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Zwei Monate nach dem Ende seiner Herrschaft in Libyen ist der langjährige Diktator Muammar al-Gaddafi getötet worden.
In aller Welt protestieren seit Monaten Demonstranten gegen ihn ...
... und fordern den Rücktritt des "Schlächters von Libyen".
Im ganzen Land, wie hier in Bengasi, begehren die Menschen trotz des zunächst noch allgegenwärtigen Sicherheitsapparates auf.
Unter den arabischen Herrschern ist der als launisch geltende "Bruder Führer" nicht nur der dienstälteste, ...
... sondern mit Abstand auch der exzentrischste.
Auf Reisen ist immer sein Beduinenzelt dabei, was allerdings durchaus luxuriös ausgestattet ist.
Auch grillt er schon mal im Garten des Kreml in Moskau - ...
... bewacht von seinen Leibwächterinnen. Und manchmal reist auch ein weibliches ...
... Kamel mit, damit es zum Frühstück frische Stutenmilch gibt.
So putzig dies alles scheinen mag, so bitterernst ist es für das libysche Volk, ...
... das Gaddafi mehr als 40 Jahre eisern im Griff hat.
Am 1. September 1969 führt Muammar al-Gaddafi in Libyen einen erfolgreichen und unblutigen Militärputsch durch. Er fährt mit solch einem babyblauen VW-Käfer vor dem Schloss des Königs vor ...
... und erklärt den Monarchen Idris Al-Sanussi (im Bild), der zu dieser Zeit aus gesundheitlichen Gründen im Ausland war, kurzerhand für abgesetzt. Libyen deklariert er zur "islamischen Republik". Von diesem Zeitpunkt an liegt die Macht im Land in den Händen Gaddafis: Er ernennt sich zum Staatsoberhaupt und bezeichnet sich fortan als "Revolutionsführer".
Gaddafi beginnt in den Folgejahren, Libyen in einen sozialistischen Staat umzuwandeln. Größere Privatunternehmen enteignet er, Ausländer verweist er des Landes. (Im Bild: Gaddafi 1970 in Tripolis.)
Wie auch sein großes Vorbild, der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser (im Bild), bemüht er sich um eine Union aller arabischen Staaten. Schon Anfang der 70er Jahre strebt er eine Staatsunion mit Ägypten und Syrien, später auch mit Tunesien an. Die Projekte scheitern - nicht zuletzt an Gaddafis Führungsanspruch.
Gaddafi schafft eine Art "islamischen Sozialismus". Alleinige Quelle des Rechts im libyschen Staat ist der Koran.
Weil der Libyer den nördlichen Wüstenstreifen des Tschad beansprucht, marschieren 1977 libysche Truppen über die Grenze.
Trotz eines Waffenstillstandes, den die beiden Länder 1987 vereinbaren, ziehen sich Gaddafis Soldaten erst 1994 aus dem Tschad zurück.
1979, zehn Jahre nach seinem Putsch, tritt Muammar al-Gaddafi von allen seinen Staatsämtern zurück. Offiziell übernimmt nun eine sogenannte "Allgemeine Volkskonferenz" die Legislative im Land.
Der eigentliche Machthaber bleibt aber Gaddafi.
Er führt sein Land nach und nach in die außenpolitische Isolation. Libyen wird vor allem in den 80er und 90er Jahren immer wieder verdächtigt, an Terroranschlägen beteiligt gewesen zu sein.
Nach einer Attentatsserie, unter anderem auf die Berliner Diskothek "La Belle" im Jahr 1984, ...
... verhängen die USA unter ihrem damaligen Präsidenten Ronald Reagan 1986 einen Wirtschaftsboykott gegen das nordafrikanische Land. Aber nicht nur das.
Die Vereinigten Staaten fliegen Vergeltungsschläge und bombardieren mutmaßliche Wohnsitze Gaddafis in Tripolis und Bengasi.
Dabei stirbt Gaddafis Adoptivtochter im damaligen Präsidentenpalast. Noch heute ist die Ruine als Erinnerung an das Bombardement in Tripolis zu sehen.
1988 explodiert ein Flugzeug der PanAm über dem schottischen Lockerbie. Dabei kommen 270 Menschen ums Leben; die Spuren führen zu Gaddafis Geheimdienst.
Auf Druck der USA schließen sich die Vereinten Nationen 1992 dem Wirtschaftsboykott an. Trotz reicher Erdölvorkommen leidet das Land sehr unter den Sanktionen.
Gaddafi gilt als Terrorist. Die Beziehungen zum Westen sind zerrüttet.
Ende der 90er Jahre allerdings beginnt Libyen, sich um eine Verbesserung des Verhältnisses zu bemühen. 1999 liefert Gaddafi zwei Tatverdächtige des Lockerbie-Attentates aus; die UN stellen daraufhin ihre Sanktionen wieder ein.
Im Jahr 2000 vermittelt Libyen erfolgreich bei einer Geiselnahme durch islamische Terroristen auf den Philippinen (im Bild Gaddafis Sohn Saif al-Islam Gaddafi), wodurch auch westliche Gefangene freikommen.
Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 distanziert sich Gaddafi öffentlich von Al-Kaida und verurteilt die Anschläge. Der Grund ist offensichtlich: In der Zeit nach dem 11. September ist es nicht gerade ratsam, ins Visier der USA zu geraten.
Zunehmend bemüht sich Libyen nun um Anerkennung und vollzieht eine 180-Grad-Wende in der Außenpolitik.
Im Dezember 2003 verkündet Gaddafi, dass Libyen Massenvernichtungswaffen entwickeln wollte.
Gleichzeitig erklärt er den Stopp des Programms - und sammelt jede Menge Bonuspunkte im Westen.
Zudem übernimmt Gaddafi nun die Verantwortung für den Lockerbie-Anschlag von 1988 und verspricht hohe Entschädigungszahlungen an die Hinterbliebenen der Opfer.
Nun werden auch die restlichen Embargomaßnahmen gegen das Land aufgehoben.
Die Isolation ist gebrochen.
Der einstige Schurkenstaat wird hoffähig. Großbritanniens Premier Tony Blair taucht 2004 ebenso in dem Beduinenzelt auf ...
... wie Kanzler Gerhard Schröder ...
... und Frankreichs Staatschef Jacques Chirac.
Für Russland ist Libyen schon lange ein attraktiver Geschäftspartner: Moskau erlässt dem nordafrikanischen Land 2008 Schulden in Höhe von 4,5 Milliarden US-Dollar, im Gegenzug schließt es milliardenschwere Verträge für russische Firmen ab.
Und auch US-Präsident Barack Obama scheut gemeinsame Auftritte nicht.
Besonders eng ist das Verhältnis zu Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi.
Mit ihm scheint er sich auch auf der menschlichen Ebene gut zu verstehen.
Zu Afrika pflegt Gaddafi, der sich selbst gerne als "König von Afrika" bezeichnet, ebenfalls gute Kontakte.
Dank großzügiger Geschenke haben afrikanische Staatschefs für ihn stets ein offenes Ohr.
Ein Grund für die Annäherung des Westen ist zweifellos, dass Libyen wegen seines Ölreichtums zu den wohlhabendsten Nationen Nordafrikas gehört.
Auch gilt es als Bollwerk gegen Migranten, die aus afrikanischen Ländern über Libyen nach Europa kommen wollen.
Da wird dann auch mal bei den Menschenrechten nicht so genau hingesehen.
Dabei erstickt Gaddafi in Libyen jeden politischen Widerstand schon im Keim.
Häftlinge werden jahrelang ohne Anklage festgehalten. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International, die 2004 erstmals wieder in Gefängnisse im Land durfte, sind die Haftbedingungen katastrophal: Viele sitzen dort ohne Kontakt zur Außenwelt, oft gelten sie für ihre Angehörigen einfach als "vermisst".
Ehemalige Gefängnisinsassen berichten von täglichen Elektroschocks, Schlägen und abgerichteten Hunden, die sie zu Geständnissen zwingen sollten.
"Bruder Führer" war, ist und bleibt ein Diktator, der sein Land auch gnadenlos als solcher führt.
Doch das Volk hat seinen launischen und misstrauischen Herrscher satt.
Gaddafi hält sich zunehmend für unfehlbar und kann Niederlagen nicht eingestehen. Sein Größenwahn vernebelt ihm schließlich so sehr den Blick, dass er nicht verstehen kann, weshalb die Mehrheit des libyschen Volkes längst seinen Sturz fordert.
Gaddafi wird mit den Jahren immer neurotischer und aufbrausender. Er misstraut fast jedem. Er achtet darauf, dass niemand außer ihm selbst in Libyen Berühmtheit erlangt, und verlässt sich zuletzt bevorzugt auf die eigene Familie.
Im ganzen Land reißen Aufständische schließlich seine Fotos herunter und zerstören seine Denkmäler.
Gaddafis Sicherheitskräfte gehen zeitweise erbarmungslos gegen die Demonstranten vor.
International wächst der Druck, die NATO fliegt seit Wochen Einsätze gegen das Gaddafi-Regime. Es sind tausende. Und schließlich zeigen sie Wirkung.
De Rebellen übernehmen in immer größeren Teilen des Landes die Macht und werden schließlich auch international als die legitimen Vertreter des libyschen Volkes anerkannt.
Auch nach der seiner Vertreibung von der Macht präsentiert sich Gaddafi immer wieder in über die Medien verbreiteten Botschaften als unbeugsam.
Am Ende fallen auch Gaddafis letzte Hochburgen. Die wenigen Getreuen, die ihm geblieben sind, können ihn nicht länger verbergen.
Teile seiner Familie setzen sich ins Ausland ab. Mehrere seiner Söhne werden getötet.
Am Ende sind die Tage des Diktators gezählt. Nun kommt für Libyen die Zeit nach Gaddafi und die juristische Aufarbeitung seines Terrorregimes.
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