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Ein Staat schafft sich ab: Die letzten Monate der DDR

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Nach dem 9. November 1989 ist alles anders. Weniger als ein Jahr wird es dauern, bis die DDR ihr eigenes Ende beschließt. Dass es so schnell gehen würde, ist zu diesem Zeitpunkt nicht absehbar. (Foto: picture-alliance/ dpa)

Nach dem 9. November 1989 ist alles anders. Weniger als ein Jahr wird es dauern, bis die DDR ihr eigenes Ende beschließt. Dass es so schnell gehen würde, ist zu diesem Zeitpunkt nicht absehbar.

Nach dem 9. November 1989 ist alles anders. Weniger als ein Jahr wird es dauern, bis die DDR ihr eigenes Ende beschließt. Dass es so schnell gehen würde, ist zu diesem Zeitpunkt nicht absehbar.

Bundeskanzler Helmut Kohl (M.) ist am 9. November auf Staatsbesuch in Polen. Er unterbricht seine Reise und fliegt nach Berlin. Dort tritt er am 10. November mit dem Regierenden Bürgermeister Walter Momper und dem langjährigen SPD-Chef Willy Brandt (l.) vor dem Schöneberger Rathaus auf - und wird ausgepfiffen.

Der 10. November 1989 ist ein Freitag. Am Wochenende darauf bricht in Berlin und in den Gebieten entlang der innerdeutschen Grenze der Verkehr zusammen.

In der DDR zerfällt der Machtapparat der SED-Diktatur. In den Tagen nach dem Mauerfall finden in mehreren Städten der DDR Kundgebungen statt, auf denen SED-Mitglieder eine "Erneuerung der Partei von unten" fordern.

Lothar de Maizière wird am 12. November Vorsitzender der Ost-CDU.

Am 13. November wird Hans Modrow (r.) Vorsitzender des Ministerrates der DDR. Modrow trägt künftig die leichter verständliche Bezeichnung Ministerpräsident. Staatsoberhaupt ist weiterhin Egon Krenz (l.), Nachfolger von Erich Honecker im Amt des Staatsratsvorsitzenden.

Ebenfalls am 13. November ereignet sich ein denkwürdiger Auftritt in der Volkskammer, dem Parlament der DDR. Stasi-Chef Erich Mielke hält eine Rechtfertigungsrede. Das Gemurmel der Abgeordneten stört ihn sichtlich.

Vollends bringt ihn ein Parlamentarier aus dem Konzept, der ihn auffordert, die Abgeordneten nicht mit "Genossen" anzureden". Mielke stammelt: "Ich liebe, ich liebe doch alle, alle Menschen, ich liebe doch, ich setze mich doch dafür ein..." Die Abgeordneten lachen.

Es ist Montag. Am Abend nehmen 200.000 Menschen an der Demonstration in Leipzig teil. Große Demonstrationen finden auch in anderen Städten der DDR statt.

Am 17. November schlägt Ministerpräsident Modrow in einer Regierungserklärung eine Vertragsgemeinschaft zwischen Bundesrepublik und DDR vor.

Das Ministerium für Staatssicherheit wird nicht etwa aufgelöst, sondern umbenannt. Fortan heißt es "Amt für Nationale Sicherheit" - aus Stasi wird Afnasi.

Der westdeutsche Kanzleramtsminister Rudolf Seiters erklärt Modrow und Krenz die Bedingungen für Hilfe aus dem Westen: unter anderem freie Wahlen, Zulassung von Parteien, Streichung des SED-Führungsanspruchs, Öffnung der Wirtschaft.

Zwei Tage später schlägt das SED-Politbüro die Einrichtung es "Runden Tisches" vor.

"31 Intellektuelle verschiedener weltanschaulicher und politischer Provenienz" aus der DDR veröffentlichen am 28. November den Aufruf "Für unser Land". Sie wenden sich gegen eine Vereinigung mit der Bundesrepublik und plädieren für einen reformierten Sozialismus. Zu den Unterzeichnern gehören Stefan Heym (Bild von 1994), Friedrich Schorlemmer, Christa Wolf. In den kommenden zwei Wochen unterzeichnen 200.000 Menschen den Aufruf.

Am gleichen Tag stellt Helmut Kohl im Bonner Bundestag sein "Zehn-Punkte-Programm zur Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas" vor. Die Wiedervereinigung stellt Kohl darin als komplexen Prozess dar, als "Herausforderung der Geschichte". (Das Bild zeigt Kohl im August 1989)

Am 1. Dezember wird der Führungsanspruch der SED aus der DDR-Verfassung gestrichen.

Am 4. Dezember dringen Bürgerrechtler in Erfurt, Rathenow und Leipzig in Afnasi-Gebäude ein, um die Vernichtung von Stasi-Akten zu verhindern.

Der Runde Tisch tritt am 7. Dezember zu seiner ersten Sitzung zusammen.

8./9. Dezember: Außerordentlicher Parteitag der SED. Gregor Gysi wird zum neuen Vorsitzenden gewählt. Er plädiert vehement gegen eine Auflösung der Partei. Über die Stasi sagt er, "viele Genossen" dort hätten "stets pflichtbewusst und ehrlich die ihnen erteilten Aufträge" erfüllt.

Am 16. und 17. Dezember wird der SED-Parteitag fortgesetzt. Die Delegierten entscheiden, die Partei umzubenennen in SED-PDS. Am 14. Februar 1990 wird die SED aus dem Namen gestrichen.

Kohl und Modrow treffen sich am 19. und 20. Dezember in Dresden und beschließen Verhandlungen über dien Vertragsgemeinschaft der beiden deutschen Staaten. Eine Menschenmenge feiert den westdeutschen Bundeskanzler.

Unmittelbar darauf reist der französische Staatspräsident François Mitterand in die DDR, um dort für deren Fortbestand zu werben.

Am 22. Dezember wird das Brandenburger Tor für Fußgänger geöffnet.

Hunderttausende feiern dort am 31. Dezember den Jahreswechsel 1989/1990.

Einige tausend Demonstranten stürmen am 15. Januar im Ost-Berliner Bezirk Lichtenberg die Zentrale der Stasi.

Frankreich und Großbritannien sind nicht begeistert über die Wiedervereinigungspläne. Vor allem Großbritannien macht zur Bedingung, dass ein vereintes Deutschland Mitglied der NATO sein müsse - eine Hürde, die zu diesem Zeitpunkt kaum überwindbar erscheint.

Am 2. Februar stimmt die Bundesregierung dem Vorschlag der USA zu, die Rahmenbedingungen für eine Wiedervereinigung in "Zwei-plus-Vier-Verhandlungen" festzulegen.

Am 7. Februar schließen sich das Neue Forum, die Initiative Frieden und Menschenrechte und Demokratie Jetzt zum "Bündnis 90" zusammen.

Am 10. Februar besucht Kohl den sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow, der seine Einwände gegen die deutsche Einheit aufgibt - auf internationaler Ebene die zentrale Voraussetzung für die Wiedervereinigung. Im Bild Bundeskanzler Kohl, Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (l.) und der sowjetische Außenminister Eduard Schewardnadse.

Zwei Wochen später ist Kohl in Camp David, wo US-Präsident George Bush (M.) ihm mitteilt, dass die britische Premierministerin Margaret Thatcher ihre Einwände gegen eine Wiedervereinigung zurückgezogen hat.

Am 12. März findet die letzte Montagsdemonstration in Leipzig statt.

Bereits vier Wochen zuvor war die Einheit das zentrale Thema bei der Montagsdemonstration.

Bei den freien Volkskammerwahlen am 18. März erreicht das Bündnis 90 nur 2,9 Prozent der Stimmen und damit 12 Mandate. Klarer Wahlsieger ist de Maizières CDU mit 40,8 Prozent. Zusammen mit ihren Partnern in der "Allianz für Deutschland" kommt die CDU sogar auf 48 Prozent. Auf die SPD entfallen lediglich 21,9 Prozent.

16,4 Prozent erreicht die PDS, 5,3 Prozent der Bund Freier Demokraten, ein Zusammenschluss alter und neuer Parteien, die im August 1990 der westdeutschen FDP beitreten.

Am 12. April wählt die Volkskammer den CDU-Vorsitzenden Lothar de Maizière zum Ministerpräsidenten. Zur Regierung gehören nicht nur die "Allianz für Deutschland" und Liberale, sondern auch die SPD, auf deren Stimmen de Maizière jedoch nicht angewiesen ist. Die Regierung zerbricht schon im Sommer.

Ziel der Koalition ist der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik nach Artikel 23 des Grundgesetzes - im Gegensatz zur theoretisch möglichen Vereinigung nach Artikel 146 über den Weg einer Volksabstimmung in beiden deutschen Staaten. (Das Bild zeigt Helmut Kohl bei einem Wahlkampfauftritt in Erfurt am 20. Februar.)

Am 25. April wird SPD-Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine bei einem Wahlkampfauftritt in Köln von einer psychisch kranken Frau mit einem Messer angegriffen und lebensgefährlich verletzt.

Am 2. Mai einigen sich die Regierungen aus Ost und West über eine Wirtschafts- und Währungsunion zum 1. Juli.

Am 5. Mai beginnt in Bonn die erste Runde der Zwei-plus-Vier-Konferenz, auf der Vertreter von Bundesrepublik und DDR mit den vier Siegermächten des Zweiten Weltkriegs - den USA, der Sowjetunion, Frankreich und Großbritannien - verhandeln.

Bei einem Besuch Gorbatschows in den USA kann Bush den sowjetischen Staats- und Parteichef überraschend davon überzeugen, eine NATO-Mitgliedschaft des vereinten Deutschlands grundsätzlich zu akzeptieren.

Nach einer Bürgerbefragung erhält Karl-Marx-Stadt am 1. Juni wieder seinen alten Namen Chemnitz.

Am 6. Juni wird in Ost-Berlin die frühere RAF-Terroristin Susanne Albrecht festgenommen. Sie ist die erste einer Reihe von RAF-Mitgliedern, die in der DDR untergetaucht waren und nun enttarnt werden. Insgesamt werden im Juni acht ehemalige Terroristen in der DDR festgenommen.

Am 21. Juni sagt Kohl im Bundestag an die Adresse seiner eigenen Fraktion: "Entweder wir bestätigen die bestehende Grenze (zu Polen), oder wir verspielen heute und für jetzt unsere Chance zur deutschen Einheit."

In Berlin wird mit dem Abriss der Mauer begonnen. Nach dem 30. Juni gibt es keine Grenzkontrollen mehr zwischen der Bundesrepublik und der DDR.

Am 1. Juli tritt die Wirtschafts- und Währungsunion in Kraft.

Die D-Mark löst die DDR-Mark ab. Das Bild zeigt eine Ost-Berliner Kaufhalle am Tag danach.

1:0 gegen Argentinien: Die Bundesrepublik wird am 8. Juli Fußball-Weltmeister.

14. bis 16. Juli, Strickjacken-Gipfel im Kaukasus: Gorbatschow stimmt der Mitgliedschaft eines vereinten Deutschlands in der NATO ausdrücklich zu.

Bei der dritten Runde der Zwei-plus-Vier-Gespräche versichern die beiden deutschen Außenminister in Anwesenheit des polnischen Außenministers Krzysztof Skubiszewski (r.) die Unverletzlichkeit der polnischen Westgrenze. Zwischen Genscher und Skubiszewski steht hier allerdings nicht DDR-Außenminister Markus Meckel, sondern US-Außenminister James Baker.

Die Treuhand nimmt ihre Arbeit am 16. Juli auf. Ihre Aufgabe ist die Privatisierung der Staatsbetriebe - faktisch organisiert sie einen "Beutezug Ost", bei dem "das gesamte Industriekapital der DDR mit einem Schlag vernichtet" wurde, wie der Grünen-Politiker Werner Schulz heute sagt.

Selbst Unternehmen wie der sächsische Kühlschrankhersteller DKK Scharfenstein, der seit den 80er Jahren das westdeutsche Versandhaus Quelle beliefert und den ersten FCKW-freien Kühlschrank entwickelt, werden zerschlagen.

In den frühen Morgenstunden des 23. August legt die Volkskammer den Beitrittstermin fest: Es ist der frühestmögliche Termin, der 3. Oktober.

Am 31. August unterzeichnen West-Innenminister Wolfgang Schäuble und Ost-Staatssekretär Günther Krause den Einigungsvertrag.

Bei der Leichtathletik-EM treten die DDR und die Bundesrepublik zum letzten Mal mit getrennten Teams an.

Am 4. September besetzen Bürgerrechtler in einer spektakulären Aktion das Stasi-Akten-Archiv in Ost-Berlin. Sie wollen verhindern, dass die Stasi-Unterlagen ins Bundesarchiv nach Koblenz gebracht werden. Als "normale" Regierungsakten hätte das Material einer 30-jährigen Sperrfrist unterlegen.

Die Bürgerrechtler setzen sich durch. Folge ist die Gründung der Stasi-Unterlagen-Behörde sowie das Recht eines jeden, Einsicht in die eigene Akte zu erhalten.

In Moskau wird am 12. September der Zwei-plus-Vier-Vertrag unterzeichnet.

Am 20. September stimmen beide deutsche Parlamente dem Einigungsvertrag mit Zwei-Drittel-Mehrheit zu. Tags darauf stimmt auch der Bundesrat zu. Am 24. September tritt die DDR aus dem Warschauer Pakt aus.

Am Mittwoch, dem 3. Oktober 1990, tritt die DDR der Bundesrepublik bei. Es ist, so bestimmt es der Einigungsvertrag, ein Feiertag - der "Tag der deutschen Einheit". In der Nacht zum 3. Oktober wird vor dem Reichstag die deutsche Flagge gehisst.

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