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"Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch": Die Grünen im Bundestag

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Die bürokratische Geburt der Grünen beginnt im Chaos. Am 13. Januar 1980 diskutieren in der Karlsruher Stadthalle hunderte Anhänger der ökologischen Bewegung so lange über den Gründungsbeschluss, dass die selbst gesetzte Frist bis zur Abstimmung abzulaufen droht. Lange ist kein Beschluss abzusehen. (Foto: picture alliance / dpa)

Die bürokratische Geburt der Grünen beginnt im Chaos. Am 13. Januar 1980 diskutieren in der Karlsruher Stadthalle hunderte Anhänger der ökologischen Bewegung so lange über den Gründungsbeschluss, dass die selbst gesetzte Frist bis zur Abstimmung abzulaufen droht. Lange ist kein Beschluss abzusehen.

Die bürokratische Geburt der Grünen beginnt im Chaos. Am 13. Januar 1980 diskutieren in der Karlsruher Stadthalle hunderte Anhänger der ökologischen Bewegung so lange über den Gründungsbeschluss, dass die selbst gesetzte Frist bis zur Abstimmung abzulaufen droht. Lange ist kein Beschluss abzusehen.

Umweltschützer und Feministinnen, Nato-Kritiker, Kommunisten und Atomkraftgegner, anarchistische Hausbesetzer, christliche Pazifisten und auch ein paar Prominente wie ...

... der Künstler Joseph Beuys müssen sich zusammenraufen.

Nach zähen Diskussionen und weit über der vereinbarten Zeit hinaus, kann sich die bunte Truppe doch noch auf einen Beschluss einigen: ...

... Man versteht sich als "ökologisch, basisdemokratisch, sozial und gewaltfrei", als "Anti-Parteien-Partei".

Den Begriff "Anti-Parteien-Partei" prägt die charismatische Petra Kelly. Demnach sollten die Grünen weniger eine Partei und mehr eine Bewegung sein.

Auch der spätere Innenminister Otto Schily gehört zu den Gründungsmitgliedern.

Bei der Bundestagswahl im Oktober 1980 erhält die junge Partei aus dem Stand 1,5 Prozent der Stimmen. Bei Landtagswahlen überspringt sie bereits die Fünf-Prozent-Hürde und zieht in Landtage ein, wie hier in Baden-Württemberg.

Nur drei Jahre nach ihrer Gründung feiern die Grünen ihren ersten Erfolg auf Bundesebene. Bei der vorgezogenen Bundestagswahl am 6. März 1983 erreichen sie 5,6 Prozent und erhalten 27 Abgeordnetensitze.

Mit einer riesigen Weltkugel als Luftballon, mit Blumen und Fichtenzweigen ziehen die Grünen am 29. März 1983 ...

... mit lautem Tamtam und unter dem Beifall vieler Sympathisanten am Straßenrand durch Bonn und dann in den Bundestag ein.

SPD-Chef Willy Brandt gratuliert Petra Kelly zum Einzug ihrer Partei in den Bundestag. CDU-Kanzler Helmut Kohl beäugt die Neuankömmlinge von der Seite.

Nach Kohls erwartungsgemäßer Wiederwahl überbringt Marieluise Beck ihm ihre Glückwünsche: nicht wie üblich mit Blumenbouquet - als Symbol für die Umweltzerstörung überreicht sie Kohl eine erbärmlich gerupfte Tanne. Er lächelt säuerlich.

Die Neu-Abgeordneten fallen rein optisch ziemlich aus dem Rahmen. Mit langen Bärten, Latzhosen und Strickpullis befremden sie viele der schlipstragenden Alteingesessenen.

Legendär das Erscheinungsbild von Dieter Drabiniok, Maurer aus dem Ruhrgebiet, und dem Oldenburger Geografie-Professor Gert Jannsen.

Auch Joschka Fischer erregt mit seiner Sonnenbrille Aufsehen.

Mit ihrer unkonventionellen Art entstauben die "Neuen" den Bonner Politikbetrieb, bringen Blümchen in den Deutschen Bundestag und setzen ganz neue Themen auf die Tagesordung.

Die seit Jahren in Basisgruppen und mit Protestaktionen aktiven Umweltschutz-, Anti-Atom-Kraft- und Friedensbewegungen sitzen nun im Zentrum der deutschen Politik.

Anders als die anderen Parteien haben die Grünen zwei Prinzipien, um Machtmissbrauch und Ämterhäufung zu verhindern: Nach dem sogenannten Rotationsprinzip werden alle Ämter turnusmäßig neu besetzt. Außerdem schreibt die Satzung der Partei eine Trennung vom Amt und Mandat vor. Demnach dürfen Parlamentarier bestimmte Parteiämter nicht wahrnehmen.

So sehr die junge Partei auf Egalität und Basisdemokratie setzt, so hat sie doch schon damals ihre Stars. Mit Petra Kelly und Otto Schily sitzen bereits in der ersten Bundestagsfraktion zwei echte Prominente.

Vor allem Petra Kelly verkörpert den neuen Politikstil, der mit den Grünen in das Parlament einzieht: "Emotionalität und Rationalität, Moral und Politik gingen ineinander über", beschreibt Ralf Fücks, einer der Vordenker der Grünen, dieses von Kelly gelebte Prinzip. "Die daraus entstehende Energie war groß genug, das bestehende Parteiensystem aufzumischen und die Grünen als dauerhafte Kraft zu etablieren."

Diskutieren und Streiten gehört bei den Grünen von Anfang an dazu. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Hans-Jochen Vogel findet sich bei der konstituierenden Sitzung des Bundestages in Bonn 1983 umringt von diskussionsfreudigen Grünen wieder.

Im Oktober 1984 schreibt Joschka Fischer mit acht Worten deutsche Politikgeschichte. Er attackiert den Bundestagsvizepräsidenten Richard Stücklen mit den Worten: "Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch." Hintergrund: Stücklen hatte Fischers Parteikollegen Jürgen Reents ausgeschlossen, weil dieser Kanzler Helmut Kohl als "von Flick freigekauft" bezeichnete.

Fischer ist schließlich auch der erste Grüne, der im Dezember 1985 Landesminister wird, und zwar Umweltminister in Hessen. Seinen Eid legt er in Jeans, Sportsakko und weißen Turnschuhen ab. Kleidung ist für die Grünen ein Statement, auch im Bundestag - zum Ärger der Konservativen, die daraufhin nach einer Schlipspflicht rufen.

Wackersdorf ist einer der Hauptschauplätze der deutschen Anti-Atomkraft-Bewegung der achtziger Jahre.

Hunderttausende demonstrieren gegen eine geplante Wiederaufbereitungsanlage.

Auch die Grünen sind dabei: Im Dezember 1985 unterbrechen sie sogar einen Bundesparteitag für einen Tag, um nach Wackersdorf zu fahren. Das Bauvorhaben scheitert schließlich Ende der Achtziger.

1987 macht Otto Schily noch Wahlkampf für die Grünen. Im November 1989 wechselt er zur SPD.

"Alle reden von Deutschland. Wir reden vom Wetter." Der Wahlslogan der Grünen verkennt die Stimmung im Jahr der Einheit 1990 völlig. Die Partei lehnt die Art und Weise, wie sich der Einigungsprozess vollzog, ab. Die Quittung kommt am Wahlabend: Die Grünen (West) fliegen aus dem Parlament heraus, die Grünen (Ost) holen acht Sitze.

Seit der Gründung der Grünen knirscht es zwischen den zwei Lagern: den "Fundis", die Fundamentalopposition betrieben und Regierungsbeteiligungen ablehnten, und den "Realos", Realpolitikern, die das politische System von innen verändern wollten.

Im April 1991 kommt es zum Showdown, dem großen Knall: Die Wortführerin der Fundis, Jutta Ditfurth, tritt mit viel Getöse aus und mit ihr etliche andere.

Im Oktober 1992 werden die Leichen von Petra Kelly und Gerd Bastian entdeckt. Bastian erschoss seine Lebensgefährtin im Schlaf, danach brachte er sich selbst um. Einst eine Ikone der Bewegung, ist Kellys politischer Einfluss Anfang der Neunziger zusehends verblasst. Ob darin ein Grund für ihren gewaltsamen Tod liegen könnte, bleibt bis heute unklar.

Indirekt sitzen die Grünen wieder im Bundestag, nachdem sie im Mai 1993 mit der aus verschiedenen Bürgerrechtsbewegungen der DDR gebildeten Partei Bündnis 90 fusionieren. Diese stellt acht Abgeordnete. Seither ist der offizielle Parteiname Bündnis 90/Die Grünen.

Die Ämterrotation erweist sich im Alltag als unpraktikabel. Und auch das Vorhaben, nicht Personen, sondern Themen in den Fokus zu stellen, wird überdacht. Im Wahlkampf 1994 setzen die Grünen erstmals auf eine Person als Zugpferd, den Wortführer der Realos Joschka Fischer.

Den Grünen gelingt der Wiedereinzug ins Parlament, mit 7,3 Prozent der Stimmen und 49 Abgeordneten. In Niedersachen (Bild), in Brandenburg, Hessen, Bremen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein, Hamburg und Nordrhein-Westfalen folgen Koalitionsregierungen.

Ins Zentrum der Macht rückt die Partei schließlich mit der rot-grünen Koalition, die von 1998 bis 2005 unter Gerhard Schröder im Bund regiert. Drei Minister stellen die Grünen, Joschka Fischer wird Vizekanzler und Außenminister. Er repräsentiert die Partei zu dieser Zeit wie kein anderer, zur Vereidigung trägt er diesmal einen Anzug.

Im Kabinett Schröder können die Grünen durchaus Akzente setzen, den Ausstieg aus der Atomkraft durchsetzen und die Ökosteuer einführen. Doch oft müssen sie schmerzhafte Kompromisse eingehen: Remilitarisierung, Kosovo-Krieg und beginnender Afghanistan-Einsatz, Agenda-2010-Reformen und Hartz-Gesetze fallen in diese Jahre.

Viele Parteimitglieder wenden sich ab. Wegen seiner Zustimmung zum Kosovo-Einsatz sieht sich Fischer parteiintern bald heftiger Kritik gegenüber und wird als "Kriegstreiber" beschimpft.

Beim Sonderparteitag der Grünen im Mai 1999 wird er von einem Farbbeutel getroffen und am Ohr verletzt. Fischer kämpft dennoch für eine Fortsetzung der Luftangriffe gegen Milosevic: "Ich halte zum jetzigen Zeitpunkt eine einseitige Einstellung der Angriffe für das grundfalsche Signal. (...) Ich werde das nicht umsetzen, wenn ihr das beschließt, damit das klar ist!"

Andere Ziele können die Grünen besser durchsetzen: Jürgen Trittin ist es, der als Umweltminister den Atomausstieg nach vorne bringt.

Im Juni 2001 unterzeichnen die Vertreter der Energieunternehmen zusammen mit der Bundesregierung den Atomkonsensvertrag. Demnach sollte das letzte Kernkraftwerk hierzulande 2021 abgeschaltet werden.

Bei der Bundestagswahl 2002 bekommen die Grünen 8,6 Prozent der Zweitstimmen , ...

... am 16. Oktober 2002 ist der zweite rot-grüne Koalitionsvertrag perfekt. Am Einmarsch der USA in den Irak im März 2003 beteiligen sich die Deutschen nicht, wofür die Regierung Schröder viel Zustimmung bekommt.

2005 wird Rot-Grün abgewählt, die Grünen gehen in die Opposition. Doch bei Europa- und Landtagswahlen fahren sie Rekordergebnisse ein, beteiligen sich in Hamburg und Bremen an der Regierung. Bei der Bundestagswahl 2009 erreichen sie 10,7 Prozent der Stimmen, bleiben aber in der Opposition.

Der standhaft linke und pazifistische Grüne Christian Ströbele schafft es als einziger, für seine Partei ein Direkt-Mandat zu gewinnen. 2002, 2005 und 2009 zieht er als direkt gewählter Abgeordneter seines Berliner Wahlkreises Friedrichshain-Kreuzberg in den Bundestag ein.

Gut ein halbes Jahr nach dem Ende von Rot-Grün zieht sich Joschka Fischer aus der aktiven Politik zurück. Im Juni 2006 verabschiedet er sich von den grünen Parlamentariern: Die Grünen müssen nun ohne ihr Zugpferd zurechtkommen.

Um wieder in die Regierungsverantwortung zu kommen, gehen die Grünen neue Partnerschaften ein. In Hamburg präsentieren Anja Hajduk (Grüne), Michael Freytag (CDU), Christia Götsch (Grüne) und der Erste Bürgermeister Ole von Beust am 17. April 2008 stolz den schwarz-grünen Koalitionsvertrag.

Im Saarland bildet sich 2009 die erste sogenannte Jamaika-Koalition Deutschlands, ein Bündnis zwischen Union, FDP und den Grünen.

Im August 2010 wirft von Beust in Hamburg hin.

Unter dessen Nachfolger Christoph Ahlhaus kündigen die Grünen wenige Monate später die Koalition auf, weil es "keine ausreichenden Gemeinsamkeiten mehr gibt".

Am 27. März 2011 feiern die Grünen ihren bis dahin größten Wahlerfolg. Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg schaffen sie mit 24,2 Prozent ein Rekordergebnis und werden zweitstärkste Kraft hinter der CDU. Die Grünen bilden zusammen mit der SPD eine Koalition.

Im Mai 2011 wird Winfried Kretschmann zum ersten grünen Ministerpräsidenten gewählt - ausgerechnet im Autoland Baden-Württemberg.

Vielen Überzeugungen sind die Grünen über die Jahrzehnte treu geblieben. So werden ihre Spitzenkandidaten für den anstehenden Bundestagswahlkampf nicht von oben dekretiert, sondern ihre Mitglieder entscheiden. Fraktionschef Jürgen Trittin und überraschend auch Bundestagsvizepräsidentin Karin Göring-Eckart gewinnen die Urwahl.

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