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Von Konrad Adenauer bis Angela Merkel: Die deutschen Bundeskanzler

Von Wolfram Neidhard

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Der Berliner Reichstag ist das Symbol für die parlamentarische Demokratie der Bundesrepublik Deutschland. Der im historischen Gebäude arbeitende Deutsche Bundestag ist der Ort  politischer Debatten. Die amtierende Bundesregierung muss Rechenschaft über ihr Handeln ablegen, wichtige Gesetze werden beschlossen. Für die Opposition ist das Parlament ein wichtiges Gremium, um ihre kritische Haltung zu Vorhaben der jeweils amtierenden Regierung darzulegen. (Foto: ASSOCIATED PRESS)

Der Berliner Reichstag ist das Symbol für die parlamentarische Demokratie der Bundesrepublik Deutschland. Der im historischen Gebäude arbeitende Deutsche Bundestag ist der Ort politischer Debatten. Die amtierende Bundesregierung muss Rechenschaft über ihr Handeln ablegen, wichtige Gesetze werden beschlossen. Für die Opposition ist das Parlament ein wichtiges Gremium, um ihre kritische Haltung zu Vorhaben der jeweils amtierenden Regierung darzulegen.

Der Berliner Reichstag ist das Symbol für die parlamentarische Demokratie der Bundesrepublik Deutschland. Der im historischen Gebäude arbeitende Deutsche Bundestag ist der Ort politischer Debatten. Die amtierende Bundesregierung muss Rechenschaft über ihr Handeln ablegen, wichtige Gesetze werden beschlossen. Für die Opposition ist das Parlament ein wichtiges Gremium, um ihre kritische Haltung zu Vorhaben der jeweils amtierenden Regierung darzulegen.

In der Regel wird in Deutschland alle vier Jahre ein neues Parlament gewählt. Vier Mal (1972, 1983, 1990 und 2005) werden die Bundesbürger vorzeitig zu den Wahlurnen gerufen. Der Bundeskanzler wird nicht direkt durch das Volk, sondern durch die Abgeordneten gewählt. Bei der Kanzlerwahl gab es in der deutschen Nachkriegsgeschichte bislang keine Überraschungen, weil sich zuvor entsprechende Mehrheiten gebildet haben.

Bis 2001 befand sich das Bundeskanzleramt in Bonn. Im Vordergrund das Gebäude, in dem die deutschen Kanzler seit 1976 arbeiteten. Zuvor amtierten sie im Palais Schaumburg (hinten).

Seit dem 2. Mai 2001 ist das Berliner Kanzleramt - auch "Waschmaschine" genannt - Sitz der deutschen Regierungschefs. Das Gebäudeensemble wurde von den Berliner Architekten Axel Schultes und Charlotte Frank entworfen. Der Umzug des Bundeskanzlers und der Regierung von Bonn nach Berlin wurde am 20. Juni 1991 durch den Bundestag per Gesetz beschlossen.

Seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Mai 1949 gab es bislang acht Bundeskanzler. Fünf (Konrad Adenauer, Ludwig Erhard, Kurt Georg Kiesinger, Helmut Kohl und Angela Merkel) kamen von der CDU. Die SPD stellte mit Willy Brandt, Helmut Schmidt und Gerhard Schröder drei Regierungschefs.

Mai 1945: Deutschland hat den von Adolf Hitler entfesselten Zweiten Weltkrieg verloren und ist zum großen Teil zerstört (Foto aus Bremen). Die Sowjetunion, Großbritannien, Frankreich und die USA teilen das Land in vier Besatzungszonen auf.

Blick auf das zerstörte Essen. Der beginnende Kalte Krieg zwischen der UdSSR auf der einen sowie den Westmächten auf der anderen Seite befördert die Teilung Deutschlands. Im Westen bilden die US-amerikanische und die britische Besatzungsmacht am 1. Januar 1947 die sogenannte Bizone. Im März 1948 kommt die französische Besatzungszone dazu - die Trizone entsteht. Sie ist das territoriale Fundament der Bundesrepublik Deutschland.

Die Westmächte suchen unbelastete Persönlichkeiten für den Aufbau des neuen Staates. Mit Konrad Adenauer finden sie einen Mann, der in Opposition zu den Nationalsozialisten stand. Der ehemalige Kölner Oberbürgermeister, der aus der katholischen Zentrumspartei stammt, wird 1949 der erste Kanzler der Bundesrepublik. Adenauer, 1876 geboren, ist bei seinem Amtsantritt bereits 73 Jahre alt.

Adenauer, der Ende August 1945 der neugegründeten CDU beitritt, spielt eine wichtige Rolle im Parlamentarischen Rat. Dieser bereitet die Verfassung des größeren deutschen Teilstaates vor. Auf diesem Foto ist die Beratung der sogenannten gesetzgebenden Versammlung vom 8. Mai 1949 in Frankfurt am Main zu sehen.

Adenauer bei der Unterzeichung des Grundgesetzes am 23. Mai 1949. Er ist außerhalb des Rheinlandes noch weitgehend unbekannt. Seine Tätigkeit als Präsident des Parlamentarischen Rates ist die Grundlage für seine Kanzlerschaft. Dazu gehört auch der Vorsitz der CDU, den er bis März 1966 inne hat.

Adenauer erkennt sehr schnell, dass die deutsche Teilung von längerer Dauer sein wird. Die sowjetische Besatzungsmacht schafft in Ostdeutschland Fakten. Im April 1946 kommt es dort zur Zwangsvereinigung von KPD und SPD zur SED. Der Kommunist Wilhelm Pieck und der Sozialdemokrat Otto Grotewohl besiegeln den Zusammenschluss per Händedruck. Pieck wird später Präsident der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) und bekleidet dieses Amt bis zu seinem Tod 1960. Grotewohl wird Vorsitzender des DDR-Ministerrates (bis 1964).

Die Gründung der DDR erfolgt am am 7. Oktober 1949. Es ist die Antwort auf die Gründung der Bundesrepublik Deutschland fast fünf Monate zuvor.

Die erste Bundestagswahl findet am 14. August 1949 statt. Adenauers CDU erringt gemeinsam mit der bayerischen CSU 31,0 Prozent der Stimmen. Gemeinsam mit der FDP und der rechtsgerichteten Deutschen Partei (DP) bildet die Union eine Koalition. Mit einer Stimme Mehrheit - einschließlich seiner eigenen - wird er zum ersten Bundeskanzler gewählt. Die Fünf-Prozent-Hürde gilt zu der Zeit getrennt für jedes Bundesland. Erst seit Juni 1953 gibt es diese bundesweit.

Adenauer (hier als Kölner OB neben dem sozialdemokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert im Jahr 1924) ist maßgeblich daran beteiligt, dass Bonn Regierungssitz der Bundesrepublik wird.

Adenauer im Jahr 1930: In dieser Zeit befindet sich die Weimarer Republik bereits in einer schweren Krise, die am 30. Januar 1933 mit ihrer Zerstörung endet. Seine Erlebnisse als Kommunalpolitiker in der Nazizeit sollten Adenauers künftiges Handeln als Regierungschef bestimmen. Dazu gehören die Aussöhnung mit dem "Erzfeind" Frankreich und die Einbettung der Bundesrepublik in die westliche Wertegemeinschaft.

Die parlamentarischen Demokratie lebt von freien Wahlen. Obwohl sogar im CDU-Programm planwirtschaftliche Elemente enthalten sind, entscheidet sich die Bundesrepublik Deutschland unter der Regierung Adenauer für die soziale Marktwirtschaft.

Regierung und Opposition: der Kanzler mit SPD-Chef Kurt Schumacher. Beide respektieren sich gegenseitig, schenken sich aber bei Bundestagsdebatten nichts. Die Sozialdemokraten schneiden bei der Wahl 1949 mit 29,2 Prozent nur unwesentlich schlechter ab als die Union. Schumacher stirbt während der ersten Legislaturperiode im August 1952.

Adenauers Regierung wird zu Beginn ihrer Amtszeit durch die Vertreter der Besatzungsmächte argwöhnisch beäugt.

Die Ernennung von Hans Globke - er verfasste einen Kommentar zu den Nürnberger Rassegesetzen der Nazis - durch Adenauer zum Ministerialdirigenten im Kanzleramt, sorgte zeitweise für Verstimmung. Adenauer hält dennoch an Globke fest und befördert ihn 1953 sogar zum Staatssekretär im Kanzleramt.

Die drei Hohen Kommissare empfangen die Mitglieder der Bundesregierung. Nach der Unterredung am 21. September 1949 unterzeichnen sie als erste Amtshandlung unter dem Besatzungsstatut eine Reihe von Gesetzen. Am Tag zuvor hatte Adenauer in einer Regierungserklärung seine Politik skizziert. Die Abgrenzung der Befugnisse der Bundesregierung und der Hohen Kommission der alliierten Besatzungsmächte sind bis zum Mai 1955 wirksam.

Adenauer und der Union gelingt am 6. September 1953 ein klarer Wahlsieg. Mit 45,2 Prozent wird die absolute Mehrheit um einen Sitz verfehlt. Die SPD unter Erich Ollenhauer (Foto) sackt auf 28,8 Prozent ab. CDU/CSU gehen ein Regierungsbündnis mit FDP, DP und der Vertriebenenpartei BHE ein. Adenauer profitiert von den Ereignissen am 17. Juni 1953 in der DDR. Die Niederschlagung des Aufstandes durch sowjetische Truppen lassen die Wiedervereinigungsangebote von UdSSR und SED als leere Versprechungen erscheinen.

Adenauer benötigt eine breite Mehrheit im Bundestag für große Vorhaben. Mit Zustimmung der Alliierten setzt er die deutsche Wiederbewaffnung durch. Die oppositionellen Sozialdemokraten sind dagegen. Der Bundestag erlebt heftige Debatten zu diesem Thema. Im November 1955 wird Bundeswehr gegründet. Die Bundesrepublik ist bereits seit dem 6. Mai 1955 Mitglied des westlichen Verteidigungsbündnisses Nato. Sie ist nun ein weitgehend souveräner Staat.

Im September 1955 gelingt Adenauer ein großer Erfolg. Bei sehr schwierigen Gesprächen in Moskau ringt der Kanzler KPdSU-Chef Nikita Chruschtschow und Ministerpräsident Nikolai Bulganin die Freilassung und Rückkehr der deutschen Kriegsgefangenen in ihre Heimat ab. Nach tagelangen Verhandlungen vertraut Adenauer auf ein mündlich gegebenes Ehrenwort Bulganins.

Die Moskauer Führung hält Wort. Einen Monat später können die deutschen Kriegsgefangenen die Sowjetunion verlassen. Knapp 10.000 Mann kommen zurück (Foto von ihrer Ankunft in Herleshausen).

Für Adenauer, der zu diesem Zeitpunkt die Westbindung der Bundesrepublik zementiert, ist dies ein großer politischer Erfolg. Bei der Bundestagswahl am 15. September 1957 erreicht die Union sensationelle 50,2 Prozent. Es ist das einzige Mal in der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte, dass eine Partei bzw. ein Wahlbündnis die absolute Mehrheit erringt. Der 81-jährige Adenauer ist auf dem Höhepunkt seines politischen Schaffens.

Der Kanzler profitiert auch vom deutschen Wirtschaftswunder, das mit Hilfe der Westmächte Wirklichkeit wird. Nun betreibt der "Alte von Rhöndorf" die Aussöhnung mit Frankreich. Am 14. September 1958 trifft er in Colombey les deux Eglises auf Staatspräsident Charles de Gaulle. Beide Politiker fassen Vertrauen zueinander und lernen sich gegenseitig zu schätzen.

Am 22. Januar 1963 wird im Pariser Élysée-Palast der deutsch-französische Freundschaftsvertrag unterzeichnet. Von der Aussöhnung zwischen beiden Ländern profitiert auch Europa. Im Westen des Kontinents erfährt die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) einen Aufschwung. Durch die politische Weitsicht von Adenauer und de Gaulle werden Bonn und Paris zum Motor des europäischen Einigungsprozesses.

Adenauer ist zu diesem Zeitpunkt nur noch ein Bundeskanzler auf Abruf. Zum jungen US-Präsidenten John F. Kennedy findet der alte Kanzler keinen richtigen Draht. Der Bau der Berliner Mauer nach dem 13. August 1961 und Adenauers zögerliche Reaktion darauf sorgen bei der Bundestagswahl am 17. September 1961 für den Verlust der absoluten Mehrheit von CDU/CSU. Die Union muss wieder mit der FDP koalieren. Adenauer wird von den eigenen Leuten unter Druck gesetzt - im Oktober 1963 muss er den Kanzlersessel räumen.

Auftritt mit Kennedy am 26. Juni 1963 in West-Berlin. "Ich bin ein Berliner", sagt der US-Präsident. Der Rheinländer Adenauer hat ein eher distanziertes Verhältnis zur deutschen Hauptstadt.

Adenauer soll durch Ludwig Erhard abgelöst werden. Nach Ansicht des Alten ist der erfolgreiche Wirtschaftsminister als Bundeskanzler ungeeignet. Bereits 1959 versucht Adenauer Erhard zum Bundespräsidenten zu machen. Der gebürtige Fürther lehnt aber ab. Der Vater des deutschen Wirtschaftswunders wird nach Adenauers Rücktritt am 15. Oktober 1963 zweiter Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.

Er startet mit viel Vorschusslorbeer. Erhards Kanzlerschaft ist aber nur von kurzer Dauer. Zudem bleibt Adenauer bis März 1966 CDU-Vorsitzender und macht dem neuen Kanzler das Leben schwer. Erhard, von dem keine Beitrittserklärung existiert, führt danach die Partei für gut ein Jahr.

Erhards Kanzlerschaft ist eine glücklose. Der Wirtschaftsfachmann wird mit einer sich abschwächenden Konjunktur konfrontiert. Zudem verliert im Verlauf der drei Jahre an Autorität.

Und sein Amtsvorgänger intrigiert kräftig gegen seinen Nachfolger. Auch in der CDU wachsen die Vorbehalte gegen Erhard. Er gilt im Vergleich zu Adenauer als schwacher Bundeskanzler.

Trotzdem gelingt Erhard bei der Bundestagswahl am 19. September 1965 ein Erfolg. CDU/CSU kommen auf 47,6 Prozent, müssen aber im Drei-Fraktionen-Parlament erneut mit den Liberalen koalieren, weil auch die SPD unter ihrem neuen Vorsitzenden, dem Berliner Regierenden Bürgermeister Willy Brandt, erstarkt. Die Sozialdemokraten erreichen 39,3 Prozent der abgegebenen Stimmen.

Außenpolitisch agiert der Ökonom Erhard glücklos. Zum französischen Staatschef de Gaulle findet der Atlantiker keinen richtigen Draht. Parteifreunde werfen ihm vor, die deutsch-französischen Beziehungen zu vernachlässigen. Das Treffen zwischen Erhard und de Gaulle am 3. Juli 1964 in Bonn verläuft in einer kühleren Atmosphäre.

Aber auch die Beziehungen zu den USA sind nicht reibungsfrei.

US-Präsident Lyndon B. Johnson fordert von Erhard 1966 mehr als 5 Milliarden D-Mark an zusätzlichen Zahlungen für Besatzungskosten und den Krieg in Vietnam. Der Kanzler, der eine Rezession im eigenen Land zu bewältigen hat, steht wie ein begossener Pudel da.

Der Unmut in der CDU über Erhard wächst. Der junge Rainer Barzel (r.) strebt an die Parteispitze. Erhard kommt auch noch die FDP als Koalitionspartner abhanden, so dass er Ende Oktober 1966 eine Unions-Minderheitsregierung bilden muss.

Der Druck auf Erhard wird zu groß. Am 1. Dezember 1966 gibt er auf. Neuer Bundeskanzler wird Kurt Georg Kiesinger. Der CDU-Politiker aus Baden-Württemberg holt erstmals die SPD ins Regierungsboot. So gibt es einen Koalitionswechsel ohne vorherige Bundestagswahl. Die Große Koalition führt die Bundesrepublik durch einige politische und ökonomische Turbulenzen.

SPD-Chef Brandt, der Bundesaußenminister wird, sondiert zu dieser Zeit auch die Möglichkeit einer sozial-liberalen Koalition unter seiner Führung. Am 16. November 1966 trifft er mit den FDP-Politikern Willi Weyer (links) und Erich Mende zusammen. SPD und FDP hätten zusammen allerdings nur eine hauchdünne Mehrheit. Das Projekt wird diesmal noch verworfen. Auch Kiesinger verhandelt mit den Liberalen.

Vor allem Herbert Wehner (Mitte) setzt sich für ein Regierungsbündnis mit der Union ein. Der spätere SPD-"Zuchtmeister" wird im Kabinett Kiesinger/Brandt Minister für innerdeutsche Beziehungen. Links der ehemalige SPD-Fraktionschef Fritz Erler.

Kiesinger legt vor dem Parlament den Amtseid ab (rechts Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier). Er hat bereits als Ministerpräsident von Baden-Württemberg (1958-1966) Regierungserfahrung gesammelt.

Das CDU/CSU/SPD-Kabinett bei Bundespräsident Heinrich Lübke. Kiesinger ist bei den Sozialdemokraten nicht unumstritten, weil er Mitglied der NSDAP war. Trotz einiger Reibereien hält die Koalition bis zur Bundestagswahl 1969.

Kiesinger (hier mit Ehefrau Marie Luise) wird 1967 auch CDU-Vorsitzender. Ihm gelingt es, dieses schwierige Wahlbündnis zu moderieren. Die von ihm geführte Regierung bringt die Notstandsgesetze durch den Bundestag. In die Ära Kiesinger fällt auch das Gesetz über die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

Gegenüber dem Ostblock kann Kiesinger keinen so harten Kurs fahren. Die SPD, die eine neue Ostpolitik anstrebt, hat etwas dagegen.

Das Verhältnis Kiesingers zu seinem Außenminister Brandt ist kühl. Die Wahl 1969 rückt näher, die beiden Politiker haben sich immer weniger zu sagen. Garanten für das Funktionieren der Großen Koalition sind die Fraktionschefs Rainer Barzel (CDU/CSU) und Helmut Schmidt (SPD).

Außenpolitisch tritt der dritte Bundeskanzler (hier mit US-Präsident Richard Nixon) weniger in Erscheinung.

Die kurze Ära Kiesinger wird von der Innenpolitik bestimmt. Die Bewegung von 1968 hält Westdeutschland in Atem. Schüler und Studenten protestieren in Düsseldorf gegen die Notstandsgesetze.

Der aus Frankreich ausgewiesene Studentenführer Daniel Cohn-Bendit spricht am 27. Juni 1968 vor rund 2000 Studenten im Auditorium Maximum an der Freien Universität Berlin. Er äußert die Überzeugung, dass die Revolution jetzt von Land zu Land wandern würde.

Auch seine NSDAP-Mitgliedschaft holt Kiesinger ein. Die aus Berlin stammende Französin Beate Klarsfeld beschimpft den Kanzler während einer Bundestagssitzung am 2. April 1968 von der Zuschauertribüne aus als "Nazi" und "Verbrecher". Während des CDU-Parteitags am 7. November 1968 in Berlin verpasst Klarsfeld Kiesinger eine Ohrfeige.

Hinter den Kulissen bereitet Brandt die eigene Kanzlerschaft vor. Es gibt bereits Gespräche mit der FDP-Führung. Nach fast drei Jahren sind vor allem auf dem Gebiet der Außenpolitik die Gemeinsamkeiten mit der Union aufgebraucht. Kiesinger geht davon aus, dass er im Falle eines Wahlsieges die christlich-liberale Koalition wiederbeleben kann.

Lachende Gesichter vor der "Elefantenrunde" zur Bundestagswahl 1969: Neben Kiesinger und Brandt geben sich auch die anderen Parteichefs Franz Josef Strauß (CSU) und Walter Scheel (FDP) optimistisch. Es wird ein knappes Rennen.

Die Union wird am 28. September 1969 mit 46,1 Prozent stärkste Kraft im Bundestag. Aber die SPD legt auf 42,7 Prozent zu. Die FDP holt zwar nur 5,8 Prozent der Stimmen, geht aber das Wagnis einer Koalition mit den Sozialdemokraten ein. Kiesinger muss das Bonner Palais Schaumburg verlassen. Mit Willy Brandt zieht erstmals ein SPD-Politiker ein. Herbert Wehner und Helmut Schmidt wollten eine Fortsetzung der Koalition mit der Union und damit den Verzicht ihrer Partei auf das Kanzleramt.

Am 28. Oktober 1969 gibt Bundeskanzler Brandt seine Regierungserklärung ab. "Mehr Demokratie wagen" ist die Losung der von ihm geführten Regierung. Der vierte Kanzler der Bundesrepublik legt die Grundzüge seiner neuen Ostpolitik dar. Ein "Wandel durch Annäherung" soll durch eine "Politik der kleinen Schritte" erfolgen. Als Emigrant während der Nazizeit genießt Brandt im Ausland hohes Ansehen. Er geht als Kanzler der Visionen in die Geschichte ein.

Der neue außenpolitische Kurs Brandts ist ein mutiger Schritt. Er wird durch die CDU/CSU-Opposition massiv bekämpft. Die etwas nach links gerückten Liberalen - allen voran ihr Chef Scheel - weiß der Kanzler hinter sich. Aufgrund der geringeren Mehrheit im Bundestag ist der Brandtsche Kurs zu dieser Zeit ein Ritt auf der Rasierklinge.

Und Brandt lässt seinen Worten Taten folgen. Im März 1970 trifft er sich mit dem DDR-Ministerratsvorsitzenden Willi Stoph in Erfurt. Für die SED-Machthaber ist dieser Besuch sehr unangenehm, denn die Erfurter Bevölkerung feiert den Regierungschef aus dem Westen.

"Willy, Willy"-Rufe erschallen vor dem Hotel "Erfurter Hof". Alle wissen, dass nicht Stoph gemeint ist. Brandt lässt sich kurz am Fenster seines Hotelzimmers sehen. Volkspolizei und Staatssicherheit haben Mühe, die Menschenmassen zurückzuhalten.

Im Mai 1970 erwidert Stoph den Besuch und kommt ins nordhessische Kassel. Der DDR-Regierungschef wird nicht gefeiert. Durchgreifende Ergebnisse bringen die beiden Begegnungen nicht. Aber der erste Schritt zur Verbesserung der deutsch-deutschen Beziehungen ist getan.

Brandt setzt seine Entspannungspolitik unbeirrt fort. Gemeinsam mit dem sowjetischen Ministerpräsidenten Alexej Kossygin unterzeichnet er am 12. August 1970 in Moskau einen Vertrag. Darin verpflichten sich beide Seiten zu gegenseitigem Gewaltverzicht. Es folgen Verträge mit Polen und der CSSR. Wichtig sind in diesem Zusammenhang u.a. auch das Viermächteabkommen über Berlin und das Transitabkommen mit der DDR 1971.

Für Aufsehen sorgt Brandt am 6. Dezember 1970 mit seinem Kniefall in Warschau. Er ist ein starkes Symbol der Bitte um Vergebung für die Verbrechen Hitlerdeutschlands im Zweiten Weltkrieg. Im Ausland wird Brandt dafür gefeiert. In der Heimat gibt es zum Teil scharfe Kritik aus dem Lager der Regierungsgegner.

Für seine Verdienste bekommt Brandt am 10. Dezember 1971 den Friedensnobelpreis verliehen. Der feierliche Akt findet in Oslo statt. In Norwegen hat Brandt den größten Teil seiner Emigrationszeit verbracht. Er spricht die Sprache des Landes fließend und ist zu dieser Zeit mit der Norwegerin Rut Brandt (geborene Hansen, verwitwete Bergaust) verheiratet.

Brandt erreicht eine Verbesserung der Beziehungen zur zweiten Supermacht UdSSR. Foto von einem Ausflug per Schiff auf dem Schwarzen Meer, gemeinsam mit KPdSU-Generalsekretär Leonid Breschnew im September 1971. Immer an der Seite des Kanzlers: Chefunterhändler Egon Bahr (r.).

Dafür gibt es großen Ärger in Bonn. Die Union will die Regierung Brandt am 27. April 1972 mit einem Misstrauensvotum stürzen. Am Ende fehlen ihr allerdings zwei Stimmen. Die DDR-Verantwortlichen unterstützen die rot-gelbe Koalition. Sie bestechen zwei Unionsabgeordnete, diese Parlamentarier enthalten sich der Stimme. CDU-Chef Barzel verpasst damit den Einzug ins Kanzleramt. Bei der vorgezogenen Bundestagswahl am 19. November 1972 wird die SPD mit 45,8 Prozent erstmals stärkste Kraft. Die Union sackt auf 44,9 Prozent ab, die FDP verbessert sich auf 8,4 Prozent.

Innenpolitisch gerät Brandt dennoch in die Defensive. Dem Visionär macht die schlechte Wirtschaftslage zu schaffen. Die Zahl der Arbeitslosen steigt. Zudem tobt die Ölkrise, die am 2. Dezember 1973 - einem Sonntag - zu einem bundesweiten Fahrverbot führt. Brandt ist amtsmüde. Zeitweise hindern ihn Depressionen an der Ausübung der Regierungstätigkeit. Auch die SPD steht nicht mehr geschlossen hinter ihrem Kanzler. "Der Herr badet gerne lau", stichelt Fraktionschef Wehner.

Im Mai 1974 gibt Brandt auf. Grund ist die Enttarnung seines engen Mitarbeiters Günter Guillaume als Spitzel der DDR-Staatssicherheit. Der Kanzler übernimmt die politische Verantwortung für den Skandal.

Willy Brandt nach seinem Rücktritt. Seine Kanzlerschaft endet unrühmlich. Bis 1987 bleibt er Vorsitzender der SPD. Die SPD/FDP-Koalition amtiert weiter.

Helmut Schmidt wird fünfter Bundeskanzler. Der Hamburger war unter Brandt erst Verteidigungs- und danach Finanzminister. Visionen sind dem zweiten SPD-Regierungschef fremd. "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen", äußert er einmal. Schmidt geht als "Macher" in die Geschichte ein. Er ist ein Transatlantiker, spricht perfekt Englisch und beherrscht den Umgang mit den Medien. Ansehen hat er durch sein Handeln als Hamburger Innensenator während der großen Sturmflut 1962 erworben.

Schmidt (hier mit Bundespräsident Gustav Heinemann) hat Brandt gebeten, Bundeskanzler zu bleiben. Er selbst rechnet damit, nur ein Übergangskanzler zu sein. Die ökonomischen Rahmenbedingungen verschlechtern sich, er fühlt, dass die SPD ein solch gutes Wahlergebnis wie 1972 nicht erreichen wird. So sucht er sein Heil erst einmal in der Außenpolitik.

Der immer mit klaren Worten aufwartende Norddeutsche belebt die Beziehungen mit den USA. Zu Außenminister Henry Kissinger pflegt er ein freundschaftliches Verhältnis. Das außenpolitische Gewicht der Bundesrepublik wird unter Schmidt größer.

Auch die Beziehungen mit Frankreich werden vertieft. Zwischen Schmidt und Staatspräsident Valéry Giscard d'Estaing entwickelt sich eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Durch ihr Wirken wird der Europäische Rat geschaffen. Auch an der Einführung des Europäischen Währungssystems und der Währungseinheit ECU - aus dieser geht später der Euro hervor - haben beide Politiker einen großen Anteil. Schmidt und Giscard sind die Väter der Gruppe der sieben größten Industrienationen (G7).

Bei der Bundestagswahl am 3. Oktober 1976 können sich SPD und FDP mit Ach und Krach an der Macht halten. Die Union erreicht mit ihrem Spitzenkandidaten Helmut Kohl mit 48,6 Prozent fast die absolute Mehrheit. Somit gestaltet sich das Regieren für Rot-Gelb zunehmend schwieriger.

Schmidt kann den neuen CDU-Vorsitzenden Kohl noch einmal in die Schranken verweisen. Seine Prognose, nur ein Kanzler des Übergangs zu sein, bewahrheitet sich nicht. Dennoch sollte für Schmidt die Legislaturperiode von 1976 bis 1980 eine sehr harte werden. Die Gründe sind vielschichtig.

1977 erschüttert der sogenannte Deutsche Herbst die Republik. Im September und Oktober entführen und ermorden Mitglieder der Rote Armee Fraktion (RAF) Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer (Foto). Monate zuvor waren bereits Generalbundesanwalt Siegfried Buback und der Vorstandschef der Dresdner Bank, Jürgen Ponto, ermordet worden.

Zudem wird die Lufthansa-Maschine "Landshut", die sich auf dem Flug von Palma de Mallorca nach Frankfurt befindet, von palästinensischen Terroristen entführt. Diese Tat steht im Zusammenhang mit der Schleyer-Entführung. Die Kidnapper zwingen den Piloten zur Landung auf dem Flughafen der somalischen Hauptstadt Mogadischu. Sie wollen die Freilassung von in Deutschland inhaftierten RAF-Mitgliedern erzwingen.

Kanzler Schmidt gibt nicht nach. In Bonn wird ein Krisenstab eingerichtet. Schmidt schickt den Staatsminister im Kanzleramt, Hans-Jürgen Wischnewski, nach Somalia. "Ben Wisch" verfügt über gute Kontakte zu Politikern in dieser Region. Er erreicht, dass die somalische Regierung einer Aktion der deutschen Anti-Terror-Einheit GSG 9 zustimmt. In der Nacht vom 17. zum 18. Oktober 1977 wird die "Landshut" gestürmt.

Die Geiseln werden befreit, drei der vier Kidnapper werden erschossen. Pilot Jürgen Schumann war zuvor von den Entführern ermordet worden. Daraufhin begehen die in der JVA Stuttgart-Stammheim inhaftierten RAF-Anführer Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe Selbstmord.

Schmidt spricht Waltrude Schleyer sein Beileid aus. Er konnte nichts für ihren Mann tun. Hätte es bei der "Landshut"-Erstürmung viele Tote gegeben, wäre der Kanzler zurückgetreten. Eine entsprechende Erklärung war bereits formuliert.

Ende der 1970er Jahre verschlechtern sich die Beziehungen zwischen den Machtblöcken. Schmidt sorgt sich wegen der Stationierung von SS-20-Mittelstreckenraketen in der UdSSR. Der europäische Westen kann angegriffen werden, ohne dass die USA in Mitleidenschaft gezogen werden. Im Januar 1979 trifft Schmidt seine wichtigsten Partner auf Guadeloupe. Kurz darauf fasst die Nato ihren Doppelbeschluss, der die Stationierung US-amerikanischer Mittelstreckenraketen in der Bundesrepublik Deutschland und anderen westeuropäischen Staaten vorsieht.

Gleichzeitig versucht Schmidt, die Sowjetunion zum Einlenken zu bewegen. Die Gespräche mit Breschnew Ende Juni 1980 in Moskau bringen aber keinen Durchbruch.

Von der angespannten Weltlage sind auch die deutsch-deutschen Beziehungen betroffen. Schmidt besucht im Dezember 1981 die DDR. Am Döllnsee trifft er mit DDR-Staats- und SED-Chef Erich Honecker zusammen. Der Besuch wird von der Ausrufung des Kriegsrechts in Polen überschattet.

1982 kommt es zum Bruch der sozial-liberalen Koalition. Im September verlassen Hans-Dietrich Genscher, Otto Graf Lambsdorff und die anderen FDP-Minister das Kabinett. Lambsdorff fordert wegen der angespannten Wirtschaftslage soziale Einschnitte. Die SPD lehnt diese ab. Die Sozialdemokraten sind wegen der anstehenden Raketen-Stationierung zerstritten. Am 1. Oktober wird Schmidt durch ein konstruktives Misstrauensvotum gestürzt.

Neuer Bundeskanzler wird CDU-Chef Helmut Kohl. Er bildet eine Koalition mit den Liberalen. Politische Beobachter rechnen mit keiner langen Amtszeit des Pfälzers. Sie sollten sich irren: Kohl wird 16 Jahre lang regieren und damit der bislang am längsten amtierende Kanzler in der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Genscher bleibt auch unter Kohl Außenminister. Der Kanzler geht mit der FDP behutsam um. Diese kämpft nach dem Koalitionswechsel um ihre Existenz. Bei der vorgezogenen Bundestagswahl am 6. März 1983 gelingt der Union mit 48,8 Prozent fast die absolute Mehrheit. Die FDP kommt auf 7,0 Prozent. Die SPD sackt auf 38,2 Prozent ab. Erstmals im Bundestag vertreten sind die Grünen (5,6 Prozent).

Kohl setzt 1983 die von Schmidt initiierte Raketenstationierung um. Rund 300.000 Menschen demonstrieren am 22. Oktober 1983 vor der Bonner Universität dagegen. Kohl ist nach eigenen Angaben davon beeindruckt, er ändert seinen Kurs aber nicht.

Obwohl im Vorfeld als Provinzler und außenpolitisches Leichtgewicht bezeichnet, setzt Kohl wichtige Akzente. Er pflegt ein sehr gutes Verhältnis zum französischen Staatspräsidenten Francois Mitterrand. Bei einer Gedenkveranstaltung am 22. September 1984 in Verdun reichen sich der Christdemokrat und der Sozialist die Hände.

Auch die Beziehungen zu den USA werden durch Kohl vertieft. Präsident Ronald Reagan trifft Kohl am 15. April 1983 - kurz nach der Bundestagswahl. Die Bundesrepublik steht in der Zeit des Rüstungswettlaufs mit der UdSSR fest an der Seite der Vereinigten Staaten. Gleichzeitig fordert Kohl die Schaffung eines dauerhaften Friedens mit immer weniger Waffen.

1983 macht die Flick-Spendenaffäre die CDU/CSU/FDP-Koalition zu schaffen. Wirtschaftsminister Lambsdorff muss gehen. Kohl und sein liberaler Partner Genscher überstehen die Affäre mit viel Mühe. Kohl entgeht nur knapp einem Strafverfahren wegen uneidlicher Falschaussage vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestags.

Der erste Lack ist ab. Bei der Bundestagswahl am 25. Januar 1987 wird die schwarz-gelbe Koalition bestätigt. Die Union verliert mehr als 4 Prozentpunkte auf 44,3 Prozent. Dafür kann die FDP auf 9,1 Prozent zulegen. Die SPD sackt auf 37,0 Prozent ab. Die Grünen schaffen respektable 8,3 Prozent. Kohl und seine Frau Hannelore lassen sich dennoch von ihren Anhängern feiern.

Seinen langjährigen Konkurrenten, CSU-Chef Strauß, hat Kohl unter Kontrolle. Sein Schachzug, Strauß 1980 als Kanzlerkandidat nominieren und verlieren zu lassen, erweist sich als klug. Der Bayer fädelt Mitte der 1980er Jahre mit Zustimmung Kohls einen Milliardenkredit für die wirtschaftlich marode DDR ein. Kohl wird dafür in den eigenen Reihen auch kritisiert.

Im Oktober 1987 besucht Honecker die Bundesrepublik. Kohl macht deutlich, dass er die deutsche Frage für offen hält und die Einheit der deutschen Nation Fernziel der Bundesregierung bleibt. Honecker entgegnet, dass sich Sozialismus und Kapitalismus zueinander verhielten wie Feuer und Wasser.

Kohl registriert relativ spät, dass mit Michail Gorbatschow ein reformwilliger Kommunist die Sowjetunion regiert. Im Juni 1989 besucht der Russe Bonn. Dabei bricht zwischen beiden Politikern das Eis. Das gute Verhältnis zu Gorbatschow wirkt sich nur Monate später positiv hinsichtlich des deutschen Einigungsprozesses aus. Gorbatschow fasst Vertrauen zum Pfälzer.

Das SED-Regime in DDR stürzt im Herbst 1989. Am 9. November 1989 fällt die Berliner Mauer. Kohl, der in der Bundesrepublik mit schlechten Umfragewerten zu kämpfen hat, bekommt politischen Rückenwind und nutzt seine Chance. Er wartet am 28. November 1989 überraschend mit einem "Zehn-Punkte-Programm zur Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas" auf - ohne Absprache mit der FDP und den westlichen Bündnispartnern.

Bei seinem Besuch in Dresden am 19. Dezember 1989 spürt der Kanzler, dass die Mehrheit der DDR-Bürger die schnelle Einheit Deutschlands will. DDR-Ministerpräsident Hans Modrow (l.) hat kaum Spielraum, ohne westdeutsche Hilfe kann die DDR nicht überleben. Kohl weiß das und verhandelt hart.

Kohl hält seine wichtigste Rede vor der Ruine der Dresdner Frauenkirche. Er schafft das Kunststück, den Menschen in der DDR Hoffnung auf die Wiedervereinigung zu machen, ohne die ausländischen Partner zu verprellen. Wichtige Verhandlungen zur Herbeiführung der deutschen Einheit stehen bevor. Am 18. März 1990 finden in der DDR erstmals freie Wahlen statt - die von Kohl unterstützte "Allianz für Deutschland", bestehend aus Ost-CDU, DSU und Demokratischem Aufbruch, gewinnt mit großem Abstand vor der SPD.

Kohl mit dem letzten DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maizière. Die DDR wird abgewickelt und haucht ihr Leben aus. Ein Staat verschwindet von der Landkarte. Zuvor werden die Zwei-plus-Vier-Gespräche mit den USA, Großbritannien, Frankreich und der Sowjetunion erfolgreich abgeschlossen. Deutschland wird ein souveräner Staat.

Am 3. Oktober 1990 ist Deutschland wiedervereinigt. Kohl geht als Kanzler der Einheit in die Geschichte ein. Dabei ist nicht er allein dafür verantwortlich. Der Kanzler hebt den Beitrag der Menschen in der DDR und der Partnerländer hervor. Der Machtmensch Kohl peilt nun die erste gesamtdeutsche Bundestagswahl am 2. Dezember an. Der in der alten Bundesrepublik bereits Totgesagte erlebt seinen zweiten politischen Frühling.

Unter den gegebenen Bedingungen hat SPD-Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine keine Chance. Seine Partei erreicht nur 33,5 Prozent. Union (43,8 Prozent) und FDP (11,0 Prozent) bekommen im neuen Bundestag zusammen eine satte Mehrheit.

Die wirtschaftlichen und sozialen Probleme in Deutschlands Osten beschäftigen die Regierung. Arbeitsplätze brechen weg, immer mehr Menschen müssen zum Arbeitsamt. Kohls Umfragewerte sinken dramatisch. Am 10. Mai 1991 wird er in Halle/Saale mit Eiern beworfen. Die Finanzierung der Einheit erweist sich als schwierig: Steuern und Abgaben werden erhöht, der Solidaritätszuschlag wird eingeführt. Viele Versprechen Kohls werden nicht eingelöst.

Bei der Bundestagswahl am 16. Oktober 1994 bröckelt die Mehrheit für die Koalition. CDU/CSU (41,4 Prozent) und FDP (6,9 Prozent) können dennoch weiterregieren. Die SPD schafft mit ihrem Kandidaten Rudolf Scharping eine leichte Steigerung auf 36,4 Prozent. Die Grünen kommen auf 7,3 Prozent, die SED-Nachfolgepartei PDS (4,4 Prozent) kommt über Direktmandate in den Bundestag. Für Kohl wird das Regieren schwieriger.

In den letzten Jahren seiner Kanzlerschaft "flieht" Kohl in die Außenpolitik. Die Vertiefung der europäischen Integration und die Einführung einer gemeinsamen Währung stehen ganz oben auf der Agenda. Im Inland wächst indes der Reformstau. Symbolische Treffen zum "Bündnis für Arbeit" finden regelmäßig im Kanzleramt statt - die Probleme werden nicht gelöst. Deutschland entwickelt sich zum kranken Mann Europas. Von der Regierung Kohl kommen kaum noch Impulse.

Obwohl die Deutschen mehrheitlich Kohl satt haben, tritt der nunmehr 68-Jährige 1998 noch einmal an - und wird abgewählt. Die Union stürzt auf 35,1 Prozent ab, die SPD kommt mit ihrem Spitzenkandidaten Gerhard Schröder auf 40,9 Prozent. Schröder geht mit den Grünen, die auf lediglich 6,7 Prozent kommen, eine Koalition ein.

Seine Zeit ist vorbei: Der "ewige Kanzler" muss abtreten. Union und FDP gehen in die Opposition.

Auf Schröder wartet ein Berg von Arbeit. In Deutschland herrscht großer Reformbedarf. Viele Wahlversprechen der Sozialdemokraten erweisen sich allerdings als nicht finanzierbar.

Zudem müssen in der SPD die Machtverhältnisse geklärt werden. Parteichef Lafontaine geht als Finanzminister in das Kabinett Schröder. Bereits im März 1999 tritt er zurück - als Minister und als SPD-Vorsitzender. Grund sind unterschiedliche Auffassungen in der Wirtschafts- und Finanzpolitik. Der wirtschaftsfreundliche Schröder, der nun auch die Partei führt, siegt im Machtkampf.

Auch auf außenpolitischem Gebiet bekommt die neue Regierung keine Schonfrist. Die Kosovo-Krise eskaliert: Schröder und Außenminister Joschka Fischer stimmen einer deutschen Beteiligung an den Nato-Luftangriffen auf Serbien zu. Diese werden zwischen März und Juni 1999 geflogen. Zum ersten Mal seit 1945 beteiligt sich Deutschland an militärischen Auseinandersetzungen.

Die Regierung Schröder gerät in Turbulenzen, weil der Kriegseinsatz bei den Grünen zu einer Zerreißprobe führt. Fischer wird auf dem Bielefelder Parteitag am 13. Mai 1999 mit einem Farbbeutel beworfen. Es gelingt dem Außenminister mit großer Mühe, eine Mehrheit zum Einsatz zu bekommen. Die rot-grüne Koalition hält.

Indes befindet sich die SPD im freien Fall. 1999 werden mehrere Landtagswahlen verloren. Da naht Rettung: Die CDU-Spendenaffäre bringt die Regierung für ein paar Monate aus der Schusslinie. Das Finanzgebaren von Helmut Kohl und seiner Christdemokraten bestimmt bis zum Frühjahr 2000 die Schlagzeilen in Deutschland. Die Regierung Schröder bekommt eine Atempause. Die SPD legt in den Umfragen wieder zu.

Die wirtschaftliche Lage verschlimmert sich ab 2001 weiter. Die Zahl der Arbeitslosen steigt. Soziale und arbeitsmarktpolitische Reformen sind noch nicht verwirklicht. Schröder gerät erneut in die Defensive.

Sommer 2002: Deutschland befindet sich im Wahlkampf. Schröder reagiert auf das Elbehochwasser und besucht die sächsische Stadt Grimma. Der Bund hilft den Betroffenen. Zudem geht der Kanzler auf Distanz zu US-Präsident George W. Bush. Er lehnt einen Waffengang im Irak als Abenteuer ab. Den Einsatz in Afghanistan als Folge der Anschläge vom 11. September 2001 in den USA unterstützt er. Rot-Grün behauptet sich bei der Wahl am 22. September knapp.

SPD und Union (mit ihrem Spitzenkandidaten Edmund Stoiber) erhalten je 38,5 Prozent. Die Grünen sind mit 8,6 Prozent stärker als die FDP (7,4 Prozent). Die PDS verpasst mit 4,0 Prozent die Fünf-Prozent-Hürde und zieht nur noch mit zwei direkt gewählten Abgeordneten ins Parlament ein. Schröder kann weiterregieren.

In der zweiten Legislaturperiode packt Schröder wichtige Reformen an. Arbeitslosen- und Sozialhilfe werden zusammengelegt. Aus der Bundesanstalt für Arbeit wird eine Bundesagentur. Die "Agenda 2010" erblickt das Licht der Welt. In der SPD rumort es, der linke Flügel beklagt einen Sozialabbau. Die Mehrheiten für die Regierung im Bundestag werden unsicher.

Eine Kommission "Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt" unter dem Vorsitz des VW-Managers Peter Hartz entwirft große Teile der Agenda. Die daraus resultierenden Hartz-Gesetze bringen Teile der SPD gegen Schröder auf. Die älteste deutsche Partei verzeichnet einen riesigen Mitgliederverlust. Ehemalige SPD-Mitglieder bilden mit der WASG eine neue Partei, die am 16. Juli 2007 mit der PDS zur Partei "Die Linke" verschmilzt.

Die SPD verliert im Frühjahr 2005 die Wahl in ihrem Stammland Nordrhein-Westfalen. Die Ergebnisse der "Agenda 2010" greifen noch nicht. Schröder sieht keine Grundlage mehr für seine Regierung und strebt vorzeitige Wahlen an. Die Union mit ihrer Spitzenkandidatin Angela Merkel führt in Umfragen haushoch vor den Sozialdemokraten. Zudem hat sie die Mehrheit im Bundesrat. Schröder macht einen leidenschaftlichen Wahlkampf und wirbt für seine Agenda.

Und er schafft fast das Unmögliche. Bei der Bundestagswahl am 18. September 2005 kommt die SPD auf 34,2 Prozent. Die Union ist mit 35,2 Prozent nur unwesentlich stärker. Schröder lässt sich im Berliner Willy-Brandt-Haus feiern. Seine rüden Attacken gegen Merkel bei der TV-Debatte sorgen für Kopfschütteln. Obwohl Union und SPD mit ihren Wunschpartnern keine Mehrheit haben, lehnt er eine Große Koalition ab. Mit seinen Äußerungen belebt Schröder die politisch fast tote Merkel wieder. Die Unionsreihen schließen sich.

Wieder angekommen in der Realität: Schröder gratuliert Merkel zur Kanzlerwahl. Die Ostdeutsche, die bereits seit März 2000 CDU-Vorsitzende ist, führt eine Regierung der Großen Koalition. Ihren Amtsvorgänger zieht es in die Privatwirtschaft, er heuert beim russischen Energieriesen Gazprom an. Dabei helfen Schröders gute Beziehungen zu Wladimir Putin, Russlands starkem Mann.

Angela Merkel ist die erste Frau im Bundeskanzleramt. Unter Kohl war sie erst Familien-, dann Umweltministerin. In der letzten DDR-Regierung von Lothar de Maizière amtierte Merkel als stellvertretende Regierungssprecherin. Die promovierte Physikerin findet über den Demokratischen Aufbruch zur CDU.

Sie macht Politik auf Sicht. Merkel bevorzugt einen ruhigen Regierungsstil. Die Große Koalition funktioniert. Nach ihrem Amtsantritt verbessern sich die ökonomischen Daten. Die von Rot-Grün eingeleiteten Reformen zahlen sich langsam aus.

Ärger gibt es wegen der von SPD-Arbeitsminister Franz Müntefering durchgepeitschten Rente mit 67. Dennoch steigen die Umfragewerte der Kanzlerin, die geschickt zwischen den beiden Regierungsblöcken laviert.

Die Minister der Großen Koalition mit ihrer Moderatorin. Dennoch kommen von Westen dunkle Wolken nach Deutschland. 2007/2008 bricht die Finanzkrise aus. Mit dem Zusammenbruch der US-Bank Lehman Brothers im September 2008 erreicht sie ihren Höhepunkt. Ihre Nachwehen sind noch Jahre später zu merken.

Die Kanzlerin mit Finanzminister Peer Steinbrück: Die CDU-Chefin und der Sozialdemokrat geben öffentlich eine Garantie für die Spareinlagen ab. Das ist sehr gewagt, denn dem internationalen Finanzsystem droht zeitweise der Zusammenbruch. Milliardengarantien für angeschlagene Geldhäuser werden gemacht. Die Große Koalition bewährt sich bei den finanzpolitischen Löscharbeiten. Ihre Bankenhilfe stößt aber auch auf Kritik. Diese kommt überwiegend aus der linken Ecke.

Außenpolitisch ist Merkel kein Leichtgewicht. Während des G8-Gipfels im Juni 2007 in Heiligendamm erweist sie sich als gute Gastgeberin. US-Präsident George W. Bush ist von Merkel wegen ihrer ostdeutschen Biografie angetan. Dem russischen Staatschef Wladimir Putin sagt sie auch öffentlich ihre Meinung.

Das Wahljahr 2009 ist ein Krisenjahr. Die deutsche Wirtschaft schrumpft. Die Große Koalition hält mit Kurzarbeit und Abwrackprämie dagegen. Dennoch profitiert nur die Union etwas davon. Bei der Bundestagswahl am 27. September 2009 geht sie geringfügig auf 33,9 Prozent runter. Juniorpartner SPD stürzt dagegen auf 23,0 Prozent ab, die Linke erreicht 11,9 Prozent. Weil die FDP auf 14,6 Prozent kommt, kann Merkel nun eine Koalition mit den Liberalen eingehen.

Frank-Walter Steinmeier, der unter Merkel Außenminister war, fährt das schlechteste Ergebnis für die SPD seit Bestehen der Bundesrepublik ein.

Merkel mit ihrem Wunschpartner Guido Westerwelle, der Steinmeier im Auswärtigen Amt beerbt. Der Beginn der neuen Regierung ist holprig. Die Koalitionäre streiten mitunter heftig. Kein Wunder: Die FDP kommt aus einer elf Jahre währenden Opposition, während Merkel und die Union bereits vier Jahre Regierungszeit hinter sich haben.

Vor allem die thematisch schwach aufgestellte FDP gerät in Turbulenzen. Ihren Steuersenkungsforderungen erteilt Merkel eine Absage. So fallen für die Liberalen nur wenige Brocken ab. Philipp Rösler ersetzt Westerwelle als Parteichef. Merkels Regierungspartner ist schwierig - die Wunschkoalition ist schwer zu handhaben.

Der Schwerpunkt von Merkels Arbeit ist seit 2010 die Rettung der Eurozone. Griechenland droht die Pleite. Später müssen auch Portugal, Irland und Zypern unter den Rettungsschirm. Auch die wirtschaftliche und finanzielle Lage in Spanien und Italien ist dramatisch. Merkel fordert von diesen Ländern harte Reformschritte. Die Reaktionen darauf sind harsch.

Bei ihrem griechischen Amtskollegen Antonis Samaras und anderen Kollegen macht sich Merkel mit ihren unbequemen Forderungen nicht gerade beliebt. Merkels eiserne Sparforderungen würgten die Konjunktur ab, beklagen sie. Die Kanzlerin bleibt hart und verweist auf die Notwendigkeit solider Haushalte.

CDU-Größen unter sich: Merkel mit Wolfgang Schäuble. Der Badener "brennt" für die europäische Idee. Der Kanzlerin wird dies nicht nachgesagt. Sie gehe das Thema Europa nicht emotional, sondern sachlich-kühl an, heißt es. Merkel widerspricht dem: Auch für sie sei Europa eine Herzensangelegenheit, wird die Regierungschefin nicht müde zu betonen.

Bei anderen Themen zeigt sich Merkel äußerst flexibel. Nach der Katastrophe im japanischen Akw Fukushima steuert sie in Richtung Ausstieg aus der Atomenergie um. In der Familienpolitik greift sie SPD-Themen auf. Nach längerer Debatte ist auch sie für den Mindestlohn. Wendigkeit oder Beliebigkeit? Merkel ist für ihre Gegner schwer zu fassen.

Insgesamt hat Deutschland mit seinen acht Bundeskanzlern Glück gehabt. Sie standen schwarz-gelben, schwarzen, schwarz-roten, rot-gelben oder rot-grünen Regierungen vor. Konrad Adenauer, Ludwig Erhard, Kurt Georg Kiesinger, Willy Brandt, Helmut Schmidt, Helmut Kohl und Angela Merkel haben die Bundesrepublik Deutschland geprägt.

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