Panorama

30 Jahre nach "Wiesn"-Attentat : "Der Fall ist nicht zu Ende"

Es war das blutigste Attentat in der Geschichte der Bundesrepublik. Vor 30 Jahren riss eine Bombe auf dem Oktoberfest 13 Menschen in den Tod und verletzte mehr als 200. Bis heute glauben viele nicht, dass ein einzelner Rechtsradikaler aus persönlichem Frust die Tat beging.

Bei dem Attentat wurden 13 Menschen getötet und 210 zum Teil schwer verletzt.
Bei dem Attentat wurden 13 Menschen getötet und 210 zum Teil schwer verletzt.

Eine Stichflamme, ein Feuerball, dann mitten im bierseligen Oktoberfestausklang schreiende Menschen - die Schreckenstat ist auch nach 30 Jahren unvergessen. Am 26. September 1980 um 22.19 Uhr explodierte in der Menschenmenge die Bombe eines Rechtsradikalen. In einem Umkreis von 30 Metern liegen verstümmelte Leichen, Verletzte rufen um Hilfe. Die Bilanz: 13 Tote, unter ihnen drei Kinder, und mehr als 200 Verletzte.

Noch immer gibt es Zweifel, ob der Rechtsradikale Gundolf Köhler die Tat gut eine Woche vor der Bundestagswahl alleine und nur aus persönlichem Frust begangen hat. Nach einem Bericht des "Spiegel" gibt es in einem Nachlass aus Süddeutschland möglicherweise neue Hinweise darauf, dass ein Hauptzeuge des Attentats ein aktiver Rechtsradikaler gewesen sein und Verbindungen zum Verfassungsschutz gehabt haben könnte.

Der Attentäter, der 21-jährige Geologie-Student aus Donaueschingen und frühere Anhänger der dann verbotenen rechtsextremistischen "Wehrsportgruppe Hoffmann", hatte nach einer verpatzten Prüfung den Sprengsatz mit 1,39 Kilogramm TNT in einem Mülleimer am Wiesn- Haupteingang deponiert. Er starb selbst bei der Explosion. Das Fest wurde für einen Tag unterbrochen. Als eine Konsequenz gibt es auf der Wiesn keine öffentlichen Abfalleimer mehr.

Beweismittel vernichtet

Undatiertes Foto des zum Zeitpunkt des Attentats 21-jährigen Täters Gundolf Köhler.
Undatiertes Foto des zum Zeitpunkt des Attentats 21-jährigen Täters Gundolf Köhler.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Opfervertreter und Politiker verlangen bis heute die Wiederaufnahme des Verfahrens. Erst im August habe er einen Bescheid der Bundesanwaltschaft bekommen, es gebe keinen Anlass, die Ermittlungen wieder aufzunehmen, sagt Opfer-Anwalt Werner Dietrich. Im aktuellen "Spiegel" sagt der SPD-Bundestagsabgeordnete und Rechtsexperte Peter Danckert: "Ich lasse nicht locker, bis das Ermittlungsverfahren wieder aufgenommen wird."

Ein "dicker Hammer" ist für Dietrich, aber auch für den Autor Ulrich Chaussy und den damaligen Kreisverwaltungsreferenten und Juristen Klaus Hahnzog (SPD), dass die Beweismittel von damals Ende der 1990er Jahre vernichtet wurden. Andere, Jahrzehnte zurückliegende Verbrechen würden heute mit den neuen kriminaltechnischen Verfahren neu aufgerollt und vielfach gelöst. "Gegen RAF-Leute sind Verfahren wegen Taten aus den 1960er Jahren im Gange", sagt Hahnzog, und Dietrich betont: "Das wäre eine Fundgrube für Kriminalisten heute gewesen." Etwa gab es mehr als 40 Zigarettenkippen unterschiedlicher Marken aus Köhlers Auto sowie ein Stück einer abgerissenen Hand, deren Fingerabdruck sich auf Dingen in Köhlers Wohnung fand und die niemandem zugeordnet werden konnten.

"Unbehagen an der Einzeltäterthese"

Mahnmahl am Haupteingang des Münchner Oktoberfestes.
Mahnmahl am Haupteingang des Münchner Oktoberfestes.(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Chaussy, der den Fall unter anderem in dem Buch "Oktoberfest. Ein Attentat" aufarbeitete, sieht sein "Unbehagen an der Einzeltäterthese" nach jüngsten Recherchen im Bundesarchiv noch bestärkt. "Wir wissen ja bis heute so gut wie nichts über den Anschlag." Nicht einmal, wie die Bombe gezündet wurde, sei bekannt. Und: "Ich kann das Psychogramm des Täters noch weniger verstehen."

Die Bundesanwaltschaft befand damals, Köhlers Motiv könne "sowohl auf eine schwere Persönlichkeitskrise als auch auf Unzufriedenheit mit den politischen Verhältnissen" zurückgehen. Eine zeitweise 100 Mann starke Sonderkommission überprüfte mehr als 860 Hinweise, befragte 1800 Zeugen und erstellte 100 Gutachten, bis der Fall gut zwei Jahre später zu den Akten kam. Ein Tatverdacht gegen andere Personen habe sich nicht ergeben, erklärten die Ermittler.

Anderen Vermutungen zufolge könnte Köhler mit anderen Rechten zusammen ein Nachahmungstäter gewesen sein, der den Anschlag Rechter acht Wochen zuvor auf den Bahnhof von Bologna mit 85 Toten zum Vorbild nahm. Augenzeugen wollen in dem Auto, in dem Köhler nach München kam, Mitfahrer gesehen haben, die sich gestikulierend unterhielten.

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Quelle: n-tv.de

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