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Guten Appetit!: Glykol, BSE, Gammelfleisch

 
Glykol im Wein, Unkrautvernichtungsmittel in Futtermitteln, umdatiertes Fleisch in neuer Verpackung: ...

Glykol im Wein, Unkrautvernichtungsmittel in Futtermitteln, umdatiertes Fleisch in neuer Verpackung: ...

Lebensmittelskandale haben den Deutschen immer wieder den Appetit verdorben.

Seit den 80er Jahren häufen sich die tatsächlichen und vermeintlichen Skandale - auch weil die Kontrollen genauer wurden.

Fast sprichwörtlich wurde der Glykolskandal von 1985. Millionen Flaschen Wein wurden damals vom Markt genommen, nachdem eine gesundheitsgefährdende Chemikalie in Weinen entdeckt worden war.

Vor allem österreichische, aber auch deutsche Weine, waren von dem Skandal um den mit Diethylenglykol gepanschten Wein betroffen.

In der Folge werden die Gesetze verschärft, das Qualitätsbewusstsein der Verbraucher steigt, österreichischer Wein gilt lange - zu Unrecht - als minderwertig.

Kurz danach löst der "Flüssigei-Skandal" eine Krise bei deutschen Nudelherstellern aus. Die Medien berichten über die Verwendung bebrüteter oder befruchteter Eier in Nudeln.

Vom Stuttgarter Regierungspräsidium werden in diesem Zusammenhang auch Birkel-Produkte genannt. Ein Fehler, wie sich später herausstellt: ...

Die auffälligen Laborwerte sind auf die Beimischung von Trockenei zurückzuführen, und die ist legal.

Für Birkel kommt die Entlastung zu spät: Der Familienbetrieb muss wegen eines drastischen Umsatzeinbruchs aufgeben. 1990 wird die Firma an Danone verkauft. Nach einem Management-Buyout ist das Unternehmen heute wieder selbstständig.

Die 1980er Jahre waren jedoch auch die Hochzeit tatsächlicher Lebensmittel-Skandale. Das ARD-Magazin "Monitor" berichtet 1987 über Larven von Fadenwürmern in Fischen.

Vor allem in den Eingeweiden von Seefischen tauchen die so genannten Nematoden auf. Die Umsätze mit Fisch brechen drastisch ein, die Verunsicherung der Verbraucher dauert bis heute an.

Die Industrie gelobt Besserung. Dennoch findet die Zeitschrift "Öko-Test" sieben Jahre später erneut Fadenwürmer in Fischstäbchen.

Heute würden wir von Gammelfisch sprechen. Wirklich bedrohlich sind Fadenwürmer nur, wenn befallener Fisch roh verzehrt wird.

Im Jahr 2000 erreicht die Rinderseuche BSE Deutschland. Die Krankheit war 1985 erstmals in England festgestellt worden.

Der Rindfleischkonsum bricht - vorübergehend - drastisch ein. Gesundheitsministerin Andrea Fischer und Landwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke müssen ihre Ämter aufgeben.

Das alte Bundesministerium "für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten" wird umgewandelt ins Ministerium "für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft" - Verbraucherschutz rückt an die erste Stelle.

An der Spitze des Ministeriums steht nun kein Bauernlobbyist mehr, sondern erstmals eine Frau, eine Städterin, eine Grüne: Renate Künast.

Ihr Nachfolger Seehofer ändert den Namen des Ministeriums erneut: "Ernährung" rückt auf Platz eins vor, "Verbraucherschutz" an den Schluss.

Die BSE-Krise ebbt unterdessen langsam ab. Bis August 2006 werden 400 BSE-Fälle in Deutschland bestätigt, nur vier davon zwischen Januar und August 2006.

Nebenbei beschert die Rinderseuche der Biobranche einen kleinen Aufschwung. Im September 2001 führt Renate Künast das erste staatliche Bio-Siegel ein.

Neben den eher traditionellen Öko-Läden entstehen immer mehr Biosupermärkte und sogar Öko-Pommesbuden.

Auch Discounter und klassische Supermärkte nehmen immer mehr Bio-Produkte in ihr Angebot auf.

Das Künast-Ministerium legt ein Verbraucherinformationsgesetz vor. Alle Informationen über Lebensmittel, die den Behörden vorliegen, sollen auch den Verbrauchern zugänglich gemacht werden. Die Union verhindert dieses Gesetz im Bundesrat.

Der Nitrofen-Skandal bringt einen Rückschlag: 2002 wird das Unkrautvernichtungsmittel in Bio-Lebensmitteln gefunden. Es kommt aus Futtermitteln, bei denen die Belastung bis zu 200.000fach über dem Grenzwert liegt.

Der Nitrofen-Skandal ist der erste Lebensmittelskandal der Biobranche. In der alten Bundesrepublik war Nitrofen seit 1988 verboten, in Ostdeutschland seit 1990.

Der Hintergrund des Skandals ist fast banal: Das Getreide lagerte in einer Halle, in der DDR-Restbestände des Unkrautvernichtungsmittels aufbewahrt worden waren.

Ebenfalls 2002 entdecken schwedische Wissenschaftler Acrylamid in Lebensmitteln. Die Verbindung ist krebserregend ...

... und entsteht beim Backen, Braten, Grillen und Frittieren von Kartoffeln und getreidehaltigen Lebensmitteln.

Betroffen sind Produkte wie Knäckebrot, Chips, Pommes frites, aber auch Spekulatius, Lebkuchen und Kaffee.

Vergeblich fordern Verbraucherschützer wie Foodwatch eine Pflicht zur Produktkennzeichnung. Faktisch bleibt die Lösung des Problems damit dem guten Willen der Hersteller überlassen.

"Acrylamid ist ein Beispiel dafür, wie Politiker und Industrie mit einem Risikostoff umgehen", meint Foodwatch. "Das Prinzip des vorsorgenden Verbraucherschutzes wird wirtschaftlichen Interessen geopfert."

2005 beginnt die anhaltende Serie von Gammelfleisch-Skandalen. Zunächst sieht es nach Einzelfällen aus: In zwei Real-Supermärkten werden im März Mitarbeiter beim Manipulieren von Datumsangaben auf Fleischverpackungen ertappt.

Im Oktober wird bekannt, dass ein bayerischer Fleischhändler aus Deggendorf tonnenweise Schlachtabfälle aus der Schweiz umdeklariert und an Lebensmittelproduzenten verkauft hat.

Ähnliche Fälle häufen sich. Im Januar 2006 wird in Passau verdorbenes Wildfleisch gefunden. Verbraucherminister Seehofer legt einen Zehn-Punkte-Plan vor, in dem er unter anderem verbesserte Lebensmittelkontrollen fordert.

Der bayerische Verbraucherminister Schnappauf will gar eine "Task Force" einrichten, die verschärft kontrollieren soll.

Es bleibt bei den Ankündigungen. Im August wird in bayerischen Betrieben erneut Gammelfleisch gefunden.

Jetzt fordert Schnappauf härtere Strafen. Seehofer fordert, die Zuständigkeit für Lebensmittelkontrollen auf den Bund zu verlagern.

Eine Verbesserung der Situation erhofft sich Seehofer zudem von seinem Verbraucherinformationsgesetz. Anbieter von Gammelfleisch sollen künftig öffentlich genannt werden. Kritiker nennen das Gesetz jedoch zahnlos.

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