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Kriegswaffen für Ölscheichs: Der Basar des Todes

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Für Waffenhändler ist es mehr als nur ein Pflichttermin: Alle zwei Jahre laden die Machthaber der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) die Vertreter der Rüstungsindustrie aus aller Welt zu einer Militärmesse der Superlative nach Abu Dhabi - mitten hinein in die konfliktgeladene Golfregion. (Foto: dpa)

Für Waffenhändler ist es mehr als nur ein Pflichttermin: Alle zwei Jahre laden die Machthaber der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) die Vertreter der Rüstungsindustrie aus aller Welt zu einer Militärmesse der Superlative nach Abu Dhabi - mitten hinein in die konfliktgeladene Golfregion.

Für Waffenhändler ist es mehr als nur ein Pflichttermin: Alle zwei Jahre laden die Machthaber der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) die Vertreter der Rüstungsindustrie aus aller Welt zu einer Militärmesse der Superlative nach Abu Dhabi - mitten hinein in die konfliktgeladene Golfregion.

Ort und Zeitpunkt könnten für die Rüstungskonzerne nicht besser gewählt sein: Die "International Defence Exhibition and Conference" (IDEX) markiert für die Hersteller von Kriegswaffen die perfekte Verbindung aus Angebot und Nachfrage. Auf der einen Seite reiche Staatschefs, die sich von allen Seiten bedroht fühlen - auf der anderen Seite die gut geölte Verkaufsmaschinerie der Verteidigungsbranche.

Berührungsängste gibt es nicht: Anders als bei den großen Messen des Westens brauchen Messebesucher kritische Stimmen oder gar öffentliche Proteste in Abu Dhabi nicht zu fürchten. Ungestört und in exklusiver Atmosphäre lassen sich hier diskrete Gespräche anbahnen.

Doch die Konkurrenz ist hart: Neben den großen Namen der deutschen Rüstungsexportwirtschaft buhlen schwergewichtige Rivalen um die Gunst der Kunden. Schließlich geht es für die Aussteller in den Hallen des "Abu Dhabi Exhibition Centre" um milliardenschwere Abschlüsse.

Der Gastgeber ist ein mächtiger Mann: Auf Einladung von Scheich Mohammed bin Rashid Al Maktoum (5. v. l.) findet die Rüstungsmesse in diesem Jahr zum elften Mal statt. Er ist gleichzeitig der Herrscher über Dubai sowie Vizepräsident, Premierminister und Verteidigungsminister der Vereinigten Arabischen Emirate.

Aus allen Himmelsrichtungen lockt die IDEX Rüstungslieferanten an: Das Ausstellungsgelände befindet sich mitten in der Hauptstadt. Hotels, Schiffsanleger und Großflughafen liegen nur wenige Minuten entfernt.

Das besondere Extra: Bereits zum zweiten Mal kombinieren die Veranstalter Sicherheitskonferenz und Kriegsgeräteausstellung mit einer eigenen Marinemesse, der NAVDEX.

Für die Militärs ist das besonders praktisch. So können sie sich die Neuheiten der Rüstungsindustrie auf dem Land, zu Wasser und in der Luft direkt nacheinander anschauen.

Das Interesse der Besucher verrät viel über das offene Geheimnis des Nahen Osten: Die Staaten am Golf rüsten massiv auf.

Praktisch direkt vor der Haustür der Vereinigten Arabischen Emirate tobt eine ganze Reihe blutiger Auseinandersetzungen: Es sind besonders die militärischen Erfahrungen aus Afghanistan, aus dem Irak und aus Syrien, die den Strategen unruhige Nächte bereiten. Auf solche Szenarien sind ihre Truppen nicht vorbereitet.

Praktisch jeden Tag sehen sich die Staatschefs am Golf in den Fernsehnachrichten mit den neuen Anforderungen der asymmetrischen Kriegführung konfrontiert. Dazu kommt die Angst vor der Unruhe im Inneren: Die Umbrüche des "arabischen Frühling" haben bewiesen, dass die gärende Unzufriedenheit in weniger privilegierten Teilen der Bevölkerung auch fest verankerte Machtstrukturen aus den Angeln heben kann.

Es brodelt überall auf der arabischen Halbinsel: Staaten wie der Jemen stehen vor dem Zerfall. Die Erosion der staatlichen Ordnung garantiert allerdings keineswegs nur Freiheit: In den Weiten unterentwickelter Regionen verschafft der Umbruch Terrororganisationen und organisierter Kriminalität neue Rückzugsräume.

Auch in den rohstoffreichen arabischen Staaten brennt es an allen Ecken: Die viel beschworene "Stabilität" ist für die Führungselite real in Gefahr. In Bahreins Hauptstadt Manama zum Beispiel kommt es zwei Jahre nach der gewaltsamen Niederschlagung oppositioneller Kräfte zu neuen Ausschreitungen.

Und über allem schwebt die Gefahr eines großen Krieges: Mit dem Streben nach nuklearer Geltung als Regionalmacht sorgt das Regime in Teheran für eine sehr konkrete und sehr düstere Bedrohungslage. Indirekt treibt das Regime in Teheran damit westlichen Rüstungsunternehmen neue Kundschaft in die Arme.

So spiegelt die IDEX nicht nur die Faszination an Waffen in einer von Männern dominierten Gesellschaft wider, sondern - unabsichtlich, aber deutlich - auch die innere Stimmungslage einer gesamten Region.

Die Mischung ist bedrohlich: Die Angst ist groß, der Bedarf an neuer Waffentechnologie riesig. Geld ist in den Staatskassen der ölreichen Staaten reichlich vorhanden.

Entsprechend groß ist der Andrang: Die IDEX ist die mit Abstand größte und wichtigste Waffenschau der arabischen Welt. Rund 1100 Unternehmen aus 58 Ländern nehmen teil. Westliches Business-Grau mischt sich in den Messehallen mit bunten Uniformen und dem strahlenden Weiß traditioneller Gewänder.

Ein Blick auf Aussteller und das mitgebrachte Großgerät zeigt: Längst geht es nicht mehr nur um Pistolen, Panzer und Kanonen. Die Bedrohungen des frühen 21. Jahrhunderts verlangen ganz andere Kriegsgeräte als früher.

Mehrere große Themenschwerpunkte zeichnen sich ab: Es geht um mehr Schlagkraft, Effizienz, smarte Systeme, Hightech für Überwachung und Grenzsicherung, die Fähigkeit zu raschen militärischen Interventionen mit Expeditionsstreitkräften sowie um ferngesteuerte Schläge aus der Luft.

"Verpassen Sie nicht den Ausstellungsbereich der Unbemannten Systeme", heißt es zum Beispiel in den Informationsblättern des Veranstalters. "In den kommenden zehn Jahren werden die Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas ihre Kapazitäten auf dem Gebiet der Drohnen signifikant ausbauen."

Ein weiterer Megatrend im Rüstungsgeschäft: Die Automatisierung auf dem Boden. Gleich zu Beginn der Messe kann sich der US-Hersteller Oshkosh über einen Großauftrag über 750 gepanzerte Militärfahrzeuge für Abu Dhabi freuen.

Bislang beliefert Oshkosh hauptsächlich die US-Armee mit besonders geschützten Lastern. Der Erfolg der Firma geht auf die schmerzhaften Erfahrungen der US-Armee mit Überfällen auf Versorgungseinheiten aus dem Hinterhalten im Irak und in Afghanistan zurück. Die Spirale dreht sich weiter: Die Wendungen des Krieges haben direkte Konsequenzen für die technische Entwicklung.

Zusammen mit Softwarespezialisten arbeiten die Oshkosh-Ingenieure derzeit auch an vollautomatischen Nachschubkolonnen, die sich ihren Weg durch das Hinterland hinter der Front zur Not auch ohne menschliche Aufsicht suchen. Kampferprobt ist das System allerdings noch nicht.

Die Entwicklungsrichtung scheint den Markt zu überzeugen: Viele andere Hersteller arbeiten ebenfalls unter Hochdruck auf diesem Gebiet. Ein unangenehmer Gedanke: Der Schritt von der rollenden Abschussbasis zum autonom entscheidenden Kampfroboter ist nicht mehr weit.

Auf der Waffenmesse in Abu Dhabi sind das bislang allerdings noch viel bestaunte Innovationen. Das Interesse der Fachbesucher kreist unterdessen um sehr viel konkretere Kaufentscheidungen.

Mit teils hochrangig besetzten Delegationen bemühen sich die großen Rüstungsexportnationen, die schwergewichtigeren Produkte ihrer nationaler Waffenschmieden erfolgreich an den Mann zu bringen.

Die US-Amerikaner zum Beispiel haben eine Abordnung ihrer Marines geschickt, die mit viel Aufwand und Material die Schlagkraft bei Kommandooperationen aus der Luft demonstrieren sollen. Damit liegen die US-Hersteller voll im Trend.

Denn auf der NAVDEX, der Teilmesse für Marine-Planer und See-Strategen, fällt Luftbeweglichkeit mittlerweile stärker ins Gewicht als Kalibergrößen oder Schiffstonnage. Der naheliegende Grund: Per Hubschrauber lassen sich kleine Landungstrupps im Hinterland absetzen, Frachter aus Piratenhand befreien oder weitgestreckte Schmugglerrouten überwachen.

Die Briten sind unter anderem mit der "HMS Shoreham" am Kai von Abu Dhabi vertreten. Ihre Symbolik ist etwas dezenter, aber für Ölexporteure mindestens ebenso wirkungsvoll: Im Fall eines Krieges mit dem Iran käme ein Minensucher wie die Shoreham dem zivilen Tankerverkehr durch die Straße von Hormus sehr gelegen.

Um etwaige Aufträge an britische Werften zu befördern, nimmt Londons Juniorminister für Wehrbeschaffung, Philip Dunne (blaue Krawatte) an der Messe teil.

Frankreich will da nicht abseits stehen: Die französische Marine empfängt Besucher auf der nagelneuen Korvette "FS L'Adroit" - ein Schiff, das sich dank Rundum-Brücke und Elektronik insbesondere für ausgedehnte Überwachungsfahrten in viel befahrenen Schifffahrtsstraßen eignet.

Wie selbstverständlich findet Frankreichs Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian (r.) trotz Mali-Krise Zeit, in Abu Dhabi über das Ausstellungsgelände zu spazieren.

Die Berichte über Interesse aus Saudi-Arabien an Patrouillenbooten aus Deutschland elektrisieren die gesamte Branche. Doch an diesem Thema sind neben Briten und Franzosen auch die Italiener dran. Rom stellt für die IDEX extra die "Commandante Cigala Fulgosi" ab - ein Schiff mit Einsatzerfahrung, das sich auf Wunsch schnell nachbauen ließe.

An Land setzt sich der Wettbewerb europäischer und US-amerikanischer Hersteller fort. Wer bekommt den nächsten Großauftrag zur Aufrüstung der Bodentruppen am Golf?

Am Stand der Briten lässt BAE Systems einen Schützenpanzer vom Typ "Warrior" pink und grellgelb anstrahlen.

Bei den Franzosen geht es um elektronische Befehlsketten und digitale Gefechtsfeldinformationen.

Die Streit-Gruppe aus Kanada wirbt um Kunden für ihre gepanzerten Geländefahrzeuge.

Am Stand der Belgier präsentiert der Mischkonzern CMI einen leichten Panzerturm vom Typ "Cockerill XC-8", mit dem sie den - nach Unternehmensangaben - steigenden Bedarf nach mittelschweren Kampfpanzern decken wollen.

Unternehmen aus Deutschland müssen in Abu Dhabi weitgehend ohne Rückendeckung aus Regierungskreisen auskommen. Umfangreich vertreten ist die deutsche Rüstungsindustrie trotzdem.

Neben kleinen und großen Waffenzulieferern finden sich auch die ganz großen Namen. Gerne lassen sich die Fachbesucher über die Vorteile der "deutschen Verteidigungstechnologie" informieren. Ein echtes Highlight in den klimatisierten Hallen steht gleich nebenan: ...

... der Schützenpanzer "Boxer" aus dem Hause Artec, einem Gemeinschaftsunternehmen von Rheinmetall und Krauss-Maffei-Wegmann. Auch hier hat Saudi-Arabien bereits Interesse angemeldet - ebenso wie an dem Kampfpanzer "Leopard II". Unmittelbar neben Rheinmetall residieren die Rüstungsvertreter von Daimler. Die Stuttgarter zeigen in Abu Dhabi Lkw der Sparte "Mercedes-Benz Military Vehicles".

Um lukrative Großaufträge geht es auch in der Luft: Mehrere Flugzeughersteller wollen die Vereinigten Arabischen Emirate mit einem neuen Kampfjet beliefern.

In der engeren Auswahl: der Eurofighter "Typhoon" (im Bild) und das Konkurrenzmodell aus Frankreich, die "Rafale" von Dassault. Entschieden ist das Milliardenrennen noch nicht. Für das Eurofighter wäre ein Zuschlag womöglich der ganz große Durchbruch.

Am Stand des europäischen Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS hofft der Vertrieb zudem auf Interessenten für den viermotorigen Militärtransporter A400M. Den "Grizzly" kann Airbus in Abu Dhabi nur im Modell vorführen.

Dafür gibt es dort auch ein Zuladungsbeispiel für den "Multi Role Tanker Transport" (MRTT), ein Tankflugzeug auf Basis des zivilen Airbus A330, das gleichzeitig auch militärische Fracht ins Krisengebiet tragen kann.

Hinter den Kulissen wird intensiv um Angebote, Leistung und Konditionen gerungen. Abseits der großen Deals halten Zulieferer wie der britische Triebwerkshersteller Rolls-Royce nach Kundschaft Ausschau. Der italienische Waffenkonzern Finmeccanica wirbt dagegen mit plakativem Rot und den branchentypischen Schlagworten: ...

Generell geht es bei den europäischen Herstellern nie um Krieg, sondern immer nur um "Verteidigung" und "Sicherheit" sowie um "Intelligente Systeme". Die Zurückhaltung der europäischen Waffenbauer bei der Beschreibung ihrer Kriegsmaschinen ist auf die kritische Öffentlichkeit freiheitlicher Demokratien gemünzt. In den Emiraten könnten sie die Dinge auch beim Namen nennen.

Denn die Messe steht unter der Schirmherrschaft von seiner Hoheit Scheich Khalifa Bin Zayed Al Nahya - Präsident der VAE und Oberbefehlshaber der emiratischen Truppen (Archivbild). Um die Messe zu einem Erfolg zu machen, hat der Scheich ausdrücklich die volle Unterstützung der emiratischen Streitkräfte befohlen.

Und schon die Eröffnungsshow zeigt, wie sich die Berater des Scheichs das Thema insgesamt vorstellen: Folklore wechselt mit waghalsiger Sprungakrobatik, garniert mit ohrenbetäubenden Knalleffekten. Militär ist hier eher eine Mischung aus Nationalstolz, Maschinenballett und sportlicher Auseinandersetzung.

Dass es bei aller Waffentechnik letztlich um deren tödliche Wirkung geht, tritt in den Hintergrund: Spektakuläre Vorführungen am Boden und in der Luft runden das Programm ab. Das staatliche Messeunternehmen Abu Dhabi National Exhibitions Company (ADNEC) bemüht sich um eindrucksvolle Höhepunkte.

Dank großzügiger Unterstützung durch die Militärs darf der Veranstalter auch kostspieliges Großgerät ins Showprogramm einplanen.

Kampfjets vom Typ F-16 der Emirati Air Forces donnern im Formationsflug über das Ausstellungsgelände.

Eine Spezialmaschine mit Frühwarn-Radar passiert die Tribüne.

Emiratische Piloten zeigen ihr Können in Kampfhubschraubern aus US-amerikanischer Produktion.

Dann kommt es zum Äußersten: Geleitet von den engen Bahnen militärischer Vorstellungskraft rollen Truppen vor, die sich ein simuliertes Gefecht mit offenkundig böswillig getrimmten "Feinden" liefern.

Das Kriegsspiel mit tapferen Streitkräften in ordnungsgemäß bewimpelten Kampfwagen gegen schwarz gewandete Komparsen soll die Einsatzmöglichkeiten von Waffensystemen aller Art in einem entfernt realistischen Szenario demonstrieren.

Die Truppen der Scheichs fahren beinahe alles auf, was sie haben: Der seit Jahrzehnten immer wieder nachgebesserte Truppentransporter vom Typ "M113" ist in seiner neuesten Version kaum noch zu erkennen - dass er mit Diesel fährt, dagegen schon.

Auf der Gegenseite: kühne, aber chancenlose Reiter der Wüste.

Damit die Zuschauer nicht unbeeindruckt bleiben, wird auf der IDEX auch an Platzpatronen nicht gespart.

Schließlich nähert sich die Show ihrem Höhepunkt: Eindrucksvoll diszipliniert, aber taktisch fragwürdig, rücken Elitesoldatinnen der emiratischen Streitkräfte zur Verstärkung aus der Kulisse heran.

Angesichts einer solchermaßen rundum perfekt ausgestatteten Übermacht bleibt den fies vermummten Gegnern am Ende keine andere Wahl.

Sie werden symbolisch "überrollt": Das wilde Herumgeknalle endet mit der Neutralisierung der Widersacher. Die "Guten" machen die "Bösen" unter einer Brücke dingfest. Noch ist das nur Show, doch für die Veranstalter steht schon jetzt fest: Die IDEX ist ein voller Erfolg.

(Text: Martin Morcinek / Stand: 21. Februar 2013)

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