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Dienstag, 12. Januar 2010

"Grüne Woche" zum 75. Mal: Genuss trifft auf Klima-Gewissen

Die Grüne Woche will nicht nur Schlemmerparadies sein, sondern auch Ausgangspunkt für eine Diskussion über Klimawandel und Welternährung.

Die Grüne Woche will nicht nur Schlemmerparadies sein, sondern auch Ausgangspunkt für eine Diskussion über Klimawandel und Welternährung.
(Foto: dpa)

Bio-Wollschweinspeck aus Ungarn, luftgetrocknetes kanadisches Bisonfleisch, zarte Emu-Steaks aus Australien, frische Sushi-Kompositionen aus Fernost - nichts scheint unmöglich auf den 115.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche der Internationalen Grünen Woche Berlin. "100.000 gastronomische Gaumenfreuden und Delikatessen aus 56 Ländern" versprechen die Veranstalter der weltgrößten Messe für Ernährung, Landwirtschaft und Gartenbau, die am Freitag ihre Pforten öffnet.

Treffen der Agrarminister

Doch nicht nur um Genuss und Völlerei soll es gehen. Anlässlich der Grünen Woche kommen in Berlin auch mehr als 50 Agrarminister aus aller Welt zusammen, um über Welternährung und Klimawandel zu beraten. Etwa ein Fünftel des weltweiten Ausstoßes von Treibhausgasen geht auf Landwirtschaft und Ernährungsindustrie zurück - da bekommt das tägliche Brot plötzlich eine neue politische Dimension. Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) ruft die Deutschen anlässlich der Grünen Woche dazu auf, sich ausgewogen zu ernähren und saisonale und regionale Produkte zu nutzen; das sei schließlich "auch ein erheblicher Beitrag für mehr Klimaschutz".

Wer auf saisonale und regionale Produkte zurückgreift, tue auch etwas für den Klimaschutz, so Aigner (Archivfoto: 2009).

Wer auf saisonale und regionale Produkte zurückgreift, tue auch etwas für den Klimaschutz, so Aigner (Archivfoto: 2009).
(Foto: picture-alliance/ dpa)

Für die Grüne Woche ist es nichts Neues, dass politisch bedeutende Themen den Messealltag beherrschen. Die weltweite Lebensmittelkrise 2008, zuvor Lebensmittelskandale und Rinderwahn - in den vergangenen Jahren gab es immer wieder Anlass, einen kritischen Blick auf das sensible Thema Ernährung zu werfen.

Würste aus Pappe

Auch die große Politik spielte in der 84-jährigen Geschichte der Grünen Woche immer eine Rolle. Nachdem die 1926 erstmals veranstaltete Messe während des Zweiten Weltkriegs nicht abgehalten wurde, trotzten die Organisatoren bei der Wiederbelebung der Messe 1948 der sowjetischen Blockade West-Berlins. Doch während ein 40 Kilogramm schwerer Kürbis für Aufsehen sorgte, mussten die Aussteller der Lebensmittelknappheit an anderer Stelle Tribut zollen: Aus Pappe waren Würste und Schinken, die an vielen Ständen hingen.

Nach dem Bau der Mauer im August 1961 hängte sich die Grüne Woche 1962 erstmals und demonstrativ das Prädikat "international" an, fast jeder Zweite der fast 670 Aussteller kam aus dem Ausland. Als der Eiserne Vorhang fiel, wurde ein Ost-West-Agrarforum ins Leben gerufen. Aussteller aus Osteuropa wurden im Laufe der Jahre wurden immer bedeutender, das erste offizielle Partnerland der Grünen Woche wurde 2005 Tschechien.

Auch fachlich war die Messe stets bemüht, auf der Höhe der Zeit zu sein - oder ihr gar ein wenig voraus. In den Anfangsjahren symbolisierte ein vier Meter hoher Universalschlepper mit 100 PS die zunehmende Mechanisierung in der Landwirtschaft, in einer Eierfrischhaltemaschine drehten sich 5000 Eier im Kreis. Eine auf Kalorienersparnis programmierte Ernährungsuhr gab bereits 1939 Tipps für gesunde Mahlzeiten, 1953 wurde eine Biogasanlage vorgestellt. 1971 wurde die Elektronische Datenverarbeitung Thema einer Sonderschau.

Umwelverbände kritisieren Fleischkonsum

Heute spielen Umweltthemen wie erneuerbare Energien und nachwachsende Rohstoffe eine Rolle - und eben die Rolle der Landwirtschaft beim Klimawandel. Doch die Signale, die dabei von der Messe ausgehen, dürften für den Verbraucher mehr als widersprüchlich sein. Umweltverbände fordern immer wieder Zurückhaltung beim Verzehr von Fleisch, schließlich gilt die Tierzucht wegen des flächen- und düngemittelintensiven Futtermittel-Anbaus als wahrer Klimasünder, Rinder produzieren das höchst klimaschädliche Treibhausgas Methan. Von Zurückhaltung beim Fleischkonsum wird auf der Grünen Woche aber, das lassen die Ankündigungen vermuten, nicht viel zu sehen sein.

Fabian Schlüter, AFP

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