Panorama

Hochwasserwelle rollt nach NordenOrte in Brandenburg evakuiert

09.08.2010, 23:09 Uhr

Die Flutwelle im Osten Deutschlands erreicht Brandenburg, mehrere Orte werden teilweise evakuiert. Oberhalb der Talsperre Spremberg erreicht der Pegel den höchsten Stand seit Jahrzehnten. Während in Sachsen bereits die Aufräumarbeiten anlaufen, fordert Ministerpräsident Tillich Aufklärung über die mangelhaften Informationen aus den Nachbarländern.

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Auch die brandenburgische Stadt Pusack ist überflutet. (Foto: dpa)

Flutopfer schaufeln Schlamm aus Häusern, Politiker beraten über Hilfen und Wetterexperten sehen neuen Regen kommen: Während das verheerende Hochwasser im Dreiländereck von Deutschland, Polen und Tschechien langsam zurückging, rollt die Hochwasserwelle nach Norden. Am Montag passierte der Scheitel der Neiße das sächsische Bad Muskau. Ein Teil des dortigen Fürst-Pückler-Parks, der zum Unesco-Welterbe gehört, stand unter Wasser. In Brandenburg rüsteten sich die Behörden für das Schlimmste. Allerdings hofften die Experten, dass die Fluten in Spree und Neiße nicht so dramatisch steigen wie in Sachsen.

Zwei vor Bad Muskau in Sachsen liegende Dörfer wurden überflutet, die Deiche brachen unter dem Druck des Hochwassers. Etwa 80 Menschen wurden in Sicherheit gebracht. Dann überflutete das Wasser etwa die Hälfte des Schlossparks. Gebäude waren zuvor mit Sandsäcken geschützt, wertvolle Gegenstände und Technik in Sicherheit gebracht worden. "Der Scheitel ist durch", sagte Andreas Johne vom Katastrophenschutzstab.

Millionenschäden in Sachsen

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Der gebrochene Staudamm in Polen. (Foto: dpa)

Beim schlimmsten Hochwasser seit 2002 waren am Wochenende im Dreiländereck mindestens neun Menschen ertrunken - drei davon in Sachsen. In Tschechien wurde weiter ein Mann vermisst. Auch in Polen gab es noch Vermisste. Vielerorts gab es Millionenschäden - eine Gesamtsumme war aber noch nicht bekannt. Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) schätzte, dass sich die Schäden der am Samstag über Teile des Freistaates hereingebrochenen Flut in einem dreistelligen Millionenbereich bewegen werden.

Für manche Flut-Geschädigte in Sachsen hat bereits das große Aufräumen begonnen: Die Menschen schleppten eimerweise Schlamm aus den Häusern und holten Baumstämme aus Gebäuden, die die reißenden Fluten hineingeschwemmt hatten.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) stellte den Opfern Hilfe in Aussicht. Zunächst müsse man aber klären, wer versichert sei und wer nicht, schränkte er bei einem Besuch beim Bombardier-Werk in Bautzen ein. Die Produktion im Werk des Bahntechnikherstellers musste gestoppt werden. Die Spree hatte nach einem Deichbruch am Wochenende teils bis zu 1,50 Meter hoch in Gebäuden gestanden. Im Werk begannen Aufräumarbeiten, um die Produktion schrittweise anfahren zu können.

Kritik an polnischen Behörden

Zugleich äußerte de Maizière Kritik an den polnischen Behörden. "Meine sächsischen Kollegen haben berichtet, dass die Vorhersagen verbesserungsfähig sind", sagte der Bundesinnenminister. Die deutsche Seite werde sicher Gelegenheit haben, "das mit den Polen für das nächste Mal so zu besprechen, dass die Zusammenarbeit da noch reibungsloser wird".

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Helfer versuchen, das Ufer der Neiße mit Sandsäcken zu sichern. (Foto: APN)

Durch den Dammbruch am polnischen Witka-Stausee waren am Samstag zusätzlich riesige Wassermassen in die Neiße gelangt. Die Behörden in Sachsen seien zunächst nur über eine erhöhte Abflussmenge aus der Talsperre, nicht aber über einen Dammbruch informiert worden, sagte Tillich. Das habe Zeit gekostet. Sein Innenminister Markus Ulbig (CDU) verlangte bundesweite Solidarität mit den Hochwasseropfern. Die Beseitigung der Flutschäden sei eine Gemeinschaftsaufgabe, sagte er der dpa. Neben dem Land Sachsen werde der Bund gefragt sein, um wieder normale Zustände herzustellen.

Zunächst einmal will der Freistaat Sachsen ein Darlehensprogramm in Höhe von 100 Millionen Euro für die Flutopfer auflegen. Das teilte Ministerpräsident Stanislaw Tillich am nach einem Treffen mit seinen Kabinettskollegen mit.

Dämme brüchig

Zur genauen Schadenshöhe lagen weder bei Europas größtem Versicherer Allianz noch bei den Rückversicherern Munich Re und Hannover Rück am Montag Zahlen vor. "Eine gute Einschätzung ist frühestens in einigen Tagen, vielleicht auch erst in einigen Wochen möglich", sagte ein Munich-Re-Sprecher in München.

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Das Schloss im Fürst-Pückler-Park in Bad Muskau ist von Hochwasser eingeschlossen. Das Asumaß der Schäden ist unklar. (Foto: APN)

In Brandenburg wurde am Montagabend als erster Ort Klein Bademeusel wegen des Hochwassers an Neiße und Spree evakuiert. Auch in Pusack und Bahren mussten Einwohner ihre Häuser verlassen. Es handele sich um eine vorsorgliche Maßnahme, weil der vorgelagerte Deich entlang der Neiße brüchig geworden sei und bereits Wasser durchdringe, sagte Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD). Das rund 70 Einwohner zählende Klein Bademeusel ist ein Ortsteil der Stadt Forst. Der schützende Deich ist wie alle übrigen Dämme an Neiße und Spree alt und bisher nicht erneuert worden.

"Wir halten die Situation für angespannt, aber beherrschbar", sagte Platzeck. Es sei ein "Glücksfall", dass das Hochwasser bis zu zweieinhalb Tage lang in der Talsperre Spremberg zurückgehalten werden könne. Oberhalb der Sperre haben die Pegel die Marke des Hochwassers von 1981 überschritten. Der Scheitelpunkt wird in der Nacht erwartet. Die Lage an der Elbe sei dagegen entspannt, und auch an der Oder herrschten günstige Bedingungen, sagte Platzeck.

Dauerregen angekündigt

An der Lausitzer Neiße in Brandenburg wurde die höchste Alarmstufe 4 und damit Katastrophenalarm ausgerufen. Dort stieg das Wasser schneller als zunächst gedacht. In Cottbus an der Spree tagte ein Krisenstab. Insgesamt 400.000 Sandsäcke wurden vom Landkreis Spree-Neiße und der Stadt Cottbus angefordert. "Hier kommt eine Naturgewalt auf uns zu, deren Auswirkungen man nicht genau abschätzen kann", sagte ein Sprecher.

In den deutschen Hochwassergebieten gibt es nur kurze Entspannung. Am Freitag ist neuer Dauerregen in Sicht. "Und es sieht so aus, als würde es wieder den Süden und Südosten treffen", sagte Meteorologe Robert Scholz vom Deutschen Wetterdienst in Offenbach. Ob es so schlimm wird wie am vergangenen Wochenende, war aber noch nicht klar.

Dresdner ganz entspannt

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Fast Normalität in Chemnitz: Nach der Flut wird aufgeräumt. (Foto: dpa)

In Polen und Tschechien liefen die Aufräumarbeiten auf Hochtouren. Die Wasserstände gingen weiter zurück. In Polen stellten die Behörden zehn Millionen Euro als Hilfe für die Flutopfer zur Verfügung. Die tschechische Regierung stellte 1,6 Millionen Euro Soforthilfe für die Region Liberec zur Verfügung. Am Mittwoch will die tschechische Regierung weitere Millionenhilfen beschließen.

Für Dresden stellt das steigende Hochwasser der Elbe bisher keine Gefahr dar. In Bayern entspannte sich die Hochwasserlage. Die Pegel einiger oberbayerischer Binnengewässer waren aber noch immer sehr hoch. Auf der Donau konnten auf einigen Abschnitten keine Schiffe fahren.

Nach Ansicht von Klimaforschern kann das verheerende Hochwasser bereits eine Folge des Klimawandels sein. Seit Jahrzehnten ziehen immer mehr Tiefdruckgebiete aus dem Mittelmeerraum in Richtung Norden. "Sie führen bei uns zu Starkregen, der innerhalb kürzester Zeit die Pegelstände ansteigen lässt wie jetzt an der Neiße oder 2002 an der Elbe", sagte Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

Blaupause der Zukunft

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Mojib Latif hat wenig Hoffnung auf Besserung. (Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Neben dem enormen Hochwasser mit Todesopfern und Evakuierungen in Europa sind die Überschwemmungen in Pakistan weitaus dramatischer. Dort kamen bislang rund 1800 Menschen ums Leben. Dies, wie auch die Hitzewelle mit Waldbränden in Russland sieht der Klimaforscher Mojib Latif als eine Art Blaupause für das, was auf uns langfristig zukommt.

Bei n-tv sagte Latif: "Was wir jetzt erleben, beispielsweise, dass die Kontinente immer trockener werden, das hat jetzt Russland gerade mal getroffen, dass die Monsunregen stärker ausfallen, auch bei uns in Ostdeutschland auf der einen Seite Trockenheit, auf der anderen Seite sintflutartige Niederschläge. Das sind die Dinge, die wir in den Modellen sehen und die sich in der Zukunft häufen werden." Nun bekomme man einen Eindruck davon, was passieren kann, wenn wir nicht endlich beim Klimaschutz wirklich Fortschritte erzielen.

"Wir haben ja gerade in Bonn wieder eine Klimakonferenz gehabt, die ohne konkretes Ergebnis zu Ende gegangen ist. Der nächste Klimagipfel steht vor der Tür in Mexiko, in Cancun, und die Vorzeichen sehen wirklich nicht gut aus." Der Kieler Wissenschaftler geht davon aus, dass die Klimaerwärmung weiter zunehmen wird. "Noch in diesem Jahrhundert stoßen wir in Bereiche vor, die wir Menschen noch nie erlebt haben. Aber wir hoffen, dass wir tatsächlich das, was wir als Klimakatastrophe bezeichnen, noch verhindern können." Latif hat aber wenig Hoffnung auf Änderung, wenn die Menschen – allen voran die Politiker – nichts am Klimaschutz ändern.

Quelle: rpe/ppo/dpa