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"Auch drüben ist Deutschland": Die Grenze - damals und heute

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Eicholz nahe Lübeck, 1984: Mahnend steht das Schild vor dem Grenzstreifen mit Wachturm und erinnert mit anklagender Sachlichkeit daran, dass das Land hier eigentlich noch weitergeht. Auf der anderen Seite liegt Herrnburg in Mecklenburg-Vorpommern. (Foto: Jürgen Ritter)

Eicholz nahe Lübeck, 1984: Mahnend steht das Schild vor dem Grenzstreifen mit Wachturm und erinnert mit anklagender Sachlichkeit daran, dass das Land hier eigentlich noch weitergeht. Auf der anderen Seite liegt Herrnburg in Mecklenburg-Vorpommern.

Eicholz nahe Lübeck, 1984: Mahnend steht das Schild vor dem Grenzstreifen mit Wachturm und erinnert mit anklagender Sachlichkeit daran, dass das Land hier eigentlich noch weitergeht. Auf der anderen Seite liegt Herrnburg in Mecklenburg-Vorpommern.

Derselbe Platz ist zehn Jahre später nicht wiederzuerkennen. Eicholz, Herrnburg, Oebisfelde, Vacha, Lindewerra, Waddekath - alle diese Orte haben etwas gemeinsam: Sie sind Punkte auf einer Linie, die einst die deutsch-deutsche Grenze war. Und wie kann man am besten zeigen, wie stark sie von dieser Grenze dominiert wurden, als in Vorher-Nachher-Bildern?

Fotograf Jürgen Ritter hat in der Grenze, die Deutschland 28 Jahre lang teilte, sein großes Thema gefunden - quasi vor seiner Haustür. (bei Görßdorf/Thüringen und Rottenbach/Bayern, 1984)

Sie ist in seinem Leben allgegenwärtig und lässt ihm einfach keine Ruhe. 1982 weiß Ritter, was zu tun ist und beschreitet einen ganz eigenen Weg, um gegen das als unmenschlich empfundene Bauwerk Anklage zu erheben. (2010)

Aus Barum in Niedersachsen bricht er in Richtung DDR auf, um die gesamte innerdeutsche Grenze abzuschreiten, zu Fuß, Meter für Meter. (Grenzübergangsstelle Lauenburg-Horst/ Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern an der B5, 1990)

Bewaffnet mit einer Kamera, ausgerüstet mit Landkarten und Funkgerät, hält Ritter die fast 1400 Kilometer auf über 40.000 Fotografien fest. Was er sieht, ist ein Symbol der Unmenschlichkeit. (2007)

In Etappen am Wochenende oder im Urlaub arbeitet sich der Fotograf vor, sucht immer "nach dem schönen Bild, das im Halse steckenbleibt". (Berlin, Kreuzung Schwedter / Eberswalder / Oderberger Straße, 1982)

Auf vielen seiner Abschnitte erzählen ihm Zollbeamte ihre erlebten Grenzgeschichten, per Funk meldet er sich in regelmäßigen Abständen bei seiner Frau - falls etwas passiert. Denn Angst hat er auf seiner Tour oft, zum Beispiel, wenn es im Gebüsch knackt. (2008)

Durch Wälder, Moore, Heide und über Weiden wandert Ritter. 20 bis 30 Kilometer legt er pro Tag zurück. Nach zwei Jahren hat er es geschafft, um ein Jahr später auch noch die Berliner Mauer abzulaufen. (Berlin, Zimmer-/ Ecke Wilhelmstraße, 1982)

Fragt man ihn, was ihn antrieb, antwortet er mit einem Zitat von Rudolf Breitscheid: "Die Geschichte wird einmal ihr vernichtendes Urteil nicht nur über denjenigen fällen, der Unrecht getan hat, sondern auch über die, die dem Unrecht stillschweigend zusahen." (2009)

Damit klagt der "Spinner", der "Ewiggestrige" oder auch der "Held", wie er genannt wurde, auch die 30.000 Westdeutschen an, die "ohne Not für die DDR spioniert" haben, wie er sagt. (Berlin, Brandenburger Tor, 1984)

Die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten vor 20 Jahren bedeutete das Ende der DDR, eines Staates, der in den Augen Jürgen Ritters mehr als ein Unrechtsstaat, eine Diktatur war. (2008)

Doch mit dem Fall des Sichtbaren ist das Kapitel DDR für ihn noch nicht zu Ende. In seinen Augen ist längst nicht alles getan, um die Historie aufzuarbeiten. (Berlin, Checkpoint Charlie, 1982)

Jürgen Ritter ist wütend darüber, "wie man mit der Geschichte umgeht": Dass Jugendliche nichts mehr über die DDR und die Mauer wissen, das kann er nicht nachvollziehen. (2007)

Und er kämpft weiter gegen das Vergessen und für die Erinnerung an die Teilung des Landes. (Brücke bei Dömitz/Mecklenburg-Vorpommern, 1984)

Seit sechs Jahren treibt es ihn deshalb zurück an den ehemaligen Grenzverlauf, um zu schauen, was aus der Linie wurde, die das Land einst teilte und die heute über weite Strecken unsichtbar geworden ist. (2004)

Er sucht dieselben Standorte auf, von denen er einst die Grenzanlagen festhielt. Sein Fotoprojekt "Die Grenze - damals und heute" zeigt anhand von Bildpaaren, was sich bis heute an der ehemaligen Grenze verändert hat, wie sich die Menschen aus Ost und West angenähert haben. (bei Asbach/Thüringen, 1984)

Die Zeitdokumente zeigen Wälder, wo einst ein kahler Todestreifen verlief, Fußballspieler auf einem Rasen, der einst ein Minenfeld war. (2006)

230 Bildvergleiche sind bisher auf seiner Internetseite www.grenzbilder.de zu sehen, die Ritter den Opfern des DDR-Grenzregimes widmet, und die die eindrucksvolle Arbeit des Fotografen dokumentiert. (bei Oberrieden/Hessen und Lindewerra an der Werra/Thüringen, 1982)

Seit 1981 werden seine Fotografien in Deutschland und im Ausland auch in Ausstellungen gezeigt. Vom 4. Oktober an sind sie in Plauen zu sehen. (2006)

Ritter beschränkt sich jedoch nicht nur auf seine fotografische Arbeit. Sein Verein Grenzopfer vergab zu Vorwende-Zeiten zinslose Darlehen an DDR-Flüchtlinge. (Berlin, Potsdamer Platz, 1984)

2009 begleitete er eine 12. Klasse auf einer Radtour entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze. (2009)

Der dabei entstandene Dokumentarfilm "Mit dem Rad Geschichte erfahren" zeigt die Spurensuche einer Generation, die das geteilte Deutschland nicht mehr kennt, und ist zugleich ein Appell gegen das Vergessen. (an der Bahnstrecke Wolfsburg-Berlin, bei Oebisfelde/Sachsen-Anhalt und Grafhorst/Niedersachsen, 1982)

Denn für Ritter ist es schwer zu verstehen, dass SED-Diktatur, politische Haft, Flucht, Überwachung oder Todesopfer immer seltener Thema seien, viele aber in der Nostalgie des DDR-Alltags schwelgen. (2008)

"Sich heute hinzustellen und zu sagen 'das war gar nicht so schlecht', ist Geschichtsklitterung", sagt er dazu. (Autobahn Hof-Plauen bei Trogen/Bayern und Heinersgrün/Sachsen, 1982)

Mit seiner Arbeit hat sich Jürgen Ritter viele Feinde gemacht. Der DDR war der Mann, der vom Westen aus auf den "antifaschistischen Schutzwall" blickte, ein Dorn im Auge. (2007)

Von Feindobjekten und Hetzkampagnen ist in seinen Stasi-Akten zu lesen, alle Aktivitäten Ritters sind akribisch notiert. Auch Gästebucheinträge seiner Ausstellungen finden sich in den Akten wieder. In seinem Verein wird ein IM Mitglied, es werden terroristische Angriffe Ritters befürchtet. (Brücke der Einheit bei Philippsthal/Hessen und Vacha/Thüringen, 1982)

Doch nicht nur im Osten macht sich Ritter Feinde, auch in der Partei stößt der Sozialdemokrat in den 80er Jahren auf wenig Verständnis, denn deutsch-deutsche Annäherung stand auf dem Programm. Eine Ausstellung in Hamburg gerät zum Eklat. (2009)

Doch bei allen Hürden hat Jürgen Ritter eines nie verloren: den Glauben an die Freiheit. (Straße von Wittingen-Rade/Niedersachsen nach Diesdorf bei Waddekath/Sachsen-Anhalt, 1986)

2007 wird er mit dem Bürgerpreis zur deutschen Einheit ausgezeichnet - für seine in "ihrer Breite und Intensität einmalige Dokumentation der deutschen Teilung und Einheit". (2010, Text: nha/dpa/grenzbilder.de)

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