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Seit fünf Jahren gaukelt die japanische Regierung den Menschen vor, die Situation im Griff zu haben.
Seit fünf Jahren gaukelt die japanische Regierung den Menschen vor, die Situation im Griff zu haben.(Foto: AP)

Fünf Jahre nach der Atom-Tragödie: Fukushima wird noch viele Opfer fordern

Von Diana Sierpinski

Unter dem Pazifischen Ozean sackt am 11. März 2011 ein Stück der Pazifischen Platte ab und löst die größte Atomkatastrophe in der Geschichte der Menschheit aus. Fünf Jahre sind seither vergangen - doch die Tragödie ist noch lange nicht vorbei.

Fünf Jahre sind seit der größten Atomkatastrophe in der Geschichte der Menschheit verstrichen, doch die Tragödie ist keineswegs vorbei. Das Leben der betroffenen Bevölkerung hat sich nicht wesentlich verbessert. Noch immer leben rund 100.000 Evakuierte in temporären Flüchtlingsunterkünften oder bei Verwandten. Dies ergab eine im Januar veröffentlichte offizielle Untersuchung der Präfekturverwaltung von Fukushima. Im Mai 2011, zwei Monate nach dem Super-GAU, war die Zahl der Zwangsevakuierten mit knapp 165.000 am höchsten.

Fukushima - die Katastrophe

Die Katastrophe beginnt am Nachmittag des 11. März 2011. Weit draußen unter dem Pazifischen Ozean sackt ein Stück der Pazifischen Platte ab. Das tektonische Ereignis löst in Japan ein Erdbeben der Stärke 9 aus. Doch das Schlimmste folgt erst noch. Die Erschütterungen setzen eine mächtige Wasserwand in Bewegung. Mehrere Tsunamiwellen, bis zu 15 Meter hoch, rollen auf die Küste zu und begraben über Hunderte von Kilometern das Land unter sich. 19.000 Menschen sterben bei dem Unglück.

Die Zerstörung am Atomkraftwerk ist so gravierend, dass es in den Blöcken 1 bis 3 zu Kernschmelzen kommt. Doch weder die Betreiberfirma Tepco noch die japanische Atomaufsichtsbehörde oder die Regierung in Tokio gestehen das Ausmaß der Katastrophe ein. Noch Monate später bestreitet die Atomaufsicht Nisa, dass es zu Kernschmelzen gekommen ist. Ein Vorgang, der sogar die unzureichende Informationspolitik der UdSSR beim Reaktorunglück in Tschernobyl in den Schatten stellt.

Seit nunmehr fünf Jahren gaukelt die japanische Regierung den Menschen vor, die Situation im Griff zu haben, erklärt Alexander Tretsch, Umwelt-Journalist und Autor des Buches "Fukushima 360 Grad" n-tv.de. "Doch die geradezu hilflosen Dekontaminierungsbemühungen mit Drahtbürsten, Harken, Minibaggern und Dampfstrahlern kratzen im wahrsten Sinne des Wortes immer wieder nur an der Oberfläche des Problems." Kaum sei ein Bereich gesäubert, tragen Wind und Regen neue radioaktive Partikel aus den Wäldern und Hügeln in das dekontaminierte Gebiet. Man müsse sich dafür ein Gebiet von der Größe Schleswig-Holsteins vorstellen, das von unsichtbarem, strahlendem Staub gereinigt werden soll. "Das ist schlichtweg nicht möglich", konstatiert Tretsch.

Immer mehr Krebsfälle

Den Evakuierten geht es gesundheitlich alles andere als gut. Einer offiziellen Studie zufolge haben zwei Drittel der Familien Mitglieder mit physischen oder psychischen Gesundheitsproblemen. Die Betroffenen geben an, unter Schlafstörungen, depressiven Verstimmungen und Müdigkeit zu leiden. Erschwerend komme hinzu, dass der Atomkonzern Tepco immer mehr Evakuierten, die zum Teil in tristen Notunterkünften leben müssen, die Entschädigungszahlungen verweigert.

Die Fukushima Medical University veröffentlichte Ende August 2015 die letzten Daten der Fukushima-Schilddrüsenstudie. Innerhalb der 300.000 untersuchten Kinder wurden bisher 113 Krebsverdachtsfälle gefunden. Das entspricht einer Inzidenzrate von 31,4 Schilddrüsenkrebsfällen pro 100.000 Kindern. Vor dem Super-GAU von Fukushima lag die Inzidenz für Schilddrüsenkrebs bei Kindern in Japan bei nur 0,3 Fällen pro Jahr pro 100.000 Kindern.

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Dass dieser Anstieg aus den radioaktiven Freisetzungen aus Fukushima resultiert, dementiert die Regierung in Tokio beharrlich und beruft sich gerne auf Tschernobyl: Dort wurden die ersten Schilddrüsenkrebsfälle erst ab 1991, also erst fünf Jahre nach dem Unfall dokumentiert. Dass es damals gar keine Studien zu vermehrten Krebserkrankungen geben konnte, weil die sowjetische Zentralregierung allen Wissenschaftlern verboten hatte, einen Zusammenhang zwischen Auffälligkeiten bei der Volksgesundheit und Tschernobyl herzustellen, diesen Fakt verschweigt Tokio. Erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1991 wurden die ersten belastbaren Studien in der Ukraine und in Belarus erstellt.

Unethische Zahlenspiele

Neben den Folgen für die menschliche Gesundheit interessieren Wissenschaftler vor allem die ökologischen Konsequenzen der Atomkatastrophe. Eine aktuelle Studie zeigt, dass japanische Mori-Tannen in der Präfektur Fukushima nach 2011 vermehrt gravierende Defekte im Pflanzenwachstum zeigten. Die Zahl dieser Wachstumsstörungen bei den Bäumen steigt mit der Nähe zu den Katastrophen-Reaktoren.

Umweltaktivisten gehen davon aus, dass die Präfektur Fukushima für Hunderte von Jahren verstrahlt bleiben wird. Würde man sich an international anerkannte Grenzwerte halten, dürfte dort in weiten Bereichen kein Mensch leben, erklärt Tretsch. "Aber Japan handelt ähnlich wie in diesem Beispiel: Wenn es eine Fieber-Epidemie mit vielen Erkrankten gibt, kann man entweder die Ursache behandeln oder per Gesetz festlegen, dass die normale Körpertemperatur von 37,6 Grad Celsius auf 41 Grad Celsius hochgesetzt wird - und siehe da: Nach der neuen gesetzlichen Definition gibt es keine Fieberkranken mehr und die Epidemie ist auf dem Papier besiegt. So ähnlich macht es die japanische Regierung mit unethischen Zahlenspielen in Fukushima."

Ob und welche genetischen Veränderungen die radioaktiven Strahlen auf das noch ungeborene Leben haben, werden die nächsten Jahre zeigen. Nach den Erkenntnissen von Tschernobyl geht Tretsch fest davon aus, dass alle Opfer von Fukushima noch nicht einmal geboren sind.

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Quelle: n-tv.de

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