Samstag, 30. Januar 2010
Weiterer Missbrauchsfall in Berlin: Canisius-Priester gesteht
Im Skandal um den jahrelangen sexuellen Missbrauch von Schülern am Berliner Canisius-Kolleg hat einer der beschuldigten Priester die Vorwürfe bestätigt.
Der frühere Sportlehrer und Jesuitenpater Wolfgang S. schrieb in einer vom "Spiegel" veröffentlichten Erklärung an seine Opfer, es sei "eine traurige Tatsache, dass ich jahrelang Kinder und Jugendliche unter pseudopädagogischen Vorwänden missbraucht und misshandelt habe". Daran sei "nichts zu entschuldigen". Der zweite Beschuldigte, der ehemalige Religionslehrer Peter R. aus Berlin, bestreitet dem Bericht zufolge dagegen sämtliche Vorwürfe.
Der "Spiegel" zitierte wörtlich aus der Erklärung des ehemaligen Sportlehrers S.: "Was ich dir und euch angetan habe, tut mir leid. Und falls du fähig bist, mir diese Schuld zu vergeben, bitte ich darum." Das Schreiben ist demnach datiert auf den 20. Januar. S. trat laut Bericht 1992 aus dem Orden aus. Dem Magazin sagte der ehemalige Priester, er sei mit seiner Vergangenheit vor Gott und der Welt im Reinen.
Kirche wusste seit 1991 Bescheid
Der heute in Südamerika lebende 65-Jährige gab an, bereits 1991 seine "damaligen deutschen Provinzialoberen eingehend über meine verbrecherische Vergangenheit informiert" zu haben. Der heutige Provinzialrat der Jesuiten in Deutschland, Stefan Dartmann, sagte dem "Spiegel", dass der Orden Kenntnis von den Straftaten des Paters am Canisius-Kolleg hatte. Der Orden habe jetzt eine Anwältin mit einer Prüfung der Akten beauftagt, "um festzustellen, was genau die Jesuiten damals wussten und welche Konsequenzen erfolgten".
Der Rektor des Canisius-Kollegs, Pater Klaus Mertes, hatte in einem am Donnerstag bekannt gewordenen Brief an 500 ehemalige Schüler geschrieben, dass mindestens zwei katholische Pater in den 70er und 80er Jahren die Straftaten begangen hätten. Bis Freitag meldeten sich laut "Spiegel" rund 20 ehemalige Schüler, die von sexuellen Übergriffen durch Wolfgang S. und Peter R. berichteten. Das Berliner Landeskriminalamt nahm Ermittlungen auf.
Mertes hatte bereits 2004 und 2005 von jeweils einem Missbrauchsfall erfahren. Damals hätten ihn die beiden Opfer um Diskretion gebeten, daher habe er nicht weiter recherchiert, sagte Mertes. Als sich bei ihm im Dezember und Januar dann jedoch fünf weitere Opfer meldeten, entschloss sich Mertes zu dem Brief.
Weiterer Missbrauchsfall in Berlin
Gegen einen Priester des Erzbistums Berlin wird intern wegen sexuellen Missbrauchs eines Jugendlichen ermittelt. Das in Rom anhängige Verfahren gegen den Priester der Gemeinde Heilig Kreuz im Stadtteil Hohenschönhausen sei noch nicht abgeschlossen worden. Weitere Untersuchungen seien nötig, sagte der Sprecher des Erzbistums, Stefan Förner, und bestätigte damit eine Mitteilung auf der Internetseite des Bistums. Der Geistliche, der kurz vor der Pensionierung steht, soll im Jahr 2001 einen Jugendlichen sexuell missbraucht haben. Das Opfer habe nicht gewollt, dass die Polizei eingeschaltet wird.
Der Fall war im Juli 2009 dem Berliner Erzbischof Georg Kardinal Sterzinsky vorgetragen worden. Dem beschuldigten Priester wurden laut Förner daraufhin alle Aktivitäten im Zusammenhang mit Jugendlichen untersagt. "Außerdem ist er bis auf weiteres nicht mehr seelsorgerisch tätig", sagte er. Wegen des Missbrauchsskandals am Canisius-Gymnasium habe man sich dazu entschlossen, jetzt an die Öffentlichkeit zu gehen.
AFP/dpa
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