Panorama

Verkehrschaos in Deutschland und EuropaLufthansa verlängert Sonderflugplan

19.12.2010, 18:14 Uhr
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Die Anzeigetafel in London-Heathrow. (Foto: dpa)

Auf der Straße, Schiene und den Flughäfen - überall halten Schnee und Eis die Menschen fest. Bei der der Berliner S-Bahn kommt ein Mitarbeiter ums Leben. In Frankfurt müssen einige Passagiere wohl ihre dritte Nacht in Folge am Airport verbringen. Die Lufthansa dehnt ihren Sonderflugplan aus. In Köln dürfen keine Lastwagen mehr auf die Autobahnen.

Der Winter hält etliche europäische Flughäfen weiter fest im Griff. Allein am Drehkreuz Frankfurt am Main wurden etwa 560 von gut 1300 Flügen gestrichen. Tausende Fluggäste stauten sich in den beiden völlig überfüllten Terminals. Die Flugbahnen könnten nur abwechselnd geöffnet werden, da sie vom Winterdienst immer wieder geräumt werden müssten, so eine Sprecherin. Der Flughafenbetreiber Fraport bezeichnete die Lage aber als "insgesamt geordneter" als noch am Samstag. Bei Tumulten zwischen Passagieren musste am ersten Tag des Wochenendes sogar die Polizei einschreiten.

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In Frankfurt am Main wurden über 500 Flüge gestrichen. (Foto: dapd)

Die Lufthansa dehnte ihren Sonderflugplan auf Montag aus. Langstreckenflüge seien jedoch nicht betroffen, teilte das Unternehmen mit. Hunderte Passagiere hatten die Nacht bereits auf Feldbetten am Flughafen verbracht. Eine genaue Zahl konnte die Sprecherin nicht nennen. "Die Flugpläne sind völlig durcheinander", sagte sie. "Von Entspannung kann man nicht reden, da wir weitere Schneefälle erwarten." Flughafenbetreiber Fraport richtete sich darauf ein, dass auch in der Nacht zum Montag wieder hunderte Reisende in den Feldbetten übernachten. Etwa 1000 wurden aufgestellt. Einige Passagiere werden so bereits ihre dritte Nacht verbringen.

Auch der Flughafen in München hat nach zahlreichen Annullierungen in den vergangenen weiterhin mit dem Schnee zu kämpfen. Wegen der Räumungsarbeiten war der Betrieb bereits am Sonntagmorgen eingeschränkt, wie ein Sprecher des Flughafens erklärte. Rund 50 Flüge wurden gestrichen. In Hamburg fielen 40 Flüge aus. In Berlin wurden Flüge nach Frankfurt, London, Paris und Amsterdam gestrichen.

Toter bei Berliner S-Bahn

In Berlin kam ein Mitarbeiter der S-Bahn beim Enteisen einer Weiche ums Leben. Sein Kollege erlitt bei dem Unfall mit einem Zug schwere Verletzungen. Die beiden Männer waren an einer Strecke unterwegs, um Weichen von Schnee und Eis zu befreien und wurden von einer S-Bahn erfasst. Den genauen Unfallhergang ermitteln das Eisenbahnbundesamt und die Berliner Polizei.

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Bergungsarbeiten an den Gleisen der Berliner S-Bahn in Blankenburg. (Foto: dapd)

Im Regierungsbezirk Köln wurde ein Fahrverbot für Lastwagen verhängt. Wegen der geschlossenen Schneedecke dürfen Brummis zumindest in der Nacht zu Montag nicht über die Autobahnen rollen. LKW über 7,5 Tonnen müssen auf den Rastplätzen bleiben. Normalerweise endet das Sonntagsfahrverbot um 22 Uhr.

Während die Deutschen mit den widrigen Bedingungen kämpfen, macht der Deutsche Wetterdienst wenig Hoffnung auf Besserung: In den kommenden Tagen soll es weiter kräftig schneien, von Süden rückt aber mildere Luft heran. Die wärmere Front werde voraussichtlich in der Nacht zum Donnerstag Flensburg erreichen. Der Schnee könne zunehmend in Regen übergehen und auf den frostigen Straßen gefrieren. "Also wenig Vergnügen für Autofahrer in den betroffenen Gebieten", warnten die Meteorologen. Heiligabend könnte so zur Rutschpartie werden.

Minus 20 Grad in Großbritannien

Im europäischen Flugverkehr ist vor allem London von Ausfällen betroffen. Mit Temperaturen von örtlich knapp minus 20 Grad registrierte der britische Wetterdienst den kältesten Dezember seit hundert Jahren. Hunderte Autofahrer blieben im Schnee stecken, vier Menschen starben durch witterungsbedingte Unfälle. Der Flughafen London-Gatwick musste am Samstag geschlossen bleiben. Tausende Passagiere verbrachten auf den beiden Airports die Nacht in den Abflughallen. Das wichtige Flughafen-Drehkreuz London-Heathrow bleibt bis Montag weitgehend geschlossen. Wegen der verschneiten und vereisten Start- und Landebahnen gebe es keine Landungen und nur "eine Hand voll" Starts, teilte die Leitung mit. Am Montag soll der normale Betrieb wieder aufgenommen werden.

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Passagiere in London schützen sich vor der Kälte. (Foto: dpa)

Andrew Teacher von der Heathrow-Betreiberfirma BAA verteidigte die Schließung. "Wenn man den Schnee wegräumt und es dahinter wieder friert, kann man nichts mehr machen", sagte er. Einige Jets seien auf ihrer Parkposition festgefroren. Heathrow habe im vergangenen Jahr sechs Millionen Pfund (5,1 Millionen Euro) in Schneeräumtechnik investiert.

Mehr als 5000 Passagiere wurden über den Pariser Flughafen Charles de Gaulle umgeleitet. Wegen des heftigen Schneefalls wurde am Sonntag aber auch dort jeder vierte Flug gestrichen. In Brüssel müssen wohl 1500 Passagiere eine zweite Nacht im Terminal verbringen, weil ihre Anschlussflüge nicht starten. Der Airport nahm auch Passagiere anderer Flughäfen auf. Dort waren am Samstagabend bis zu 4000 Menschen gestrandet. In Heathrow selbst schliefen die Fluggäste teils unter Isolierfolien im Transitbereich. In Amsterdam verbrachten etwa 3000 Passagiere die Nacht von Freitag auf Samstag im Flughafen, weil hunderte Flüge wegen des Schneefalls annulliert worden waren. Von Samstag auf Sonntag harrten dort mehrere hundert Menschen die Nacht über aus. Der Budapester Flughafen wurde am Samstag vorübergehend geschlossen, damit der Schnee vom Flugfeld geräumt werden konnte.

Schnee sogar in Algerien

Auch in Teilen Italiens legten heftige Schneefälle das öffentliche Leben lahm. Die Flughäfen in der Toskana wurden vorübergehend geschlossen, der Zugverkehr kam zum Stillstand, zahlreiche Autofahrer blieben in den Schneemassen stecken und mussten die Nacht im Wagen verbringen. Freiwillige versorgten sie mit Decken und heißen Getränken. In Florenz war der Zugverkehr lahmgelegt, knapp 5000 gestrandete Passagiere kamen in einem Kongresszentrum unter. Auch in Rom, Neapel und auf der Mittelmeerinsel Capri schneite es. Die Schneefälle erreichten sogar Algerien, wo zwei Menschen bei einem Autounfall starben.

Eiffelturm bleibt zu

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Der Eiffelturm bleibt geschlossen. (Foto: REUTERS)

Auch auf der Schiene und im Wasser kam es zu Behinderungen. Der Eurostar zwischen England und Frankreich konnte nur mit gedrosseltem Tempo fahren. Die Fähren fuhren nur noch nach einem eingeschränkten Fahrplan. Ein Lastkahn mit tausend Tonnen Streusalz an Bord geriet durch einen Navigationsfehler im Rhein-Marne-Kanal in einen unbefahrbaren Abschnitt und rammte eine Flusssperre. Beeinträchtigungen im Schiffsverkehr waren die Folge.

Während weite Teile Europas im Schnee versanken, hatten Autofahrer in Frankreich vor allem mit Eisglätte zu kämpfen. Auf den Straßen im Nordosten des Landes ging am Samstag abschnittsweise nichts mehr. Auch der Busverkehr kam wegen glatter Straßen teilweise zum Erliegen. In 34 Départements galt Alarmstufe Orange. Wegen der starken Schneefälle musste am Sonntag der Eiffelturm für Besucher gesperrt werden.

Quelle: rpe/hvo/dpa/AFP/rts