Folgen der Ölpest völlig unklarÖkosystem im Golf könnte kippen

BP versiegelt die Ölquelle im Golf von Mexiko, der Ölaustritt ist gestoppt. An der Meeresoberfläche zeigen sich kaum noch Ölreste dank des massiven Chemie-Einsatzes. Zudem bilden sich immer mehr Mikroben, die dem Meer den Sauerstoff entziehen. Die Langfristfolgen könnten dramatisch sein.
Drei Monate nach der Explosion der Bohrinsel "Deepwater Horizon" vor der Küste der USA macht sich Erleichterung breit: Der Ölfluss ist gestoppt und BP arbeitet auf Hochtouren an der endgültigen Versiegelung des Bohrlochs. Doch Experten zufolge könnte es Jahre oder sogar Jahrzehnte dauern, bis sich der Golf von Mexiko von einer der schlimmsten Ölkatastrophen der Geschichte erholt. 87 Tage dauerte es, bis das Bohrloch geschlossen war. Seither haben sich Hunderte Millionen Liter Öl ins Meer ergossen.
Zwar wurde der dicke Ölteppich, der zunächst Hunderte von Quadratkilometern Meer bedeckte, weitgehend aufgelöst oder in kleine Tröpfchen aufgespalten. Nur acht Prozent des Rohöls wurden dabei durch Abschöpfmaßnahmen und kontrolliertes Abbrennen entfernt. Weitere 42 Prozent lösten sich laut einem US-Regierungsbericht durch den massiven Einsatz chemischer Dispersionsmittel auf sowie durch natürliche Prozesse wie Verdunstung und durch Mikroben, die von Kohlenwasserstoffen leben. Zu Alptraum-Szenarien, wonach Zehntausende Vögel unter dem Ölschlick ersticken könnten, kam es nicht, weil das Öl vor den Küsten blieb. Auch die Fischer, die in den vergangenen Monaten um ihren Lebensunterhalt bangten, dürfen größtenteils wieder aufs Meer hinaus.
BP erinnert sich an "Mutter Natur"
"Es ist praktisch kein Öl mehr an der Oberfläche, das man abschöpfen könnte", teilte BP-Einsatzleiter Doug Suttles vergangene Woche mit. "Die Lage hat sich entschieden verbessert, dank einer Kombination aus unserer Arbeit und Mutter Natur." Trotzdem warnte er: "Wir sind noch lange nicht fertig." Hunderte Kilometer Küste des US-Bundesstaates Louisiana mit seinen ökologisch sensiblen Feuchtgebieten sind nach wie vor überzogen von klebrigem Ölschlick. Jede Flut spült frische Teerbrocken auf einst makellose Strände, sogar bis in den Bundesstaat Florida.
Zeitbombe unter der Wasseroberfläche
Unter den Wellen sind noch immer riesige Ölmengen versteckt. Sie schweben als Tröpfchen im Wasser - giftig für Fische und andere Meereslebewesen, die für die milliardenschwere Fischerei- und Freizeitindustrie der Küsten lebenswichtig sind.
"Die Theorie, dass sich das Zeug in Wind und Wetter auflöst, ist wirklich fragwürdig", sagt der Ozeanograph und Küstenexperte Jim Cowan. "Das in kleine Partikel aufgespaltene Öl löst sich schließlich im Meerwasser auf, und was letztendlich geschieht, ist noch völlig unsicher." Auch wenn das Öl zunächst im Wasser schwimme, werde es mit Sand oder Sediment vermischt irgendwann auf den Meeresboden sinken und von Stürmen wieder aufgewirbelt, erklärt Cowan. "Dies hat sich zu einem potenziell langfristigen, chronischen Problem entwickelt."
Ökosystem könnte kippen
Die giftige Mischung aus Öl und chemischen Dispersionsmitteln könnte die Fischbestände ausrotten, indem sie die empfindlichen Larven abtötet und die Fähigkeit zur Fortpflanzung der Überlebenden reduziert. Aber auch der Abbau des Öls durch Mikroben ist problematisch, wie Larry McKinney, Experte für den Golf von Mexiko, warnt: "Mikroben sind auch Organismen und verbrauchen daher Sauerstoff." Da den Küstengewässern bereits durch Abwässer schon Sauerstoff entzogen wurde, könnte die Ölpest das Ökosystem dort vollends kippen lassen, so McKinney: "Wir werden wahrscheinlich ziemlich starke Auswirkungen haben."
Manche Folgen zeigen sich auch erst nach Jahrzehnten. So werden aus dem Untergang der "Ixtoc" 1979 noch immer Teerbrocken an Stränden im US-Bundesstaat Texas angespült. Und vor Alaska haben sich die Heringsbestände mehr als 20 Jahre nach der Ölkatastrophe des Tankers "Exxon Valdez" noch immer nicht erholt.