Rund 840 Brände in RusslandErste Diplomaten reisen ab
Giftiger Qualm durchzieht die Straßen Moskaus. Polen, Österreich und Kanada ziehen als erste diplomatisches Personal ab. Mehrere Länder, darunter Deutschland, warnen vor nicht notwendigen Reisen in das Gebiet. Erste Moskauer ergreifen die Flucht ins Ausland.
Wegen des giftigen Qualms von den Torfbränden rund um Moskau sind die ersten Diplomaten aus der russischen Hauptstadt abgereist. Polen, Österreich und Kanada hätten einige Mitglieder ihres diplomatischen Personals und deren Familien in die Heimat geschickt. Das berichtete der Radiosender "Echo Moskwy".
Mehrere Länder, darunter Deutschland und die USA, raten von nicht notwendigen Reisen in die russischen Wald- und Torfbrandgebiete ab. Der Anteil von giftigem Kohlenstoffmonoxid in der Luft hat den zulässigen Grenzwert in Moskau um mehr als das Sechsfache überschritten. Vor allem chronisch Kranke, ältere Menschen sowie Kinder sollten die betroffenen Regionen meiden. Russlands oberster Amtsarzt Gennadi Onischtschenko kritisierte die Reisewarnungen als "unfreundlichen Akt".
Mindestens 50 Menschen sterben
Der giftige Qualm in Moskau wird immer dichter, und die Waldbrände in Russland breiten sich trotz internationaler Hilfe weiter aus. Zwar seien in mehreren Regionen die Waldbrände gelöscht worden, teilte das Zivilschutzministerium nach Angaben der Agentur Interfax mit. Aber in den vergangenen 24 Stunden brachen den Angaben zufolge auch mehr als 250 neue Brände aus.
Landesweit weiterhin etwa 840 Wald- und Torfbrände. Sie breiteten sich auf eine Fläche von fast 200.000 Hektar aus. Zum Vergleich: Das Saarland ist rund 260.000 Hektar groß.
In der Hauptstadt sank die Sichtweite wegen des Rauchs der Torfbrände in der Umgebung stellenweise auf unter 50 Meter. Die Feuer sollten nun rund um die Uhr bekämpft werden, sagte Vize-Zivilschutzminister Alexander Tschuprijan. Bislang seien die Brände nachts lediglich kontrolliert worden.
Moskauer ergreifen die Flucht
Wegen des Dauersmogs durch die schweren Brände in Russland flüchten immer mehr Moskauer ins Ausland. Pauschalreisen an beliebte Ziele wie Ägypten, Montenegro oder in die Türkei seien ausverkauft, teilte der russische Reiseveranstalterverband mit. Das tun allerdings nur diejenigen, die es sich leisten können, während ein Großteil der Bevölkerung wie schon seit Ende Juli weiter unter Hitze und Smog leidet.
In die Hauptstadt zurückkehren musste Bürgermeister Juri Luschkow, dem die Moskauer übelnehmen, dass er lange lieber im Urlaub blieb anstatt sich um die Brandkrise zu kümmern. Luschkow hatte seine bisherige Abwesenheit mit der Behandlung einer "Sportverletzung" an einem unbekannten Ort gerechtfertigt.
Deutschland liefert Atemschutzmasken
Unterdessen schickte Frankreich ein Löschflugzeug nach Russland. Italien bot ebenfalls an, mehrere Maschinen zur Verfügung zu stellen. Aus Polen waren 155 Feuerwehrleute auf dem Weg nach Russland. Deutschland liefert auf Bitten Russlands 100.000 Atemschutzmasken nach Moskau, außerdem Schläuche, Pumpen sowie Motoraggregate. Die Hilfslieferungen sollen am Montag ankommen.
Das Innenministerium dementierte jedoch, dass auch deutsche Helfer in Moskau eingetroffen seien. Das hatte Interfax unter Berufung auf einen namentlich nicht genannten Mitarbeiter des Zivilschutzministeriums gemeldet. Nach offiziellen russischen Angaben sind unter anderem Rettungskräfte aus Italien, Polen und Bulgarien im Einsatz gegen die Feuerwalze.
Nach offiziellen Angaben starben bislang mehr als 50 Menschen infolge der Wald- und Torfbrände. Hunderte Verletzte liegen in Krankenhäusern, Tausende sind auf der Flucht vor den Flammen. Russische Hilfsorganisationen schätzen, dass die Zahl der Toten weit höher liegt. Kremlchef Dmitri Medwedew spendete aus eigener Tasche knapp 9000 Euro für die Brandopfer. Hohe Beamte sollten sich daran ein Beispiel nehmen, sagte Medwedews Sprecherin Natalia Timakowa.
Qualm auch in der Metro
Ärzte in Moskau warnten vor erheblichen gesundheitlichen Problemen. Hunderte Menschen ließen sich wegen Beschwerden in Kliniken behandeln. Der Rauch drang auch in die bis zu 85 Meter tiefen Schächte der weltberühmten Metro.
Einfache Atemschutzmasken seien keine Hilfe, warnte der Moskauer Experte Leonid Lasebnik. Die Bevölkerung wurde daher aufgerufen, nach Möglichkeit zu Hause zu bleiben oder gleich die Stadt zu verlassen. Auf den internationalen Flughäfen kam es wegen der schlechten Sicht zu langen Verspätungen, mehrere Flüge wurden in andere Städte umgeleitet. Der Smog werde nicht vor Mittwoch kommender Woche abziehen, sagten Meteorologen.
Jahrhundert-Dürre und Rekord-Hitze
Rund um das atomare Forschungszentrum in Sarow etwa 400 Kilometer östlich von Moskau schlugen Soldaten und Feuerwehrleute eine acht Kilometer lange und 150 Meter breite Brandschneise. Die Lage sei unter Kontrolle, teilte das Zivilschutzministerium mit.
Landesweit kämpften Hunderttausende Feuerwehrleute, Soldaten und Freiwillige mit teils primitiven Mitteln gegen die verheerende Feuersbrunst. Dicker Rauch behinderte die Löscharbeiten aus der Luft. Russland erlebt derzeit eine Jahrhundert-Dürre und eine Rekord-Hitze mit Temperaturen um 40 Grad.