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Flugnummer 9268: Der Airbus A321 mit der Kennung EI-ETJ flog für Metrojet.
Flugnummer 9268: Der Airbus A321 mit der Kennung EI-ETJ flog für Metrojet.(Foto: REUTERS)

Airbus mit 224 Menschen an Bord: IS-Ableger bekennt sich zu "Flugzeugabschuss"

Eiskalte Lüge oder grausames Geständnis? Die Terrormiliz IS übernimmt die Verantwortung für den Absturz des russischen Passagierjets auf dem Sinai. IS-Kämpfer hätten das Flugzeug abgeschossen, heißt es. Nicht nur die ägyptischen Behörden zweifeln. Moskau entsendet ein Großaufgebot.

Noch ist es nur eine Behauptung: Der ägyptische Ableger der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) hat nach eigenen Angaben die russische Passagiermaschine auf dem Sinai abgeschossen. Das hätten die Islamisten auf ihrem Twitter-Konto mitgeteilt, berichtete die Nachrichtenagentur AFP. Belege für eine Verwicklung der Extremisten in den Absturz liegen nicht vor. Ägyptischen Sicherheitskreisen zufolge gibt es Hinweise, dass das Flugzeug aufgrund eines technischen Defektes abstürzte.

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Die "Soldaten des Kalifats haben es geschafft, ein russisches Flugzeug in der Provinz Sinai" abzuschießen, erklärte die IS-Gruppe dagegen wörtlich. Die mehr als 220 "Kreuzzügler" an Bord der Maschine seien "dank Gottes Hilfe" alle getötet worden. Der Abschuss sei eine Racheaktion für die russische Intervention in Syrien. Russland fliegt seit Ende September Luftangriffe in Syrien. Die USA werfen Moskau vor, dabei nicht in erster Linie den IS zu bekämpfen, sondern vor allem gegen gemäßigte Gegner des syrischen Machthabers Baschar al-Assad vorzugehen.

"Keine Überlebenden"

Bei dem Absturz des Airbus A-321 auf dem Weg von Scharm el Scheich nach St. Petersburg waren nach Angaben der russischen Botschaft in Kairo alle 224 Menschen an Bord ums Leben gekommen, darunter 24 Kinder. Vertreter der ägyptischen Sicherheitsbehörden und Rettungskräfte bestätigten, dass es vor Ort "keine Überlebenden" gebe.

Die meisten Opfer seien Russen, die sich nach einem Badeurlaub in der Touristenmetropole am Golf von Akaba auf dem Rückflug nach St. Petersburg befanden. Einige andere Passagiere stammten vermutlich aus der Ukraine und aus Weißrussland, hieß es. Russlands Ministerpräsident Dmitri Medwedew nannte den Tod der 224 Menschen einen "nicht gutzumachenden Verlust". Die Regierung in Moskau erklärte diesen Sonntag zum Tag der Trauer. Psychologen betreuten die Hinterbliebenen am Flughafen von St. Petersburg, wo der Airbus um die Mittagszeit hätte landen sollen.

Der Airbus A321 mit der Registrierung EI-ETJ der russischen Fluggesellschaft Kogalymavia floh im Auftrag von Metrojet (Archivbild).
Der Airbus A321 mit der Registrierung EI-ETJ der russischen Fluggesellschaft Kogalymavia floh im Auftrag von Metrojet (Archivbild).(Foto: REUTERS)

Die ägyptischen Behörden gehen nach Angaben aus Sicherheitskreisen von einem technischen Defekt aus, ein Terroranschlag wurde sogar ausdrücklich ausgeschlossen. Zum Zustand des Wracks liegen noch keine näheren Angaben vor. Bei der Ermittlung der Absturzursache spielen solche Details jedoch eine große Rolle: Ein eng umgrenztes Trümmerfeld könnte auf technische Probleme etwa an den Triebwerken hindeuten. Im Fall eines Abschusses wäre das Flugzeug wohl - wie das Beispiel von Flug MH 17 zeigt - in der Luft auseinandergebrochen. Die Wrackteile wären damit im weiten Umkreis verstreut.

An Bord der Maschine befanden sich den Behördenangaben zufolge 217 Passagiere und sieben Crewmitglieder. Die tatsächliche Absturzursache ist noch vollkommen unklar: Der Kontakt zu dem Charterflugzeug einer russischen Fluggesellschaft war laut der ägyptischen Flugaufsicht nur 23 Minuten nach dem Start über dem Sinai abgebrochen. Gerüchte, wonach der Pilot versucht haben soll, in Al-Arisch notzulanden, wurden von offizieller Seite zunächst nicht bestätigt.

Erfahrener Pilot

Die russische Fluggesellschaft Kolavia als Eigentümer der Unglücksmaschine schloss menschliches Versagen als Unfallursache aus. Mit 12.000 Flugstunden sei der Pilot sehr erfahren gewesen. Die Maschine habe über alle nötigen Zertifikate verfügt, sagte ein Sprecher. Der mehr als 18 Jahre alte Airbus hatte Moskauer Medien zufolge seit 1997 mehrere Besitzer, unter anderem im Libanon. Flug 9268 wurde von der Chartergesellschaft Metrojet durchgeführt.

Ägyptens verdrängtes Problem: Teile der Sinai-Halbinsel sind in der Hand extremistischer Organisationen, darunter auch Unterstützer des Islamischen Staats.
Ägyptens verdrängtes Problem: Teile der Sinai-Halbinsel sind in der Hand extremistischer Organisationen, darunter auch Unterstützer des Islamischen Staats.(Foto: n-tv.de / stepmap.de)

Branchenberichten zufolge besuchten im vergangenen Jahr etwa drei Millionen Russen Ägypten - dies sei die größte ausländische Gruppe gewesen, hieß es. Reisebüros locken mit günstigen Pauschalangeboten und dem guten politischen Verhältnis zwischen Kairo und Moskau. Da westliche Touristen wegen mehrerer Terroranschläge und der derzeitigen autoritären Regierung das Land meiden, sind russische Gäste für die ägyptische Tourismusbranche von großer Bedeutung.

Flughöhe 30.000 Fuß

Der russische Wetterdienst Rosgidrometa teilte mit, in der Region hätten keine schwierigen Flugbedingungen geherrscht. "Es gibt etwas Bewölkung, die Sicht beträgt sechs bis acht Kilometer", sagte ein Mitarbeiter. Der Airbus A-321 soll sich in einer Höhe von über 30.000 Fuß (rund 9100 Meter) befunden haben, als der Radarkontakt abriss. Kurz zuvor habe der Pilot Probleme gemeldet, hieß es in ersten Medienberichten. Die Angaben dazu gehen allerdings auseinander.

Ägyptische Militärflugzeuge entdeckten das Wrack der Maschine in einer bergigen Gegend südlich von Al-Arisch im Norden des Sinai. In der Region sind mehrere Extremistengruppen aktiv, darunter tatsächlich auch ein Ableger fanatisch-islamistischen IS-Milizen. Ob sie über weitreichende Luftabwehrwaffen verfügen, um ein Passagierflugzeug in einer Höhe von rund neun Kilometern über dem Boden abzuschießen, ist fraglich.

Russland entsendet Großaufgebot

Die russische Justiz ordnete Ermittlungen an. Flugschreiber und Stimmenrekorder würden nach Bergung in Moskau ausgewertet, hieß es. Der russische Katastrophenschutz bereitete den Abflug von fünf Maschinen mit Bergungsmannschaften vor.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach dem russischen Präsidenten Wladimir Putin ihr Beileid aus. "Deutschland trauert mit Russland um die Opfer", sagte Merkel laut einer Regierungssprecherin in einem Telefonat mit Putin. Auch Bundespräsident Joachim Gauck kondolierte Putin. "Unsere Gedanken sind in diesen schweren Stunden bei den Flugzeuginsassen und deren Familien und Freunden", erklärte Gauck.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier übermittelte der russischen Bevölkerung sein Beileid: "Unsere Gedanken sind jetzt bei all denen, die durch dieses tragische Unglück so plötzlich ihre Liebsten verloren haben", sagte er. "Ich möchte in diesen schweren Stunden der ganzen russischen Bevölkerung mein aufrichtiges Beileid aussprechen."

Quelle: n-tv.de

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