Panorama
Papst Franziskus bei seinem zweiten Auftritt nach seiner Wahl.
Papst Franziskus bei seinem zweiten Auftritt nach seiner Wahl.(Foto: REUTERS)

Vatikan-Kenner Andreas Englisch: "Jetzt kommt eine komplett neue Zeit"

Auch wenn "keine großen Revolutionen" zu erwarten sind, ist sich Benedikt-Biograf Andreas Englisch im n-tv.de-Interview sicher: Franziskus wird in die Geschichte eingehen als Papst der Barmherzigkeit. Und als einer, der Schluss macht mit Mercedes-Karossen, Helikopterflügen und "der Prasserei".

n-tv.de: Was war Ihr erster Gedanke, als Kardinal Bergoglio zum Papst ausgerufen wurde?

Andreas Englisch: Ich habe gedacht: "Super." Wenn Sie an den lieben Gott glauben, dann nehmen Sie das bitte so hin, wenn nicht, dann auch: Der Mann ist ein Heiliger. Zumindest macht er genau diesen Eindruck.

Hatte denn irgendjemand Bergoglio auf der Rechnung?

Ich habe nicht damit gerechnet, dass sie einen 76-Jährigen nehmen. Aber es war insofern keine Revolution, weil Bergoglio schon mit 30 oder 40 Stimmen ins Konklave gegangen ist. Kardinal Sodano hat gesagt: "Bloß keine Revolution." Und dann haben die Kardinäle einfach da weiter gemacht, wo sie 2005 aufgehört haben. Und aufgehört haben sie damals dabei, Bergoglio zu wählen. Der hat ja gegen Ratzinger verloren, aber dann haben sie das eben nochmal von vorne gemacht.

Endlich mal wieder ein Nicht-Europäer, oder?

Ja, erstmals wieder nach mehr als 1000 Jahren. Das bedeutet einen völligen Kurswechsel. Jetzt kommt eine komplett neue Zeit.

Der Argentinier hat den Namen Franziskus gewählt. Welches Zeichen geht davon aus?

Bergoglio ist ein unglaublich einfach lebender Mann, der lebt wie ein Franziskaner. Er entschuldigt sich immer dafür, dass er Bischof ist. Das ist nicht einer, der den Menschen umständlich die Theologie erklärt wie Joseph Ratzinger. Ich kann mich daran erinnern, dass er einmal sagte: "Die Kirche will doch eigentlich gar nicht so viel von euch. Es reicht doch, wenn ihr einander liebt."

Bisher hat sich kein Papst nach Franz von Assisi benannt, obwohl dies ein sehr berühmter Heiliger ist. Woran liegt das?

Ich bin Ihnen richtig dankbar für diese Frage. Das ist doch ganz einfach: Wenn Sie gerne Mercedes fahren, eine große Wohnung und schöne Pferde haben und jede Menge zu saufen, dann benennen Sie sich nicht nach dem Heiligen Franz, sondern nehmen jemand anderen. Wenn Sie es aber doch tun, dann heißt das: Schluss mit Mercedes-Karossen, Schluss mit Helikopterflügen, Schluss mit der Prasserei.

Löst er das ein?

Heute habe ich einen Blick auf den Parkplatz des Heiligen Vaters geworfen. Dort standen bestimmt ein halbes Dutzend großer Mercedes-Limousinen. Ganz neue Dinger, die kosten bestimmt jeweils über 100.000 Euro. Aber da stand auch ein VW Passat. Und jetzt raten Sie mal, mit welchem Auto Franziskus heute Morgen in die Basilika Santa Maria Maggiore gefahren ist.

Franziskus ist Jesuit. Was bedeutet das?

Jesuiten leben in Gemeinschaften. Sie treffen wichtige Entscheidungen gerne zusammen mit anderen Menschen. Und so wird auch Franziskus Entscheidungen nicht ganz alleine treffen wie das Joseph Ratzinger gemacht hat.

Was unterscheidet Franziskus sonst von Benedikt?

Das sind völlig unterschiedliche Menschen, man kann sie überhaupt nicht miteinander vergleichen. Ratzinger war einer, der sehr gerne alleine und zurückgezogen gelebt hat. Er war sehr auf sich bedacht und ging nicht so gerne auf andere zu. Das hier ist ein Vater, ein Pastor, jemand, der Aids-Kranken die Füße küsst. Und eben nicht jemand, der sich in die Studierstube setzt und Bücher schreibt. Er wollte den Menschen helfen und das will er immer noch.

Franziskus ist theologisch als moderate Variante von Benedikt XVI. beschrieben worden. Stimmt das?

Ja, da ist was dran. Es wird keine großen Revolutionen geben. Frauen-Priesterschaft können Sie vergessen. Das gibt es nicht. Auch in Fragen der Rechte gleichgeschlechtlicher Paare wie die Homo-Ehe oder ähnliches - das wird alles nicht kommen. Inhaltlich wird gar nichts passieren. Er hat eine sehr konservative Haltung.

Was ist denn dann von Franziskus zu erwarten?

Zwei Sachen sage ich Ihnen jetzt schon voraus: Er wird nicht zurücktreten. Und er wird der Papst sein, der wegen seiner Barmherzigkeit in die Geschichte eingehen wird.

Mit 76 Jahren ist Franziskus erneut ein recht alter Papst. Zudem ist unklar, wie sehr ihn das Fehlen eines Lungenflügels belastet. Spielt das eine Rolle?

Ja, natürlich. Wenn die Kardinäle einen Star gehabt hätten wie Wojtyla, dann hätten sie ihn gewählt. Weil sie keinen gehabt haben, haben sie gesagt, wir einigen uns auf das, was wir das letzte Mal versucht haben mit Bergoglio. Und versuchen jetzt erst einmal, ein paar Jahre über die Runden zu kommen. Das ist keine Richtungsentscheidung für die nächsten zehn Jahre. Franziskus ist ein Übergangspapst.

Die Rolle Franziskus' während der argentinischen Militärjunta ist nicht einwandfrei geklärt. Legt das einen Schatten über sein Pontifikat?

Jeder, dem die Kirche auf den Keks geht, wird ab jetzt immer sagen: "Im Übrigen steht er ja auch im Verdacht …". Das wird sein Kreuz.

Mit Andreas Englisch sprach Johannes Graf

"Benedikt XVI. – Der deutsche Papst" bei Amazon bestellen

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Video-Empfehlungen
Empfehlungen