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Zehn Tote und blamierte Behörden : Die Morde des NSU

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Der Kern des rechtsextremen Netzwerks "Nationalsozialistischer Untergrund": Uwe Mundlos, Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt (von links). Sie sind im Zeitraum von 2000 bis 2007 offenbar für den Tod von insgesamt zehn Menschen verantwortlich. Der ganze NSU umfasst nach derzeitigen Erkenntnissen weit über 100 Personen. Die Taten lösen einen der größten Ermittlungsskandale in der Geschichte der Bundesrepublik aus. (Foto: picture alliance / dpa)

Der Kern des rechtsextremen Netzwerks "Nationalsozialistischer Untergrund": Uwe Mundlos, Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt (von links). Sie sind im Zeitraum von 2000 bis 2007 offenbar für den Tod von insgesamt zehn Menschen verantwortlich. Der ganze NSU umfasst nach derzeitigen Erkenntnissen weit über 100 Personen. Die Taten lösen einen der größten Ermittlungsskandale in der Geschichte der Bundesrepublik aus.

Der Kern des rechtsextremen Netzwerks "Nationalsozialistischer Untergrund": Uwe Mundlos, Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt (von links). Sie sind im Zeitraum von 2000 bis 2007 offenbar für den Tod von insgesamt zehn Menschen verantwortlich. Der ganze NSU umfasst nach derzeitigen Erkenntnissen weit über 100 Personen. Die Taten lösen einen der größten Ermittlungsskandale in der Geschichte der Bundesrepublik aus.

Enver Şimşek, 38, ist das erste Opfer des NSU. Der türkische Blumenhändler, der seit 1986 in Deutschland lebt, wird am 9. September 2000 in Nürnberg von acht Kugeln getroffen und stirbt zwei Tage später im Krankenhaus.

In dieser Parkbucht an der Liegnitzer Straße in Nürnberg wird auf Enver Şimşek geschossen. Ein ehemaliger Mitarbeiter verkauft hier inzwischen an jedem Wochenende Blumen.

Şimşeks Tochter Semiya (links) kämpft jahrelang gegen die Vermutung an, dass der Mord auf Verbindungen ihres Vaters ins kriminelle Millieu zurückzuführen sei. Hier ist sie bei der Übergabe der Gedenkstätte für die NSU-Opfer durch Nürnbergs Bürgermeister Ulrich Maly und Bayerns Innenminister Joachim Herrmann im März 2013 zu sehen.

Am 13. Juni 2001 stirbt das zweite Opfer des NSU: Der 49-jährige Abdurrahim Özüdoğru, türkischer Schichtarbeiter bei Siemens, wird in einem Nürnberger Laden mit zwei Kopfschüssen ermordet. Ermittlungen ergeben, dass die gleiche Waffe wie beim Mord an Enver Şimşek, eine Česká 83, zum Einsatz kam.

Die ehemalige Schneiderei in der Gyulaerstraße in Nürnberg heute. Özüdoğru verdiente sich in dem Geschäft nebenberuflich etwas dazu. Nach dem Mord kann sich kein Nachfolger lange in der Immobilie halten.

Süleyman Taşköprü, 31, türkischstämmiger Gemüsehändler aus Hamburg, ist das dritte Opfer. Der Vater einer kleinen Tochter stirbt am 27. Juni 2001 durch drei Kopfschüsse, unter anderem wieder aus der Česká 83. Auch hier vermutet die Polizei zunächst, dass eine Verstrickung des Opfers mit der organisierten Kriminalität Tatanlass gewesen sein könnte.

Der ehemalige Gemüseladen in der Schützenstraße beherbergt heute ein Fahrradgeschäft. Die wenigsten Passanten wissen, dass hier ein Mensch durch rechtsextreme Gewalt zu Tode kam.

Den vierten Mord begehen die Täter in München. Habil Kılıç, 38, ist ebenfalls Gemüsehändler. Der Türke wird am 29. August 2001 in seinem Geschäft erschossen. Die neu gegründete Sonderkommission "Halbmond" der Kripo Nürnberg ermittelt nach Verbindungen in den Rauschgifthandel.

Kılıç wird in seinem Obst- und Gemüsegeschäft in der Bad-Schachener-Straße am hellichten Tag ermordet. Wieder wird die Česká 83 als Tatwaffe genutzt.

Zweieinhalb Jahre vergehen bis zum nächsten Mord: In Rostock wird am 25. Februar 2004 der 25-jährige Mehmet Turgut durch drei Kopfschüsse getötet. Der türkische Imbiss-Verkäufer vertritt an dem Tag spontan einen Freund in dessen Geschäft.

Die Imbissbude am Niederkower Weg steht heute nicht mehr. Ein erster Anlauf, die Straße nach Turgut umzubenennen, scheitert im vergangenen Jahr am Ortsbeirat. Dies sei eine "Überbewertung" der Tat, lautet die offizielle Begründung.

Nur eine improvisierte Gedenktafel erinnert derzeit an die Tat. Doch eine Bürgerinitiative will erreichen, dass noch in diesem Jahr eine offizielle Gedenkstätte errichtet wird. Diese könnte gleichzeitig an den 1992 ebenfalls in Rostock verübten Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim erinnern.

In der Kölner Keupstraße explodiert am 9. Juni 2004 eine Nagelbombe. Die Bombe - eine auf einem Fahrrad deponierte Gasflasche, gefüllt mit Schwarzpulver und Nägeln - verletzt 22 Menschen.

Die Polizei geht trotz entsprechender Hinweise zunächst nicht von einem Anschlag der rechten Szene aus. Mit diesem Fahndungsfoto sucht die Polizei den mutmaßlichen Täter (li).

Die Keupstraße im November 2011: Heute wird die Tat in der vorwiegend von Migranten bewohnten Kölner Straße ebenfalls dem NSU zugeschrieben.

İsmail Yaşar, 50, wird am 9. Juni 2005 zum sechsten Opfer des NSU. Mehrere Kugeln treffen den Imbissbudenbesitzer in seinem Nürnberger Geschäft. Ermittelt wird wieder nach Beziehungen in die Drogenszene.

Der Laden Yaşars an der Scharrerstraße. Nachbarn erzählen von einem "sehr lieben Mann", der bei kaltem Wetter immer kostenlos Tee ausgeschenkt habe. In der Presse kommt der Name "Döner-Morde" als Beschreibung für die Serie sich ähnelnder Vorfälle auf.

Am Tatort ist heute nichts mehr von der Imbissbude zu sehen. An Yaşar selbst können sich aber viele Menschen noch erinnern.

An dem Griechen Theodoros Boulgarides verübt der NSU den siebten Mord. Der 41-jährige Familienvater wird am 15. Juni 2005 in seinem Münchner Schlüsselgeschäft getötet.

Während einer Kundgebung vor dem sächsischen Landtag befestigt eine Teilnehmerin im November 2012 ein Schild mit dem Namen des siebten Opfers. Im Landtag findet an dem Tag eine Anhörung des sächsischen Polizeipräsidenten über dessen Kenntnisse einer Zwickauer Neonazi-Terrorzelle statt.

Mehmet Kubaşık, 39, ist Kioskbesitzer in Dortmund. Am 4. April 2006 stirbt der deutsche Familienvater türkischer Herkunft in seinem Laden durch die Kugeln der NSU. Er ist ihr achtes Opfer.

Ein Grablicht am Eingang zu Kubaşıks ehemaligem Kiosk in der Mallinckrodtstraße. Ein Treffpunkt der Dortmunder Neonaziszene, der "Deutsche Hof", lag ebenfalls in der Straße.

Die Witwe Kubaşıks kann am 24. September 2012 ihre Trauer bei der Enthüllung eines Gedenksteines für ihren Mann nicht zurückhalten. Elif Kubaşık steht anfänglich selbst unter Verdacht, an dem Mord an ihrem Mann beteiligt gewesen zu sein.

Halit Yozgat, 21, wird am 6. April 2006 in seinem Internetcafé in Kassel erschossen. Der Deutsche türkischer Abstammung ist das neunte Opfer, auch er stirbt durch gezielte Kopfschüsse. Die Polizei gibt einen Mann "südländischen Typs" als möglichen Täter an.

Trauernde haben vor dem Laden in der Holländischen Straße Blumen und Kränze niedergelegt. Anlass ist der sechste Jahrestag des Mordes, bei dem sich Hunderte Menschen zum Andenken an den Getöteten einfinden.

Die Stadt Kassel hat inzwischen unweit des Tatorts den "Halitplatz" zum Gedenken an das Opfer eingeweiht. Ebenso wurde ein Gedenkstein errichtet. Kritiker mahnen an, dass auf diesem von "Menschenverachtung", anstatt unverklausuliert und deutlich von "Ausländerhass" die Rede ist.

Die Polizistin Michèle Kiesewetter, 22, stirbt am 25. April 2007 in Heilbronn als zehntes Opfer der NSU. Der jungen Beamtin wird wie ihrem 24-jährigen Kollegen in den Kopf geschossen. Der Mann überlebt die Tat schwer verletzt, kann sich an deren Hergang jedoch nicht mehr erinnern.

Kiesewetter und ihr Kollege werden offenbar von zwei sich ihrem Wagen nähernden Tätern angegriffen. Danach entwenden diese die Waffen, Magazine und Handschellen der Polizisten.

Die Gedenktafel für die Beamte in Heilbronn ist im April 2012 die erste, die im Rahmen der Mordserie eingeweiht wird.

Jahrelang werden die verschiedenen Taten nicht in einen Zusammenhang miteinander gebracht. Obwohl die Täter, bis auf die Versendung von Bekennerschreiben, nach klassisch terroristischen Mustern vorgehen.

Dieses Bild einer Überwachungskamera zeigt die Täter eines Banküberfalls im September 2011 im thüringischen Arnstadt - Mundlos und Börnhardt sind nach Ansicht der Staatsanwaltschaft in diesem sowie in zwei weiteren Fällen dringend tatverdächtig. Mit dem erbeuteten Geld sollen sie ihre Taten finanziert haben.

Der Fahndungsdruck nach den immer neuen Banküberfällen wird dem Trio schließlich zum Verhängnis.

Nach einem Überfall auf eine Sparkasse in Eisenach werden am 4. November 2011 die Leichen Böhnhardts und Mundlos' in einem Wohnmobil gefunden. Offenbar erschießt Uwe Mundlos erst Böhnhardt und dann sich selbst.

In dem Wohnmobil stellt die Polizei mehrere Schusswaffen sicher - unter anderem die Dienstwaffe von Michèle Kiesewetter.

Am gleichen Tag, an dem Böhnhardt und Mundlos tot aufgefunden werden, geht das Wohnhaus der beiden in der Zwickauer Frühlingsstraße in Flammen auf. Die dritte Bewohnerin des Hauses, Beate Zschäpe, wird zur Fahndung ausgeschrieben.

Zschäpe stellt sich vier Tage später in Jena der Polizei. In den folgenden Tagen und Wochen nimmt die Polizei eine Reihe von Personen aus dem Umfeld des Trios fest - die Anklage lautet auf "Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung".

Die bei mehreren der Morde zum Einsatz gekommene Česká 83 wird in dem ausgebrannten Haus in Zwickau sichergestellt. Damit ist klar, dass den Opfern der Mordserie rechtsextreme Gewalt, und nicht etwa eigenen kriminellen Machenschaften zum Verhängnis wurden.

Während sie mordend durch Deutschland ziehen, finden die Täter noch Zeit, ihre Taten in einem animierten Video zu sammeln. Mit teils erschreckenden Bildern von den Tatorten glorifizieren sie so ihren "Kampf" für "'Änderungen in Politik, Presse und Meinungsfreiheit".

Neben der erschreckenden Gnadenlosigkeit der eigentlichen Taten wird die fortgesetzte Schlamperei und Intransparenz bei den Ermittlungen zum zweiten Skandal im Rahmen der NSU-Morde. Insbesondere der Thüringer Verfassungsschutz gerät in die Kritik, da er den Tätern über 13 Jahre nicht ansatzweise auf die Spur kommt.

Dabei wurde das Trio bereits in den 1990er Jahren auffällig, weil es in einer Garage versuchte, Bomben zu bauen. 1999 tauchen Zschäpe, Bönhardt und Mundlos nach einer Polizeidurchsuchung unter. Die Terrorbande kann über Jahre morden und rauben, ohne dass ihnen die Ermittler auf die Spur kommen.

Nach dem Auffliegen der Terrorzelle im November 2011 setzen mehrere Parlamente Untersuchungsausschüsse ein: im Bundestag und in den Landtagen von Thüringen, Sachsen und Bayern. Die parlamentarischen Aufklärer beklagen mehrfach mangelnden Kooperationswillen der Behörden in Bund und Ländern, beschweren sich über vernichtete oder vorenthaltene Dokumente.

Die Fehler der Ermittler sind haarsträubend: Die Sicherheitsbehörden sprachen zu wenig miteinander, Akten gingen im Behörden-Wirrwarr unter, Informationen machten an Landes- oder Behördengrenzen halt.

Mehrere Verfassungsschutzchefs räumen ihre Posten. Der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Heinz Fromm, tritt ab, weil in seinem Haus noch nach Auffliegen der Terrorzelle sensible Unterlagen zur rechten Szene im Reißwolf landeten. Auch andere oberste Verfassungsschützer - aus Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Berlin - nehmen wegen Fehlern in ihren Behörden den Hut.

Die Empörung der deutschen Bevölkerung über die Taten ist riesig. So wie in Berlin im November 2012 machen viele ihrem Ärger über die Geringschätzung rechter Gewalt in den Behörden und über generellen Ausländerhass Luft.

Nachdem das Ausmaß des rechten Netzwerkes sowie die Verfehlungen der Behörden mehr und mehr in das öffentliche Bewusstsein dringen, bemüht sich die Politik um Schadensbegrenzung. So spricht nach Kanzlerin Angela Merkel ...

... auch Joachim Gauck, hier im Februar, direkt mit den Angehörigen der Opfer.

Doch nicht einmal der NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München kommt ohne Rückschläge aus.

Im Vorfeld war keiner der 50 Presseplätze für türkische Medien reserviert worden - obwohl mehrere Opfer die türkische Staatsbürgerschaft hatten. Schließlich muss der Beginn des Verfahrens verschoben werden.

Nach einer Verlosung der Presseplätze beginnt mit dreiwöchiger Verspätung der Prozess.

Den Nebenklägern geht es um mehr als nur um den juristischen Tatnachweis. Sie wollen Antworten.

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