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"Geniale Dilletanten" der 80er-Jahre: Tödliche Doris und Co. lassen es krachen

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Sie machten ordentlich Rabatz, ... (Foto: a-b-city, West-Deutschland, 1985)

Sie machten ordentlich Rabatz, ...

Sie machten ordentlich Rabatz, ...

… zerlegten schon mal die Bühne …

… und pflegten ihre Lust an der Provokation: …

… In den frühen 1980er-Jahren sorgte eine wilde Alternativszene in West- und Ostdeutschland für internationales Aufsehen.

Kreative aus allen Bereichen von Musik über Malerei bis Mode hatten genug vom vorherrschenden Kunstgeschmack und wollten den radikalen Bruch.

Virtuosität und Professionalität waren für sie gleichbedeutend mit Langweile.

Die Akteure setzten auf gekonntes Nichtskönnen, Spontaneität und Neugier.

Ihr Motto lautete Do-It-Yourself, sie gründeten neue Plattenlabels und Magazine und organisierten ihre Konzerte und Aufnahmen selbst.

1981 bekam die Bewegung einen Namen: "Geniale Dilletanten". Ursprünglich ein Rechtschreibfehler auf einem Flyer für ein Konzert im Berliner Tempodrom, wurde der Begriff zum Symbol dieser unangepassten Subkultur.

Unter diesem Titel ist in Hamburg nun eine Schau zu sehen, die bereits im Jahr 2015 als Tourneeausstellung des Goethe-Instituts weltweit in Städten von Minsk bis München Station machte.

Für die Präsentation im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe wurde sie nun maßgeblich erweitert.

Die Ausstellung zeigt unter anderem die wichtigsten Treffpunkte der Szene …

… und stellt die Musik anhand von sieben Noise-Bands in den Mittelpunkt, die allesamt von Punk und New Wave inspiriert waren und sperrige bis skurrile Namen tragen.

Da ist zum Beispiel "Die tödliche Doris". Die Berliner Band verstand sich als Kunstprojekt. Die drei Mitglieder ignorierten, wie es in der Szene üblich war, die Grenzen der einzelnen Künste. Bei ihren Performances verknüpften sie Musik mit Installationen, Filmen, Fotografien und Malerei.

Grenzen kannte auch die Band "Einstürzende Neubauten" nicht. Die ebenfalls in Berlin gegründete Gruppe testete ausdauernd, wo Musik aufhört und Geräusch anfängt.

Ihren rebellischen Ruf erarbeiteten sich die "Einstürzenden Neubauten" vor allem mit Musikgeräten, die sie aus Schrott oder Fässern, Stahlteilen, Bohrmaschinen und Sägen bastelten.

Kam doch mal ein "richtiges" Instrument zum Einsatz, dann komplett verstimmt. Ihre Texte kreisten um apokalyptische Szenarien, die Auftritte endeten nicht selten auf einer zertrümmerten Bühne - gekrönt von dem markerschütternden Brüllen von Frontmann Blixa Bargeld.

Getreu der Selbermachen-Maxime der Dilletanten bestritt auch das Bandprojekt "Ornament und Verbrechen" (O&V) seine Auftritte mit experimentellen Instrumenten. Die Musiker bliesen in einen Gartenschlauch oder bauten sich ein Schlagwerk aus einem Plastikkanister voller Legosteine. Heraus kam je nach Laune psychedelisch angehauchter Elektropunkt, Industrial oder Jazz.

"Ornament und Verbrechen", benannt nach einer Schrift des österreichischen Architekten Adolf Loos, war die wohl bekanntesten unbekannte Band der DDR. Die Musiker wurden als subversiv eingestuft, Auftritte waren verboten. Daher trafen sie sich zu illegalen Konzerten in Privatwohnungen, Kirchen und Galerien.

In einer Galerie fanden auch die ersten Konzerte von "Der Plan" (damals noch: Weltaufstandsplan) statt. Seine Mitglieder, allesamt Galeristen, bezeichnen ihre Musik selbst als "elektronische Schlager".

Die Texte behandelten teils ernste Themen, kamen aber ironisch verpackt unter Titeln wie "Gummitwist" daher. Irgendwo zwischen ironisch und albern lässt sich wohl auch die ausgefallene Kostümierung einordnen.

Bei vielen der Bands kamen erstmals neue elektronische Techniken zum Einsatz. Mit dem Beat aus dem Sampler wurde handgemachte Musik zweitrangig – und die Künstler gewannen die Freiheit, sich mit Elan der Bühnenshow zu widmen, ...

... die auch bei dem Duo "Deutsch Amerikanische Freundschaft (D.A.F.)" nicht gerade dezent ausfiel, sondern irgendwo zwischen Ekstase und Krawall angesiedelt war.

D.A.F. gilt als Initialzündung für Elektromusik und Techno. Die beiden Männer kombinierten minimalistische Synthesizerklänge mit monoton vorgetragenen Texten im dadaistischen Stil.

Dem Dadaismus war auch "Palais Schaumburg" nicht abgeneigt. Die Band, die sich die Residenz des Bundeskanzlers in Bonn als Namensgeber ausgesucht hatte, wollte tanzbare Avantgarde-Musik machen.

Neben dem Samplersound war oft eine Trompete zu hören, dazu kamen atonal vorgetragene Texte. Die wurden, wie bei den meisten anderen Dilletanten auch, in deutscher Sprache verfasst - der englisch dominierte Mainstream war der Szene ein Graus.

"Palais Schaumburg" begrenzte die Bezugnahme auf das Deutsche nicht nur auf die Songs: Bei ihren Auftritten trugen sie gerne Trachtenjanker und einen akkuraten Seitenscheitel und spielten so mit vermeintlich deutschen Attributen.

Die Band "Freiwillige Selbstkontrolle (F.S.K.)" wurde von Mitgliedern des Underground-Magazins "Mode & Verzweiflung" gegründet, die Authentizität konsequent ablehnten.

Sie wollten nicht sich selbst und ihre Befindlichkeiten zelebrieren und spielten ihre ersten Auftritte hinter Vorhängen oder Folien, ...

... machten aber umso mehr mit originellen Slogans auf sich aufmerksam.

Mitte der 1980er-Jahre war die kurze Phase mit Krach, schrägen Kostümen und kreativen Losungen vorbei: Die Kommerzialisierung der Neuen Deutschen Welle erreichte auch die wilden Experimentierer.

Die Ausstellung mit Videos, Fotos, Musik, Magazinen, ...

... Plakaten, Modeobjekten und einem extra produzierten Interviewfilm ist bis zum 30. April 2016 im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg zu sehen und zu hören. (kse)

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