzes in Kabul kommt. Unmittelbar vor dem zehnten Jahrestag des Afghanistan-Einsatzes wurde ein Mordkomplott gegen Karsai aufgedeckt.

Für das Diplomatenviertel, in dem auch der Präsidentenpalast liegt, macht neuerdings die Bezeichnung "Green Zone" die Runde - in Anlehnung an die abgeriegelte Grüne Zone im umkämpften Bagdad.

Zwar ist die Sicherheitslage in Kabul nicht so schlecht, wie sie es in den schlimmsten Zeiten in der irakischen Hauptstadt war. Doch ist es den Taliban in den vergangenen Wochen mehrfach gelungen, spektakuläre Anschläge in Kabul zu verüben.

Friedenshoffnungen erlitten einen herben Rückschlag, als Burhanuddin Rabbani ermordet wurde - der Ex-Präsident sollte im Auftrag Karsais mit den Aufständischen verhandeln.

Trotzdem hält die NATO-geführte ISAF an ihrer Analyse fest, dass sich die Sicherheitslage verbessert habe und es gelungen sei, "den Trend der Vorjahre zu brechen".

Selten dürfte die Wahrnehmung der Afghanen einerseits sowie westlicher Militärs und Diplomaten andererseits weiter auseinandergelegen haben.

"Wir haben Angst, sobald wir aus dem Haus gehen", sagt etwa der 21-jährige Kabuler Student Wahidullah.

Und sein Kommilitone Turyalay meint: "Die Ausländer haben versagt."

Auch ISAF-Sprecher Carsten Jacobson räumt ein, dass die Afghanen sich nicht sicher fühlen. Von Anschlägen seien besonders Zivilisten betroffen, sagt der Bundeswehr-General.

"Deswegen haben die Menschen draußen das Gefühl, die Gewalt habe zugenommen." Statistisch aber sei die Zahl der Vorfälle in den vergangenen Monaten zurückgegangen.

Der Krieg in Afghanistan ist längst auch zur Schlacht um die Deutungshoheit geworden. ISAF und US-Regierung werten die neue Taktik der Aufständischen, spektakuläre Angriffe mit gut ausgerüsteten Selbstmordkommandos zu verüben und Regierungsvertreter gezielt zu ermorden, als Zeichen der Schwäche.

Die Argumentation: Die Taliban trauten sich nicht mehr in die offene Schlacht gegen die Truppen. US-Verteidigungsminister Leon Panetta sieht die Bemühungen in Afghanistan trotz "Herausforderungen" auf dem richtigen Weg.

Die Taliban sprechen von feindlicher "Propaganda" und teilten vor wenigen Tagen mit, sie seien "stärker und vereinter als je zuvor". Die Aufständischen kontrollierten die Hälfte des Landes und würden von der Bevölkerung unterstützt.

"Es wäre besser für Amerika und seine Alliierten, die Besatzung Afghanistans schnellstmöglich zu beenden und jetzt zu tun, was unweigerlich getan werden muss."

Auch Abdul Hakim Mudschahid glaubt nicht daran, dass der Aufstand austrocknet. Der frühere inoffizielle Gesandte des Taliban-Regimes bei den Vereinten Nationen ist führendes Mitglied im Hohen Friedensrat, er sagte noch vor dem Mord an Rabbani: "Die Stimmung bei der bewaffneten Opposition ist sehr gut." Die Kämpfer seien nicht müde.

Zwar tendierten hochrangige Aufständische zu einer politischen Lösung. "Aber die sehr jungen Leute sind voller Eifer dafür, den Heiligen Krieg gegen die ausländischen Truppen fortzuführen."

Bis Ende 2014, das ist das Ziel der NATO, soll der Kampfeinsatz am Hindukusch beendet sein.

Seit Juli 2011 reduzieren die USA ihre Truppenstärke wieder, alleine bis kommenden Sommer sollen 33.000 Soldaten heimkehren. Angesichts erdrückender Staatsschulden kann sich Washington teure Militäreinsätze in anderen Weltregionen immer weniger leisten.

Das Engagement am Hindukusch dürfte für die USA aber noch lange nicht vorbei sein. Leslie Gelb von der Denkfabrik Council of Foreign Relations in Washington etwa schätzt, dass bis zu 15.000 Soldaten zur Ausbildung und Unterstützung der afghanischen Armee nach dem offiziellen Abzugsdatum verbleiben könnten.

In der US-Bevölkerung hat der Afghanistan-Einsatz stetig an Zustimmung verloren. Mit der Tötung von Al-Kaida-Chef Osama bin Laden im Mai ist für viele der Kriegsgrund endgültig entfallen.

Auch in der US-Armee wachsen die Zweifel. Bei einer aktuellen Umfrage des Pew-Instituts unter Soldaten, die nach den Anschlägen vom 11. September gedient haben, gab nur die Hälfte an, dass Afghanistan den Kampf wert gewesen sei.

Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière warnte zum 10. Jahrestag aber vor einem übereilten Truppenabzug. "Von einem Baum herunterzuklettern ist komplizierter als schnell hinaufzugehen", sagte de Maizière.

Deutschland hat in den vergangenen zehn Jahren mehr als 100.000 Soldaten nach Afghanistan geschickt. Damit ist die Afghanistan-Mission der Einsatz, der die Bundeswehr bisher am meisten beansprucht hat.

Viele Soldaten waren mehrfach am Hindukusch im Einsatz. Bei der Zahl 100.000 handelt es sich um die Einsatzperioden und nicht um Personen.

Deutschland ist mit seinen derzeit fast 5000 Soldaten nach den USA und Großbritannien der drittgrößte Truppensteller.

Abzugszahlen für die Bundeswehr hat de Maizière bislang vermieden. Grundsätzlich soll der Abzug zum Jahreswechsel beginnen. Wie viele deutsche Soldaten im kommenden Jahr heimkehren können, will der Minister noch dieses Jahr festlegen.

"Alles hängt jetzt davon ab, was die Amerikaner entscheiden", räumte de Maizière bei einem Besuch in Afghanistan ein. "Wir können weder fachlich noch politisch eine verantwortbare Entscheidung alleine treffen."

70 Prozent der Deutschen glauben zehn Jahre nach Beginn des Kriegs nicht mehr an einen Erfolg der Mission. Ebenfalls mehr als zwei Drittel (68 Prozent) meinen, aus heutiger Sicht hätte die Bundeswehr nie in Afghanistan einrücken dürfen.

Trotzdem ist eine knappe Mehrheit von 50,4 Prozent dafür, dass die deutschen Soldaten das Land erst verlassen, wenn sie "ihre Mission angemessen abgeschlossen" haben.

44,2 Prozent plädieren für einen sofortigen Abzug ohne Wenn und Aber.

Einer der Gründe für die große Skepsis ist sicher der Luftangriff bei Kundus im September 2009: Auf Veranlassung der Bundeswehr wurden am Kundus-Fluss zwei Tanklaster bombardiert. Nach offiziellen Angaben wurden dabei mehr als hundert Menschen getötet – darunter viele Zivilisten.

Die bombardierten Tankfahrzeuge waren nahe dem deutschen Feldlager von Taliban entführt und daraufhin auf Anforderung des deutschen Obersten Georg Klein von US-Bombern angegriffen worden.

Die Bundesanwaltschaft nahm Ermittlungen auf, stellte diese aber mit der Begründung wieder ein, dass keine völkerrechtlichen oder strafrechtlichen Delikte erkennbar seien. Allerdings kostete der tödliche Vorfall den damaligen Verteidigungsminister Franz Josef Jung im Nachgang das Amt.

Der Einsatz in Afghanistan hat Deutschland nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in den vergangenen zehn Jahren 17 Milliarden Euro gekostet. Das ist drei Mal so viel wie die von der Bundesregierung offiziell veranschlagten 5,5 Milliarden Euro.

Bis zum geplanten Abzug der letzten deutschen Kampftruppen Ende 2014 muss Deutschland nach Schätzung der Forscher mindestens fünf weitere Milliarden in den Einsatz investieren.

Die offiziellen Kosten für die Bundeswehrmission wurden bei jeder der 13 Mandatierungen durch den Bundestag seit 2001 festgeschrieben. Im ersten Jahr waren es 436 Millionen Euro, inzwischen hat sich diese Summe mehr als verdoppelt: Im Mandatstext von Januar 2011 wurde erstmals etwas mehr als eine Milliarde Euro veranschlagt.

Dabei wurden aber auch die Investitionen des Entwicklungsministeriums oder des Auswärtigen Amts zur Stabilisierung der Region oder gesellschaftliche Kosten durch Tod oder Verletzung von Soldaten berücksichtigt.

Die Entwicklung in der zerklüfteten Landschaft Nordafghanistans, so das Fazit des heutigen Verteidigungsministers de Maizière, verläuft völlig unterschiedlich. Womöglich wird dies auch bedeuten, dass es in Afghanistan auf Dauer unterschiedliche Sicherheitszonen geben wird.

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