Panorama

Massenimpfung in Haiti gestartetClinton wird Chefkoordinator

03.02.2010, 21:29 Uhr

Die Vereinten Nationen setzen den ehemaligen US-Präsidenten Clinton als Chefkoordinator für Hilfs- und Wiederaufbaumaßnahmen in Haiti ein. Hilfsorganisationen starten derweil eine Massenimpfung, um die Seuchengefahr zu bannen. Zudem gibt es scharfe Kritik an der Krisenpolitik der haitianischen Regierung.

Der frühere US-Präsident Bill Clinton wird auf Wunsch der Vereinten Nationen die Koordination aller internationalen Hilfs- und Wiederaufbaumaßnahmen in Haiti übernehmen. Das teilte UN-Sprecher Martin Nesirky nach einem Treffen zwischen UN-Generalsekretär Ban Ki Moon und Clinton in New York mit. Der Ex-Präsident war schon vor dem verheerenden Erdbeben vor drei Wochen als UN-Sondergesandter in Haiti tätig.

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Verschiedene Hilfsorganisationen starten eine Massenimpfung. Vor allem Kinder sind von Seuchen bedroht. (Foto: AP)

Die neue Aufgabe werde enorme Herausforderungen mit sich bringen und außergewöhnliche Anstrengungen erfordern, räumte Ban nach Angaben seines Sprechers bei der Unterredung mit Clinton ein. Aber er könne sich "keinen besseren Führer" als Clinton dafür vorstellen, sagte Ban. Aus diplomatischen Kreisen hieß es dazu, dass der frühere Präsident der ideale Mann für den Posten sei, weil er sowohl die Erfahrung aus den Jahren im Weißen Haus als auch das Ansehen als etablierter UN-Repräsentant mit sich bringe.

Opferzahl nach oben korrigiert

Die Zahl der bei dem verheerenden Erdbeben gestorbenen Menschen ist auf mehr als 200.000 gestiegen. Das gab Regierungschef Jean-Max Bellerive in der Hauptstadt Port-au-Prince bekannt. Damit korrigierte er die bislang offizielle Zahl von 170. 000 Toten deutlich nach oben. Etwa 4000 Erdbeben-Opfer verloren durch das Unglück einen Arm oder ein Bein oder mussten amputiert werden.

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Die Menschen protestieren gegen die untätige Regierung. (Foto: REUTERS)

Die USA wollen nach Angaben ihres Botschafters in Haiti die Zahl ihrer Soldaten im Land demnächst auf 6000 aufstocken. Sie sollen in erster Linie helfen, die Verteilung der Hilfsgüter zu sichern, sagte Kenneth Merten dem Radiosender Metropole. Das US-Militär beteilige sich außerdem am Wiederaufbau der Infrastruktur und kontrolliere den Flughafen von Port-au-Prince.

Massenimpfung gestartet

Wegen Seuchengefahr starteten Hilfsorganisationen eine Massenimpfung in der Erdbebenregion. Etwa 700.000 Menschen in etwa 500 provisorischen Lagern sollen gegen Masern, Tetanus und Diphtherie geimpft werden, darunter auch 140.000 Kinder. Die Verteilung von Lebensmitteln läuft nach Informationen aus dem Krisengebiet besser. Nur gelegentlich komme es aus logistischen Gründen zu Verzögerungen, sagte eine Mitarbeiterin der Welthungerhilfe in der Hauptstadt Port-au-Prince.

Unter anderem wird sich das Rote Kreuz mit über 30 Helferteams an der Impfaktion der Weltgesundheitsorganisation (WHO) beteiligen. Nach Angaben des Roten Kreuzes sind Kinder wegen der unzureichenden hygienischen Verhältnisse in den Lagern ohne fließend Wasser, Abwasserkanalisation und Müllentsorgung besonders gefährdet. Das Technische Hilfswerk (THW) hilft mit vier mobilen Anlagen in der Hauptstadt Port-au-Prince und in Léogâne, die Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser für mehrere Monate sichert zu stellen.

Kritik an Regierung

Derweil wächst die Kritik an der zögerlichen Reaktion der Regierung auf das verheerende Erdbeben vor drei Wochen. Oppositionelle Senatoren fordern die Einsetzung einer Notstandsregierung. Es müsse dringend ein Wiederaufbauplan verabschiedet werden, betonten sie in ihrer ersten Sitzung mit Premierminister Jean Max Bellerive seit der Katastrophe. Bislang habe sich die Regierung als unfähig erwiesen, kritisierten sie nach einem Bericht des Senders Metropole.

Aus Protest gegen Engpässe bei der Verteilung von Hilfsgütern gingen in Port-au-Prince mehrere hundert Menschen auf die Straße. Die Demonstranten versammelten sich im Stadtteil Pétionville, wie Augenzeugen berichteten. Sie verlangten Lebensmittel, Wasser, Arbeitsplätze und Schulen für ihre Kinder. "Die haitianische Regierung hat nichts für uns getan, sie hat uns keine Arbeit gegeben", klagte ein Demonstrant, der seit dem schweren Erdbeben am 12. Januar in einer Notunterkunft lebt.

Angst vor einstürzenden Schulen

Unterdessen weigerten sich Eltern an mehreren Orten, ihre Kinder in die wieder eröffneten Schulen zu schicken. Sie fordern eine Begutachtung der Gebäude durch Experten. Beschädigte Gebäude könnten bei einem Nachbeben leicht einstürzen. Die Regierung hatte die Wiederaufnahme des Schulunterrichts in acht Départements angeordnet, die von dem Beben verschont geblieben waren. Das Bildungsministerium geht davon aus, dass 75 Prozent der Schulen beschädigt wurden.

Die für Ende Februar geplanten Parlamentswahlen in Haiti wurden inzwischen offiziell verschoben. Ein neues Datum stehe noch nicht fest, hatte die Wahlkommission in Port-au-Prince mitgeteilt. Die Gebäude der Wahlkommission waren ebenso wie zahlreiche Regierungsgebäude bei dem Erdbeben vor drei Wochen stark beschädigt worden. Die Regierung berät über einen Vorschlag, das Mandat der 99 Abgeordneten und elf Senatoren um zwei Jahre zu verlängern. Präsident René Préval und sein Kabinett tagen derzeit in einem Polizeigebäude beim Flughafen.

Quelle: dpa/AFP