Schweine-"Grippchen" überbewertetImmer mehr Fälle in Deutschland
Mehrere Hundert Deutsche erkranken täglich neu an Schweinegrippe. Die Zahl werde sich noch dramatisch erhöhen, warnen Mediziner. Gleichzeitig scheuen sich Ärzte von einem Drama zu sprechen. Die Schweinegrippe verlaufe meist weniger gefährlich als die typische saisonale Grippe, die jedes Jahr zu erwarten sei.
Allein von Donnerstag auf Freitag sei die Zahl der registrierten Fälle um 500 auf rund 3400 hochgeschnellt, sagte der Vizepräsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Reinhard Burger, in Berlin. Ein Viertel der Patienten habe sich in Deutschland angesteckt. "Ein Großteil der Fälle geht zurück auf Reiserückkehrer aus Spanien", so Burger.
Viele Rückkehrer hätten sich aber bereits in Deutschland angesteckt. Die meisten würden aber geschwächt von großer Hitze, Sonnenbrand und übermäßigem Alkoholkonsum die Krankheit in warmen Ländern, wie jetzt Spanien, "ausbrüten", berichten Mediziner des Robert-Koch-Instituts. Dafür spreche auch, dass das Gros der Erkrankten der Gruppe "männlich, 19 bis 27 Jahre" angehörten. Auch spanische Medien reagieren eher gelassen auf das Thema. Sie sprechen respektlos von "Affenhitze und Schweinegrippe", die sich "hervorragend zu einer Sommershow" ergänzten.
In den USA sei mittlerweile die Rede von mehr als einer Million Fälle. "Die offiziellen Zahlen sind deutlich geringer", sagte Burger, die Dunkelziffer jedoch sehr groß. Auch in Großbritannien habe sich die Zahl innerhalb von einer Woche auf rund 100 000 Fälle verdoppelt. In mehr als 160 Ländern habe sich das Virus verbreitet. Die Zahl der Todesfälle liege bei knapp 1000.
Die meisten neuen Schweinegrippefälle würden aus Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen gemeldet. Bürger ergänzte: "Die Pandemie ist in der Tat angekommen, das neue Virus hat sich innerhalb von zwei Monaten über die ganze Welt verbreitet, so schnell ging das noch nie."
Weitere Steigerung in Sicht
Das Institut sehe die Entwicklung "mit Sorge" und rechne mit einer weiteren Steigerung der Krankheitsfälle, weil immer mehr Menschen aus dem Urlaub zurückkämen. Derzeit sei noch keine seriöse Aussage zu treffen, wie sich die Situation weiter entwickelt. "Wir gehen aber davon aus, dass in den nächsten Wochen ein Anstieg der Fälle beobachtet werden muss", sagte Burger. Einig seien sich die Experten nur, dass es zum Winter hin mehr Fälle geben wird. Urlaubern riet Burger nur indirekt von Reisen ab. "Das Virus ist überall, das muss den Reisenden bewusst sein."
Schluss mit dem Sommertheater
Der Pariser Medizin-Professor und Abgeordnete Bernard Debré distanzierte sich unterdessen in scharfer Form vom aktuellen Umgang mit der Schweinegrippe-Gefährdung. Der Virus-Typ A (H1N1) sei "nicht gefährlich", die Schweinegrippe "etwas weniger gefährlich" als die typische saisonale Grippe, die jedes Jahr zu erwarten sei, sagte Debré dem "Journal du Dimanche". "Deshalb muss man jetzt mal einen Punkt machen", forderte der Mediziner, der zugleich für die Regierungspartei UMP im Pariser Abgeordnetenhaus sitzt.
Behandlung mit simplen Schmerztabletten
"Das ist und bleibt ein Grippchen!", sagte Debré, nicht vergleichbar etwa mit dem Ebola-Fieber. Im übrigen hätten die staatlichen Stellen bereits damit begonnen, die Vorsichtsmaßnahmen herunterzuschrauben. Die mutmaßlichen Schweinegrippe-Kranken würden mit simplen Schmerztabletten behandelt. Die auch in den Regierungen weit verbreitete Furcht vor einer großen Schweinegrippen-Epidemie führt Debré auf das "Gestikulieren" der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zurück. Die täglichen Kommuniqués der WHO hätten zu einer "Über-Medialisierung" geführt. Er halte es jedoch für "überflüssig, die Bevölkerung verrückt zu machen".
Schweinegrippe zwangsweise als Todesursache
Derweil ist in Israel erstmals ein Mensch an Schweinegrippe gestorben. Eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums in Jerusalem bestätigte, es handele sich um einen 35 Jahre alten Mann, der am Samstag in einem Krankenhaus in der Stadt Eilat im Süden des Landes gestorben sei. Bislang wurden in Israel etwa 1500 Fälle von Schweinegrippe diagnostiziert. Israelische Medien berichteten, der Mann sei übergewichtig und ein starker Raucher gewesen. Er habe nach der Ansteckung mit dem Schweinegrippe-Virus eine Lungenentzündung bekommen.
Auch wenn jeder andere Grippevirus ähnliche Auswirkungen auf den Patienten gehabt haben dürfte, muss der Tod des 35-Jährigen mit der Schweinegrippe begründet werden.