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Geschredderter Salat: Die Epidemie erwischt die Landwirtschaft eiskalt.
Geschredderter Salat: Die Epidemie erwischt die Landwirtschaft eiskalt.(Foto: picture alliance / dpa)

Die Logik der billigen Lebensmittel: "EHEC wurde förmlich gezüchtet"

Die Massentierhaltung ist widernatürlich, die Verbreitungswege völlig unübersichtlich, die Überwachung vorsintflutlich - und nichts ändert sich. "Gehen Sie mal zu Rewe und suchen was Regionales, da finden Sie vielleicht drei Kisten Äpfel", sagt der Autor Hans-Ulrich Grimm. "Das ist lachhaft." Die EHEC-Bakterien seien mit Mais und Kraftfutter förmlich gezüchtet worden.

n-tv.de: Gibt es etwas, das alle Lebensmittelskandale gemeinsam haben?

Hans-Ulrich Grimm: Lebensmittelskandale werden heute dadurch befördert, dass es diese unübersichtlichen industriellen Produktions- und Verteilungsstrukturen gibt und dass die Verantwortung dafür privatisiert ist. Wenn dann der Staat nachweisen soll, was die Quelle eines Problems ist, steht er meist dumm da.

Die Opposition kritisiert, dass eine Koordinierung der Kontrollmechanismen in Deutschland fehle. Liegt es wirklich an den Strukturen?

Ja, die Überwachungsstrukturen sind vorsintflutlich. Angesichts einer globalisierten Nahrungsmittelproduktion ist es absolut lächerlich, dass die Bundesländer für die Lebensmittelkontrollen zuständig sind. Das hätte schon längst angepasst werden müssen. Aber das kommt bei jedem Lebensmittelskandal wieder aufs Tapet, daran will niemand wirklich etwas ändern.

Jetzt stehen Gurken, Salat, Tomaten und Sprossen unter Verdacht. Was hat dann Massentierhaltung mit EHEC zu tun?

Kühe sind Reservoir für EHEC.
Kühe sind Reservoir für EHEC.(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Mit den ursprünglichen EHEC-Keimen hat die Massentierhaltung sehr viel zu tun. Der erste von ihnen kam 1982 bei McDonald's in Hamburgern vor, er wurde deshalb "Hamburger-Keim" genannt. Diese EHEC-Bakterien hatten sich durch artwidrige Fütterung ausgebreitet, sagte der Münsteraner EHEC-Experte Professor Helge Karch schon vor Jahren. Nach amerikanischen Regierungsstudien werden bei Grasfütterung die EHEC-Bakterien im Verdauungstrakt der Rinder zu 99,99 Prozent abgetötet. Die übrigen 0,01 Prozent verenden, wenn sie ausgeschieden würden. Mit Mais und Kraftfutter dagegen werden diese EHEC-Bakterien förmlich gezüchtet, werden auch widerstandsfähiger gegen Säure, auch gegen die menschliche Magensäure. Dadurch werden sie gefährlich.

Und die Verteilungsstrukturen?

Die Massenproduktion hat zur Folge, dass von einem Standort aus unglaublich viele Menschen erreicht werden. Wenn dieser Standort Krankheitserreger verbreitet, kann das zu Epidemien führen. In San Diego ist damals, Anfang der 80er Jahre, ein Kind an einem Hamburger gestorben. Damals war es so, dass man Gentests machen musste, um den Keim vom Hamburger zurück in die Produktionsstätte zu verfolgen. Von welcher Farm der Keim kam, konnte nie festgestellt werden. Das ist ganz typisch. Beim bisher größten EHEC-Ausbruch, 1996 in Japan, dauerte es ein halbes Jahr, bis man herausfand, dass Rettich-Sprossen die Quelle waren.

Glauben Sie, dass es noch möglich ist, die Quelle der aktuellen EHEC-Infektion zu klären?

Die Vergangenheit lehrt, dass es schwierig ist, aber möglich ist es schon.

Wie kommt der EHEC-Keim überhaupt aufs Gemüse?

Der Keim kommt zwar aus der industriellen Massentierhaltung, breitet sich aber unglaublich schnell aus. In Kanada hat es schon EHEC-Infektionen gegeben, die aus dem Trinkwasser kamen. Auch in Bayern sind nach Regierungsuntersuchungen Trinkwasser-Versorgungseinrichtungen belastet. Sogar in bayerischen Bergbächen sind EHEC-Erreger schon festgestellt worden.

Der aktuelle EHEC-Stamm ist vor zehn Jahren erstmals in Deutschland aufgetaucht. Wie alt ist dieser Erreger?

Darüber weiß man bis jetzt noch nicht so arg viel. Man kann offenbar auch keine unmittelbare Verwandtschaftsbeziehung feststellen zwischen dem aktuellen Erreger O104:H4 und dem O157:H7, der bisher der bekannteste Bösewicht war.

Sind Bio-Produkte eine Alternative? Da gab es schließlich auch schon Lebensmittelskandale.

Ich bin ja ein absolut ideologisch verbohrter Bio-Anhänger (lacht). Aber diesen Rohkost- und Salatwahn habe ich noch nie verstanden. Ich fand schon immer suspekt, dass man diese komischen blassen Sprossen tagelang unter Plastik hält und dann im Büro isst. Solche Bio-Sachen mögen ja aus Liebe zu Mutter Erde hergestellt worden sein, aber wenn man die über weite Distanzen transportiert oder lange aufhebt, dann ist das natürlich auch naturwidrig. Irgendwann setzt einfach der Keimbefall ein.

Hans-Ulrich Grimm schreibt Bücher über die Lebensmittelindustrie, zuletzt "Die Ernährungsfalle. Wie die Lebensmittelindustrie unser Essen manipuliert".
Hans-Ulrich Grimm schreibt Bücher über die Lebensmittelindustrie, zuletzt "Die Ernährungsfalle. Wie die Lebensmittelindustrie unser Essen manipuliert".

Gibt es denn angesichts der wachsenden Weltbevölkerung eine Alternative zur massenhaften Produktion von Lebensmitteln?

Ich war in China, um genau dieser Frage nachzugehen. Zu meiner Überraschung stellte sich heraus, dass die dort zu größten Teilen von einer kleinbäuerlichen Landwirtschaft ernährt werden. Ich war in Peking auf dem Großmarkt, der die Stadt mit ihren 15 bis 18 Millionen Einwohnern beliefert. Der Markt wird, sagte mir der Leiter, von 80 Millionen Kleinbauern beliefert. Man kann die Menschheit der Zukunft durchaus kleinbäuerlich ernähren. Die Frage ist, ob das jemand will. Vom jetzigen System profitieren halt unglaublich viele. Allein die spanischen Gemüsebauern haben jetzt angeblich einen Schaden von 200 Millionen Euro pro Woche. Nur mit Gurken und dergleichen. Wer 200 Millionen umsetzt pro Woche, hat ein massives Interesse an diesem System.

Könnte es nicht bei den Konsumenten eine Trendwende geben?

Ja, könnte - im Konjunktiv. Alternativen gibt es immer. Wenn etwas menschengemacht ist und nicht gottgegeben, dann können die Menschen das auch verändern. Aber gehen Sie mal zu Rewe und suchen was Regionales, da finden Sie vielleicht drei Kisten Äpfel. Das ist lachhaft, das ist alles bloß Marketing-Gehype. So bald etwas zu teuer ist oder zu aufwändig in der Herstellung oder die Transporte nicht übersteht, hat es im Supermarkt keine Chance, egal wie gesund es ist. Das beste Beispiel ist Leinöl, das gibt es im Supermarkt auch nicht, weil es einfach nicht lang genug hält. Das kann gesund sein, wie es will.

Was gab es bei Ihnen heute zum Mittag gegessen?

Nudeln mit Gemüse, aus dem Wok - wir machen das immer aus dem Wok.

Essen Sie noch Salat oder rohes Gemüse?

Video

Natürlich, ich habe heute Morgen Radieschen gegessen, voll öko, hier aus der Gegend.

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Quelle: n-tv.de

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