Panorama
Freitag, 27. September 2013

Sicherheit kann man nicht garantieren: Erkaufte Achttausender

Von Derk Hoberg

Extrembergsteigen boomt. Schließlich kann man sich eine Heldentat wie die Besteigung eines Achttausenders heute nahezu komplett erkaufen. Ein angenehmes Reiseprogramm und Luxus im Basislager inbegriffen. Was bleibt: das Risiko zu sterben.

Eine Expedition auf einen der 14 Achttausender kostet nicht nur 12.000 Euro im Komplettpaket - die Teilnehmer müssen vorher auch hart trainieren und ein Formular ausfüllen, was mit ihrer Leiche passiert, sollten sie bei dem Trip sterben.
Eine Expedition auf einen der 14 Achttausender kostet nicht nur 12.000 Euro im Komplettpaket - die Teilnehmer müssen vorher auch hart trainieren und ein Formular ausfüllen, was mit ihrer Leiche passiert, sollten sie bei dem Trip sterben.(Foto: Stephan Keck)

Das Risiko ist enorm. Vor fast genau einem Jahr starben elf Menschen in einer Lawine am fünfthöchsten Berg der Erde, dem Manaslu in Nepal. Am frühen Sonntagmorgen war die Lawine damals über ein Höhenlager auf gut 6000 Metern mit knapp 30 Bergsteigern hereingebrochen. Extrembergsteiger und Bergführer Stephan Keck, der sich mit einer kommerziellen Expeditionsgruppe zu dieser Zeit im Basislager am Fuße des Berges aufhielt, war an der anschließenden Rettungsaktion beteiligt. Seine Aufgabe war es, die Toten zu fotografieren, um sie anschließend identifizieren zu können. "Wir konnten nichts mehr tun, als wir mit dem Rettungshubschrauber oben ankamen. Uns bot sich ein schockierendes Bild. Die Gesichter der Toten werde ich nie vergessen", sagte Stephan Keck nach der Katastrophe.

Die "Bild"-Zeitung bot ihm damals einen hohen vierstelligen Betrag pro Foto von einem Toten an. Keck lehnte ab, wunderte sich vielmehr über die Sensationsgier: "Nur weil damals elf Menschen auf einmal starben, wurde weltweit berichtet. Wären am Manaslu über den Sommer verteilt elf Menschen verunglückt - was an manchen Bergen durchaus vorkommt - wäre das Medienecho weitaus geringer ausgefallen." Kecks Gäste hatten Glück, dass ihr Bergführer genug Erfahrung mitbrachte und die Situation damals richtig einschätzte. "Es hatte zuvor mehrere Tage stark geschneit, bis das Wetter wieder besser wurde. Das schöne Wetter und das Ziel vor Augen verleiten natürlich dazu, solche Gefahren zu unterschätzen. Allerdings war auch klar, dass oben sehr viel Schnee gefallen sein musste. Also sind wir am ersten Sonnentag im Basislager geblieben. Am zweiten auch. Die Gäste werden in diesem Fall natürlich auch ein wenig nervös, schließlich möchten sie das gute Wetter nutzen, um voranzukommen. In der folgenden Nacht kam dann aber schon die Lawine, die enorme Ausmaße hatte. Die Anrisskante war bis zu vier Meter hoch und etwa 250 bis 300 Meter breit." Sie hinterließ eine Spur der Verwüstung.

Die aktuelle Expedition zum Cho Oyu

Der Blick auf solche Giganten wie den Mount Everest ist oft atemberaubend - doch viele Menschen überschätzen sich.
Der Blick auf solche Giganten wie den Mount Everest ist oft atemberaubend - doch viele Menschen überschätzen sich.(Foto: Stephan Keck)

Nun ist Stephan Keck wieder mit einer solchen Gruppe an einem Achttausender unterwegs. Diesmal handelt es sich um den 8201 Meter hohen Cho Oyu, über dessen Gipfel die Grenze zwischen China und Nepal verläuft. Wieder ist er für ein Schweizer Unternehmen unterwegs, in dessen Auftrag er im vergangenen Jahr auch am Manaslu war und das seinen Kunden solche Abenteuer seit 2001 quasi als Rundumsorglospaket anbietet. Im Preis der aktuellen Cho Oyu-Expedition inbegriffen sind dann auch die Anreise, exklusive Ausflüge in der besuchten Region, Akklimatisierung im Basislager des Mount Everest und schließlich die Anreise ins Basislager des Cho Oyu und der Weg zum Gipfel - allerdings ohne Gipfelgarantie (n-tv.de berichtete: Wie eine solche Expedition genau abläuft).

Dort, im sogenannten Advanced Basecamp (ABC) auf 5700 Metern, ist die Expeditonsgruppe um Stephan Keck am 11. September eingetroffen. Um die Sicherheit von fünf Teilnehmern hat er sich hier zu kümmern: "Das beginnt bei einer Schulung an den Sauerstoffgeräten, die die Gruppe für Notfälle dabei hat, und geht bis hin zum gemeinsamen Rucksack packen, damit sicher ist, dass niemand wichtige Utensilien für den Weg nach oben vergisst", berichtet Keck aus dem Basislager. Er meldet sich dabei über eine normale chinesische SIM-Karte, der Zugang zum Internet im Basislager funktioniert auch, allerdings überprüfen die chinesischen Behörden dort oben tatsächlich jede Mail, die nach draußen geht, und zensieren sie, wenn sie das für nötig halten.

Trotz aller Exklusivität: Die Gefahren am Berg bleiben

Im "Advanced Basecamp" müssen die Bergsteiger beim Kochen improvisieren, eine richtige Küche gibt es nicht.
Im "Advanced Basecamp" müssen die Bergsteiger beim Kochen improvisieren, eine richtige Küche gibt es nicht.(Foto: Stephan Keck)

Angesprochen auf die größten Gefahren beim Bergsteigen, sagt Stephan Keck: "Die falsche Einschätzung des eigenen Könnens oder der körperlichen Verfassung sind die häufigsten und größten Fehler. Und zu viel Ehrgeiz. Der Mensch ist sich also selbst die größte Gefahr. Eine Lawine, ein Spaltensturz, das sind alles objektive Gefahren. Die kann man auch nicht ausschließen, aber man kann sie zumindest einigermaßen abschätzen. Wenn ich aber im Kopf nicht mehr richtig funktioniere und unbedingt das Ziel erreichen will - das ist sicherlich die größte Gefahr."

Aktuell hat die Gruppe bereits die ersten beiden Höhenlager auf 6300 und 7050 Metern aufgebaut, dort jeweils einmal zur weiteren Akklimatisierung übernachtet. So sollen sich die Körper der Teilnehmer nach und nach an die Höhe und den damit verbundenen niedrigeren Luftdruck und niedrigeren Sauerstoffgehalt der Luft gewöhnen. Und das ist auch nötig, warten nach Lager II doch noch gut 1100 Höhenmeter bis zum Gipfel des Cho Oyu auf die Expeditionsteilnehmer. Dauerhaft kann sich der menschliche Körper ohnehin nur an Höhen bis zu 7000 Metern anpassen. In größeren Höhen bauen langfristig alle Körperfunktionen ab, weshalb man hier auch von der Todeszone spricht. Die Gruppe ist inzwischen zurück im ABC und bereit zum Gipfelsturm. "Dafür warten wir nun auf ein gutes Wetterfenster, mit wenig Wind. Der Gipfelversuch selbst besteht dann wieder Aufstieg Lager I und II. Von dort aus werden wir im folgenden Aufstieg ein weiteres Lager auf etwa 7500 Metern einrichten, von dem wir dann am vierten Tag den Gipfel erreichen wollen",  so Expeditionsleiter Keck am Donnerstag.

Hier befindet sich die Expeditionsgruppe kurz vor Lager II. Mit jedem Kilometer muss man mehr Kraft und Willen aufwenden.
Hier befindet sich die Expeditionsgruppe kurz vor Lager II. Mit jedem Kilometer muss man mehr Kraft und Willen aufwenden.(Foto: Stephan Keck)

Bleibt die Frage, warum sich die Teilnehmer all diesen Strapazen und vor allem Gefahren aussetzen. Sie berichten ihrerseits von ersten Schwierigkeiten an einem Sérac, also einem Turm aus Gletschereis, den es etwa in der Hälfte zwischen Lager I und Lager II zu überwinden galt. Dort ist mit Hilfe von Fixseilen eine im alpinen Gelände eigentlich einfach zu meisternde Stelle zwar zusätzlich entschärft worden, in dieser Höhe kostet sie aber weit mehr Kraft und Willen. Jedes Kilo Gepäck macht sich dort oben zunehmend bemerkbar, insbesondere an solchen Steilstufen.

Sie berichten aktuell aus dem Basislager aber auch, dass sie sich an den Kochkünsten von Koch Pancho erfreuen, der mit Rosmarin gewürztes Ziegenfleisch und deftige Bratkartoffeln zur Rückkehr aus den Höhenlagern servierte. Viel mehr dürften bisher jedoch der Blick aus den Höhenlagern auf die umliegenden Berge und das Gefühl, dem Gipfel schon ein Stück näher gekommen zu sein, entscheidend für ihre Risikobereitschaft und ihren Tatendrang sein.

Bergsteigen kann tödlich sein

Natürlich bleibt auch die Aussicht auf einen Gipfelerfolg auf einem der 14 Achttausender, von dem sie hinterher berichten können. Dafür haben die Teilnehmer eben nicht nur knapp 12.000 Euro überwiesen, sondern im Vorfeld auch hart trainiert und ein Formular ausgefüllt, was - im Falle des Falles - mit ihrer Leiche geschehen soll. Schließlich kann auch ein erfahrener Bergführer keine hundertprozentige Garantie bieten, dass am Berg nichts Unerwartetes passiert: "Das steht so auch in jeder Mail, die ich an Kunden verschicke: Bergsteigen kann tödlich enden. Wie auf einer Zigarettenschachtel", sagt Stephan Keck.

Über Stephan Keck: Stephan Keck ist 39 Jahre alt, wurde in Schwaz in Tirol geboren und ist Bergführer, Ski- und Snowboardlehrer und Tourenguide. Der Extrembergsteiger ist auf den höchsten Bergen der Welt unterwegs, bestieg bereits 2004 mit dem Shishapangma seinen ersten Achttausender. 2012 veröffentlichte er das Buch "Solo mit Familie", das von seinem spannenden Spagat zwischen Familienleben und Extrembergsteigen handelt.

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Quelle: n-tv.de

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