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Tina K. kam persönlich zum Prozessauftakt. Sie wollte den Angeklagten in die Augen sehen.
Tina K. kam persönlich zum Prozessauftakt. Sie wollte den Angeklagten in die Augen sehen.(Foto: REUTERS)

Prozessbeginn gegen Alexanderplatz-Schläger: Jonny K.s Schwester hofft vergebens

Von Solveig Bach

Beinahe sieben Monate sind vergangen, seit Jonny K. bei einer Schlägerei auf dem Alexanderplatz tödlich verletzt wird. Nun beginnt das Verfahren gegen sechs Angeklagte. Jonny K.s Schwester Tina verfolgt den ersten Tag im Gerichtssaal. Eindringlich schaut sie den jungen Männern ins Gesicht, die für den Tod ihres Bruders verantwortlich sein sollen. Doch niemand will es gewesen sein.

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Tina K. ist die große Schwester von Jonny K. und man spürt, das bleibt sie auch über seinen Tod hinaus. Als Einzige aus der Familie ist sie am ersten Verhandlungstag ins Berliner Kriminalgericht nach Moabit gekommen, um den Menschen in die Augen zu sehen, die ihren Bruder so schwer verprügelten, dass er daran starb. Ihre Eltern hätten den Weg ins Gericht nicht ertragen, sagt sie in einer Verhandlungspause. Doch sie spricht kaum mit Journalisten an diesem Tag.

Sechs junge Männer müssen sich für die verhängnisvolle Schlägerei vom Oktober am Berliner Alexanderplatz verantworten. Die Anklage lautet auf Körperverletzung mit Todesfolge und gefährliche Körperverletzung. Fünf der Angeklagten sitzen jetzt  in den extra sicheren Glaskästen hinter ihren Verteidigern, nur einer darf neben seinem Anwalt sitzen. Der Vorsitzende Richter, Helmut Schweckendieck, macht gleich zu Beginn der Verhandlung deutlich, dass er diese Sitzordnung an den weiteren Verhandlungstagen ändern möchte. Er kann die Angeklagten nicht gut sehen.

Auch Tina K. dreht sich im Verlauf der des ersten Verhandlungstages immer wieder hin und her, um den jungen Männern ins Gesicht schauen zu können. Nach der Feststellung der Personalien haben alle sechs angekündigt, sich zu den erhobenen Vorwürfen über ihre Anwälte oder persönlich äußern zu wollen. Was Tina K. von diesen Aussagen erwartet, lässt sich nur ahnen. Ihre Gesichtszüge wirken wie versteinert.

Schlägerei nach einem Diskobesuch

Die Prügelattacke auf Jonny K. hatte bundesweit Entsetzen ausgelöst. Onur U., Bilal K., Osman A., Memet E., Melih Y. und Hüseyin I. hatten Jonny K. in der Nacht zum 14. Oktober 2012 vor einem Lokal nahe dem Alexanderplatz so heftig geschlagen und getreten, dass er einen Tag später an Gehirnblutungen starb. Auch ein Freund war angegriffen und verletzt worden. Doch sieben Monate später verlieren sich die jungen Männer in Ausflüchten. Onur U. gibt in einer Erklärung seines Anwalts die Schlägerei mit Gerhard C. zu, will aber Jonny K. erst irgendwann gesehen haben, als der schon am Boden lag. Tina K. weint bei dieser Aussage, so still, dass man genau hinsehen muss.

Bilal K. gibt kurz darauf ebenfalls über seinen Anwalt detailliert Auskunft über seinen Alkoholkonsum am Tatabend. Er sagt, er habe Jonny K. an den Oberschenkel getreten, doch danach sei Jonny nicht umgefallen. "Mein Tritt war es nicht",  versichert der mit 24 Jahren älteste der Angeklagten. Tina K. sieht den jungen Mann im karierten Hemd lange an, schließlich senkt er den Blick. 

So geht es weiter:  Hüseyin I. will versucht haben, den Streit zu schlichten. Osman A. sagt zwar: "Ich war der Erste, der Jonny K. getreten hat." Aber der Tritt habe Jonny K. nicht zu Fall gebracht, er sei ein friedlicher Mensch, noch nie in eine Schlägerei verwickelt gewesen, er möge keine Horrorfilme und spiele keine Computerspiele, lässt er über seinen Anwalt mitteilen. Melih Y. äußert sich persönlich und erzählt, dass er Jonny K. ans Schienenbein getreten hat. Er hat der Familie des Opfers über seinen Anwalt zweimal schreiben lassen, er habe nicht gedacht, dass dieser Abend "ein so schlimmes Ende nehmen kann". Tina K. lässt ihren Anwalt noch einmal nachfragen, sie ist sehr beherrscht in diesem Moment. 

Große Ratlosigkeit

Als Letzter schildert Memet E. seine Erinnerungen, er wendet sich zu Beginn seiner Aussage direkt an Tina K.  Er drückt sein Bedauern über Jonnys Tod aus und es ist ihm anzumerken, dass ihm die direkte Begegnung mit der Schwester des Opfers zu schaffen macht. Tina K. schaut ihn eindringlich an. Später fragt der Richter: "Warum haben Sie überhaupt mitgemacht?" und E. antwortet kleinlaut: "Weiß ich nicht." E. will nur nach Jonny K.s Freund getreten haben, in der polizeilichen Vernehmung mit Jonny K.s Tod konfrontiert, war er sich sicher, "dass ich den jedenfalls nicht umgebracht habe".

Richter Schweckendieck spricht mehrfach von vier schweren Kopfverletzungen, die Jonny K. in jener Nacht erlitten hat. Er lässt offen, wie diese Verletzungen zustande gekommen sind und trotzdem keinen Zweifel daran, dass er es für ausgeschlossen hält, sie rührten nur von dem Sturz aufs Pflaster her. Beantworten wird diese Frage wohl erst der rechtsmedizinische Gutachter, der Jonny K.s Verletzungen einschätzen wird.

Nach sechs Stunden vertagt sich das Gericht. Tina K. hat immer wieder gehört, wie fassungslos die Angeklagten über ihren "Tatbeitrag" seien und dass sie zur Aufklärung der Tat beitragen wollen. Doch mehr, als dass sie an der Prügelattacke beteiligt waren,  gibt keiner von ihnen zu. Die Verantwortung für die möglicherweise tödlichen Tritte gegen Jonny K. übernimmt niemand. Als Tina K. das Gericht verlässt, wirkt sie, als wäre sie am Ende ihrer Kräfte. Sie wollte denen in die Augen schauen, die Jonny so schwer verprügelt haben, dass er starb. Die Aufgabe, jetzt die große Schwester zu sein, scheint fast zu schwer.

Quelle: n-tv.de

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