Es ist Mittwochabend, der 24. März 1999.Bild 1 von 72 NATO-Generalsekretär Javier Solana (r.) und Oberbefehlshaber Wesley Clark (l.) geben Luftangriffe der NATO auf die Bundesrepublik Jugoslawien bekannt.Bild 2 von 72 Wenig später greifen NATO-Luftstreitkräfte Ziele der serbischen Luftverteidigung in Pancevo, Belgrad, Pristina, Novi Sad und Podgorica an.Bild 3 von 72 Die NATO führt ihren ersten Krieg.Bild 4 von 72 Insgesamt 38.000 Flüge, ...Bild 5 von 72 ... davon 10.484 Kampfeinsätze von Flugzeugen mit so genannten Präzisionsbomben an Bord fliegt das transatlantische Verteidigungsbündnis.Bild 6 von 72 37.000 Kassettenbomben wurden abgeworfen - von denen noch immer 2.500 nicht explodiert sind.Bild 7 von 72 Durch die Angriffe sollen "schwere und systematische" Verletzungen der Menschenrechte in der damals noch serbischen Provinz Kosovo unterbunden werden, heißt es zur Begründung.Bild 8 von 72 Dabei redet man lieber von "Kampfeinsatz", "Mission" oder "Schritt".Bild 9 von 72 Auch der damalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder sagt in seiner Fernsehansprache am 24. März zu den ersten deutschen Kampfeinsätzen seit dem Zweiten Weltkrieg: "Wir führen keinen Krieg."Bild 10 von 72 Ist doch ein Krieg nach deutscher Verfassung und nach Völkerrecht nicht legitim.Bild 11 von 72 "Eine gerechte und notwendige Aktion" nennt der spätere NATO-Generalsekretär George Robertson die Kampfeinsätze, an denen sich praktisch alle der damals 19 NATO-Mitglieder beteiligen.Bild 12 von 72 Der NATO-Einsatz habe eine humanitäre Katastrophe verhindert:Bild 13 von 72 "Die schlimmste ethnische Säuberung, die wir während eines halben Jahrhunderts in Europa gesehen haben, wurde gestoppt und rückgängig gemacht."Bild 14 von 72 Wie weit diese tatsächlich stattfand, ist allerdings bis heute umstritten.Bild 15 von 72 In der Tat war es in den Jahren zuvor wiederholt zu schweren Zusammenstößen der im Kosovo lebenden Albaner mit Serben gekommen.Bild 16 von 72 Scharmützel sind an der Tagesordnung.Bild 17 von 72 Ende der 90er Jahre geht die albanische UCK, die "Befreiungsarmee des Kosovo", zum bewaffneten Kampf gegen die Serben über.Bild 18 von 72 Serbische Sonderpolizei und Einheiten der Jugoslawischen Armee wiederum führt mehrere Großoffensiven im Kosovo.Bild 19 von 72 Immer wieder kommt es auch zu Übergriffen auf die albanische Bevölkerung des Kosovo.Bild 20 von 72 Rund 300.000 Kosovaren befinden sich Ende 1998 auf der Flucht, ...Bild 21 von 72 ... bei einem Massaker im Januar 1999 werden in Racak mehr als 40 Kosovo-Albaner getötet.Bild 22 von 72 Dennoch heißt es noch am 22. März 1999 in der Tagesmeldung des Amtes für Nachrichtenwesen der Bundeswehr: "Tendenzen zu ethnischen Säuberungen sind weiterhin nicht zu erkennen."Bild 23 von 72 Der damalige Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping spricht wenig später dennoch von einem so genannten serbischen "Hufeisenplan", der darauf abziele, die Albaner gezielt ethnisch zu vertreiben.Bild 24 von 72 Doch schon während des Krieges wird klar, dass ein solcher Plan nicht existiert, ...Bild 25 von 72 ... Scharping muss mit dem Vorwurf der "Manipulationen" leben.Bild 26 von 72 Bis heute ist zudem umstritten, inwieweit die NATO überhaupt berechtigt war, diesen Krieg zu führen.Bild 27 von 72 Schließlich gab es weder einen Angriff auf einen NATO-Mitgliedsstaat noch ein UN-Mandat.Bild 28 von 72 Auch ist es umstritten, inwieweit bei den im Februar stattfindenden Verhandlungen von Rambouillet zwischen den Führern der Kosovo-Albaner und der jugoslawischen Führung unter Slobodan Milosevic tatsächlich alle diplomatischen Mittel ausgeschöpft wurden.Bild 29 von 72 Nach den Luftangriffen kommt es in Deutschland zu heftigen Protesten und Demonstrationen gegen den Krieg.Bild 30 von 72 Quer durch alle Parteien gibt es Bedenken und Kritik an der Politik der Bundesregierung.Bild 31 von 72 Nicht nur Linke wie PDS-Chef Gregor Gysi und der damalige SPD-Politiker Oskar Lafontaine kritisieren die Einsätze.Bild 32 von 72 Auch die ehemalige Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger von der FDP und der ehemalige OSZE-Vizepräsident und CDU-Bundestagsabgeordnete Willy Wimmer haben massive Einwände.Bild 33 von 72 Wimmer spricht von einem "ordinären Angriffskrieg".Bild 34 von 72 Aber auch den Grünen bereiten die Angriffe größte Bauchschmerzen - allen Appellen von Bundesaußenminister Joschka Fischer zum Trotz.Bild 35 von 72 "Wir haben immer gesagt: 'Nie wieder Krieg!' ...Bild 36 von 72 ... Aber wir haben auch immer gesagt: 'Nie wieder Auschwitz", so Fischers Begründung für den Einsatz der Bundeswehr. (Im Bild: Fischer bei einem Massengrab in Velika Krusa).Bild 37 von 72 Auf seiner Seite hat er den Philosophen Jürgen Habermas, der in der "Zeit" schreibt: "Die terroristische Zweckentfremdung staatlicher Gewalt verwandelt den klassischen Bürgerkrieg in ein Massenverbrechen ...Bild 38 von 72 ... Wenn es gar nicht anders geht, müssen demokratische Nachbarn zur völkerrechtlich legitimierten Nothilfe eilen dürfen."Bild 39 von 72 Die NATO-Chefs zweifeln ebensowenig an der Rechtmäßigkeit der Angriffe.Bild 40 von 72 Der Luftkrieg gegen Serbien sei ein wichtiger Erfolg.Bild 41 von 72 Die Bevölkerung des Kosovo sei geschützt, ...Bild 42 von 72 ... der fast zeitgleich als Kriegsverbrecher angeklagte Slobodan Milosevic, Präsident Jugoslawiens, zur Kapitulation gezwungen worden.Bild 43 von 72 Zugleich sei das Bündnis im Gegensatz zu Milosevics Hoffnungen und Erwartungen nicht auseinandergebrochen.Bild 44 von 72 Die gemeinsame Front gegen Serbien sei fest geblieben.Bild 45 von 72 Und vor allem gegenüber Russland unter Präsident Boris Jelzin habe die NATO gezeigt, dass sie auch militärisch ernst zu nehmen sei.Bild 46 von 72 Die NATO verweist zudem darauf, dass während des Luftkriegs kein einziger NATO-Soldat im Kampf getötet wurde.Bild 47 von 72 Kritiker meinen hingegen, dies sei nur möglich gewesen, weil die NATO keine Bodentruppen eingesetzt habe.Bild 48 von 72 Indem sich die NATO auf Bombardierungen aus großer Höhe beschränkt habe, habe sie zivile Opfer in Kauf genommen.Bild 49 von 72 Die NATO widerspricht vehement: Die Ziele seien genau ausgewählt worden, um Zivilopfer zu vermeiden.Bild 50 von 72 "Aber es war unvermeidlich, dass Fehler passieren und dass Waffensysteme manchmal nicht korrekt funktionieren."Bild 51 von 72 Was im Klartext heißt: Durch die Luftangriffe zerstört die NATO nicht nur viele Industrieanlagen, Brücken und Flughäfen, ...Bild 52 von 72 ... sondern auch zivile Ziele wie Schulen, Krankenhäuser und Wohnsiedlungen.Bild 53 von 72 Auf die Frage, wie viele Ziele genau zerstört wurden, antwortet der NATO-Oberbefehlshaber, US-General Wesley Clark, kurz und knapp: "Genügend."Bild 54 von 72 Der materielle Schaden nach 79 Tagen Krieg: Zwischen 30 und 100 Milliarden Dollar.Bild 55 von 72 Laut Schätzung von "Human Rights Watch" gibt es 90 "Zwischenfälle mit Ziviltoten".Bild 56 von 72 Eine weitere unmittelbare Folge der Luftangriffe ist die Verschlechterung der Lage für die Menschen nicht nur im Kosovo, ...Bild 57 von 72 ... sondern auch in Serbien und Montenegro.Bild 58 von 72 Serbische Truppen vertreiben zunächst verstärkt albanische Zivilisten, ...Bild 59 von 72 ... ihre Zahl steigt nach Angaben des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz auf 800.000.Bild 60 von 72 Erst nach fast drei Monaten- wesentlich später, als es die NATO erwartet hatte - lenkt Milosevic schließlich ein.Bild 61 von 72 Am 9. Juni einigen sich die NATO Und Jugoslawien auf einen Abzug der serbischen Truppen aus dem Kosovo und die Stationierung einer NATO-geführten Friedenstruppe unter UN-Mandat.Bild 62 von 72 Die NATO beendet ihr Bombardement, drei Tage später rückt die KFOR in das Kosovo ein.Bild 63 von 72 Und wieder setzt ein Flüchtlingsstrom ein.Bild 64 von 72 860.000 Albaner kehren nach Angaben des UN-Flüchtlingswerk UNHCR ins Kosovo zurück.Bild 65 von 72 Gleichzeitig flüchten mehr als 230.000 Serben, Roma und andere Nicht-Albaner aus Angst vor albanischem Terror nach Serbien.Bild 66 von 72 Was Milosevic letztendlich zur Kapitulation zwang, wird bis heute diskutiert.Bild 67 von 72 Die NATO sieht den Abzug aus dem Kosovo als Folge der zunehmenden Zerstörungen in Serbien, ...Bild 68 von 72 ... der ständigen Verstärkung der Luftangriffe und des drohenden Einsatzes von Bodentruppen sowie einer politischen Wende Jelzins, die in Serbien als russischer "Verrat" empfunden wurde.Bild 69 von 72 Zbigniew Brzezinski, einst Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter, meint, Jelzin und Milosevic hätten sich verkalkuliert:Bild 70 von 72 Eigentlich habe Moskau zumindest Teile des Kosovo für Serbien sichern wollen, sei daran aber von der NATO gehindert worden.Bild 71 von 72 Wie auch immer: Gedenk- oder Feierveranstaltungen wird es bei der NATO anlässlich des zehnten Jahrestages nicht geben. (Alle Bilder: AP, Reuters, dpa, Text: Gudula Hörr)Bild 72 von 72