Panorama

Pfleger als MassenmörderNiels H. hat seine Opfer längst vergessen

22.06.2016, 13:41 Uhr
imageVon Solveig Bach
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H. steht ein weiterer Prozess bevor, wenn die Ermittlungen irgendwann abgeschlossen sind. (Foto: AP)

Niels H. sitzt bereits wegen Mordes im Gefängnis. Doch er hat wohl Dutzende weitere Menschen auf dem Gewissen, auch in Oldenburg. Er selbst kann sich an die Toten, die er als Pfleger betreuen sollte, kaum noch erinnern.

Geglaubt haben die Ermittler Niels H. noch nie, wenn er behauptete, er habe lediglich in der Zeit von 2003 bis 2005 Patienten in Delmenhorst geschadet. Doch von der Zahl der jetzt entdeckten weiteren Opfer bleiben auch Polizei und Staatsanwaltschaft nicht unberührt. In der Pressekonferenz der Soko "Kardio", in der sich alle um eine juristisch einwandfreie Wortwahl bemühen, fällt das Wort "Massenmörder".

Offenbar tötete Niels H. schon ab 1999, als er zunächst als Krankenpfleger im Klinikum Oldenburg arbeitete. Das ergaben die monatelangen akribischen Ermittlungen der Sonderkommission. "Das Grauen hört nicht auf, die Ermittlungen können noch nicht abgeschlossen werden", sagt der Polizeipräsident von Oldenburg, Johann Kühme, dazu. Und sie werden es wohl in diesem Jahr auch nicht mehr. Die Fälle von neun Patienten, die während der Dienstzeit von H. in Oldenburg gestorben waren, haben sich Gutachter genauer angesehen. Schon dabei stellten sie in elf Fällen Unregelmäßigkeiten fest.

Der Schluss der Gutachter lautet: H. hat einzelne Patienten gleich mehrfach mit Medikamentengaben in lebensbedrohliche Zustände gebracht, bei einer Patientin sollen es drei Mal gewesen sein. In Oldenburg war es meist Kalium, aber auch andere Substanzen könnte er verwendet haben. Das Klinikum kommt in einer internen Untersuchung der Vorfälle zu dem Schluss: H. hatte seinerzeit in signifikant höherem Maße als alle anderen Pflegerinnen und Pfleger seiner Station bei Todesfällen Dienst. Das sei seinerzeit allerdings nicht als ausreichend erachtet worden, die Ermittlungsbehörden einzuschalten.

Großes Dunkelfeld

Intern gab es allerdings immer wieder deutliche Kritik an H., deshalb wurde dieser zunächst intern versetzt und schließlich Mitte Dezember 2002 "weggelobt" - und beging schon kurz vor Weihnachten in Delmenhorst den nächsten Mord. Anders als früher hat H. inzwischen alle Taten "vollumfänglich pauschal eingeräumt", berichtet die Oldenburger Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann. Der heute 39-Jährige wurde 2015 bereits zu lebenslanger Haft verurteilt, aber lediglich wegen zweifachen Mordes, zweifachen Mordversuchs und gefährlicher Körperverletzung am Klinikum Delmenhorst. Ein neues Verfahren soll alle Taten umfassen, die H. noch nachgewiesen werden können.

Auf genaue Gesamtopferzahlen will sich derzeit niemand festlegen, die Rede ist von Dutzenden. Schon im Oktober 2014 hatten Mithäftlinge von H. berichtet, er habe geäußert: "Bei 50 habe er aufgehört zu zählen." Einem anderen soll er gesagt haben: "Ich bin wohl der größte Serienmörder der Nachkriegsgeschichte." Als Motivation hatte H. angegeben, er habe die Medikamente gespritzt, um dann bei der Reanimation als Held glänzen zu können. Und wenn es schiefging, war es für ihn auch nicht so schlimm.

Bei der Soko "Kardio" macht man sich keine Illusionen und Kriminaloberrat Arne Schmidt spricht es auch aus: "Wir werden nie alles wissen." Einige Patienten mit verdächtigen Todesumständen wurden feuerbestattet, zudem ist der Wirkstoff Ajmalin des Medikaments Gilurytmal nur begrenzt nachzuweisen. Und es gibt den Verdacht, dass H. Kalium und andere Medikamente verwendete. In der Pressekonferenz fällt der Satz, dass nur H. alle Fragen beantworten könne. Aber genau das ist wahrscheinlich nicht möglich.

Ungewissheit bleibt

Oberstaatsanwältin Schiereck-Bohlmann zufolge will H. bei der Aufklärung durchaus "behilflich sein". Zu verlieren hat er auch im Fall einer weiteren Anklage nichts mehr. "Die rechtliche Konsequenz wird am Ende dieselbe sein: Lebenslänglich und besondere Schwere der Schuld. Daran wird sich nichts ändern", sagt die Staatsanwältin. Thomas Sander, Vertreter des leitenden Oberstaatsanwalts, kündigte an, die Ermittlungen würden so lange fortgesetzt, "bis wir sicher sind, dass wir das unselige Wirken von Niels H. an den unterschiedlichen Wirkungsstätten aufgeklärt haben."

Allein: H. kann sich schon jetzt kaum noch an konkrete Opfer und konkrete Tatumstände erinnern. Nur wenn der Patient einen besonderen Namen oder ein spezielles Krankheitsbild hatte, habe er genaueres zu den Taten sagen können, berichtete Schiereck-Bohlmann aus der Vernehmung. Insofern ist auf H.s Angaben auch künftig gleich aus mehreren Gründen kein Verlass. Für H. seien die Menschen "Spielfiguren" gewesen, "in einem Spiel, in dem nur Sie gewinnen und die anderen alle verlieren konnten", hatte der Richter bereits treffend bei der Urteilsverkündung gesagt. So scheint es zu bleiben.

Quelle: ntv.de

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