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Diskreter Einfluss in Politik und Wirtschaft: Die Macht der Rüstungslobby

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Wie kommen die Waffen in die Welt? Wer beliefert Militärs mit neuester Rüstungstechnik? Und: Wohin fließen die Milliarden aus den Staatsetats für Verteidigung? (Foto: REUTERS)

Wie kommen die Waffen in die Welt? Wer beliefert Militärs mit neuester Rüstungstechnik? Und: Wohin fließen die Milliarden aus den Staatsetats für Verteidigung?

Wie kommen die Waffen in die Welt? Wer beliefert Militärs mit neuester Rüstungstechnik? Und: Wohin fließen die Milliarden aus den Staatsetats für Verteidigung?

Ein unabhängiges Friedensforschungsinstitut aus Schweden - das Stockholm International Peace Research Institute (Sipri) - übernimmt seit 1966 die mühevolle Kleinarbeit, den Weg der Steuergelder in die Rüstungsindustrie anhand von Budgetplänen und Bilanzen nachzuzeichnen.

In ihrer aktuellen Studie sortieren die Sipri-Forscher eine Rangliste der weltgrößten Rüstungskonzerne. Ihr zentrales Fazit: ...

... Der Umsatz mit Waffen und militärischen Dienstleistungen geht in der Spitzengruppe der 100 größten Waffenproduzenten im Vergleichsjahr 2011 leicht zurück.

Das liegt allerdings bei Weitem nicht etwa daran, dass die Welt in jenem Jahr friedlicher geworden wäre.

Die globale Rüstungsindustrie bekommt 2011 stattdessen schlicht die zunehmenden Sparzwänge in vielen Staaten zu spüren, wie die Sipri-Forscher mit Blick auf die aufwändig zusammengetragenen Daten schreiben.

Die von den Friedensforscher ermittelten Zahlen geben einen guten Eindruck von den gigantischen Ausmaßen des internationalen Waffengeschäfts: Im Jahr 2011 summieren sich die Umsätze in den 100 größten Rüstungskonzernen auf 410 Mrd. US-Dollar - Waffenexporte sind dabei ebenso eingerechnet wie die Beschaffungsaufträge heimischer Streitkräfte.

410 Mrd. Dollar: Im Vergleich zum Vorjahr entspricht das einem leichten Rückgang um 5 Prozent. Im Zehn-Jahresvergleich verzeichnet Sipri dagegen einen bereinigten Zuwachs um volle 51 Prozent.

Nach wie vor dominieren Unternehmen aus Europa und Nordamerika die Sipri-Liste der Top 100.

Den Sipri-Experten ist es bewusst: Ihre Liste zeigt längst nicht das ganze Bild. Ein schwer erfassbarer Teil der weltweiten Waffengeschäfte läuft abseits offizieller Kanäle oder unter Beteiligung kleinerer Unternehmen - oder bleibt ohnehin komplett geheim.

So weist das Institut ausdrücklich darauf hin, dass ihre Aufstellung keine Daten aus der chinesischen Rüstungsindustrie enthält. Die Zahlen aus China waren entweder nicht zu bekommen oder lassen sich nur eingeschränkt vergleichen.

Doch egal, wer produziert, verkauft oder exportiert: Sind die Waffen erst einmal in der Welt, sorgen sie nicht immer nur für Frieden, Stabilität oder Sicherheit.

Auf Platz 10 der weltgrößten Rüstungsunternehmen listen die schwedischen Forscher den US-Konzern United Technologies (UTC) auf.

Teil des Mischkonzerns ist der Triebwerkshersteller Pratt & Whittney, der unter anderem das Triebwerk F117 für den strategischen Truppentransporter C-17 "Globemaster" liefert.

Eine weitere Sparte firmiert unter dem Namen Sikorsky und versorgt die Streitkräfte der Vereinigten Staaten mit ihrem Standard-Transporthubschrauber UH-60 "Black Hawk".

Im westlichen Militärbündnis und befreundeten Staaten sind die Sikorsky-Hubschrauber weit verbreitet: Auch der größte Drehflügler der Bundeswehr, der CH-53, stammt aus dem Haus Sikorsky.

Insgesamt kommt UTC mit Fluggeräten, Elektronik und Triebwerken laut Sipri auf einen militärischen Jahresumsatz von 11,6 Mrd. Dollar - was ungefähr 20 Prozent des Gesamtumsatzes entspricht.

Auf Platz 9 der Sipri-Liste taucht der wichtigste Elektronik-Lieferant der US-Geheimbehörden auf: L3 Communications unter Leitung von CEO Michael Strianese und mit Sitz in New York.

Der im S&P-500 gelistete Hightech-Konzern beliefert Pentagon, NSA und CIA mit Steuerungs-, Sensor- und Überwachungssystemen aller Art, darunter auch Bauteile für Minendetektoren, ...

... Kommunikations- und Datenverarbeitungskomponenten und ...

... die viel diskutierten Körperscanner.

Insgesamt kommt L-3 mit seinen rund 61.000 Mitarbeitern 2011 auf einen Jahresumsatz von 15,2 Mrd. Dollar. Der Rüstungsanteil am Gesamtumsatz liegt nach Sipri-Angaben bei 83 Prozent.

Auf Platz 8 führt Sipri den italienischen Luftfahrt- und Rüstungskonzern Finmeccanica mit Hauptsitz in Rom auf.

Das derzeit von schweren Korruptionsvorwürfen erschütterte Unternehmen kommt 2011 auf einen Jahresumsatz von umgerechnet 24,1 Mrd. Dollar.

Davon entfallen 14,6 Mrd. Dollar auf Geschäfte mit Militärmaschinen, Schusswaffen, Munition und ...

... Lenkwaffen wie diese Anti-Schiffsrakete vom Typ "Teseo MK2/A". Das entspricht einem militärischen Umsatzanteil von rund 60 Prozent.

Finmeccanica zählt zu den größten Rüstungskonzernen Europas und umfasst verschiedene spezialisierte Töchter wie Agusta Westland mit Hubschraubern und Oto Melara, wo Waffenbauer mit Panzertürmen, Schiffsgeschützen und ferngelenkten Waffenträgern wie diesem "RWS Hitrole Light" experimentieren.

Über internationale Kooperationen sind die Italiener am Bau des Panavia Tornado ebenso beteiligt wie am ...

... angestrebten Geschäftserfolg des Eurofigher "Typhoon" - oder dem Prestigeprojekt der russischen Zivilluftfahrt, dem ...

... Regionaljet Suchoi "Superjet" 100, einem Joint Venture von Suchoi und der Finmeccanica-Tochter Alenia Aeronautica.

Noch mehr Geld mit Rüstungsgeschäften als Finmeccanica erwirtschaftet ein weiterer Großkonzern aus Europa: ...

Unter der Führung des Deutschen Tom Enders kommt der Luft- und Raumfahrtkonzern EADS laut Sipri auf einen militärischen Umsatzanteil von 24 Prozent.

Im internationalen Rüstungsmarkt aktiv ist EADS über die Sparten Eurocopter, Airbus Military und Cassidian.

Mit Kampfjets wie dem europäischen Gemeinschaftsprojekt Eurofighter, Raketen-Technik und Überwachungselektronik erwirtschaftet EADS 2011 einen Umsatz von 16,4 Mrd. Euro. Der überwiegende Teil des Gesamtumsatzes entspringt damit weiterhin dem zivilen Flugzeugbauer Airbus.

Doch der militärische Anteil könnte bald wachsen: Bei Airbus Military steht die Erstauslieferung des neuen Allzweck-Transporters A400M unmittelbar bevor.

Und bei Cassidian tüfteln die Techniker längst an zukünftigen Umsatzbringern aus der unbemannten Luftfahrt. Europas größte Drohne, der "Eurohawk" mit seinen 15 Tonnen Startgewicht und einer Spannweite von 40 Metern, absolviert seit Jahresbeginn bereits das ferngesteuerte Testflugprogramm.

Platz 6 auf der Sipri-Liste belegt der US-Flugzeughersteller Northrop Grumman, der insbesondere die US-Regierung mit Spezialfluggeräten wie der Langstreckendrohne X-47B (Bild), ...

... dem Stealth-Bomber B-2 "Spirit" ...

... oder dem trägergestützten Frühwarnflieger E-2C "Hawkeye" versorgt.

Seit Jahren führen die USA die Liste der Länder mit den weltgrößten Rüstungsetats an: Im Fall von Northrop Grumman reicht es 2011 für einen Umsatz von knapp 21,4 Mrd. Dollar, was einem Anteil von 81 Prozent am Gesamtumsatz entspricht.

Platz 5 der Sipri-Liste hält ein weiterer US-Spezialkonzern für Hightech-Waffen: Für Raytheon errechnen Sipri-Experten einen militärischen Jahresumsatz von 22,5 Mrd. Dollar, was 90 Prozent des Gesamtumsatzes entspricht.

Das S&P500-Unternehmen Raytheon beliefert das Pentagon seit Jahren mit Marschflugkörpern und Spezialraketen wie "Sparrow", "Sidewinder", "TOW", "Stinger" und "Patriot".

Daneben experimentiert Raytheon mit Mitteln der elektronischen Kriegsführung wie etwa heliumgefüllte Luftschiffe zur vernetzten Raketenabwehr: ...

Das Projekt "Joint Land Attack Cruise Missile Defense Elevated Netted Sensor System" (JLENS) soll - wenn es die Freigabe bekommt - künftig unter anderem die US-Hauptstadt vor Luftangriffen fremder Mächte schützen.

Platz 4 geht in der Aufstellung der Friedensforscher an einen noch breiter aufgestellten Rüstungskonzern: General Dynamics (GD), der wichtigste Panzerlieferant der USA, weist für 2011 einen Jahresumsatz von knapp 32,7 Mrd. Dollar aus.

Der Rüstungsanteil beträgt dabei 73 Prozent. Das entspricht Geschäften im Umfang von 23,8 Mrd. Dollar. General Dynamics entwickelt, baut und wartet Waffensysteme für Streitkräfte zu Wasser, zu Lande und in der Luft.

Zu den bekanntesten Produkten zählt der Hauptkampfpanzer der US-Armee M1A1 "Abrams", der direkte Konkurrent des deutschen "Leopard II". Daneben baut General Dynamics zum Beispiel auch ...

... U-Boote der "Los Angeles"-Klasse, ...

... bizarr geschützte Radpanzer vom Typ "Stryker" ...

... Zerstörer der "Arleigh Burke"-Klasse oder ...

... - zusammen mit der Schweizer Tochter Mowag - auch gepanzerte Patrouillenfahrzeuge wie den "Eagle IV".

Platz 3 der Sipri-Rangliste ist fest in britischer Hand: Mit einem Gesamtumsatz von umgerechnet rund 30,7 Mrd. Dollar ragt der Londoner Rüstungsriese BAE Systems aus dem Feld der von US-Konzernen beherrschten Top10 heraus.

Für die Royal Navy entstehen in den Docks von BAE derzeit zwei neue Mega-Flugzeugträger der "Queen Elizabeth"-Klasse.

In die USA liefert BAE neben Munition, Raketen und Waffenbauteilen vor allem den Schützenpanzer M2 "Bradley".

Den Rüstungsanteil am Umsatz beziffern die Sipri-Forscher für BAE auf 95 Prozent - der höchste prozentuale Wert unter den zehn weltgrößten Rüstungsunternehmen.

Damit wird auch klar, was aus EADS geworden wäre, wäre die spektakuläre Fusion mit BAE Systems nicht an den politischen Widerständen gescheitert: ...

... der mit Abstand einflussreichste Waffenbauer der gesamten internationalen Rüstungsbranche.

Auf gescheiterte Pläne nimmt die Wirklichkeit keine Rücksicht: Platz 2 der weltgrößten Waffenschmieden geht an den US-Konzern Boeing.

Der wichtigste Airbus-Wettbewerber versorgt die US-Luftwaffe mit einem ganzen Arsenal an verschiedenen militärischen Fluggeräten aller Größen.

Im Boeing-Angebot findet sich zum Beispiel der altgediente KC-135 "Stratotanker", das Rückgrat der weltweiten Einsatzplanung der US Airforce und Stein des Anstoßes des sogenannten Tankerstreits zwischen Airbus und Boeing.

Ebenfalls von Boeing: der strategische Bomber B-52 "Stratofortress", dem Bomber mit dem mit Abstand höchsten Dienstalter der Luftfahrtgeschichte. Der Erstflug fand im Jahr 1952 statt. Mit jedem weiteren Jahrzehnt im Einsatz kann Boeing ansehnliche Erträge für Ersatzteile und eventuelle Upgrades einplanen.

Ebenfalls von Boeing: Der Kampfhubschrauber AH-64 "Apache", einem der leistungsstärksten Waffenträger seiner Art - und oft die letzte Rettung für am Boden in Bedrängnis geratene Truppe.

Bei Auslandseinsätzen mittlerweile mindestens ebenso unverzichtbar: Der Boeing CH-47 "Chinook", das Lastentier der Militärhubschrauber, das unter anderem auch bei den Briten, Australiern und Japanern zum Einsatz kommt.

Für die US-Marines produziert Boeing zudem den exotischen "Osprey": Ein Mischwesen aus senkrechtstartendem Drehflügler und schnellem Einsatzshuttle.

Mit der C-17 "Globemaster" stellt Boeing außerdem das derzeit wichtigste Transportflugzeug der US-Streitkräfte her.

Sipri errechnet für Boeing im Vergleichsjahr 2011 trotz allem nur einen rein militärischen Umsatzanteil von 46 Prozent.

Weil sich der Boeing-Gesamtumsatz jedoch in entsprechenden Größenordnungen bewegt, entfällt auf die Rüstungsgeschäfte trotzdem noch ein Volumen von 31,8 Mrd. Dollar.

Auf Platz 1 der Sipri-Liste sitzt ein Unternehmen, das seine Umsatzstärke zu weiten Teilen aus dem riesigen Rüstungshaushalt der Vereinigten Staaten zieht: Es ist der US-Konzern Lockheed Martin.

Der Militärkonzern mit Sitz im kalifornischen Burbank an der Westküste produziert vergleichsweise simple Hardware wie die riesigen Großraumtransporter vom Typ C-5.

Höhere Stückzahlen erreicht Lockheed Martin mit dem neuen Jagdflugzeug F-22 "Raptor", der seit 2005 offiziell im Einsatz ist.

Aktuelles Aushängeschild bei Lockheed ist jedoch der Stealth-Jet F-35 "Joint Strike Fighter", der verschiedenen Truppenteilen gemeinsam als Standard-Kampfjet dienen soll. Die Maschine könnte sich für Lockheed noch zum Exportschlager entwickeln: Fast ein Dutzend Nationen will das futuristische Hightech-Fluggerät anschaffen.

Insgesamt errechnet Sipri für Lockheed Martin einen Umsatz mit Rüstungsgeschäften von 36,3 Mrd. Dollar, was einem Anteil von 78 Prozent am Gesamtumsatz entspricht.

Unterm Strich verdient hat der US-Konzern damit im Jahr 2011 mehr als 2,6 Mrd. Dollar - zur Freude der Mitarbeiter und aller Aktionäre. Ein Teil des Geldes stammt dabei direkt aus den Steuerzahlungen der US-Bürger.

Der andere Teil entspringt der staatlichen Neuverschuldung, mit der die USA und andere Militärmächte die kostspieligen Folgen ihrer machtbetonten Außenpolitik bezahlen.

Dazu kommt die wirtschaftliche Bedeutung der Rüstungsbranche in konjunkturell angespannten Zeiten: ...

... Allein die sieben in der Sipri-Top-Ten der weltgrößten Rüstungskonzerne vertretenen US-Unternehmen stehen unmittelbar für 794.200 Jobs im US-Arbeitsmarkt.

Zusammen mit den indirekt abhängigen Stellen in Zuliefererbetrieben, Rohstofflieferanten und bei Dienstleistern bildet die US-Rüstungsbranche damit eine schwergewichtige Größe, die auch der friedfertigste US-Präsident nicht ignorieren kann.

Damit scheint klar, in welche Richtung die Welt der Waffen auch künftig steuern dürfte: So weit es sich die Staaten noch leisten können, werden sich Argumente finden lassen, um weiter aufzurüsten.

(Text: Martin Morcinek / Quellen: "SIPRI Top 100 arms-producing and military services companies in the world excluding China, 2011", Unternehmensangaben)

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