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Wann haben Sie sich das letzte Mal zum Fernsehen verabredet?
Wann haben Sie Ihrem Mann nachgesehen, dass er für eine 18-Jährige schwärmt?
Und seit wann ist es okay, sich Tattoos auf der Innenseite des Oberarmes stechen zu lassen?
Also okay im Sinne von: "Wenn meine Tochter sich so ein Tattoo stechen lassen würde, dann wäre das jetzt echt nicht so schlimm, nee, echt mal jetzt, ich bin total tolerant!"?
Es ist okay!
Es ist okay, seit Lena Meyer-Landrut für "Ein Star für Oslo" singt.
Und sie wird für uns singen: "Das ist so verdammt krass, das ist so derbe, ich zitter'!"
Die 18-Jährige setzte sich im Finale gegen ihre Konkurrentin Jennifer Braun aus Hessen durch.
"Das ist echt fett."
Während des Finales gab es von der Jury fast nur Lob: "Irgendwie ganz speziell", fand es Xavier Naidoo. Und Silbermond-Frontfrau Stefanie Kloß meinte nach dem Song "Satellite" begeistert: "Du hast die Geschichte erzählt."
Die Abiturientin hat es geschafft, mit ihrer doch recht uniquen (sprich: juniken, also einzigartigen) Stimme, ...
... ihrem wilden Gehopse (das nun echt weit weg von sexy Tanzbewegungen ist) ...
... und ihrem unvergleichlichen Rehblick ("Ich weiß, ich kann singen und seh' auch ganz süß aus, obendrein bin ich nicht doof!"), ...
... die Menschen vor die Glotze treibt. Am liebsten im Rudel.
Ich bekenne mich, auch dazuzugehören.
Letzten Dienstag habe ich geschwänzt, da wollte ich mich dem Diktat des TVs nicht beugen und habe unbeirrt Sport gemacht.
Als ich dann aber nach Hause kam, habe ich sofort die vor dem Fernseher versammelte Gemeinde mit Fragen gelöchert wie: ...
"Und? Ist Lena weiter?" ...
... oder: "Sah Jennifer heute wieder so herrlich prollig aus wie letztes Mal?", obwohl ich zugeben muss, dass ich eigentlich ein heimlicher Jennifer-Fan bin, das darf man aber nicht laut sagen, denn "die anderen", und das sind viele, stehen ja alle auf Lena.
Aber ich konnte mich schon in der Schule nicht entscheiden ob ich zu den Poppern, ...
... den Ökos ...
... oder den Schlampen gehören wollte.
Ich schweife jedoch ab: Zurück zur Starsuche für Oslo.
Mit Haaren schwarz wie Ebenholz, ...
... einer Haut weiß wie Schnee, ...
... und Lippen so rot wie Blut, ...
... steht fest: A new star is born!
Die süße Lena - mit einem Schuss Björk, ...
... einer Reminiszenz an Stefanie Heinzmann, ...
... und gaaanz viel Nora Tschirner ist sie plötzlich auf dem Bildschirm aufgetaucht - und jetzt will sie da offensichtlich auch nicht mehr weg.
Die meisten finden Lena einfach nur reizend, natürlich und herzerfrischend (so wie der Jury-Präsident Raab: "Du bist ein Chamäleon, eine Gazelle und eine Nachtigall zugleich. Jede Performance von dir ist eine Bereicherung"), ...
... andere finden sie ein bisschen affektiert.
Ja, die Lena ist 'ne Rampensau.
Und selbst Stefan Raab, sonst ja immer recht flott mit dem Mundwerk, schien nach der ersten Sendung fast ein bisschen sprachlos zu sein.
Man merkt ihm an, dass er Musik liebt. Und dass er was davon versteht.
Und so groß sein Ehrgeiz sonst auch immer sein mag, der Erste, Beste, Schnellste oder Schlauste zu sein, ...
... hier lässt er seinen Kandidaten den Vortritt.
Fast väterlich stolz bewertet er seine Küken, nichts ist von seiner sonstigen Bissigkeit oder Agressivität zu spüren, oft ist er einfach nur "geflasht" von seinen Mini-Stars, deren Stimmen so eine große "range" haben, dass auch die anderen Juroren nichts als Lob preisen.
Diese jungen Leute sind aber auch zu begabt! Kein Vergleich mit anderen Casting-Shows.
Ausnahmen bestätigen aber auch hier die Regel: DSDS-Kandidat Menowin Fröhlich gehört zu den Guten. Er hat's einfach drauf. Menowin ist quasi die Lena von RTL.
Auch hier geben die zukünftigen Pop-Sternchen alles, ...
... vielleicht sogar zu viel? Aber dazu ein anderes Mal mehr.
Die ungewöhnliche Kooperation von ARD und ProSieben jedoch - aus der Not geboren - könnte seit langer Zeit etwas hervorbringen, was tatsächlich ein Star in Oslo (und auch anderswo) werden könnte.
Raab hat schon für den internationalen Gesangswettbewerb komponiert, (z.B. für Gildo Horn: "Gildo hat euch lieb!", der immerhin auf Platz sieben beim Eurovision Song Contest landete), als seine jetzigen Kandidaten noch in den Kindergarten gingen, ...
... er hat sein "Schäfchen" Max Mutzke ins Rennen um den Grand-Prix geschickt (er kam in Istanbul 2004 auf den 8. Platz) ...
... und er war sich selbst nicht zu schade, mit "Waddehaddedudeda?" anzutreten. Ging 2000 zuerst noch ein entrüstetes Raunen durch die Reihen der altehrwürdigen Grand-Prix-Dinos wie Ralf Siegel und Konsorten ...
... war man am Ende doch recht dankbar für den Raab'schen Auftritt als Disko-Kugel: Platz fünf!
Ist er nun der Retter des deutschen Liedguts? Selbst, wenn es auf englisch "performt" wird?
Warum nicht? Selbst über die Moderatoren Matthias Opdenhövel und Sabine Heinrich kann man nicht meckern. Sie greifen immer dann rechtzeitig ein, wenn ihr Chef droht, ins Labern zu geraten à la: "Das war stimmlich zwar unsauber in der Intonation, aber du hast ein gut kontrolliertes Vibrato, und bei den hohen Falsett-Tönen warst du sehr sauber."
Alles in allem also ein gelungenes Projekt: Junge Talente zeigen ihr Können vor großem Publikum, Peinlichkeiten und Fremdschäm-Exzesse bleiben außen vor, es geht um die Musik und darum, dass "ich mich nicht jedes Mal schämen möchte, wenn ich den Eurovision Song Contest sehe", so Marius Müller-Westernhagen.
Na dann Lena: Viel Glück in Oslo. Oder was meinst du?
"Ich möchte heulen, es ist so schön und so verdammt derbe." (Text: Sabine Oelmann/tis)
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