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Gutachte, Richter, Beschuldigter. Ein ganzer Tross besichtigte mit dem Kapitän das Schiff.
Gutachte, Richter, Beschuldigter. Ein ganzer Tross besichtigte mit dem Kapitän das Schiff.(Foto: AP)

Ortstermin auf der havarierten "Costa Concordia": Kapitän Schettino ist wieder an Bord

Von Udo Gümpel, Giglio

Vor zwei Jahren verunglückt die Costa Concordia vor der italienischen Küste. Kapitän Schettino ist einer der Ersten, der das Schiff verlässt. Ein Gericht soll nun die Frage nach der Verantwortung klären - dazu kehrt der Beschuldigte auf das Wrack zurück.

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"Ob er seine Schuld eingestehe?" Kapitän Francesco schaut uns Journalisten beinah fassungslos an. "Na hören Sie mal, ich habe vor Gericht in Grosseto einen Deal beantragt. Sie wissen ja, was das heißt: damit gesteht man ja eine Schuld ein. Man hat mir diesen Deal nicht erlaubt, allen anderen Angeklagten schon. Also stehe ich vor Gericht und will heute nur, dass die Wahrheit über den Unfall herauskommt." Wer schuld sei an den 32 Toten in der Unglücksnacht am 13. Januar 2012, als er, Schettino, den Stolz der Kreuzfahrtflotte der Costa-Reederei auf den Felsen vor der Insel setzte.

Nun ist er also wieder zurück auf der Insel. Über zwei Jahre nach der Katastrophe. Besonders willkommen ist er nicht. "Der beweist schon eine ziemliche Chuzpe, hier wieder aufzutauchen. Zwar predigt uns Don Lorenzo jeden Sonntag Vergebung zu üben, aber das ist doch schon ziemlich frech", meint Rosalba, Inhaberin der Bar Fausto. Don Lorenzo, der Ortspfarrer, will gar nichts sagen. Er habe ja ein christliches Gelübde abgelegt - statt auf Schettino sollte man doch besser auf die Familien der Opfer schauen, die ihre Lieben trotz aller Entschädigungsgelder nicht wieder bekommen würden.

Der Besuch auf dem Wrack der Costa Concordia ist aber dennoch wichtig. Es geht dabei um die Frage, ob das Schiff in der Unglücksnacht auch technisch in Ordnung war. Schettinos Verteidigungsstrategie ist es ja gerade, die Reederei mit ins Boot der Schuld zu holen. Der Notstromgenerator, ein zwei Container großer Betriebsteil auf Deck 11, also ganz oben auf dem Schiff, sei nicht angesprungen, als die Elektrogeneratoren im Schiffsrumpf überflutet wurden. Das sagt Schettino. Das habe den Tod vieler Menschen verursacht, denn so habe das Schiff außer der Notbeleuchtung keinen Strom mehr gehabt. Ganz verkehrt ist diese Frage nicht. Ohne Notstrom keine Lifte, keine Schottenbewegungen, keine Lenzpumpen. Es ist durchaus denkbar, dass dies die Schräglage des Schiffes gefördert hat, eine Schräglage, die es gerade älteren Passagieren nicht mehr ermöglicht hat, die Rettungsboote zu erreichen. Die Frage zu klären, warum die Notstromaggregate auf dem Schiff nicht angesprungen sind, ist also durchaus wichtig.

Wurden Beweise an Bord vernichtet?

Schettino erklärt sich vor Journalisten.
Schettino erklärt sich vor Journalisten.(Foto: dpa)

Mit Schettino ging ein ganzer Tross von Gutachtern, die Staatsanwälte und die Richter an Bord. Das Problem bei der Wahrheitsfindung ist nicht nur, dass dieser Teil des Schiffs bis zum September 2013 unter Wasser gelegen hat, sondern auch eine mögliche nachträgliche Manipulation der Generatoren. Am 22. Januar 2014 betraten drei Personen der Reederei Costa den abgesperrten und versiegelten Bereich. Das sind nach Kenntnis der Staatsanwaltschaft der Leiter der Bergungsarbeiten, Franco Porcellacchia, der Berater Camillo Casella und ein Techniker. Was hatten die drei dort zu suchen, einen Tag bevor das Gericht dort einen Ortstermin durchführen sollte? Haben sie dort Beweise vernichtet?

Die Staatsanwaltschaft wird diesen Verdacht haben: Tatsache ist nämlich, dass gegen Porcellacchia und Casella wegen Siegelbruch und möglichem Prozessbetrug ermittelt wird. Warum haben sie unerlaubt die Räume der Generatoren betreten? Das ist keine schöne Wende, vor allem für den Verantwortlichen der Bergungsoperation, Ingenieur Porcellacchia. Er ist der Vize-Präsident der Carnival-Reederei, der Eigentümerin der Costa Lines. War die Aktion Dummheit oder Absicht? Das wird wohl auch die Auswertung der Unterlagen ergeben, die die Staatsanwalt in den Büros der Beschuldigten in Genua veranlasst hat. Strafrechtlich hat dies für die Reederei keine Folgen, aber zivilrechtlich kann dies durchaus unangenehm werden. Bei Kapitän Schettino sind keine Schadensersatzgelder einzutreiben - bei der weltgrößten Reederei aber schon.

Auf der Insel denkt man daran aber weniger. Hier will man nur eines: Dass das Wrack so schnell wie möglich wegkommt. Man ist Ingenieur Porcellacchia und dem Bergungsteam unter Nick Sloane dankbar, dass das Schiff in einer nie dagewesenen Ingenieursleistung aufgerichtet wurde, als Vorbereitung für den Abtransport in diesem Jahr. Mutmaßlich an Bord eines riesigen Schwimmdocks. Das ist dann der Tag, an dem die Insel wieder ein Naturparadies werden soll. Auch wenn die Menschen hier das Unglück nie vergessen werden. Genauso wenig, wie die Passagiere an Bord die enorme Hilfsbereitschaft der Menschen von der Insel Giglio vergessen werden, die durch ihren Einsatz noch Hunderten das Leben gerettet haben. Vizebürgermeister Mario Pellegrino zum Beispiel kletterte noch auf das Schiff, als Kapitän Schettino schon seit Stunden an Land war - angeblich ausgerutscht, in ein Rettungsboot gefallen. "Ich kann nur hoffen, dass Schettino, wenn er ganz allein mit sich ist und in den Spiegel schaut, seine Schuld eingesteht", meint Barbesitzerin Rosalba. Auch wenn davon die 32 Toten nicht wieder lebendig werden.

Quelle: n-tv.de

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