Panorama
Donnerstag, 23. Februar 2017

Manifest zum Grundeinkommen: "Es geht um Freiheit in der Arbeit"

Hätte es das bedingungslose Grundeinkommen in den USA gegeben, wäre Trump nicht Präsident geworden. Das glaubt Philip Kovce. Der Aktivist veröffentlicht heute ein Manifest zum Einkommen für alle und stellt darin die großen Fragen des Lebens.

n-tv.de: Herr Kovce, vor knapp neun Monaten lehnte die Mehrheit der Schweizer die Grundeinkommensinitiative ab. Das war sicher ein harter Schlag für Sie und das Kampagnenteam. Sind Sie in ein Loch gefallen?

Philip Kovce: Das Ergebnis der Schweizer Volksabstimmung war kein harter Schlag für uns, sondern ein großer Erfolg. Fast jeder vierte Schweizer stimmte auf Anhieb für das Grundeinkommen. Das hatten wir nicht erwartet. Von diesem Erfolg haben wir uns inzwischen gut erholt.

Trotz des Scheiterns hat die Schweizer Volksabstimmung ein breites internationales Echo erfahren. In den USA ist die Grundeinkommensdebatte dadurch maßgeblich ins Rollen gekommen. Wäre Donald Trump heute US-Präsident, wenn jeder Amerikaner über ein Grundeinkommen verfügen könnte?

Es gab wenige gute und viele schlechte Gründe dafür, Trump zu wählen. Mit einem Grundeinkommen hätte es viele der schlechten Gründe nicht gegeben. Viele Protestwähler, die sich vom politischen Establishment nicht ernstgenommen fühlen, hätten nicht für Trump stimmen müssen. Aus guten Gründen hätten ihn bloß Nationalisten, Rassisten und Sexisten gewählt. Das ist ein großer Vorteil des Grundeinkommens: dass es Protestwahlen, also verzerrte demokratische Meinungsbildung, unattraktiv werden lässt. Das Grundeinkommen ist eine antipopulistische Idee.

Planen Sie eine weitere Abstimmung zum Grundeinkommen?

Zwei Drittel der Schweizer erwarten eine weitere Grundeinkommensabstimmung. Das ergab eine repräsentative Umfrage am Abstimmungssonntag. Eine weitere Abstimmung wird also kommen, wenn es an der Zeit ist. Zunächst aber geht es darum, das Thema jenseits eines nächsten Abstimmungstermins weiter zu bewegen.

In Ihrem heute erschienenen "Manifest zum Grundeinkommen" beantworten Sie die Frage nach der Zukunft der Arbeit in 95 Thesen – vor einem halben Jahrtausend veröffentlichte Luther seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel. Das ist sicher kein Zufall?

Nein. Vor 500 Jahren war die Religion lebensprägend. Und Luther kämpfte für Gewissensfreiheit sowie gegen kirchliche Ausbeutung und Bevormundung. Heute ist die Arbeit lebensprägend – und wir lassen uns von ihr biegen und brechen. Ging es zu Luthers Zeiten also um die Befreiung des Glaubens, darum, selbstbestimmt zu glauben, so geht es heute um die Befreiung der Arbeit, darum, selbstbestimmt zu arbeiten.

Beginnen wir mit Ihrer ersten These: "Ich arbeite, also bin ich." Menschen ohne Job sind demnach also nichts?

Philip Kovce

Philip Kovce, geboren 1986, ist Ökonom und Philosoph. Er forscht am Basler Philosophicum sowie an der Wittener Seniorprofessur für Wirtschaft und Philosophie. Außerdem gehört er dem Forschungsnetzwerk Neopolis sowie dem Think Tank 30 des Club of Rome an. Gemeinsam mit dem Unternehmer Daniel Häni schrieb er das Buch zur Schweizer Grundeinkommensabstimmung "Was fehlt, wenn alles da ist? Warum das bedingungslose Grundeinkommen die richtigen Fragen stellt" (2015).

Falsch. Erwerbsarbeit ist ein Sonderfall der Arbeit, den wir für den Regelfall halten. Arbeit ist nicht bloß das, was bezahlt wird. Arbeit ist eine Form der Welt- und Selbsterfahrung. Arbeit stiftet Sinn, wenn wir darüber selbst bestimmen und nicht dazu gezwungen werden können. Das Grundeinkommen sorgt dafür, dass Freiheit die Bedingung der Arbeit ist.

Die Thesen 10, 11 und 12 drehen sich um zwei Menschenbilder – ein Menschenbild von uns selbst und ein Faultierbild von den anderen. Aber was, wenn die Grundeinkommensinitiative nicht nur an der Angst vor der Faulheit der anderen gescheitert ist, sondern auch daran, dass viele gar nicht wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen wollen? Selbsterkenntnis bedeutet ja auch Anstrengung.

Das Grundeinkommen ist anstrengend – und das ist auch gut so! So wird verhindert, dass das Grundeinkommen gedankenlos eingeführt wird. Außerdem wird deutlich, dass wir es hier nicht mit einem Gewinnspiel, sondern mit einem Bildungsvorgang zu tun haben. Wir sind es heute oftmals gar nicht mehr gewohnt, uns überhaupt zu fragen, was wir eigentlich wollen. Die Einführung des Grundeinkommens beginnt mit dieser Frage.

Ein anderes Argument der Grundeinkommenskritiker ist, dass nicht alle Arzt, Lehrer oder Künstler werden können. Es wird immer noch Menschen geben, die Klos putzen oder Straßen reinigen müssen. These 19 Ihres Manifests ist mit dem Begriff "Drecksarbeit" betitelt. Was macht Arbeit dreckig?

Zwang beschmutzt die Arbeit. Zwangsarbeit ist Drecksarbeit. Das heißt aber noch lange nicht, dass alle Arzt, Lehrer oder Künstler werden wollen. Das ist eine Arzt-, Lehrer- und Künstlerillusion! Viele der heutigen Drecksarbeiten werden künftig automatisiert – oder unter sauberen Bedingungen stattfinden. Was niemand freiwillig tun will, das wird nicht mehr erzwungen werden können.

Viele Menschen sind offenbar zufrieden, einen Job zu haben, den sie erledigen, um sich danach der Familie und ihren Hobbies zu widmen. These 39 widmet sich der Work-Life-Schizophrenie. Was ist damit gemeint?

Wir machen uns heute immer mehr Gedanken über unsere Work-Life-Balance. Das ist absurd. Wir können nicht arbeiten, ohne zu leben. Arbeitszeit ist Lebenszeit. Es geht nicht um Freizeit nach der Arbeit, sondern um Freiheit in der Arbeit. Alles andere ist dekadent.

These 86 Ihres Manifests lautet: "Wer nicht muss, der kann." Das klingt verlockend, aber wie erfolgreich kann eine Gesellschaft sein, die nicht mehr macht, was sie muss, sondern nur noch, was sie kann?

Wer nicht muss, sondern kann, der kann auch den Bedarf der anderen besser wahrnehmen. Es ist ja schließlich so, dass die heutigen Zwänge sehr ineffizient sind. Sie führen zu überflüssiger Produktion, nachhaltigen Umweltschäden, unzähligen Krankheiten. Wer muss, der kann nicht anders. Genau darin spricht sich die Alternativlosigkeit aus, die heute so viele resignieren lässt. Deshalb fürchte ich das Können nicht. Wir können viel mehr, wenn wir nicht müssen!

Herr Kovce, für Sie ist klar: Die Antwort auf die Digitalisierung ist das bedingungslose Grundeinkommen. Haben Sie selbst keinerlei Zweifel am Grundeinkommen?

Das Grundeinkommen ist kein Heilsversprechen. Es fällt nicht vom Himmel. Es ermöglicht uns, wenn wir es denn wollen, mit der Digitalisierung besser umzugehen. Der Sozialstaat war die Antwort auf die Industrialisierung. Seine Aufgabe war es, kaputte Menschen zu reparieren, damit sie wieder wie Maschinen funktionieren. Das digitale Zeitalter benötigt uns weniger denn je als Maschinen und mehr denn je als Menschen. Das bedingungslose Grundeinkommen ist ein neues Menschenrecht.

Mit Philip Kovce sprach Diana Sierpinski

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Quelle: n-tv.de

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