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Im schlichten weißen Gewand präsentierte sich Papst Franziskus bei seinem ersten Auftritt.
Im schlichten weißen Gewand präsentierte sich Papst Franziskus bei seinem ersten Auftritt.(Foto: REUTERS)

Der neue Papst und die Bürde Franz von Assisi: "Ein Franziskus trägt keinen Pelz"

Jorge Mario Bergoglio feiert viele Premieren. Er ist der erste Jesuit und Ordensmann auf dem Heiligen Stuhl - und der erste Pontifex, der Franziskus heißt. Der Franziskaner Augustinus Diekmann erklärt, wie ein Papst handeln muss, der sich nach Franz von Assisi benennt. Und er verrät, warum "der Neue" im Vatikan so ganz anders ist als sein Vorgänger Benedikt.

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n-tv.de: Wie überrascht waren Sie, dass sich der neue Papst für den Namen Franziskus entschieden hat?

Bruder Augustinus: Ich war sehr überrascht. Denn mit diesem Namen ist ein ganzes Lebensprogramm verbunden. Aber es fehlt noch der Abstand, um zu sagen: Kann er das auch wirklich leben oder ist das nur eine Worthülse?

Wie eindeutig ist der Namensbezug? Einige nennen Franz von Assisi, andere Franz Xaver …

… einen Jesuit und Missionar.

Auf wen bezieht sich der neue Papst denn wirklich?

Auf Franz von Assisi, sonst hätte er sich Franziskus Xaverius genannt.

Welche Leitmotive muss das Pontifikat eines Mannes haben, der sich nach Franz von Assisi benennt?

Im Zentrum muss die einfach gestrickte Ordensregel von Franz von Assisi stehen. Er hat immer gesagt: Mein Lebensprogramm ist das Evangelium. Franz von Assisi war ja ein reicher Kaufmannssohn, der schließlich die Seite gewechselt hat, von den Reichen zu den Armen. Seine Solidarität galt den Ausgegrenzten. Das waren damals in Assisi die Aussätzigen außerhalb der Mauern der Stadt, heute würde man sagen, die Leprakranken. Dazu kommt eine Tendenz zu einem geschwisterlichen Leben.

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Wie kann der neue Papst das verwirklichen?

Er ist an den christlichen Werten zu messen, wie zum Beispiel dem Einsatz für Frieden zwischen den Völkern und zwischen einzelnen Menschen, aber auch der Gerechtigkeit. Es darf keine soziale Ausgrenzung geben für einzelne Gruppen oder Menschen. Dazu kommt die Sorge um Gottes Schöpfung, wir würden es Umweltschutz nennen. Jemand, der in einer so herausragenden Stellung ist wie der Papst, kann etwas bewegen. Er muss nur den Mut dazu aufbringen, solche Entscheidungen zu treffen.

Viele sagen: Die Namensgebung ist ein starkes Signal. Weckt Papst Franziskus dadurch nicht zu hohe Erwartungen, die er nicht erfüllen kann?

Es ist sicherlich eine sehr große Herausforderung, wenn ich mich Papst Franziskus nenne, aber das lehrt ja auch der Soziologe Max Weber: Ein Einzelner kann ein starkes Charisma entwickeln. Wenn es um einen Orden oder die Kirche geht, muss man sicherlich Abstriche machen. Der Mann kann noch so große Ideale haben. Ob er den Neuanfang wagen kann, hängt letztlich davon ab, wie viele Gegenströmungen es gibt.

Woran muss er sich messen lassen?

Der neue und der alte Papst: Benedikt XVI. und Franziskus bei einem Treffen im Jahr 2007.
Der neue und der alte Papst: Benedikt XVI. und Franziskus bei einem Treffen im Jahr 2007.(Foto: REUTERS)

Da ist ja jetzt nicht plötzlich ein Heiliger aus den Wolken gefallen. Er kommt aus einem menschlichen Leben und da kommt er auch nicht heraus. Wir sollten nicht darüber klagen, dass das Glas halb leer ist. Als Erzbischof von Buenos Aires hat Bergoglio oft genug gezeigt, dass er sich auf die Seite der Armen und gegen eine korrupte Regierung stellt und die Menschenrechte einfordert. So gesehen steht er sicherlich nicht am Nullpunkt, sondern kann an etwas anknüpfen.

Zurückhaltend und bescheiden - so wird Franziskus nach seinen ersten Auftritten beschrieben. War Benedikt anders?

Die Unterschiede konnte man schon sehen, als er am Mittwochabend auf der Loggia des Petersdoms stand. Anders als Benedikt trug er nicht diesen Tierpelzumhang. Das ist schon ein Zeichen. Denn damit sagt er: Mann kann nicht Franziskus heißen und einen Tierpelz tragen. Was mich auch beeindruckt hat: Er hat die menschliche Schiene gesucht und einfach mal "Guten Abend" und "Gute Nacht" gesagt. Das lässt hoffen, dass er eine Brücke bauen will direkt zu den Menschen.

Was gibt es noch für Unterschiede?

Beide sind ganz verschiedene Persönlichkeiten. Benedikt kam aus einer Verwaltungsposition im Vatikan, Franziskus dagegen aus einer großen südamerikanischen Erzdiözese. Er war näher am Alltag der Menschen. Er ist mit der U-Bahn gefahren und wie jeder andere auch in den Supermarkt gegangen.

Das wird er künftig nicht mehr machen.

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(lacht) Das stimmt.

Was muss Franziskus anders oder besser machen als Benedikt?

Der neue Papst muss sein eigenes Haus gut aufräumen, die Kurie im Vatikan genau unter die Lupe nehmen, um zu sehen, wo es Verbesserungsmöglichkeiten gibt. Er muss mutig herangehen, um Strukturen einfacher und besser zu machen. Mit gesundem Abstand muss er an die verschiedenen Herausforderungen herangehen. Dazu zählen vor allem Fragen um die Sexualmoral oder den Umgang mit geschiedenen Menschen.

Benedikts Pontifikat gilt als eines der tiefen Krisen. Wie leicht lassen sich die vielen Probleme der katholischen Kirche lösen?

Wir können nicht erwarten, dass er von heute auf morgen klar Schiff macht. Die kirchlichen Mühlen mahlen langsamer. Der Papst ist kein Einzelkämpfer, sondern steht in einem Reigen von anderen einflussreichen Personen. Aber wenn er entschieden handelt, kann er seiner Position als verantwortlicher Hirte dieser Weltkirche gerecht werden.

Viele europäische Katholiken fordern mehr Ökumene, eine stärkere Rolle der Frau und die Abschaffung des Zölibats. Wie realistisch ist es, dass der neue Papst sich an diese Themen heranwagt?

Bruder Augustinus Diekmann war 20 Jahre lang als Franziskaner-Missionar in Brasilien unterwegs. Inzwischen ist er Leiter der deutschen Franziskaner-Mission.
Bruder Augustinus Diekmann war 20 Jahre lang als Franziskaner-Missionar in Brasilien unterwegs. Inzwischen ist er Leiter der deutschen Franziskaner-Mission.

Wenn er sich das Beispiel von Franz von Assisi zu Herzen nimmt, dann stehen nicht irgendwelche Kirchendogmen im Zentrum, sondern in erster Linie die Sorgen der betroffenen Menschen. Wenn sich der Papst darauf einlässt, wird er ein offenes Herz haben für diese Herausforderungen.

Ähnlich wie Benedikt gilt Franziskus als konservativ. So stellte er sich vor drei Jahren deutlich gegen die Gleichstellung der Homo-Ehe in Argentinien. Ein Vorgeschmack auf mangelnde Reformfreude?

Der Papst ist kein vollständiger Mensch ohne Makel. Er hat seine Ecken und Kanten, aber er wird auch seine stärkeren Seiten haben, zum Beispiel mit der doch sehr mutigen Option für die Armen. Aber es werden sicherlich auch Themen auftauchen, wo wir uns größere Offenheit und Sensibilität erhofft haben.

Papst Franziskus ist der erste Jesuit und der erste Ordensangehörige auf dem Heiligen Stuhl seit 1846: Inwiefern wird sich das bemerkbar machen?

Ich glaube, es ist ein Vorteil, dass Franziskus früher Teil einer solchen Gemeinschaft war. Ein Ordensmann hat die Sensibilität für Teamarbeit und ist kein Einzelkämpfer. Er hat ja auch am Mittwochabend betont: Der Bischof von Rom möchte zusammen mit den Gläubigen von Rom einen Weg gehen. Es geht ihm darum, das gemeinsam zu tun.

Ist lateinamerikanische Religiosität anders als die, die wir in Europa kennen?

Franziskus hat die Menschen eingeladen, für den zurückgetretenen Papst zu beten. Er bat sie auch, dafür zu beten, dass er gesegnet wird. Das ist eine Gottesdienstdynamik, die ich kennengelernt habe, während ich als Missionar in Brasilien gearbeitet habe. Das ist nicht ritenhaft, da kommt eine ganz neue Lebensdynamik rein. Dieser Wille und diese Sensibilität, einen Weg mit den Menschen zu gehen, das macht mir Hoffnung.

Was wünschen Sie sich persönlich von dem neuen Papst?

Ich wünsche mir, dass er die Erinnerungen an seine Zeit als Seelsorger in Südamerika nicht verliert und dass sie ihm helfen.

Mit Augustinus Diekmann sprach Christian Rothenberg

Quelle: n-tv.de

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