Panorama

Alte Inhalte in neuem Gewand: Der Papst, ein barmherziger Sünder

Ein Kommentar von Fabian Maysenhölder

In einem erstaunlich offenen Interview spricht Papst Franziskus über Themen wie Homosexualität, Frauen in der Kirche und Wiederheirat. Er ruft zu Barmherzigkeit auf und kritisiert die Einstellung seiner Kirche. Inhaltlich bleibt jedoch alles beim Alten.

Auch Papst Franziskus kritisiert oft nur vorsichtiger, als einem der mediale Hype glauben machen will: "Die Lehre der Kirche ist eindeutig, und ich bin ein Sohn der Kirche."
Auch Papst Franziskus kritisiert oft nur vorsichtiger, als einem der mediale Hype glauben machen will: "Die Lehre der Kirche ist eindeutig, und ich bin ein Sohn der Kirche."(Foto: picture alliance / dpa)

Wer ist Jorge Mario Bergoglio? Diese Frage stellte der Chefredakteur der Jesuitenzeitschrift "Civiltá Cattolica" Papst Franziskus zu Beginn eines aufsehenerregenden Interviews. Nach kurzem Zögern antwortet der Argentinier: "Ich bin ein Sünder."

Die Frage des Interviewers könnte, sei sie noch so schlicht, kaum besser gestellt sein. Denn einmal mehr fragt man sich in diesen Tagen: Wer ist dieser Mann im Vatikan, auf dem so viele Hoffnungen ruhen; der es wie schon lange kein Kirchenmann mehr schafft, die Sympathien vieler Menschen auf sich zu ziehen?

Das Oberhaupt der katholischen Kirche spricht in dem Interview offen und selbstkritisch über seine Kirche und sich selbst. Vor allem seine Aussagen zu Homosexualität, Frauen in der Kirche und Geschiedene und Wiederverheiratete sorgen für Aufruhr. Kommt nun die Zeit der Reformen in der katholischen Kirche? Bei aller Euphorie sollte man einen Gang zurückschalten. Der Argentinier mag ein sympathischer Geistlicher sein, der richtige Wege einschlägt – doch was er im aktuellen Interview sagt, ist nichts Neues.

Dogma bleibt Dogma

Anders als im medialen Rausch der Eindruck entstehen könnte, hält Franziskus nämlich uneingeschränkt an den bestehenden Dogmen fest. Auf die Frage nach Homosexuellen Partnerschaften, Abtreibung und Verhütung lautet seine Antwort zum Beispiel: "Die Lehre der Kirche ist eindeutig, und ich bin ein Sohn der Kirche." Distanzierung sieht anders aus. Sätze wie dieser sind vor allem eines: Eine klare Absage an alle diejenigen, die nach strukturellen und dogmatischen Reformen in diesem Bereich rufen.

Franziskus geht hingegen einen anderen Weg. Wenn er seine Kirche in die Pflicht nimmt, dann kritisiert er nicht die existierenden Dogmen. Er kritisiert vor allem zwei Dinge. Erstens beklagt er die Verkürzung der christlichen Botschaft auf einzelne Aspekte der kirchlichen Lehre, zum Beispiel der Sexualethik. Und damit zeigt er zugleich auf diejenigen außerhalb der katholischen Gemeinschaft, die, wenn sie von Kirche reden, eigentlich nur (Sexual-)Moral meinen. "Wir müssen eine neue Balance finden", sagt Franziskus in dem Gespräch. Man könne nicht immer nur über "solche Dinge" reden, der Kern des Evangeliums sei ein anderer. "Das Angebot des Evangeliums muss einfacher sein, tiefsinniger und strahlender. Daraus folgen dann die moralischen Konsequenzen", so das geistliche Oberhaupt.

Zweitens kritisiert der Papst den Umgang seiner Kirche mit ihren Gläubigen. Durch seine Aussage, er selbst sei ein Sünder, signalisiert er: Kein Mensch, auch nicht der Papst, ist frei von Fehlern. Niemand könne sich deshalb anmaßen, über andere zu urteilen. Theologisch differenziert Franziskus dabei klar, ohne es explizit auszusprechen. Die Sünde bleibt für ihn Sünde; das einzelne Individuum aber muss von dieser getrennt betrachtet werden. Der Oberhirte wirbt für Barmherzigkeit und für individuelle Begleitung jeder einzelnen Person. Und zwar schlicht deshalb, weil alle Menschen diese nötig haben – und es keinem Menschen zusteht, über einen anderen zu urteilen.

Alte Inhalte, neue Position

Doch ist das alles neu? Keineswegs. Zwar hat noch kein Papst so offene Worte gefunden, wenn es um solche Themen geht. Wohl aber ein Kardinal. Und nicht ganz überraschend hieß dieser Kardinal: Jorge Mario Bergoglio.  In einem Interview-Buch, veröffentlicht im Jahre 2010 ("El Jesuita") schlägt Bergoglio in genau dieselbe Kerbe. Dort spricht er von einem Reduktionismus der Kirche auf moralische Aspekte, der letztlich den einzelnen Menschen abwertet. Er beklagt die Verkürzung des Evangeliums auf Themen der Sexualmoral, die dazu führe, dass die christliche Botschaft vernachlässigt werde. Er weigert sich, das Wort "verurteilen" in den Mund zu nehmen, wenn es um Frauen geht, die eine Abtreibung durchführen. Neu an Franziskus' Aussagen ist nur, dass er es diesmal etwas deutlicher in seiner Funktion als Papst sagt. Wer Bergoglio kennt, dürfte von seinen Äußerungen aber nicht überrascht sein, denn sie liegen nur konsequent auf der Linie, die er bislang auch vertreten hat.

Dennoch: Das Interview des Papstes ist ein richtiger und wichtiger Wegweiser für die Zukunft. "Strukturelle und organisatorische Reformen sind sekundär. Die erste Reform muss die Einstellung sein" – so klar formuliert es Franziskus selbst in dem Gespräch. Ihm geht es nicht um dogmatische Reformen. Wer diese erwartet, setzt Hoffnungen auf den Papst, die er nicht erfüllen wird. Ihm geht es um einen Wandel in der Grundhaltung der Gläubigen, um eine Veränderung der Stimmung in der katholischen Kirche. Er möchte weg von Diskussionen, die allenfalls den Rand dessen berühren, was die christliche Lehre seiner Ansicht nach ausmacht. Solche Themen verlagert er ganz explizit in den Raum der persönlichen Seelsorge, denn nur so könne man dem Einzelnen gerecht werden.

Und so ist es nur folgerichtig, wenn Franziskus als Beispiel für das Zentrum der christlichen Lehre in dem Interview das Gleichnis des Barmherzigen Samariters anführt. "Geistliche müssen barmherzig sein, Verantwortung für die Menschen übernehmen und sie begleiten. Wie der Gute Samariter, der seinen Nachbarn  wäscht, reinigt und ihm wieder aufhilft. Das ist das unverfälschte Evangelium." Papst Franziskus, der Sünder, setzt durch sein Handeln alles daran, diese Botschaft glaubwürdig zu vermitteln. Er will damit die Fundamente für einen "wirklichen, effektiven Wandel" in der Kirche legen, wie er ebenfalls in dem Gespräch mit der Jesuitenzeitschrift betont. Es ist ihm zu wünschen, dass diese Strategie aufgeht.

Quelle: n-tv.de

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