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Künftig wird es fast nur noch Geburten in Krankenhäusern geben.
Künftig wird es fast nur noch Geburten in Krankenhäusern geben.
Mittwoch, 21. Oktober 2015

Hohe Prämien und Entmündigung: Das schleichende Ende des Hebammenberufs

Von Diana Sierpinski

Wie steht es um eine Gesellschaft, die der Geburt neuen Lebens so wenig Wertschätzung schenkt? Der Beruf der Hebamme ist einer der ältesten Frauenberufe der Welt - und wird in Deutschland Stück für Stück ausradiert.

Ohne Hebammen kommt kaum ein Baby in Deutschland zur Welt. Sie sind die stillen Begleiter während der Schwangerschaft, der Geburt und im Wochenbett. Sie sind Vertrauensperson, Ernährungsberater und Psychotherapeuten in einem. Hebammen sind in Kliniken und in der freien Geburtshilfe ein enorm wichtiger Pfeiler. Doch dieser Pfeiler wackelt gewaltig. Dabei geht es längst nicht mehr nur um überteuerte Haftpflichtversicherungen, sondern auch um das Selbstbestimmungsrecht von Frauen.

Der Schiedstellenspruch, der den Dauerstreit zwischen Krankenversicherungen und dem Deutschen Hebammenverband (DHV) beilegen sollte, ist aus Sicht der Hebammen eine klare Entmündigung der Geburtshelferinnen. Künftig soll es sogenannte "Ausschlusskriterien" geben, bei denen der Arzt darüber entscheidet, ob die Geburt zu Hause oder im Geburtshaus stattfinden darf. Ein solches "Ausschlusskriterium" ist bereits, wenn die gebärende Frau den errechneten Geburtstermin um drei Tage überschreitet, was bei mehr als 40 Prozent der werdenden Mütter der Fall ist.

"Das bedeutet in der Praxis, dass Hebammen die Fähigkeit abgesprochen wird zu entscheiden, wann eine Schwangerschaft nicht mehr regelgerecht verläuft", heißt es beim DHV. Normale Geburten würden somit zu "Himmelfahrtskommandos" erklärt und die Hebammen vermittelt durch "finanzielle Sachzwänge" entmündigt. Frauen und Eltern haben damit keine selbstbestimmte freie Wahl des Geburtsortes mehr, obwohl diese gesetzlich zugesichert ist.

Dass die Geburtshilfe auf einen völlig neuen Stand gestellt werden soll, prophezeite Susanne Grünhagen bereits im vergangenen Jahr. Die Berlinerin, die vor 22 Jahren ein Geburtshaus eröffnete, warnte im Gespräch mit n-tv.de davor, dass der Beruf der Hebamme stark in Gefahr ist, ausradiert zu werden. Die hohen Prämien für die Haftpflicht seien nur ein Mittel, um die Geburt wieder komplett in die Klinik zu verlagern.

Hebammen werden wegrationalisiert

Das Haftpflicht-Dilemma

6274 Euro muss eine selbständige Hebamme für ihre berufliche Haftpflichtversicherung pro Jahr berappen. Vor 15 Jahren lag die Versicherungssumme noch bei 404 Euro. Bei einem Durchschnittsverdienst zwischen 1250 und 2100 Euro brutto ist das eine große finanzielle Hürde, vor der in den vergangenen Monaten schon etliche Hebammen kapituliert haben.

Rund 21.000 Hebammen gibt es hierzulande, doch nur ein Bruchteil von ihnen hilft noch den Babys auf die Welt. Mit der letzten Erhöhung der Haftpflichtversicherung mussten laut Hebammenverband erneut 145 freiberufliche Hebammen die Geburtshilfe aufgeben. Die 2348 versicherten Hebammen, die noch freiberuflich Geburten begleiten, zahlen unter Umständen sogar drauf.

Das Argument, dass die meisten Frauen doch ohnehin eine Geburt im Krankenhaus bevorzugen, greift zu kurz. Denn anders als vielfach berichtet, geht es in der aktuellen Entwicklung nicht nur um Hausgeburten, sondern vor allem um die Betreuung der Frauen während und nach der Schwangerschaft.

Neben der Begleitung zur Geburt ist auch die Wochenbettbetreuung in Gefahr. Denn je weniger Hebammen es in der Fläche gibt, sei es mit oder ohne Geburtshilfe, desto schlechter ist es um die Wochenbettbetreuung bestellt. Obwohl eine Studie bereits vor Jahren die beginnende Unterversorgung belegte, ignoriert die Politik diesen Umstand beharrlich.

Dabei ist der Mangel für viele Schwangere schon jetzt spürbar. Die wenigen Hebammen, die durchhalten, sind oft Monate im Voraus ausgebucht. Auf einer "Landkarte der Unterversorgung" sammelt der DHV Fälle, in denen Frauen keine Hebamme gefunden haben. Über 3037 Einträge sind dort bislang aufgelistet. Täglich kommen neue hinzu.

Überfüllte Wartezimmer und verzweifelte Eltern

Auch den festangestellten Hebammen in den Krankenhäusern stehen harte Zeiten bevor. In vielen Kreißsälen bleiben Stellen unbesetzt. Wo es geht, wird rationalisiert und die Hebammen immer mehr von ihren Aufgabengebieten entmündigt. Dass eine Hebamme ohne ärztliche Überwachung eine Geburt im Krankenhaus begleiten darf, ist zur Seltenheit geworden.

Und diese Entwicklung wird sich weiter verschärfen. Für das nächste Jahr prophezeien die Hebammenverbände überfüllte Wartezimmer und verzweifelte Eltern. Viele Frauen leben weit weg von ihrer Familie, der direkte Draht zur Mutter oder Großmutter fehlt. Wenn dann auch noch die Hebammen wegfallen, werden sie mit ihren Fragen und Sorgen alleine gelassen. Schon jetzt deutet vieles darauf hin, dass es mehr und mehr Kaiserschnitte geben wird, weil Geburten sonst nicht in den Klinikablauf integriert werden können.

Die Geburt eines Kindes wird also immer stärker auf den Moment der "erfolgreichen" Entbindung rationalisiert. Leidtragende der allmählichen Abschaffung des Hebammenwesens sind sowohl die entmündigten Geburtshelferinnen als auch die werdenden Mütter, die sich nun, je nach Geldbeutel, ihre Vor- und Nachsorge selbst besorgen müssen.

Quelle: n-tv.de

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