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Politik

60 Stunden Terror: Die Anschläge von Bombay

 
"Terror Strikes Mumbai", "Warzone Mumbai", "Mumbai Under Siege" (Bombay belagert) - Zeitungen und TV-Sender überbieten sich gegenseitig mit ihren Schlagzeilen.

"Terror Strikes Mumbai", "Warzone Mumbai", "Mumbai Under Siege" (Bombay belagert) - Zeitungen und TV-Sender überbieten sich gegenseitig mit ihren Schlagzeilen.

32 Stunden nach Beginn der Anschlagsserie sagt die Nachrichtensprecherin des Senders NDTV, Bombay sei von Terroristen "übernommen" worden.

Alles begann am Mittwochabend (Ortszeit) in Colaba, einem Viertel im Zentrum von Bombay. Insgesamt ist von 16 bis 25 Terroristen die Rede.

Nach Informationen von NDTV kommen 12 Terroristen mit einem Fischerboot aus dem indischen Bundesstaat Gujarat nach Bombay. Die anderen waren lebten laut "Times of India" als Studenten in Bombay.

In einem öffentlich zugänglichen Hafen, den Sassoon Docks, steigen sie auf ein Schlauchboot um und fahren zum "Gateway of India", einem Torbogen aus dem Jahr 1924.

Dort teilen sie sich auf. Gleich am Gateway eröffnen einige Terroristen um 21.15 Uhr das Feuer im belebten Café Leopold.

Um 21.20 Uhr fahren zwei Männer auf einem Motorroller am Nariman House vor, einem Büro- und Wohngebäudekomplex in Colaba. Sie werfen eine Handgranate auf eine Tankstelle, verfehlen diese jedoch.

Anschließend laufen die Terroristen ins Nariman House, in dem sich unter anderem ein Zentrum der jüdisch-orthodoxen Chabad-Bewegung befindet, und ermorden dort zwei Menschen.

Die Terroristen im Nariman House verhalten sich zunächst ruhig. Erst am Morgen wird klar, dass hier Geiseln festgehalten werden, darunter ein Rabbiner, seine Frau und ihr gemeinsames Kind. Das Hausmädchen kann den zweijährigen Mosche nach 12 Stunden retten.

Die Eltern, Gavriel und Rivka Holtzberg, überleben nicht.

Um 21.24 Uhr überfallen zwei weitere Terroristen den Chhatrapati Shivaji Bahnhof. Sie werfen Handgranaten in die Menge und schießen um sich. Danach verlassen die Terroristen den Bahnhof wieder.

Die Terroristen sind nicht maskiert - ihnen ist offenbar egal, ob sie erkannt werden.

Um 21.30 Uhr gehen Terroristen in das Taj Mahal Hotel, werfen auch hier Handgranaten und eröffnen das Feuer.

Um 21.35 Uhr greift eine weitere Gruppe von Terroristen das Hotel Trident / Oberoi an.

Um 21.55 Uhr explodiert ein Taxi in Vile Parle, einem Vorort von Bombay, nördlich von Colaba. In Vile Parle befinden sich die beiden Flughäfen der Stadt.

Um 22.15 Uhr fahren Terroristen in einem Skoda am Cama & Albless Hospital vor und schießen sowohl vor als auch im Krankenhaus um sich.

Weitere Angriffe gibt es um 22.30 Uhr vor einem Kino sowie im Stadtteil Wadi Bunder, unmittelbar nördlich von Colaba, wo ein weiteres Taxi explodiert.

Am Strand von Chowpatty greifen zwei Terroristen um 22.50 Uhr Polizisten an. Die Terroristen werden getötet.

Die Polizei findet hier später zwei Boote, die mit Sprengstoff beladen sind.

Zu diesem Zeitpunkt haben sich die Terroristen an drei Orten verschanzt: Im Hotel Taj, ...

... im Hotel Trident / Oberoi ...

... sowie im Nariman House.

Um 1.30 Uhr bekennt sich eine bislang kaum bekannte islamische Gruppe namens Deccan Mudschaheddin in einer E-Mail zu den Anschlägen.

Eine halbe Stunde später wird die indische Armee in Bereitschaft versetzt, für den gesamten Bundesstaat Maharaschtra gilt die Alarmstufe Rot.

Am frühen Morgen, um 4.30 Uhr, befreit ein Elitekommando einige Hotelgäste aus dem Taj. Nach Explosionen steigen Rauchwolken aus dem Hotel auf.

Am Donnerstagmorgen liefern sich Sicherheitskräfte und Terroristen weiterhin Gefechte bei den beiden Hotels.

Im Laufe des Tags verkündet die Polizei, das Taj unter Kontrolle zu haben. Die Meldung erweist sich als falsch, die Lage ist weiterhin völlig unübersichtlich. Noch am frühen Abend wird in der Nähe der beiden Hotels gekämpft.

Hunderte Soldaten, Kämpfer der Nationalen Sicherheitsgarde und Polizei schaffen es nicht, die Terroristen zu überwältigen. Indien steht unter Schock.

Ein Augenzeuge aus dem Taj sagt, die Angreifer hätten gezielt nach Geiseln aus den USA und Großbritannien gesucht. Im Trident / Oberoi geraten mehrere Israelis in die Hand der Terroristen.

Ein Deutscher stirbt auf der Flucht aus dem Taj. Der 51-jährige Ralph Burkei, ein Unternehmer aus München, will über die Hotel-Fassade flüchten und stürzt dabei ab.

Sein Geschäftspartner berichtet später, Burkei habe noch auf dem Vordach liegend einen Freund in München angerufen und ihm von schweren Knochenbrüchen berichtet. Auf dem Weg ins Krankenhaus stirbt Burkei. Seine Freundin überlebt schwer verletzt.

Ein Brite schildert der BBC in einem Telefoninterview die Lage im Hotel. Er habe sich gerade im Hotelrestaurant zu Tisch gesetzt, als Maschinengewehrfeuer in den Fluren zu hören war, berichtet Andreas Liveras.

"Wir haben uns unter den Tischen versteckt, und dann haben sie das Licht ausgemacht." Alle Restaurantgäste seien in einen Salon gebracht worden, wo "mehr als 1000 Leute" zusammengepfercht seien. Die Türen seien von außen abgeschlossen worden: ...

... "Es ist sehr ruhig. Die letzte Bombe ist vor 45 Minuten explodiert und hat das Hotel erschüttert. Niemand kommt in diesen Raum und niemand geht raus, wir wissen wirklich nicht, was los ist", sagt Liveras der BBC.

Später sagt sein Bruder Theophanis einer zyprischen Nachrichtenagentur, Andreas Liveras sei zusammen mit einer großen Gruppe von Restaurantgästen als Geisel genommen und "kaltblütig bei den Terroranschlägen ermordet worden".

Die Atommacht Indien ist gedemütigt. Die Angriffe "haben die Nation tief geschockt", sagt Premierminister Manmohan Singh in einer Fernsehansprache. Die Anschläge hätten ihren Ursprung im Ausland, so Singh in offensichtlicher Anspielung auf Pakistan.

Singh warnt die angrenzenden Staaten, man werde es nicht dulden, wenn von ihrem Territorium aus Anschläge auf Indien verübt würden.

Drohend fügt er an die Adresse der Nachbarn hinzu: "Wenn keine angemessenen Maßnahmen von ihnen ergriffen werden, wird das seinen Preis haben."

Rund 36 Stunden nach dem Beginn der Anschlagsserie ist das Hotel Trident / Oberoi geräumt. "Wir haben zwei Terroristen getötet", sagt der Chef der Nationalen Sicherheitsgarden, J.K. Dutt.

Später seilen sich Spezialkräfte von Hubschraubern auf das Dach des Nariman House ab und stürmen das Gebäude.

45 Stunden nach Beginn der Terrorangriffe bringen die Sicherheitskräfte auch das jüdische Zentrum in dem Gebäudekomplex unter ihre Kontrolle. Hier wurden mindestens fünf Geiseln getötet, darunter der Rabbiner und seine Frau.

Im Taj halten sich aber noch Terroristen verschanzt. Nach Angaben eines Armee-Kommandeurs bewegt sich noch ein Terrorist zwischen zwei Stockwerken. Bei ihm würden mindestens eine Frau und ein Mann vermutet.

Der Chef einer Spezialeinheit berichtet, allein in einem Raum des Hotels habe er 12 bis 15 Leichen gesehen.

Am Samstagmorgen wird schließlich auch das Taj Mahal erobert. Die Anschlagsserie ist nach 60 Stunden niedergeschlagen.

Insgesamt wurden bei den Anschlägen in Bombay nach Angaben des Katastrophenschutzes mindestens 195 Menschen getötet. Unter den Toten sind auch drei Deutsche.

Die ersten indischen Opfer wurden am Samstag verbrannt. (Fotos: AP, rts, dpa, Text: Hubertus Volmer)

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