Panorama
Mitten in der einstigen Vorzeigesiedlung, in der ehemaligen Kinderkrippe, findet sich das "Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR".
Mitten in der einstigen Vorzeigesiedlung, in der ehemaligen Kinderkrippe, findet sich das "Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR".(Foto: Andrea Beu)

Sozialistische Musterstadt: Eisenhüttenstadt zeigt DDR-Alltag

Von Andrea Beu

DDR-Alltagsgeschichte ohne Ostalgie: das "Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR" in Eisenhüttenstadt zeigt, dass das geht. Es wurde von einem Westberliner gegründet, der viele Ausstellungsstücke vom Sperrmüll holte. Anhand der Gegenstände wird vom Leben in der DDR erzählt - mit kritischem Abstand.

Eisenhüttenstadt war die erste sozialistische Musterstadt der DDR. Sie entstand Anfang der 1950er Jahre bei Fürstenberg (Oder), als Wohnstadt zum Eisenhüttenkombinat Ost (EKO). 1953 erhielt sie den Namen Stalinstadt, ab 1961 hieß sie dann Eisenhüttenstadt. Die auf dem Reißbrett entstandene Stadt sollte den Arbeitern ein paar Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges moderne Wohnungen, ein Theater, Versorgung und Kinderkrippen bieten.

Ein typischer "Stalinbau"-Säulengang des Wohnkomplexes in Eisenhüttenstadt.
Ein typischer "Stalinbau"-Säulengang des Wohnkomplexes in Eisenhüttenstadt.(Foto: Andrea Beu)

In der Nähe des Stahlwerkes wurden Wohnkomplexe mit Arkaden, Fassadenschmuck, Balkonen und Grünflächen hochgezogen. Es sollte eine Vorzeigestadt werden, vor allem Richtung Westen - es herrschte schließlich Kalter Krieg. Während in den ersten Aufbaujahren Arbeiterpaläste entstanden, wurden die Gebäude der insgesamt sieben Wohnkomplexe zuletzt immer schmuckloser. Drei von ihnen stehen heute unter Denkmalschutz - andere der einst begehrten Wohnungen wurden wegen Leerstandes abgerissen.

Mit dieser Entwicklung und der in der gesamten DDR befasst sich das "Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR" (DOK) in einer ehemaligen Kinderkrippe der sozialistischen Musterstadt. Die Idee dahinter: Sammlungsgründer Andreas Ludwig (der Westberliner entstammt der Geschichtswerkstätten-Bewegung) sah nach Mauerfall auf dem Gebiet der Ex-DDR die Sperrmüllberge wachsen. Plötzlich überflüssig und ausgemustert, erzählten all diese Gegenstände vom Leben in der DDR. Zu schade zum Wegwerfen, fand Ludwig - fing an zu sammeln und gründete das Dokumentationszentrum.

150.000 Dinge angesammelt

Stalin und Konsum-Reklame in den 50ern: Die Dauerausstellung geht chronologisch vor.
Stalin und Konsum-Reklame in den 50ern: Die Dauerausstellung geht chronologisch vor.(Foto: Thomas Bruns/DOK)

Seit seiner Gründung im Jahr 1993 trug das DOK aus tausenden privaten Schenkungen unzählige Dinge aus der Hinterlassenschaft der DDR zusammen. Der Bestand wuchs bis heute auf 150.000 Objekte an. Das DOK dokumentiert nach eigenen Angaben "die lebensweltlichen Dimensionen der Geschichte der DDR, die Sicherung der Alltagskultur zum Zweck der Bildung und Forschung, der Anschauung und der Kommunikation zwischen Ost- und Westdeutschen, zwischen den Generationen und Kulturen." Die Dauerausstellung wird ergänzt durch wechselnde Sonderschauen. Derzeit (noch bis 5. Mai 2013) ist das "Alles aus Plaste. Versprechen und Gebrauch in der DDR".

Im Saal "Heimat und Grenze".
Im Saal "Heimat und Grenze".(Foto: Thomas Bruns/DOK)

Die Erforschung und Darstellung des DDR-Alltags in Ausstellungen birgt immer auch Risiken: So einige "DDR-Museen" müssen sich den Vorwurf der Verharmlosung der DDR-Diktatur, der Ostalgie, der unkritischen Darstellung der Vergangenheit gefallen lassen. Aus der Ostalgie-Welle der letzten Jahre erwuchs eine Ost-Retro-Industrie mit Gebrauchsgegenständen und solch albernen Auswüchsen wie etwa dem T-Shirt mit FDJ-Aufdruck (die FDJ war der sozialistische Jugendverband der DDR), die es in der DDR niemals gab - dort wurde das uniforme FDJ-Hemd getragen. Hier wird das FDJ-Zeichen zum Logo wie Adidas und Coca-Cola.

Mit Witz und kritischer Distanz

Glücklich, bunt, international: die Glasfenster im Treppenhaus der einstigen Kinderkrippe.
Glücklich, bunt, international: die Glasfenster im Treppenhaus der einstigen Kinderkrippe.(Foto: Andrea Beu)

In diese Falle tappt die Ausstellung in Eisenhüttenstadt nicht. Sie zeigt durchaus mit Witz und einer kritischen Distanz ein vielschichtiges, vielfältiges Bild des DDR-Alltags in all seinen Facetten - sowohl Öffentliches als auch Privates. In zehn thematisch gegliederten Räumen werden aus dem riesigen Fundus aus 150.000 Objekten 650 gezeigt. Historische und rückblickende Tonaufnahmen ergänzen die Schaustücke, die Fotos, Dokumente und Gegenstände aus Alltag und Arbeitswelt.

Im Treppenaufgang empfangen den Besucher bunte "sozialistische" Glasfenster mit glücklichen Kindern und Muttis. Die Schau geht zeitlich chronologisch vor, fängt an mit der Nachkriegszeit, mit Lebensmittelmarken und den schwierigen Bedingungen des Aufbaus und endet mit dem Umbruch 1989. Ein besonders spannendes Ausstellungsstück ist der Gründungsentwurf des "Neuen Forums" von 1989 - eine der wichtigsten, prägenden Bürgerbewegungen, die in der DDR in der Wendezeit entstanden. Die DDR-Opposition bekommt ohnehin viel Platz eingeräumt - wohl sogar mehr, als sie in der real existierenden DDR tatsächlich hatte.

Schweißer-Anzug: Die Schau zeigt sowohl Beispiele von typischer Arbeits- als auch von Alltagskleidung in der DDR.
Schweißer-Anzug: Die Schau zeigt sowohl Beispiele von typischer Arbeits- als auch von Alltagskleidung in der DDR.(Foto: Thomas Bruns/DOK)

Das DOK erinnert aber auch an Versorgungs-Engpässe, sogenannte Bückware, an Missstände in Betrieben, an Bespitzelung, stinkende Autos, kaputte Häuser und lächerliche hohle Propaganda-Slogans. Sie zeigt Packungen mit Kaffeeersatzpulver für 22 Pfennige und De-Luxe-Kaffee für über 20 DDR-Mark für die 250-Gramm-Dose, aber auch eine Altbau-Wohnungstür (aus der Berliner Kollwitzstraße) mit dem typischem Zettel samt Stift an der Tür - Telefone gabs nur wenige (in Berlin hatte jeder vierte, DDR-weit jeder siebte Haushalt einen Anschluss), daher waren diese papierenen Tür-Nachrichten ein gängiges Kommunikationsmittel, vor allem bei jungen Leuten.

Erinnern und Lernen

Wer die DDR selbst noch bewusst erlebt hat, wird hier in seine Kindheit und Jugend zurückgeführt. Die Gefühle reichen von amüsierten "Ach guck mal hier, kennst du das noch? Das hatten wir doch auch!"-Erlebnissen bis hin zu "Ein Glück, dass das vorbei ist". Die Diktatur ist stets präsent, nostalgische Gefühle kommen da kaum auf und beschränken sich eher auf rein Privates wie vergangene Moden, Musikstile oder Möbel. Für Westdeutsche hingegen wartet die Ausstellung sicher mit der einen oder anderen Überraschung auf. Eine Zeitreise zum Erinnern und Dazulernen.

Die erklärende Beschriftung der einzelnen Ausstellungsstücke ist in der Regel umfangreich und informativ, mit einzelnen etwas irreführenden Mängeln. So ist etwa an einer Schallplattenhülle von Nina Hagen nicht vermerkt, dass diese gar nicht aus der DDR, sondern aus der Zeit stammt, als die Sängerin schon in den Westen gegangen war. Und das Benzinspar-Plakat ist ganz sicher auch kein ostdeutsches Produkt.

Von Schließung bedroht

Dass das DOK mit finanziellen Mitteln und mit Personal nicht gerade üppig bestückt ist, sieht man der Schau aber generell nicht an - sie wurde mit viel Sorgfalt und Liebe und sicher mit großem persönlichem Aufwand der Macher gestaltet. Leider ist das Haus derzeit von Schließung bedroht. Es wird zu gleichen Teilen von der Stadt, dem Landkreis und dem Bundesland Brandenburg getragen - und überall sind die Kassen leer. Eisenhüttenstadt ist mit 54 Millionen Euro hoch verschuldet und kann seinen Zuschuss zum DOK von etwa 75.000 Euro ab 2013 nicht mehr aufbringen, auch wenn es das gern würde.

Auch der Landkreis Oder-Spree ist klamm und will seinen Finanzierungsanteil von 55.000 Euro streichen. So droht die einzigartige Sammlung ihre Heimat zu verlieren und auf dem Müll zu landen. Museumsleiter Ludwig hat die Hoffnung aber noch nicht ganz aufgegeben. Die Zukunft des DOK ist jedoch mehr als ungewiss.

Viele Ostdeutsche - und auch Westdeutsche - haben vergessen, wie öde in der DDR vieles war. Aber "es war nicht alles schlecht": Auch an diesem mittlerweile geflügelten Wort ist was dran. Die gesamte Bandbreite kann man sich in Eisenhüttenstadt anschauen. Diese Zeitreise lohnt sich.

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Quelle: n-tv.de

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