Panorama
Freitag, 19. November 2010

Wo Göring vor Gericht stand: Museum erinnert an Nürnberger Prozesse

Es ist der Ort, an dem einst die Alliierten über die Nazi-Schergen zu Gericht saßen. Bis auf ein paar Wandtafeln erinnerte daran im Nürnberger Justizpalast bislang nichts. Jetzt soll ein Museum den Ort der Nürnberger Prozesse stärker in den Blickpunkt rücken: das "Memorium".

Der Schwurgerichtssaal 600, Schauplatz der Nürnberger Prozesse, wird heute noch für große Schwurgerichtsprozesse genutzt.
Der Schwurgerichtssaal 600, Schauplatz der Nürnberger Prozesse, wird heute noch für große Schwurgerichtsprozesse genutzt.(Foto: dapd)

Die dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte wurden hier aufgearbeitet - entsprechend düster präsentiert sich auch der Ort, der künftig daran erinnern soll: Grau- und Schwarztöne begleiten den Besucher beim Rundgang durch das neue "Memorium" - ein Museum, das auf 750 Quadratmetern zur Auseinandersetzung mit der Vorgeschichte, dem Ablauf und der historischen Bedeutung des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses in den Jahren 1945 und 1946 einlädt.

Am 21. November soll es im Beisein des russischen Außenministers Sergej Lawrow und seines deutschen Amtskollegen Guido Westerwelle (FDP) eröffnet werden - auf den Tag genau vor 65 Jahren war das internationale Militärtribunal erstmals in Nürnberg zusammengetreten. Auch Vertreter der drei anderen Alliierten werden erwartet. Die vier Siegermächte hatten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Saal 600 des Nürnberger Justizpalastes über 22 Nazi-Kriegsverbrecher zu Gericht gesessen - und damit Justiz-Geschichte geschrieben.

Texte und Tonaufnahmen dominieren

Die neue Dauerausstellung informiert am Ort des Geschehens über die Vorgeschichte, den Verlauf und die Nachwirkungen der Nürnberger Prozesse.
Die neue Dauerausstellung informiert am Ort des Geschehens über die Vorgeschichte, den Verlauf und die Nachwirkungen der Nürnberger Prozesse.(Foto: dpa)

Mit einer üppigen Requisiten-Sammlung aus den Prozesstagen, die Nürnberg seinerzeit in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit gerückt hatten, konnten und wollten die Museumsmacher freilich nicht aufwarten. "Wir setzen auf die Macht des Wortes", sagt der Leiter der Museen der Stadt Nürnberg, Matthias Henkel. Wer das Museum besuche, der müsse bereit sein, Dokumente zu lesen. Ein Audio-Guide helfe allerdings bei der Bewältigung der Informationsflut.

Einzige Ausstellungsstücke sind zwei noch erhaltene Anklagebänke. "Die haben seinerzeit US-Ingenieure extra für den Prozess entworfen. Die Lehnen sind dabei so gestaltet, dass die Angeklagten ja nicht zu bequem sitzen", berichtet der Nürnberger Museumschef. Filme aus jener Zeit und historische Tonaufnahmen sollen es dem Besucher erleichtern, das Prozessgeschehen zu verstehen.

Die größte Besucher-Attraktion dürfte allerdings der Saal 600 sein, in dem einst gegen Reichsmarschall Hermann Göring, Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß und andere Nazi-Schergen verhandelt worden war. Der Umstand, dass der geräumige Gerichtssaal heute noch für große Schwurgerichtsprozesse gebraucht wird, verhinderte von Anfang an seine museale Nutzung. Stattdessen wurde für rund 4,2 Millionen Euro ein schräg darüber liegendes Dachgeschoss aufwendig zum Museum umgestaltet.

Fensterluken zum "authentischen Ort"

Blick durch ein Fenster in den Schwurgerichtssaal 600 im Landgericht Nürnberg-Fürth.
Blick durch ein Fenster in den Schwurgerichtssaal 600 im Landgericht Nürnberg-Fürth.(Foto: dpa)

Dennoch gelang es den Museumsmachern, den Saal 600 in das Konzept des "Memorium"-Museums einzubinden. An verhandlungsfreien Tagen kann der im Stockwerk darunter liegende "authentische Ort", wie Museums- Chef Henkel betont, besichtigt werden. Ist der Saal 600 belegt, erlauben vier Fensterluken im Entree des "Memoriums" einen Blick auf den schräg darunter liegenden Saal. Jeder Richter entscheidet allerdings selbst, ob er neugierige Blicke durch die Museumsluken zulässt oder den Blick lieber mit einer Milchglasscheibe vernebelt.

Die Ausstellung selbst ist in vier Teile gegliedert. Der Hauptraum widmet sich dem Nürnberger Prozess selbst. Schräg angebrachte Wandtafeln präsentieren die Vorgeschichte, porträtieren die Angeklagten und zeigen die ihnen zur Last gelegten Verbrechen. Auf dem grau-schwarzen Terrakotta-Boden findet sich ein Grundriss des früheren Gerichtssaals, der danach wieder zurückgebaut worden war. Drei kleinere Ausstellungen gehen auf die Nachfolgeprozesse ein und skizzieren den Weg bis zur Gründung des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag.

Für Rechtshistoriker stellen die Nürnberger Prozesse einen Meilenstein zu einem internationalen Strafgerichtshof dar. Denn erstmals in der Geschichte der Menschheit waren in Nürnberg, der früheren Stadt der Nazi-Reichsparteitage, Staatsführer für die von ihnen befohlenen Verbrechen persönlich zur Verantwortung gezogen worden. Noch heute sprechen Juristen deshalb weltweit von den "Nuremberg Principles". Bis zu diesem Zeitpunkt waren nach verlorenen Kriegen immer Staaten und ihre Völker für den Krieg verantwortlich gemacht worden.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen