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Nicht nur bei Auchentoshan ist die Auswahl an Single Malts groß.
Nicht nur bei Auchentoshan ist die Auswahl an Single Malts groß.(Foto: Auchentoshan Distillery)
Montag, 15. Oktober 2012

Von den Low- in die Highlands: Auf Whisky-Reise durch Schottland

Von Thomas Badtke

"Freiheit und Whisky gehören zusammen." Der schottische Schriftsteller Robert Burns wusste, wovon er sprach. Seine Heimat ist ein Inbegriff für beides. In keinem anderen Land gibt es mehr Destillerien. Grund genug, für eine Reise durch die Whisky-Destillerien des Landes.

Schottland ist bekannt für seine Glens, Bens und Lochs. Für das Seeungeheuer Nessie, für den Kilt und den Dudelsack. Aber der Exportschlager Schottlands schlechthin ist der Whisky. Die Aura des Mystischen umweht ihn. Die Einheimischen schreiben ihm gar magische Wirkungen zu: Er hilft gegen Erkältungen genauso wie gegen schwere Beine oder Trübsal. Die Schotten sind stolz auf ihr Nationalgetränk - und der Rest der Welt deshalb stolz auf Schottland. Wer das Land besucht, kommt nicht umhin, eine der zahlreichen Destillerien zu besuchen. Es gibt aber auch Touristen, die einzig wegen des bernsteinfarbenen "Wassers des Lebens" nach Schottland reisen.

Glenfiddich ist der meistverkaufte Single Malt der Welt.
Glenfiddich ist der meistverkaufte Single Malt der Welt.(Foto: Amdreas Griebel)

Zu entdecken und probieren gibt es genug: Rund 120 Destillerien gibt es derzeit in Schottland, davon etwa 90 produzierende. Allein etwa 50 davon liegen in der Speyside, entlang des Flusses Spey, und machen diese Region damit zum Whisky-Herz Schottlands. Und es schlägt, denn neben den Brennereien finden sich hier auch zahlreiche Abfüller, Fassmacher, Mälzereien und Blender. Letztere nutzen den klassischen Single Malt - Whisky, der nur aus einer Brennerei kommt und aus gemälzter Gerste hergestellt wird - zum Verschnitt von meist aus billigerem Weizen hergestellten Whiskys. Daher rührt auch die Unterscheidung zwischen Single Malt Whisky und Blended Whisky. Wegen des niedrigeren Preises liegt der Anteil von Blended am Gesamtwhiskymarkt bei rund 90 Prozent. In den vergangenen Jahren gewinnt Single Malt aber zunehmend an Popularität, und das nicht nur in Schottland.

Theorie, die Durst auf mehr macht

Malt Whisky wird aus gemälzter Gerste hergestellt, anders als beispielsweise der US-amerikanische Bourbon, der auf Mais oder Roggen basiert. Mälzte früher jede Brennerei selbst, sorgen stetig steigende Kosten dafür, dass sich nun immer mehr Brennereien fertig gemälzte Gerste anliefern lassen. Ihr Proteingehalt, die Keimwahrscheinlichkeit und die Qualität haben einen direkten Einfluss auf den Geschmack des Whiskys. Auch das Wasser - meist aus einer eigenen Quelle stammend - spielt dabei eine Rolle und die vom Brennmeister aus mehr als 1000 Sorten ausgesuchte Hefe.

Blick in die Glenfarclas Distillery
Blick in die Glenfarclas Distillery(Foto: Andreas Griebel)

Beim Mälzen der Gerste wird das Getreide bei gleichbleibender Temperatur zum Keimen gebracht und die Stärke der Gerste wandelt sich in Malzzucker um. Nach etwa sieben Tagen ist das entstandene Grünmalz fertig zum Darren. Dabei wird die Gerste bis zu 60 Stunden in einem Darrofen mit heißer Luft getrocknet. Danach wird das Grünmalz geschrotet und gemaischt, bevor der entstandene Zuckerextrakt entzogen und mit Hefe versetzt zum Gären gebracht wird. Dabei entsteht ein klassisches, süßes Bier mit einem Alkoholgehalt von sieben bis neun Prozent. Dieses wird dann in mindestens zwei Destillationsstufen zum "new make" oder "spirit", einem Brand mit etwa 70 Prozent Alkoholgehalt. In Brennblasen (Stills) wird dazu die Bier-Flüssigkeit erhitzt, Alkohol und Aromastoffe verdampfen und kondensieren. Der "new make" wird mit Wasser danach auf sogenannte Fassstärke (63,5 Prozent) verdünnt, ehe er für mehrere Jahre in die Fässer zur Reifung kommt. Drei Jahre muss er dort mindestens lagern und dabei auf schottischem Boden verbleiben, ehe er sich schottischer Whisky (Scotch) nennen darf.

Soviel zur Theorie, nun zur Whisky-Reise: Sie beginnt in Glasgow, denn direkte Flüge aus Berlin gibt es nur in Schottlands größte Stadt. Von hier aus geht es von den Lowlands durch die Speyside in die Highlands - über Edinburgh, Dundee bis nach Inverness - und auf direktem Weg zurück nach Glasgow. Eine Woche Schottland pur. Eine Woche Whisky-Traditionen und Whisky-Tastings.

Auchentoshan

Auchentoshan destilliert dreifach: ein Novum in Schottland.
Auchentoshan destilliert dreifach: ein Novum in Schottland.(Foto: Andreas Griebel)

Idyllisch und etwas nördlich von Glasgow liegt die Auchentoshan Distillery. Sie ist neben Glenkinchie und Bladnoch eine der momentan drei verbliebenen Lowland-Destillerien. Auchentoshan - der Name kommt aus dem Gälischen und bedeutet in etwa "Ecke des Feldes" - besteht seit 1823 und gehört heute zum japanischen Suntory-Konzern. Sie ist derzeit Schottlands einzige Whisky-Brennerei, die das Prinzip der Dreifachdestillation anwendet. Dadurch liegt der Alkoholgehalt des "new makes" bei 80 bis 82 Prozent und somit deutlich höher als die üblichen rund 70 Prozent.

Das Ergebnis dieser Dreifachdestillation ist farblos und erhält erst nach der jahrelangen Lagerung in Ex-Bourbon-Fässern seine typische goldgelbe Farbe und Geschmack: Weich und zart, fast schon leicht, ist der Charakter des Auchentoshan Classic Single Malt. Ein süßer Geruch, der an braunen Zucker erinnert, umgibt ihn. Die Varianten reichen dabei bis zu einer Lagerung von 21 Jahren. Neben den klassischen Ex-Bourbon-Eichenfässern kommen beim sogenannten Finishing auch Portwein- oder Sherryfässer zum Einsatz. Zudem sind auch mehrere limitierte Sonderabfüllungen auf dem Markt. Für Whisky-Einsteiger ist der Auchentoshan Three Wood zu empfehlen, der in drei verschiedenen Fassarten gereift ist. Connaisseuren sei der 18- oder 21-Jährige ans Herz gelegt. Probieren kann man bei Auchentoshan nahezu die gesamte Bandbreite der Produkte. Mit etwas Glück sogar kostenlos.

Glenkinchie

Hier entsteht Glenkinchie Whisky.
Hier entsteht Glenkinchie Whisky.(Foto: Andreas Griebel)

Wie Auchentoshan ist auch die in der Nähe der schottischen Hauptstadt Edinburgh gelegene Destillerie Glenkinchie nicht mehr in schottischem Besitz. Sie gehört dem Spirituosenkonzern Diageo - und das schon mehr als 25 Jahre. Die Brennerei profitiert von den weltumspannenden Vertriebsmöglichkeiten. Der Besucher der Destillerie wiederum kann nach der Besichtigungstour an der Bar auch Erzeugnisse anderer Konzernmarken probieren, wie etwa Dalwhinnie (Highlands), Cragganmore (Speyside), Talisker (Isle of Skye) oder Lagavulin (Islay).

Eine weitere Besonderheit von Glenkinchie: Der Großteil der Jahresproduktion, die bei etwa 14.000 Hektolitern liegt, wird zur Blend-Herstellung benutzt. Das liegt daran, dass Diageo der Mutterkonzern der weltbekannten Blends Johnnie Walker und J&B ist. Lediglich 8 Prozent der Produktion werden als Single Malts verkauft. Der klassische Glenkinchie wartet mit einem frischen und zitrusfruchtigen Aroma auf. Empfehlenswert ist hier die Distiller's Edition, da der Single Malt ein Finishing in Amontillado-Sherry-Fässern erhalten hat und dadurch eine nussig-süße Note den Geschmack abrundet.

Tullibardine

Die Tullibardine Distillery in Blackford, bekannt etwa für das Golfhotel Gleneagles und das in Schottland beliebte Mineralwasser Highland Springs, ist noch relativ jung. Sie wurde 1949 gegründet, fußt aber auf Schottlands erster Brauerei. 1488 lieferte diese das Bier zur Krönung des schottischen Königs James IV. Deshalb prangt die königliche Krone heute auch auf jeder Flasche Tullibardine Whisky.

Fass für Fass für Fass: Lager der Tullibardine Distillery
Fass für Fass für Fass: Lager der Tullibardine Distillery(Foto: Andreas Griebel)

Die Brennerei, von einem Waliser gegründet, befindet sich mittlerweile wieder in schottischem Privatbesitz. Sie wurde mehrmals modernisiert und erhielt im neuen Jahrtausend auch ein Besucherzentrum. Die Destillerie liegt am Rande der Ochil Hills, direkt an der Autobahn. Dennoch ist sie nicht überlaufen. Die Touren durch die Produktion finden in kleinen Gruppen statt. Ein Besuch des Whisky-Lagers ist ebenso inklusive wie die Erklärung zum "Angels' Share", also dem Anteil des Whiskys, der während der Lagerung in den Holzfässern verdunstet. Zwei Prozent pro Jahr entschwinden so auf Nimmerwiedersehen - der Anteil für die Engel, die schottischen sind deshalb die glücklichsten der Welt.

Das Tasting umfasst drei Single Malts, darunter ein rein im Bourbon-Fass gereifter und ein Whisky mit Sherry-Finish. Auf Nachfrage sind weitere Verkostungen möglich, auch die eines 1966er Tullibardines. Die Flasche kostet 700 Pfund im Verkauf, ein Dram (rund 2 cl) ist bereits für 12 Pfund zu haben. Genießer kommen bei diesem butterweichen Whisky mit Aromen, die von bitterer Schokolade über Kirschen und Pflaumen reichen, voll auf ihre Kosten.

Glenfarclas

Blick in die Glenfarclas Distillery
Blick in die Glenfarclas Distillery(Foto: Andreas Griebel)

Ebenfalls im Privatbesitz befindet sich die Glenfarclas Distillery. Sie liegt direkt an der A95, unweit des Ballindalloch Castle und gehört seit Generationen, genauer seit 1865, der Grant-Familie - die wiederum nicht verwandt oder verschwägert ist mit den Grants, denen die größte noch in Privatbesitz befindliche Destillerie Schottlands, Glenfiddich, gehört. Bereits seit Anfang der 1970er Jahre gibt es ein Besucherzentrum, ein Novum damals, das aber für stetig steigende Verkaufszahlen gesorgt hat.

Heute ist der Single Malt aus dem Hause Glenfarclas mehrfach prämiert und genießt deshalb nicht nur bei Genießern, sondern vor allem bei Blendern einen hervorragenden Ruf. Er gehört zur sogenannten Kategorie I, was bedeutet, dass nahezu jeder Blender ihn für sein Produkt benutzen will. Empfehlenswert ist neben einer Führung durch die Produktion auch ein erweitertes Tasting. Glenfarclas Single Malts zeichnen sich durch ihren starken Sherry-Einfluss aus. Die Bandbreite der Malts reicht vom 10-Jährigen bis hin zum 40-Jährigen. Zudem sind einige Sonderabfüllungen zu haben. Der "105er", eine Abfüllung in Fassstärke (63,5 Prozent), überrascht dabei besonders. Denn trotz des hohen Alkoholgehalts ist er weich im Abgang und mit Apfel- und Toffeenoten sehr komplex im Geschmack.

Glenmorangie

Glenmorangie gehört zu den bekanntesten und meistgetrunkenen Single Malts der Welt.
Glenmorangie gehört zu den bekanntesten und meistgetrunkenen Single Malts der Welt.(Foto: Andreas Griebel)

Ist man in Inverness angekommen, kommt man an einem Besuch der Glenmorangie Distillery nicht vorbei. Sie ist im Besitz des Luxusgüterkonzerns LVMH, die die Gruppe 2004 für 300 Millionen Britische Pfund gekauft hat. Glenmorangie gilt als einer der Finishing-Pioniere. Zudem sind in der Destillerie die mit 5,14 Meter höchsten Brennblasen Schottlands zu bestaunen.

Neben den klassischen Single Malts in verschiedenen Reifealtern führt Glenmorangie auch verschiedene Finishs, etwa Sherry, Port, Madeira oder Burgunder. Eine Probe des 10-jährigen in Ex-Bourbon-Fässern gereiften Single Malts ist in der Tour inbegriffen. Weitere Tastings kosten dann extra. Glenmorangie ist der meistverkaufte Single Malt in Schottland und weltweit nach Glenfiddich, Glenlivet und Macallan die Nummer vier. Probiert haben sollte man den Signet, das Topprodukt der Destillerie, die zudem seit 2009 eine jährliche Sonderabfüllung auf den Markt bringt, die sich zunehmender Beliebtheit - auch bei Sammlern - erfreut. Die bisher letzte dieser Serie heißt Artein. Die Preise für eine Flasche sind innerhalb weniger Monate um rund 30 Prozent gestegen.

Tomatin

Tomatin war in den 1970er Jahren mit einer Jahresproduktion von 12 Millionen Litern die größte Whisky-Brennerei Schottlands. Zeitweise lagen in den Hallen vor Ort mehr als 320.000 Fässer Whisky. Den Mitarbeitern wurden Häuser und Wohnungen unweit der Destillerie gestellt. Diese Zeiten sind lange vorbei. Vor dem Ruin rettete sie Mitte der 1980er Jahre ein japanisches Konsortium.

Heute gehört Tomatin noch immer zu den größten zehn Whisky-Brennereien des Landes. Allerdings wird ein Großteil des Single Malts direkt nach Japan exportiert, wo er zur Blend-Herstellung verwendet wird. Mit "Antiquary" stellt Tomatin einen eigenen Blend her. Die Single Malts reichen vom leichten, fast schon süffigen 12-Jährigen bis zum runden 40-Jährigen. Ein Besuch der 315 Meter hoch gelegenen Destillerie (die dritthöchstgelegene Schottlands) lohnt sich auch deshalb, weil sie die Möglichkeit bietet, Flaschen direkt vom Fass und mit dem eigenen Namen versehen abzufüllen.

Edradour

Idyllisch und klein: Edradour Distillery
Idyllisch und klein: Edradour Distillery(Foto: Andreas Griebel)

Jede schottische Whisky-Destillerie versucht mit einer Besonderheit aufzuwarten, die sie unverwechselbar macht: die größten Brennblasen, die höchsten Brennblasen, die meisten Brennblasen … Edradour punktet anders: Sie ist die kleinste Destillerie Schottlands, noch kleiner und sie wäre illegal, heißt es. Sie liegt im Weiler Balnaud, verborgen in einem kleinen Tal oberhalb der Stadt Pitlochry. Edradour sieht aus, wie man sich ein Hobbit-Dorf vorstellt: klein und schnuckelig, Idylle pur. Hier gehen die Uhren noch anders. Das erkennt man auch daran, dass ein Trabant als Dauergeschenk einer ausgewanderten Deutschen, die nun im Besucherzentrum von Edradour arbeitet, auf dem Gelände seine letzte Ruhestätte gefunden hat.

Die Touren durch die Destillerie sind mit 7,50 Pfund nicht billig, die Gruppen zudem recht groß, aber im Preis inbegriffen ist ein Nosing-Glas sowie zwei Dram Single Malt: ein kühlgefilterter und ein sogenannter non chill-filtered. Letzterer kann sich bei kühleren Temperaturen eintrüben. Allerdings wird ihm auch, da die Schwebstoffe als Aromenträger nicht herausgefiltert wurden, ein runderer Geschmack nachgesagt. Diesem Phänomen kann man bei dem Edradour-Tasting selbst auf den Grund gehen.

Ein weiteres Plus: Ein Besuch des Lagers der zu einem unabhängigen Abfüller gehörenden Destillerie gehört zur Tour. In dem Lagerhaus ruhen auch Fässer anderer Destillerien, teilweise aus den 1950er Jahren. Edradour wirbt damit, der einzige noch handgemachte schottische Single Malt zu sein. Wenn man die Größe der Produktion sieht, glaub man das sofort.

Sieben Destillerien in sieben Tagen: Es geht noch deutlich mehr, denn in der Speyside stehen manche Destillerien Tür an Tür. Allein in und um Dufftown könnte der Whisky-Fan Wochen zubringen. Wie heißt es doch so schön: Es ist ein langer Weg zum Whisky-Experten - aber es ist eine schöne Zeit dahin!

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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