Panorama

Liebe am Futternapf: Die Beziehungskiste von Mensch und Tier

Von Solveig Bach

Eine ganze Industrie verdient an der Liebe zum Haustier. Warum aber holen sich Menschen überhaupt ein Tier ins Haus, bringen Anschaffungs- und Tierarztkosten auf und verzichten vielleicht sogar auf Fernreisen? Wir können wohl nicht anders.

Mensch und Tier sind ein uraltes Gespann.
Mensch und Tier sind ein uraltes Gespann.(Foto: picture alliance / dpa)

Unter deutschen Dächern leben elfeinhalb Millionen Katzen und sieben Millionen Hunde, hinzu kommen unzählige Kaninchen, Hamster und Meerschweinchen, Wellensittiche, Zierfische und etliche Exoten. Tier und Mensch verbindet eine besondere Beziehung, aber welche? Ist es Freundschaft, Liebe oder doch eher eine Eltern-Kind-Konstellation? Wahrscheinlich ist es von allem ein bisschen, was am Ende zu einer sehr komplexen Verbindung führt.

"Eine gängige Annahme ist, dass Haustiere als Kindersatz aufgenommen werden", sagt Christina Hucklenbroich, die in ihrem Buch "Das Tier und wir" gerade die Trends und Krisen der modernen Haustierhaltung erkundet hat. Die studierte Veterinärmedizinerin ist dieser Frage nachgegangen, doch eine einfache Antwort hat sie nicht gefunden. "Es gibt sicher Tierhaltung, um eine gewisse Leere im Leben zu füllen oder Einsamkeit zu entgehen", sagt sie. Denn wer ein Tier hat, kann darüber in Kontakt mit anderen Menschen kommen, und zwar weit über das zufällige Treffen von gassigehenden Herrchen oder Frauchen hinaus.

Das belegt ein Versuch des Bonner Psychologen Reinhold Bergler. Er gab Altenheimbewohnern Wellensittiche in Pflege, eine Kontrollgruppe bekam keine. "Diejenigen, die Wellensittiche hatten, sagten, sie hätten während dieser Zeit nicht mehr über Schmerzen und Sorgen sprechen müssen, sondern hätten über positive Erfahrungen mit dem dem Wellensittich sprechen können", berichtet Hucklenbroich über die Ergebnisse der Studie. Das war offenbar so überzeugend, dass alle Teilnehmer ihre Vögel nach dem Versuchszeitraum auf eigene Kosten behalten wollten.

Die Gesellschaft ändert sich, auch für Tiere

Hucklenbroich ist jedoch vor allem die soziale Komponente vieler Veränderungen bei der häuslichen Tierhaltung aufgefallen. "Tiere werden zwar noch immer häufig in Mehr-Personen-Haushalten gehalten, aber Menschen mit Kindern nehmen dennoch inzwischen Abstand davon. Weil sich die Arbeit verändert hat, es mehr Stress gibt und auch Frauen häufiger arbeiten." So umreißt Hucklenbroich aktuelle Studienergebnisse. Wenn nicht immer jemand für das Tier da sein kann, gibt es kein Tier mehr.

Hucklenbroichs Buch ist bei Blessing erschienen und kostet 19,99 Euro.
Hucklenbroichs Buch ist bei Blessing erschienen und kostet 19,99 Euro.

Zwar quengeln auch heute noch Kinder nach einem Hund oder wenigstens einem Meerschweinchen, aber die Eltern geben nicht mehr so einfach nach. Die besten Chancen hat man noch, wenn die Mutter als Kind Tiere hatte. Dann ist die Wahrscheinlichkeit am höchsten, dass auch später Tiere in der Familie leben.

Wer jedoch die Tierhaltung ausschließlich auf ihre belastenden Komponenten untersucht, wird ihr offenbar nicht gerecht. Hucklenbroich war bei ihren Erkundungen überrascht, dass sogar die Einschränkungen von Tierhaltern als positiv wahrgenommen werden. "Die Tierhaltung grenzt die Möglichkeiten defintiv ein, man kann nicht mehr so spontan und flexibel reagieren. Aber es scheint auch eine Erleichterung zu sein, das nicht mehr tun zu müssen."Mit dem Hund als Begründung ist die alljährliche Reise an die Nordsee statt wechselnder Ziele keine Beschränkung mehr, sondern Ausdruck von Zuneigung dem Tier gegenüber.

Der innige Fütterungsmoment

Vor allem aber äußert sich die menschliche Fürsorge gegenüber dem tierischen Hausgenossen beim Füllen des Fressnapfes. Allein mit Tierfutter werden deutschlandweit rund 3,75 Milliarden Euro jährlich umgesetzt, errechneten Wirtschaftswissenschaftler der Universität Göttingen. "Viele Menschen genießen den Fütterungsmoment besonders, weil er so innig und rein positiv ist. Darauf reagiert die Futtermittelindustrie mit kleineren Packungen, damit die Leute diesen Moment mehrfach erleben können." Wer sein Tier gern hat, überträgt sogar die eigenen Ernährungsgewohnheiten auf Hund oder Katze. Längst ist veganes oder Bio-Tierfutter erhältlich. Und auch vom Barfen, also dem Füttern mit rohem Fleisch, Knochen und Gemüse sind immer mehr Tierhalter überzeugt. Hucklenbroich beobachtet außerdem, dass viele Menschen für ihre Tiere kochen oder wenigstens "Fertigfutter miteinander kombinieren und so eine Eigenleistung einbringen".

Längst ist das Problem des Übergewichts auch bei den Haustieren angekommen. Das steigende Gewicht zieht Knochen- und Gelenkserkrankungen oder Diabetes nach sich. "Insofern ist das Ausleben der Nähe zum Tier auch manchmal mit Schaden behaftet." Auf der anderen Seite hat die Veterinärmedizin weitere Fortschritte gemacht, inzwischen werden komplexe Operationen gemacht, um das Leben von Tieren zu verlängern. Tiere bekommen als chronische Patienten jahrelang Medikamente.

So werden freilaufende Hauskatzen heute 10 bis 15, Wohnungskatzen sogar 18 bis 20 Jahre alt. Das sind immerhin zwei Jahre mehr als noch vor zehn Jahren. Auch das Lebensalter von Hunden hat sich im Durchschnitt um ein Jahr verlängert, je nach Rasse auf 8 bis 15 Jahre. Problematisch wird es trotzdem für Arzt und Mensch gleichermaßen, wenn das Tier wirklich sterbenskrank ist. Unter Veterinärmedizinern wird zunehmend diskutiert, wie man Menschen, die eine so innige Beziehung zum Tier aufgebaut haben, dabei hilft, Abschied zu nehmen.

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Quelle: n-tv.de

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