Experte glaubt nicht an Allein-Schuld des Kapitäns"Es hätte schlimmer kommen können"

"Von den mehr als 4200 Menschen an Bord sind die weitaus meisten sicher von Bord gekommen. Das muss man positiv sehen", sagt der Schifffahrtsexperte Stefan Krüger. Er hält es "für sehr unwahrscheinlich", dass der Kapitän der "Costa Concordia" aus freien Stücken die Route seines Schiffes geändert hat.
"Von den mehr als 4200 Menschen an Bord sind die weitaus meisten sicher von Bord gekommen. Das muss man positiv sehen", sagt der Schifffahrtsexperte Stefan Krüger. Er hält es "für sehr unwahrscheinlich", dass der Kapitän der "Costa Concordia" aus freien Stücken die Route seines Schiffes geändert hat.
n-tv.de: Ein Kreuzfahrtschiff schlägt bei ruhiger See leck und kippt um - hat Sie das Unglück der "Costa Concordia" überrascht?
Stefan Krüger: Naja, wenn man auf einen Felsen fährt, dann muss man mit so etwas rechnen.
Besonders häufig passiert das aber nicht.
Deshalb ist es im Prinzip auch eine relativ sichere Industrie. Auch Flugzeuge stürzen hin und wieder ab. Deshalb stellt man nicht grundsätzlich die Luftfahrt in Frage.
Gibt es keine Warnsysteme, die Alarm schlagen, wenn ein Schiff zu nah an Felsen oder dergleichen kommt?
Es gibt Echolote, aber so ein Schiff hat natürlich eine gewisse Masse und eine gewisse Trägheit. Wenn man das Problem sieht, muss man erst einmal ausweichen. Das ist nicht so ganz einfach.
Der Kapitän scheint, nach allem, was man bislang weiß, ziemlich viel falsch gemacht zu haben: Er hat sein Schiff zu nah an der Küste manövriert, zunächst keinen SOS-Ruf abgesetzt und das Schiff zu früh verlassen. Ist eine solche Häufung von Versagen so ungewöhnlich, wie es auf den Laien wirkt?
Für den Laien ist natürlich alles ungewöhnlich, und das hört sich auch alles furchtbar chaotisch an. In Wahrheit ist es aber so, dass man erst einmal feststellen muss, wie groß der Schaden ist - dass man sicherstellen muss, dass eine Evakuierung tatsächlich notwendig ist. Denn bei einer Evakuierung kommen ja möglicherweise auch Menschen zu Schaden. Bevor man herausgefunden hat, dass wirklich ein größeres Problem vorliegt, vergeht eine gewisse Zeit. Wenn das Schiff dann Schräglage hat, ist natürlich alles extrem chaotisch.
Das heißt, die Zahl der Toten hätte noch höher sein können?
Von den mehr als 4200 Menschen an Bord sind die weitaus meisten sicher von Bord gekommen. Das muss man positiv sehen. Trotz der tragischen Verluste, die es gegeben hat: Es hätte noch schlimmer kommen können.
Der Kapitän soll nicht einmal einen SOS-Ruf abgesetzt haben.
Bislang ist das alles Spekulation. Bei solchen Geschichten muss man in Ruhe den endgültigen Unfallbericht abwarten, um zu sehen, was da tatsächlich passiert ist.
Gibt es auf diesen riesigen Kreuzfahrtschiffen überhaupt genug Schwimmwesten und Rettungsboote für so viele Passagiere?
Die muss es geben. Wenn die "Costa Concordia" den gesetzlichen Bestimmungen genügt hat, dann war es dort so.
Wie groß sind eigentlich die größten Kreuzfahrtschiffe?
Das sind die Oasis-Schiffe, die transportieren rund 5000 Passagiere. Das ist so die Größenordnung, mit der man jetzt plant.
Kann man solche Schiffe noch einigermaßen geordnet evakuieren?
Man sieht ja, dass das in Paniksituationen immer sehr schwierig ist. Die Frage ist, ob es überhaupt möglich ist, so große Menschenmasse vernünftig zu organisieren. Überall, wo viele Menschen zusammenkommen, gibt es das Risiko, dass sie sich irrational verhalten, wenn etwas passiert.
Auf dem Wasser ist es eine besondere Situation.
Ja und nein. Wenn ein A380 mit 500 Menschen an Bord ein technisches Problem hat, dann ist die Zahl der Überlebenden vermutlich sehr klein. Ich will den Unfall der "Costa Concordia" nicht schönreden, aber man sollte ihn auch nicht dramatisieren. Jetzt muss man fragen, wie man solche Unfälle in Zukunft vermeiden kann.
In welche Richtung würden Sie da gehen?
Es gibt zwei Punkte, bei denen man ansetzen muss: Man muss genau analysieren, warum der Kapitän von der eigentlichen Route abgewichen ist. Es kommt mir ein bisschen unwahrscheinlich vor, dass er nach Lust und Laune entscheiden kann, welche Route er mit seinem Schiff nimmt. Und dann muss ein Schiff eine solche Beschädigung eigentlich besser überstehen als es das getan hat.
Sie glauben also nicht an die Geschichte, dass der Kapitän so nah an die Insel Giglio herangefahren ist, um einem Kellner einen Gefallen zu tun.
Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass ein Kapitän, der so ein Schiff führt, aus freien Stücken eine solche Entscheidung trifft. Es gibt ja auch Hinweise, dass es ein Brauch gewesen sein soll, so etwas zu tun. Aber natürlich ist das alles Spekulation.
Kreuzfahrten sind nicht mehr der Luxus-Urlaub, der sie früher einmal waren, sondern längst Teil des Massentourismus. Kann es sein, dass Dumping-Preise am Ende zu weniger Sicherheit führen?
Da mag was dran sein. Aber man muss doch fairerweise sagen, dass die Kreuzfahrtindustrie innerhalb der Schifffahrt einer der sichersten Bereiche ist. Wenn man auf Dumpingpraktiken verweisen wollte, würde man wohl mit anderen Industrien anfangen.
An welche denken Sie da?
Bei den ganz normalen Handelsschiffen, die von der Stange aus Asien kommen, haben wir deutlich größere Probleme als bei den Kreuzfahrtschiffen, die noch bei vernünftigen Werften mit vernünftiger Technik gebaut werden.
Mit Stefan Krüger sprach Hubertus Volmer