Panorama

200 Polizisten beim Prozessauftakt"Mord aus Hass auf Moslems"

26.10.2009, 08:31 Uhr

Zum Auftakt des Prozesses gegen den mutmaßlichen Mörder der Ägypterin El-Sherbini wird der Ehemann der Getöteten befragt. Laut seiner Aussage ereignete sich der Angriff innerhalb weniger Minuten. Der Angeklagte Alex W. will sich vorerst nicht äußern.

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Der Angeklagte Alex W. wird in den Gerichtssaal geführt. (Foto: AP)

Im Prozess um den Mord an der schwangeren Ägypterin Marwa El-Sherbini am Dresdner Landgericht hat die Beweisaufnahme begonnen. Zunächst wurde der Ehemann der 31-Jährigen befragt, der bei der Messerattacke des angeklagten Spätaussiedlers Alex W. aus Russland am 1. Juli lebensgefährlich verletzt worden war. El-Sherbini und ihr Mann erlitten bei der Attacke jeweils mindestens 16 Messerstiche.

Laut seiner Aussage war der Angriff Minutensache: Das Paar habe zusammen mit dem dreijährigen Sohn gerade den Gerichtssaal verlassen wollen, als es vom Angeklagten Alex W. angegriffen wurde, sagte der 32-Jährige. Zunächst sei seine schwangere Frau geschlagen und geschubst worden. Als er sie verteidigen wollte, habe der Täter auch ihn geschlagen. Als er bemerkt habe, dass der Angreifer ein Messer hatte, habe er es ihm wegnehmen wollen. In diesem Moment seien "Leute" in den Saal gekommen, es sei ein Schuss gefallen, kurz danach habe er das Bewusstsein verloren. Den Schuss gab ein Beamter der Bundespolizei irrtümlich ab, er hatte den Ehemann für den Angreifer gehalten und ihm ins Bein geschossen.

Ehepaar war Angriff "hilflos ausgesetzt"

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten Mord aus blankem Hass vor. Alex W. habe die Frau und ihren Mann angegriffen, "um sie zu töten", sagte Oberstaatsanwalt Heinrich bei der Verlesung der Anklageschrift. Der 28-jährige Angeklagte habe auf die nebeneinander stehenden Eheleute "zunehmend teilweise mit großer Wucht" und aus "bloßem Hass" abwechselnd eingestochen. Die Anklage lautet auf Mord, versuchten Mord und gefährliche Körperverletzung. Ihm droht lebenslange Haft.

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Kameras sind auf den Eingang des Gerichtsgebäudes in Dresden gerichtet. (Foto: AP)

"Der Angeklagte wusste, dass die beiden keinen Angriff erwarteten und ihm hilflos ausgesetzt waren", so der Staatsanwalt. Die Tat sei durch die räumliche Enge des Gerichtssaales begünstigt worden. Alex W. "nutzte bewusst diese Umstände aus, um aus bloßem Hass auf Nichteuropäer und Moslems, denen er kein Lebensrecht zubilligt, das Leben der beiden auszulöschen". Er habe El-Sherbini aus Heimtücke und niederen Beweggründen getötet und versucht, einen weiteren Menschen zu töten.

Witwer: Habe kein gutes Gefühl mehr in Dresden

In dem damaligen Prozess am Dresdner Landgericht ging es um eine Beleidigung gegen die Kopftuch tragende Frau im Jahr 2008. Der jetzt angeklagte Russlanddeutsche Alex W. war damals wegen eines gegen ihn verhängten Bußgeldes in Berufung gegangen. Elwy Ali Okaz berichtigte in diesem Punkt bisherige Angaben der Staatsanwaltschaft. Seine Frau habe Alex W. nicht angezeigt, nachdem dieser sie 2008 auf einem Spielplatz unter anderem als "Islamistin", "Terroristin" und "Schlampe" bezeichnet hatte. "Sie selbst hat ihn nicht angezeigt, wir haben von unserer Seite keine Schritte unternommen", sagte er. Offensichtlich wurde von Amts wegen ermittelt, denn die Frau hatte damals die Polizei gerufen.

Der Angeklagte stammt aus Perm in Russland und war 2003 als Spätaussiedler nach Deutschland gekommen. Zuletzt war er arbeitslos. El-Sherbini und ihr Ehemann lebten zum damaligen Zeitpunkt seit mehreren Jahren in Dresden. Der Mann schrieb am Max-Planck-Institut für Molekulare Zellbiologie und Genetik seine Doktorarbeit, die Frau war in einer Apotheke beschäftigt. Nach allem, was passiert sei, habe er kein gutes Gefühl mehr für eine Zukunft in der Stadt, sagte der Witwer.

Angeklagter will sich nicht äußern

Der Angeklagte wurde an Händen und Füßen gefesselt in den Gerichtssaal gebracht. Sein Gesicht verdeckte er mit der Kapuze seines Pullovers und einer Sonnenbrille; während der Verhandlung saß er mit dem Rücken zum Saal. Einer der Verteidiger des Angeklagten Alex W. erklärte zudem, dass sich sein Mandant vorläufig weder zu den Vorwürfen noch zu seiner Person äußern werde. Vor Beginn der Beweisaufnahme hatte eine andere Kammer des Gerichts einen Befangenheitsantrag der Verteidigung abgelehnt. Die Hauptverhandlung hatte wegen der strengen Sicherheitskontrollen verspätet begonnen.

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Etwa 200 Polizisten sichern den Prozessauftakt. (Foto: dpa)

Die Vorsitzende Richterin Wiegand machte zum Prozessbeginn deutlich, dass es sich um kein politisches Verfahren handle. Alle Beteiligten sollten dem Rechnung tragen. Es gehe darum, den Tod einer jungen Frau aufzuklären, "deren Würde in diesem Verfahren auch gewahrt werden muss", mahnte sie.

Der Mord im Gerichtssaal hatte weltweit Entsetzen ausgelöst, in der arabischen Welt waren Rufe nach Vergeltung laut geworden. Im Vorfeld des Prozesses gab es einen Mordaufruf gegen den Angeklagten. Die Ausländerbeauftragte des Bundes, Maria Böhmer (CDU), rief dazu auf, das Verfahren mit Ruhe und Besonnenheit zu verfolgen. "Die schreckliche Tat hat in Deutschland und Ägypten sowie in weiten Teilen der arabischen Welt Trauer und Entsetzen ausgelöst. Millionen Menschen verfolgen den Prozess mit großer Aufmerksamkeit", erklärte sie laut einer Mitteilung in Berlin.

Quelle: dpa/AFP