Panorama

"Nehmen das Schlimmste an"Hausarrest für Geflügel

19.08.2005, 07:42 Uhr

Bundesverbraucherministerin Künast will per Eilverordnung alle Geflügelhalter noch vor dem Eintreffen der Zugvögel verpflichten, ihre Tiere einzusperren. Die Vogelgrippe droht sich auch in Deutschland auszubreiten.

Angesichts der sich von Asien ausbreitenden Vogelgrippe will Bundesverbraucherministerin Renate Künast per Eilverordnung alle Geflügelhalter noch vor dem Eintreffen der Zugvögel verpflichten, ihre Tiere einzusperren. Künast sagte, als Frist für das In-Kraft-Treten der Aufstallungspflicht hätten Experten am Vortag bei Beratungen unter Leitung ihres Ministeriums den 15. September empfohlen. "Wir diskutieren jetzt dieses Datum mit den Bundesländern", sagte die Grünen-Politikerin.

Die Verordnung werde bereits ausgearbeitet und solle unabhängig davon in Kraft treten, ob das Vogelgrippe-Virus sich bereits bis an den Ural ausgebreitet habe oder nicht. Es soll Künast zufolge dort Ausnahmen geben, wo Federvieh nicht im Stall eingesperrt werden kann. Dort müsse der Kontakt mit Zugvögeln etwa durch Netze und Sperrung des Zugangs zu Oberflächenwasser verhindert werden.

Der Krisengipfel empfahl auch die flächendeckende Untersuchung von Wildvögeln auf das Vogelgrippevirus H5N1. Wasservögel wie Enten oder Gänse, die nicht in Ställen gehalten werden, müssten verstärkt kontrolliert werden. An dem Treffen in Bonn nahmen neben Vertretern des Gesundheitsministeriums Vertreter der Länder, der Geflügelwirtschaft und des Bundesforschungsinstituts für Tiergesundheit teil.

"Wir nehmen das Schlimmste an"

Renate Künast zeigte sich besorgt: "Wir nehmen das Schlimmste an", sagte sie im ZDF. Sie warnte aber vor Alarmismus und wies darauf hin, dass sich die Regierung bereits seit langem mit der Seuche beschäftige. Sie habe etwas gegen Spekulationen darüber, "was wie gefährlich sein kann", sagte die Ministerin weiter. "Wir wissen, dass es gefährlich ist und meine Devise ist immer, vorsorgend zu arbeiten." Das sollte ruhig und systematisch geschehen. Die Europäische Union hat unterdessen einen Importstopp für Geflügel, Geflügelprodukte und Vögel aus Russland und Kasachstan verhängt.

Nach russischen Regierungsangaben hat die Vogelgrippe noch nicht den westlichen Teil des Ural erreicht. Betroffen seien jedoch weiter Regionen im Westen und Süden Sibiriens, teilte das Ministerium für Zivilschutz in Moskau mit. In der Region Tscheljabinsk auf der sibirischen Seite des Urals sei das Virus H5N1 bislang in vier Dörfern aufgetreten.

Geflügelwirtschaft will schnelleres Verbot

Die deutsche Geflügelwirtschaft hat aus Angst vor Vogelgrippe ein schnelles Verbot der Freilandhaltung für Geflügel gefordert. "Die geplante Eilverordnung muss unverzüglich in Kraft treten", sagte der Sprecher des Zentralverbandes der Deutschen Geflügelwirtschaft, Thoams Janning, am Freitag in Berlin. Die deutschen Biobauern lehnen ein Verbot der Freilandhaltung dagegen ab.

Die zeitweise Beschränkung des Auslaufs etwa für Hühner und Puten sei ein absolutes Muss, um das Risiko zu minimieren, sagte Janning. Als spätesten Termin nannte er den 1. September. Die Ställe dafür seien vorhanden. Die Eier der entsprechenden Legehennen könnten nach Ansicht Jannigs auch weiter unter dem Label Freilandhaltung vermarktet werden. Das sähen die entsprechenden Verordnungen vor.

Der Öko-Verband Bioland dagegen verlangte Ausnahmen vom Zwang zur Stallhaltung. "Viele Biolandbauern haben gar keine festen Ställe", sagte Bundesvorstand Thomas Dosch in Mainz. Es gäbe auch andere Möglichkeiten, das Ansteckungsrisiko zu verringern. Hühner könnten in abgesperrten, überdachten Ausläufen gehalten oder potenzielle Wasserstellen für Zugvögel abgedeckt werden. Außerdem ließen sich die ärztlichen Kontrollen der Tiere verschärfen. Dosch warnte vor Panikmache.

Die Niedersächsische Geflügelwirtschaft sieht eine große, zusätzliche Gefahr, weil viele Beschäftigte derzeit in Kasachstan Urlaub machen, berichtete die "Nordwest-Zeitung". Die Befürchtung sei immens, dass sie bei ihrer Rückkehr Viren einschleppten, sagte der Vorsitzende Wilhelm Hoffrogge der Zeitung.

Nicht genügend Medikamente bestellt

Das Robert-Koch-Institut (RKI) forderte mehr Verantwortung des Bundes bei der Vorsorge für eine mögliche Grippe-Epidemie bei Menschen. "Die Bevorratungspolitik der Länder ist nicht optimal", kritisierte Präsident Reinhard Kurth im ZDF.

Die Bedrohung durch eine weltweite Grippe-Epidemie ist nach Einschätzung des RKI so hoch wie seit Jahrzehnten nicht. Bislang habe sich das Vogelgrippe-Virus noch nicht so verändert, dass es eine solche Pandemie auslösen könne, sagte Kurth der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Das Virus H5N1 sei in den vergangenen Jahren aber eindeutig gefährlicher geworden. Die Bundesländer hätten bislang nur für zehn Prozent ihrer Bevölkerung entsprechende Grippe-Medikamente bestellt. Das RKI empfehle die doppelte Menge.