Panorama

Neue Fälle in DeutschlandMensch steckt Schwein an

03.05.2009, 17:06 Uhr

Erstmals haben sich in Kanada Schweine mit der bislang nur bei Menschen grassierenden Schweinegrippe infiziert. Laut Behörden geht es sowohl dem Farmer als auch die Tieren wieder gut. Aus Frankfurt (Oder) werden zwei neue Infektionen gemeldet. Das Ehepaar, das leichte Symptome aufweist, saß im gleichen Flugzeug wie die infizierte Frau aus Hamburg.

Die Zahl der an Schweinegrippe erkrankten Menschen in Deutschland ist von sechs auf acht gestiegen. Hinzugekommen sei ein Ehepaar, das aus Frankfurt (Oder) stamme und im Klinikum der Stadt behandelt werde, sagte der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Jörg Hacker, am Sonntag in Berlin. Das Ehepaar saß in demselben Flugzeug aus Mexiko wie eine Frau aus Hamburg, bei der ebenfalls eine Infizierung mit dem H1N1-Virus diagnostiziert wurde. Die Eheleute liegen mit nur leichten Symptomen im Frankfurter Klinikum isoliert in zwei Zimmern. Weitere Passagiere des Fluges von Mexiko-Stadt nach Düsseldorf seien bereits informiert worden.

Bei nun insgesamt 20 Verdachtsfällen gebe keinen Grund zur Entwarnung, so Hacker, man solle aber die Lage nicht dramatisieren. Zum zweiten Mal wurde das Virus innerhalb der Bundesrepublik von Mensch zu Mensch übertragen. In der EU sind es nach Zählung des Zentrums für Seuchenbekämpfung (ECDC) insgesamt fünf solcher Fälle. Die Bundesregierung hat eine Meldepflicht für Verdachtsfälle geschaffen. Seit Sonntag sind die Ärzte in Deutschland verpflichtet, sämtliche Verdachtsfälle und Erkrankungen der neuen Grippe dem Gesundheitsamt zu melden.

Mensch steckt Schwein an

In Kanada ist es inzwischen erstmals zu einer Ansteckung mit dem neuartigen Grippe-Virus A (H1N1) von Mensch zu Tier gekommen. Höchstwahrscheinlich habe ein Mann, der mit Grippesymptomen aus Mexiko zurückgekommen war, seine Schweineherde in der Provinz Alberta infiziert, berichtet die kanadische Lebensmittelbehörde. Die Sicherheit der Lebensmittelversorgung sei dadurch aber nicht gefährdet, teilte die Canadian Food Inspection Agency (CFIA) in Ottawa mit. Die Herde stehe unter Quarantäne, sowohl die Tiere als auch der Farmer erholten sich zusehends oder seien bereits ohne Symptome.

Übertragung vom Menschen nicht ungewöhnlich

Schweine sind ein bedeutendes Reservoir von Grippeviren. Wenn verschiedene Stämme der Erreger in den Tieren zusammenkommen, können die Viren ihre Eigenschaften neu kombinieren und so auch potenziell bedrohliche Varianten entstehen lassen. Die Übertragung von Grippeviren vom Menschen auf Schweine sei nicht ungewöhnlich, betonte Brian Evans von der kanadischen Lebensmittelbehörde. "Schweine können sich mit menschlichen Influenza-Viren anstecken genauso wie mit Schweinegrippe-Viren oder der Vogelgrippe", sagte Evans.

Schweinefleisch ist nicht infektiös

Nachdem wegen der Schweinegrippe bedeutenden Abnehmer wie China oder Russland Handelsbeschränkungen für Schweinefleisch und Schweineprodukte aus Mexiko, den USA und Kanada erlassen haben, betonten mehrere internationale Organisationen erneut, dass dies nicht begründet sei. Die Lebensmittelbehörde Canadian Food Inspection Agency (CFIA) erklärte ausdrücklich: "Influenzaviren beeinträchtigen die Sicherheit von Schweinefleisch nicht." Dies hatten auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Welternährungsorganisation (FAO), die Welthandelsorganisation (WTO) und die Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) in einer gemeinsamen Erklärung betont. Gleichwohl sei es wichtig, dass die Tierbestände von den Veterinärbehörden überwacht würden, um mögliche Zusammenhänge von Krankheitszeichen bei Schweinen mit Fällen von Infektionen beim Menschen zu erkennen.

Eine besondere Gefahr für Verbraucher sehen auch deutsche Experten nicht. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) rät, grundsätzlich bei der Zubereitung von Fleisch immer auf bestimmte Hygienemaßnahmen zu achten. "Wer Fleisch bei der Zubereitung mindestens zwei Minuten lang auf mindestens 70 Grad Celsius erhitzt, schützt sich vor Erkrankungen, die durch Mikroorganismen übertragen werden." Auch von rohem Fleisch - etwa Mett - gehe kein erhöhtes Grippe-Risiko aus. Die Krankheit werde durch das Einatmen der Viren übertragen, vor allem über Tröpfchen, aber auch über Staub, der den Erreger enthalte.

Zahl der Erkrankungen in Spanien verdoppelt

In Spanien hat sich unterdessen die Zahl der gemeldeten Fälle von Schweinegrippe innerhalb von 24 Stunden verdoppelt. Wie das Gesundheitsministerium in Madrid am Sonntag mitteilte, wurde bei 20 weiteren Patienten das Schweinegrippe-Virus nachgewiesen. Damit erhöhte die Zahl der bestätigten Fälle sich auf 40. Keiner der infizierten Patienten sei ernsthaft krank.

Nur sechs von ihnen würden noch in Krankenhäusern behandelt. Die übrigen 34 seien bereits aus den Kliniken entlassen worden. Derzeit prüften die Mediziner in Spanien noch 83 Verdachtsfälle. Die Zahl der Patienten, bei denen ein Verdacht auf eine Schweinegrippe-Infektion besteht, ist in Spanien rückläufig. Vor wenigen Tagen waren noch 116 Verdachtsfälle registriert worden.

Bis Sonntagnachmittag berichtete das EU-Zentrum für Seuchenbekämpfung (ECDC) in Stockholm von weltweit 780 bestätigten Infektionen in insgesamt 18 Ländern. Nicht bestätigte Verdachtsfälle gibt es demnach noch in den drei Ländern Portugal, Schweden und El Salvador.

In Mexiko gab es laut WHO-Angaben 506, in den USA 160 bestätigte Schweinegrippen-Erkrankungen. In Mexiko starben amtlichen Angaben zufolge 19 Menschen an dem Erreger. Nach Einschätzung von Gesundheitsminister Jos Angel Crdova ist die Grippewelle inzwischen jedoch in einer "Stabilisierungsphase". In den USA gab es bislang einen Todesfall. Die US-Gesundheitsbehörden schlossen nicht mehr aus, dass die Schweinegrippe ihren Ursprung in den Vereinigten Staaten hatte.

Ursprung in den USA?

"Es ist möglich, dass wir bei unseren Untersuchungen in den USA frühere Infektionsfälle entdecken", erklärte Scott Bryan von der US-Behörde für Seuchenbekämpfung (CDC) auf Nachfrage der Nachrichtenagentur AFP zu mehreren Fällen in Kalifornien vor dem Ausbruch der Epidemie in Mexiko. Die Zeitung "Wall Street Journal" berichtete von dem Fall eines zehnjährigen Jungen im Bezirk San Diego nahe der mexikanischen Grenze vom 30. März.

Die Ärzte hatten eine Halsabstrich bei dem Jungen gemacht und bei der CDC eingereicht, das Ergebnis erhielten sie am 14. April. Demnach handelte es sich um eine neue Variante des Schweinegrippe-Virus H1N1. Kurze Zeit später infizierten sich ein kleines Mädchen und ihr Cousin in einem Nachbarbezirk Kaliforniens. In allen drei Fällen wurde das neue Virus A (H1N1) nachgewiesen. Die drei Kinder sind inzwischen wieder gesund. Sie hatten sich nicht in Mexiko aufgehalten und auch keinen Kontakt zu Schweinen.

Dem Seuchenexperten Bryan zufolge könnte es sich um eine Variante des Virus handeln. Seinen Angaben zufolge testete die CDC zwischen Dezember 2005 und Januar 2009 zwölf verschiedene, untypische Virenstämme der Schweinegrippe.

WHO: Virus nicht bagatellisieren

Experten schätzen die Gefahr des Erregers unterschiedlich ein. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wies in Genf Berichte zurück, nach denen das mutierte Schweinegrippenvirus A/H1N1 weitaus ungefährlicher sei als angenommen. Dies hatte die US-Seuchenbehörde CDC erklärt. Demnach habe der Virustyp H1N1 anscheinend nicht die gleichen todbringenden Eigenschaften wie das Virus der katastrophalen Spanischen Grippe von 1918/19, sagte CDC-Direktorin Nancy Cox in Atlanta. An der Spanischen Grippe waren vor 90 Jahren mehr als 25 Millionen Menschen gestorben.

Demgegenüber erklärte der WHO-Direktor für weltweite Alarm- und Reaktionsstufen, Michael Ryan: "Die Entwicklung eines Virus ist überhaupt nicht vorhersehbar." Man könne immer noch davon ausgehen, dass eine Pandemie bevorstehe. "So müssen wir davon ausgehen, dass Phase 6 erreicht wird - aber wir hoffen, dass das nicht geschieht." Derzeit sei es aber nicht angebracht, die Alarmstufe 5 auf die höchste Stufe 6 zu heben, die den Ausbruch einer Pandemie anzeigen würde. "Es wäre unklug derzeit zu sagen, das Virus verbreite sich in unkontrollierter Weise", ergänzte Ryan.

Quelle: AFP / dpa / rts