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Kriminaltechniker am Fundort einer Babyleiche in Frankfurt/Main.
Kriminaltechniker am Fundort einer Babyleiche in Frankfurt/Main.(Foto: picture-alliance/ dpa)

"Eine Art störendes Objekt, das weg muss": Das Phänomen der Säuglingstötung

Von Solveig Bach

In den Jahren 2006 und 2007 werden in Schleswig-Holstein zwei Babyleichen gefunden. Jetzt gesteht die Mutter insgesamt fünf Tötungen - kein Einzelfall. In jedem Jahr werden in Deutschland etwa 30 Neugeborene meist von ihren Müttern direkt nach der Geburt getötet. Taten, die schwer zu verstehen und kaum zu verhindern sind.

In Potsdam wird ein tot aufgefundener Säugling beigesetzt.
In Potsdam wird ein tot aufgefundener Säugling beigesetzt.(Foto: picture alliance / dpa)

Babyleichen, in Blumentöpfen vergraben, in Mülltonnen entsorgt, in der Kühltruhe tiefgefroren - immer wieder werden solche Fälle bekannt. Im Laufe der polizeilichen Ermittlungen wird meist deutlich: Die Kinder wurden gleich nach der Geburt getötet oder unversorgt liegen gelassen, bis sie starben. Diese sogenannten Neonatizide geschehen in den ersten 24 Stunden nach der Geburt.

Die Tötung des eigenen Kindes gilt als eine der schlimmsten Taten, die ein Mensch begehen kann. Die Tatsache, dass die eigene Mutter das absolut schutzlose Kind tötet, das sie gerade neun Monate lang ausgetragen hat, ist für viele Menschen komplett unverständlich. Dennoch werden in Deutschland jährlich etwa 30 Neugeborenentötungen und Kindsaussetzungen oft mit Todesfolge bekannt.

"Getötete Neugeborene werden oft gar nicht als Kind wahrgenommen", gibt Theresia Höynck in diesem Zusammenhang zu bedenken. Die Professorin für Recht der Kindheit und der Jugend am Fachbereich Sozialwesen der Universität Kassel hat jahrelang zu Tötungsdelikten an Kindern geforscht. Die Täterinnen sähen in dem Baby vielmehr "eine Art störendes Objekt, was irgendwie weg muss", so Höynck. Häufig existiere gar kein Muttergefühl.

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf

Der Strafverteidiger Mirko Röder hat zahlreiche Frauen verteidigt, denen die Tötung ihrer Neugeborenen zur Last gelegt wurde. Er hat die Erfahrung gemacht, dass es zwei Grundformen der Schwangerschaft vor diesen Tötungen gibt: "die nicht wahrgenommene und die verdrängte Schwangerschaft". Der zweifache Vater hat allerdings große Schwierigkeiten zu glauben, dass eine Frau tatsächlich nicht bemerkt, wenn sie schwanger ist.

Immer wieder sagen die Frauen, das Kind habe nicht in ihre Lebensplanung gepasst.
Immer wieder sagen die Frauen, das Kind habe nicht in ihre Lebensplanung gepasst.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Doch sehr häufig erlebt er, dass die Frauen die Schwangerschaft verdrängen und komplett leugnen. "Das vorherrschende Gefühl ist: Ich will es nicht wahrhaben, ich kann es nicht wahrhaben." Die Frauen nehmen nicht an Vorsorgeuntersuchungen teil, sie ändern ihren Lebenswandel nicht. Sie rauchen also weiter, trinken Alkohol und verneinen auch auf Nachfragen, schwanger zu sein. Manche werden von der Geburt tatsächlich komplett überrascht. Auch Partner, Familie, Kollegen und Nachbarn betonen im Nachhinein häufig die Unkenntnis über die Schwangerschaft, ein Phänomen, das Höynck als "kollektive Verdrängung" beschreibt.

Schließlich bringen die Frauen die Kinder unter schwierigsten Umständen zur Welt. Sie sind fast immer allein und ohne medizinische Unterstützung, oft gebären sie auf der Toilette. Trotz des traumatischen Verlaufs verbergen die Frauen die Geburt. Die eigentliche Tötung des Neugeborenen wird dann als Problemlösung empfunden. Sie kann aktiv, beispielsweise durch Ersticken, oder passiv, wie durch Nichtversorgen oder Aussetzen, erfolgen.

Kaum kriminelle Energie

Nach der "Entsorgung" des Kindes nehmen viele Frauen ihr altes Leben wieder auf, als wäre nichts geschehen. Oftmals werden keinerlei Verdeckungsbemühungen unternommen, manchmal wird der Leichnam des Babys aber auch erst Jahre nach der Tat gefunden. Dabei kommt es immer wieder vor, dass die Fundorte in unmittelbarer Beziehung zum Leben der Frau stehen. Das können der Dachboden, der Keller, der Garten oder auch der Balkon des Wohnhauses sein. Mutmaßungen über ein Bedürfnis, das tote Kind in der Nähe zu behalten, scheinen dabei nicht zutreffend. Vielmehr gebe die dilettantische Art, die toten Säuglinge zu verstecken, Aufschluss darüber, wie irrational die Frauen handelten.

Allerdings ist dies nicht mit einer psychischen Erkrankung gleichzusetzen. Neue Forschungen belegen, dass die wenigsten Frauen, die ihre Babys töten, intellektuell minderbemittelt oder psychisch krank waren. Auch in gediegenen bürgerlichen Vierteln kann es zu Neugeborenentötungen kommen. Rechtsanwalt Röder sieht sich meist sehr jungen Frauen gegenüber. "Sie sind gerade dem Elternhaus entwachsen, genießen die neue Freiheit und verhüten nicht. Aus welchen Gründen auch immer kommen sie über die Fristenlösung hinweg, sagen es niemandem, tragen das Kind aus und dann muss es weg."

Die Frauen könnten das Kind in eine Babyklappe bringen, doch auf die Idee kommen sie nicht.
Die Frauen könnten das Kind in eine Babyklappe bringen, doch auf die Idee kommen sie nicht.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Gemeinsam ist den Frauen, dass es ihnen an Bewältigungsmechanismen für die Konfliktsituation mangelt, die aus der ungewollten Schwangerschaft entsteht. Deshalb können sie weder einen adäquaten Lösungsweg wählen noch eines der zahlreichen Hilfsangebote in Anspruch nehmen. Sie gehen nicht zur Schwangerenkonfliktberatung und denken gar nicht über einen Schwangerschaftsabbruch oder die Möglichkeit der Adoption nach. Das macht Prävention und Hilfe in diesen Fällen so schwierig. Angebote wie Babyklappen oder Anonyme Geburt sind deshalb in aller Regel kein Mittel, um den Kindern dieser Mütter das Leben zu retten.

Juristische Gratwanderung

Mit der Gleichstellung nichtehelicher Kinder gegenüber ehelichen wurde 1998 der Paragraph 217 StGB ersatzlos gestrichen. Er sah für unverheiratete Mütter, die ihre Kinder töteten, den privilegierten Tatbestand der "Kindstötung" und entsprechend mildere Strafen vor. Seitdem wird die Tötung von Kindern, auch von Neugeborenen, nach den Paragraphen zu Mord und Totschlag geahndet. Allerdings werden die Mütter in den seltensten Fällen wegen Mordes verurteilt. Das liegt zum einen daran, dass Mordmerkmale wie Habgier, Tötung zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, Mordlust oder Heimtücke so gut wie nie als erfüllt angesehen werden.

Röder erklärt das aber auch damit, dass die Rechtsprechung noch immer den Frauen ihre Ausnahmesituation zugutehält. "Wir sagen, die Gebärende, besonders die Erstgebärende, erlebt die Situation zum ersten Mal unter unsäglichen Schmerzen, hat vielleicht auch selbst Todesangst." Demnach befindet sich die Täterin "im Zustand der verminderten Schuldfähigkeit oder im Extremfall im Zustand der aufgehobenen Steuerungsfähigkeit." Wird Letzteres angenommen, muss die Frau freigesprochen werden.

Oft werden die Täterinnen wegen Körperverletzung mit Todesfolge, Tötung durch Unterlassen oder Totschlag in einem minder schweren Fall angeklagt. "Dann kommt es zu Bewährungsstrafen oder zu Freiheitsstrafen von drei Jahren, bei der die Frau ungefähr die Hälfte der Strafe absitzt, allerhöchstens zwei Drittel." Allerdings hat Röder auch schon Mordanklagen erlebt. "Ich habe eine Frau verteidigt, da war es die achte oder neunte Tötung eines Neugeborenen. Diese Frau hat im ersten Verfahren vor 10 Jahren zunächst auch Bewährung bekommen, aber sie hatte die Tötung der Babys dann zu ihrem System gemacht, mit diesen ungewollten Schwangerschaften umzugehen. Diese Täterin ist dann zu achteinhalb Jahren verurteilt worden, denn in diesem Fall kann man nicht mehr privilegieren und da wurde auch Mord angenommen."

Keine herzlosen Monster

Der erfahrene Strafverteidiger wehrt sich gegen die Einschätzung, die Frauen seien wegen ihrer Taten herzlos. Die meisten Frauen seien voller Empathie und Herzenswärme, aber oftmals auch sehr liebebedürftig. "Sie wollen Verständnis und Zuhören, aber auch Erklärungen."

Einige seiner Mandantinnen blieben noch lange nach der Tat mit Röder in Kontakt. "Die Tat und die Schuld werden sie nie wieder los", erzählt Röder. Die Frauen seien stigmatisiert, in der Familie, aber auch in der Öffentlichkeit, weil über die Fälle oft ausführlich berichtet werde. Richtig heikel werde es dann aber in der nächsten Schwangerschaft. "Es entsteht derselbe biologische und psychologische Vorgang, und jetzt muss es eine Aufarbeitung geben", warnt Röder, der deshalb darauf besteht, dass die Täterinnen psychologisch begleitet werden.

Die Zahlen der entdeckten Delikte sinken seit Jahren eher, betont die Kriminologin Höynck. Es ist allerdings von einer gewissen Dunkelziffer auszugehen, weil die Taten nicht entdeckt wurden. Vollständig zu verhindern sind Neonatizide ihrer Ansicht nach nicht - die Möglichkeiten von Prävention und Hilfe sind begrenzt, wenn die Frauen eine Notsituation verdrängen oder leugnen.

Quelle: n-tv.de

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