Panorama

Wieder BrückenwerferAuto von Stein getroffen

27.03.2008, 17:45 Uhr

Drei Tage nach dem tödlichen Holzklotz-Wurf bei Oldenburg ist ein Wagen auf der Autobahn 2 von einem Stein getroffen worden, der von einer Brücke nahe Castrop-Rauxel geworfen wurde.

Drei Tage nach dem tödlichen Holzklotz-Wurf bei Oldenburg ist ein Wagen auf der Autobahn 2 in Nordrhein-Westfalen von einem Stein getroffen worden. Der Stein sei von einer Brücke nahe der Ausfahrt Henrichenburg bei Castrop-Rauxel geworfen worden, teilte die Polizei in Recklinghausen mit. Der 45 Jahre alte Fahrer, der allein in Fahrtrichtung Oberhausen unterwegs war, blieb unverletzt. "Er hat aber einen Riesenschreck bekommen", sagte ein Polizeisprecher.

Das Wurfgeschoss verursachte eine faustgroße Splitterung auf der Windschutzscheibe, durchschlug die Scheibe aber nicht. Wer den Stein warf, war zunächst unklar. Das Geschoss wurde trotz einer Suchaktion zunächst nicht gefunden.

Am Ostersonntag war eine 33-Jährige auf der A 29 von einem Holzklotz getötet worden, der ebenfalls von einer Brücke geworfen worden war. Die zweifache Mutter starb vor den Augen ihrer Familie. Der 36 Jahre alte Ehemann, der am Steuer saß, sowie die neun und sieben Jahre alten Kinder erlitten einen schweren Schock. Die aus Telgte in Nordrhein-Westfalen stammende Familie war auf dem Rückweg aus dem Urlaub an der See. Derzeit prüft die 23-köpfige Mordkommission "Brücke" rund 400 Personalien, um den Täter zu finden. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg setzte eine Belohnung von 6000 Euro aus. Eine heiße Spur gibt es noch nicht.

Beisetzung in Telgte

Unterdessen wurde die 33 Jahre alte Mutter in Telgte bei Münster beerdigt. Die Polizei in Warendorf teilte mit, die Zeremonie habe unter "großer Anteilnahme von Angehörigen und Freunden" stattgefunden. Etwa 400 Gäste seien bei der Trauerfeier in einer Kirche gewesen. Daran habe sich das Begräbnis angeschlossen. Der Termin sei auf Wunsch der Familie vorgezogen worden. Um einen ungestörten Ablauf zu gewähren, seien Polizeibeamte dabei gewesen.

Bei gefährlichen Eingriffen in den Straßenverkehr seien bis zu fünf Jahre Haft möglich, bei einem Tötungsdelikt wie in Oldenburg weitaus mehr, sagte der Polizeisprecher. Die Polizei patrouilliere derzeit verstärkt an Autobahnbrücken. Passanten sollten möglichst nicht auf Autobahnbrücken stehenbleiben und den Autofahrern zuwinken. Das verunsichere diese nur unnötig.

Nachahmungstäter

Schon am Mittwoch berichtete die Polizei in Nordrhein-Westfalen von Nachahmern. So sollen drei Kinder in Kempen ein Auto von einer Brücke aus mit einem Lehmklumpen beworfen haben. Über die möglichen Folgen ihres Tuns hatten sich die 12- und 13-jährigen Jungen laut Polizei angeblich keine Gedanken gemacht. Von einer Autobahnbrücke nahe Viersen ließ ein Jugendlicher einen leeren Getränkekarton auf die Fahrbahn fallen. In Süchteln wurde ein hartgekochtes Ei an die Windschutzscheibe eines Lastwagens geworfen. "Die Scheibe riss sternförmig", schilderte der Polizeisprecher.

"Soweit man Brückenwerfer bis heute kennt, machen sie sich keine Gedanken über die Folgen ihres Handelns", sagte der Münchner Psychologe Georg Sieber der "Süddeutschen Zeitung". "Menschen, die Dinge von Brücken werfen, tun das in der Regel ohne Tötungsabsicht." Sie brächten die Autos unter der Brücke nicht mit den darinsitzenden Menschen in Verbindung. Meist mache sie die Gelegenheit zu Tätern. "Ich kenne keinen Fall in den 40 Jahren, die ich die Polizei beraten habe, in dem sich ein Täter vorgenommen hat: Jetzt gehe ich zu der Brücke und werfe etwas herunter."

Negativer Ruhm

Für den Kriminalpsychologen Rudolf Egg treibt diese Menschen die Suche nach dem "negativen Ruhm eines Verbrechens" an. Wer nach dem tödlichen Wurf eines Holzklotzes von einer Autobahnbrücke ebenfalls Gegenstände auf fahrende Autos wirft, will neben Nervenkitzel und Machtgefühlen vor allem Aufmerksamkeit, sagte der Leiter der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden. Dabei spiele die oft breite Berichterstattung eine Rolle. Nachahmungstäter "werden ein Teil des Geschehens" - wenigstens für einen oder einen halben Tag.

Diese Menschen könnte die Kombination aus geringem Aufwand und der Spanne möglicher Folgen locken - nämlich von nichts bis zu tödlich. Über die möglichen Folgen seien sie sich durchaus im Klaren, sagte Egg. Hinzu komme eine gewisse Kälte und Distanziertheit solcher Menschen. Da sie die Opfer weder kennen noch sehen können, versage auch die natürliche Hemmschwelle, anderen etwas anzutun. Zahlen über Steinewerfer und Nachahmungstäter gibt es laut Egg nicht. Nach seinen Beobachtungen flauen Nachahmungstaten etwa zwei bis drei Wochen nach einer gravierenden Tat ab - auch weil dann der Umfang der Berichterstattung über die Tat nachlässt.

Der Vorsitzende des Innenausschusses des Bundestages, Sebastian Edathy (SPD) schlug unterdessen vor, an bestimmten Brücken Überwachungskameras einzusetzen. Er sagte der "Nordwest-Zeitung", solche Videoaufzeichnungen könnten die Strafverfolgung erleichtern. Niedersachsens Verkehrsminister Walter Hirche (FDP) reagierte zurückhaltend. "Ich denke, solche Überlegungen sind legitim und notwendig, ob man an bestimmten viel befahrenen Stellen neue Gefahrensituation verhindern kann", sagte er. Ein solcher Vorfall könne aber noch nicht einmal "in einem Überwachungsstaat" verhindert werden.

Harte Strafen als Abschreckung

Nach dem tödlichen Holzklotz-Wurf von einer Autobahnbrücke bei Oldenburg in Niedersachsen fordern Unionspolitiker nach einem Bericht der "Passauer Neuen Presse" ein hartes Urteil für den Täter, um eventuelle Nachahmer abzuschrecken. "Ich glaube nicht, dass Videokameras die Lösung sind", sagte CSU-Innenexperte Hans Peter Uhl dem Blatt. Das Wichtigste sei, den Täter zu fassen und hart zu bestrafen: "Das hätte eine generalpräventive Wirkung. Alle, die auf die Idee kommen, so eine Verrücktheit zu begehen, müssen abgeschreckt werden", sagte Uhl. "Vielleicht können bauliche Maßnahmen helfen, Netze oder Glasscheiben an den Brücken", regte Unionsfraktionsvize Wolfgang Bosbach (CDU) an. Er riet allen Verkehrsteilnehmern, Verdächtiges den Behörden zu melden. Auch seien regelmäßige Patrouillen der Polizei an den Brücken wünschenswert.