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In den Anlagen steht das hochkontaminierte Wasser. Eine Berührung damit kann tödlich sein
In den Anlagen steht das hochkontaminierte Wasser. Eine Berührung damit kann tödlich sein(Foto: REUTERS)

Strontium im Grundwasser: Japan will deutsches Know-how

Japan meldet nach dem Reaktorunglück in Fukushima Interesse an deutschem Wissen über erneuerbare Energien an. Derweil wird radioaktive Strahlung in immer entfernteren Gebieten um das Unglücks-AKW nachgewiesen. Erstmals wird jetzt Strontium im Grundwasser entdeckt. Das Gift reichert sich in Knochen an und kann Blutkrebs auslösen.

Die deutsche Energiewende könnte zum Exportschlager werden. Nach der Atomkatastrophe von Fukushima hat Japan nach Angaben von Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) Interesse an deutschem Wissen über erneuerbare Energien angemeldet. Die Provinzregierung von Sendai setze besonders auf Sonnenenergie. Kauder besucht im Moment die von Erdbeben und Tsunami schwer verwüstete Region. Deutschland müsse jetzt zu seinem langjährigen Partner Japan stehen, erklärte Kauder. Es werde noch Jahre dauern bis die betroffenen Regionen wieder aufgebaut sind.

Der Rückbau der Anlage kann noch Jahre dauern.
Der Rückbau der Anlage kann noch Jahre dauern.(Foto: REUTERS)

Derweil stehen die Reparaturtrupps in der Atomruine Fukushima vor einem wichtigen Etappenschritt zur Bewältigung der Katastrophe. Dabei geht es um das Problem des verstrahlten Wassers. Eine Anlage zur Dekontaminierung der Brühe solle möglichst an diesem Freitag in Betrieb genommen werden, teilte der Betreiberkonzern Tepco mit. Bei einem Testdurchlauf mit schwach verseuchtem Wasser sei erfolgreich der Cäsium-Gehalt auf das gewünschte Niveau reduziert worden, gab die japanische Atomaufsicht bekannt. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace ist skeptisch.

"Uns ist nicht bekannt, wie diese Anlage funktionieren soll", sagte Christoph von Lieven, Strahlenexperte bei Greenpeace. "Nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl ist unter großem Aufwand ebenfalls Wasser dekontaminiert worden. Die dann anfallenden hochradioaktiven Abfallstoffe müssen aber auch entsorgt werden. Und dafür gibt es kein Lager. Weltweit." Man könne nur hoffen, dass es funktioniert, so Lieven. Täglich würden mehrere Tonnen Wasser in die Atomruine ließen, um die Masse der geschmolzenen Brennstäbe zu kühlen. "Die Anlage sowie die Auffangtanks sind voll damit. Durch Lecks entweicht das Wasser aber auch immer wieder. Es ist dringend notwendig, dieser kontaminierten Wassermassen Herr zu werden."

Ursprünglich hatte Tepco das System schon früher einsetzen wollen. Es seien jedoch unter anderem Wasserlecks aufgetreten, die abgedichtet werden mussten, so Tepco. Mit der neuen Anlage sollen die großen Mengen hochgradig verseuchten Wassers gereinigt werden, die in der stark zerstörten Atomanlage zur Kühlung der Reaktoren schwappen.

Strontium nun auch im Grundwasser

Erhöhte Strahlung war nach Greenpeace-Angaben auch in Gebieten gemessen worden, die Hunderte Kilometer entfernt liegen: Grüner Tee aus der größten Teeanbau-Provinz Shizuoka enthielt 679 Becquerel Cäsium pro Kilogramm. Der Grenzwert liegt bei 500 Becquerel. Grüner Tee ist auch in Deutschland wegen seiner positiven Wirkung auf die Gesundheit beliebt. Für näher am AKW Fukushima-Daiichi gelegene Anbaugebiete hatte die japanische Regierung bereits Auslieferungen von Grüntee gestoppt.

Aus den Gräben soll das Wasser zur Bewässerung der Felder genutzt werden. Messungen wiesen erhöhte Radioaktivität nach.
Aus den Gräben soll das Wasser zur Bewässerung der Felder genutzt werden. Messungen wiesen erhöhte Radioaktivität nach.(Foto: AP)

"Beunruhigend ist, dass nahe der Atomruine erhöhte Strontiumwerte nun auch im Grundwassser gemessen wurden", so Lieven. "Ich vermute, dass der radioaktive Stoff mit dem Wasser aus den Reaktoren gespült wurde und dann im Boden versickert ist." Strontium war bislang in Bodenproben gemessen worden. Erst jetzt kam heraus, dass auch weiter entfernte Gebiete betroffen sind: zum Beispiel die Stadt Fukushima, die 60 Kilometer vom AKW Fukushima-Daiichi entfernt liegt – und nicht evakuiert ist. Strontium – gerne auch Knochenkiller genannt – schädigt das Knochenmark, reichert sich in Knochen an und kann Blutkrebs (Leukämie) auslösen.

Rund 34.000 Kinder in der Umgebung der Atomruine sollen Geigerzähler erhalten. Die Stadt Fukushima werde die Geräte ab September für drei Monate an alle Kinder in Kindergärten und Schulen vergeben, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo. Damit sollen die Mädchen und Jungen selbst die radioaktive Belastung messen können.

Die Stadt misst die Belastung den Angaben zufolge zwar täglich. Dennoch seien Eltern weiter besorgt. "Wir hoffen, dass wir mit dem Verteilen der Geigerzähler die Eltern beruhigen können", sagte ein Beamter.

Tokio bringt Hilfe auf den Weg

Unterdessen brachte die Regierung in Tokio ein Gesetz auf den Weg, das bei der Entschädigung der Opfer der Katastrophe helfen soll. Das Gesetz sieht die Schaffung eines Fonds vor, der Tepco bei den horrenden Entschädigungszahlungen unterstützt. Das Atomkraftwerk in Fukushima war durch ein Erdbeben und einen Tsunami am 11. März stark beschädigt worden. Zahlreiche Menschen in der Region mussten ihre Häuser verlassen, auch viele Bauern verloren ihr Einkommen.

In den Fonds sollen neben der Regierung auch andere Energieversorger Geld einzahlen. Tepco kündigte an, mit Hilfe des Fonds Entschädigungen "fair und prompt" zu zahlen. Der Konzern hoffe, dass das Gesetz dafür möglichst schnell beschlossen werde.

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Quelle: n-tv.de

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