Immer mehr MissbrauchsfällePapst schaltet sich ein

Nach einer Welle neuer Berichte über Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche befasst sich jetzt der Papst direkt mit dem Skandal. Auch die Kultusminister der Länder suchen wirksame Möglichkeiten, um den Missbrauch von Schülern zu verhindern. Zuletzt bekannt gewordene Opfer sind die Wiener Sängerknaben.
Der Papst befasst sich am Freitag erstmals direkt mit dem Missbrauchsskandal an katholischen Einrichtungen in Deutschland. Benedikt XVI. empfängt den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, der ihm Bericht erstatten soll. Die Enthüllungen und Vorwürfe erfassen derweil immer mehr Schulen, Heime und Organisationen, kirchliche wie weltliche. In Österreich gerieten neben katholischen Schulen am Donnerstag die Wiener Sängerknaben wegen sexueller Übergriffe ins Visier. An der privaten Odenwaldschule in Hessen, im Maristenkloster im niedersächsischen Meppen sowie im ehemaligen DDR-Kinderheim Pretzsch (Sachsen-Anhalt) soll es ebenfalls weitere Fälle gegeben haben.
Kultusminister suchen nach Ausweg
Auch die Kultusminister der Länder wollen nach Wegen suchen, um den sexuellen Missbrauch von Kindern zu verhindern. "Das Vertrauen in die Schule als geschützter Ort für unsere Kinder und Jugendlichen darf nicht erschüttert werden", sagte der Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), der bayerische Staatsminister Ludwig Spaenle. Eine Arbeitsgruppe der KMK soll von der kommenden Woche an die Bemühungen in den Ländern bewerten, um dann "Empfehlungen für ein länderübergreifend wirksames Handeln zu erarbeiten".
Dabei sollen jedoch keine verbindlichen Vorgaben entstehen. Vielmehr soll überlegt werden, wie Lehrer und Erzieher Verdachtsfälle gezielter erkennen und rechtzeitig handeln können. Spaenle warnte davor, das Problem nicht breit genug anzugehen. Mit pauschalen Schuldzuweisungen gegen private oder kirchliche Schulträger sei niemandem geholfen.
Zollitsch soll Bericht erstatten
Erstmals will sich auch der Papst direkt mit dem Missbrauchsskandal an katholischen Einrichtungen in Deutschland befassen. Benedikt XVI. erwartet dazu an diesem Freitag den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, der das Oberhaupt aller Katholiken informieren soll.
Für Bischof Zollitsch könnte der Besuch im Vatikan zum Gang nach Canossa werden: Der deutsche Papst reagierte in der Vergangenheit äußerst sensibel auf das Thema und bezeichnete Missbrauch wiederholt als ein unerträgliches Verbrechen. Er hatte sich persönlich des Skandals in den USA angenommen und später auch die irischen Bischöfe wegen der dortigen Probleme nach Rom zitiert. Zollitsch will sich nach seiner Audienz beim Papst vor der Presse äußern.
In zwei Wochen könnte Zollitsch erneut kritische Fragen zu hören bekommen: Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) hat den Bischof zu einem Treffen am 25. März eingeladen. Dabei soll der Streit um die ihrer Meinung nach mangelhafte Aufarbeitung der Missbrauchsfälle seitens der Kirche beigelegt werden. Die Bischofskonferenz reagierte "überrascht", wie Sprecher Matthias Kopp sagte. Man habe über die Medien von der Einladung erfahren. Zollitsch sei an dem Tag verhindert.
Aufarbeitung an der Odenwaldschule
Derweil wird das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs an der renommierten Odenwaldschule im südhessischen Heppenheim immer größer. "Wir wissen inzwischen von 33 Betroffenen", sagte Direktorin Margarita Kaufmann. Der Zeitraum reiche inzwischen von 1966 bis 1991. Bisher war das Elite-Internat von 24 Schülern in den 1970er und 80er Jahren ausgegangen. Inzwischen würden acht ehemalige Lehrer verdächtigt. Das Alter der missbrauchten Jungen und Mädchen reiche von 10 bis 19 Jahren.
"Ich bin beschämt, was an unserer Schule jungen Menschen angetan wurde", sagte die 54 Jahre alte Kaufmann. "Im Namen der Odenwaldschule bitte ich um Vergebung." Inzwischen gebe es ein Frühwarnsystem. Bei der Einstellung von Lehrern soll ein Verhaltens-Kodex eingeführt werden. Die Schulleiterin sagte, Informationen über Übergriffe seien meist nicht weiter verfolgt worden, dies gelte auch für die frühere Schulleitung. Sie sprach von "aktivem Täterschutz". Vertreter der Schüler und Eltern sicherten der Schulleitung ihre Unterstützung bei der Aufarbeitung zu.
Der Geschäftsführer der Schule, Meta Salijevic, kündigte für den 27. März ein außerordentliches Treffen des Schul-Trägervereins an. "Dort muss eine Personaldebatte geführt werden." Dabei seien auch Rücktritte im Vorstand ein Thema. Der Stein war ins Rollen gekommen, als sich anlässlich des im April bevorstehenden 100. Geburtstags der Schule ehemalige Schüler an Kaufmann gewandt hatten. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft. Es könnte Übergriffe gegeben haben, die noch nicht verjährt sind.
Übergriffe auf Schüler in Meppen
Die Meldungen über sexuelle Missbrauchsfälle an katholischen Schulen erreichte unterdessen auch das Bistum Osnabrück. Am ehemaligen Internat des Maristenklosters in Meppen sei es Ende der 60er Jahre zu sexuellen Übergriffen auf Minderjährige gekommen, teilte der Justiziar des Ordens mit. Beim Kloster seien anonyme Hinweise eingegangen. Der beschuldigte Maristenpater war zu dieser Zeit als geistlicher Erzieher (Präfekt) im Internat und ist vor zwei Jahren gestorben. Beim Bistum hätten sich nach Angaben eines Sprechers in den vergangenen Tagen zwei ehemalige Schüler gemeldet.
Auch im Kinderheim Pretzsch bei Wittenberg (Sachsen-Anhalt) soll es zu DDR-Zeiten sexuellen Missbrauch gegeben haben. Die Staatsanwaltschaft prüft die Aussage eines ehemaligen Heimbewohners in der "Leipziger Volkszeitung", wonach er im Zeitraum zwischen 1969 und 1979 zusammen mit weiteren Heimkindern missbraucht wurde. Ein heute 48 Jahre alter ehemaliger Heimbewohner sagte der Zeitung: "Mitten in der Nacht wurden wir von den Strahlen der Taschenlampen geweckt und in eines der Verstecke geführt. In dem alten Schloss gab es ja genug Verstecke. Die Erzieher haben dann mit uns ihre Spielchen gemacht."
Missbrauch bei den Wiener Sängerknaben
Nach Deutschland gibt es auch in Österreich immer mehr Enthüllungen über zum Teil Jahrzehnte zurückliegende Missbrauchsfälle. Sogar bei den weltberühmten Wiener Sängerknaben soll es sexuellen Missbrauch gegeben haben. Zwei ehemalige Chormitglieder berichteten der Zeitung "Der Standard" von sexuellen Übergriffen und übertriebenen Disziplinarmaßnahmen in den 60er und 80er Jahren. Es habe eine "Terror- und Angstatmosphäre geherrscht", sagten die heute 33 und 51 Jahre alten Betroffenen.
Einer der Männer, der als Orthopäde und Chirurg in Berlin arbeitet, erzählte von Duschritualen unter Anwesenheit der "Präfekten" genannten Erzieher. Diese hätten nackten Schülern Tipps gegeben, wie sie sich die Genitalien waschen sollten. Zudem wurde er selbst als Neunjähriger von einem älteren Schüler zu oralem Sex gezwungen. Der andere ehemalige Sängerknabe, der als Psychologe in München tätig ist, wurde bei einer US-Tournee unter anderem Zeuge, wie ein Präfekt einem Schüler, der nicht essen wollte, den Mund aufriss und Essen hineinstopfte.
Pfarrer verging sich an Jungen und Mädchen
Neben den Missbrauchsfällen in Salzburg - wo ein Erzabt zurücktrat - und in Vorarlberg gab es jetzt auch Vorwürfe gegen kirchliche Einrichtungen in Oberösterreich und der Steiermark. Im Stift Kremsmünster bei Linz werfen frühere Klosterschüler mehreren Geistlichen vor, sie in den 1980er Jahren vor anderen gedemütigt, geschlagen und sich an ihnen vergriffen zu haben. Das Stift entschuldigte sich bei den Betroffenen, drei beschuldigte Geistliche hätten die Vorwürfe bestätigt und seien ihres Amtes enthoben worden.
In der Oststeiermark soll ein Pfarrer in den 1970er und 1980er Jahren bis zu 20 Jungen und Mädchen bei Firm- und Nachhilfestunden sexuell missbraucht haben. Der im Burgenland als Priester tätige Mann legte sein Amt nieder. Er gab die Vorwürfe in einem Interview zu.
Das Thema Zölibat gehört dazu
Der Kardinal und Wiener Erzbischof Christoph Schönborn forderte eine genaue Ursachenforschung für sexuellen Missbrauch und erwähnte in diesem Zusammenhang erstmals auch den Zölibat, der kein Tabu-Thema sein dürfe: Man müsse die Opfer vor die Täter stellen und Schuld beim Namen nennen, schrieb Schönborn in einem Kommentar für ein Mitarbeitermagazin der Kirche. Es sei notwendig, nach den Ursachen sexuellen Missbrauchs zu fragen: "Dazu gehört die Frage der Priestererziehung genauso wie die Frage nach dem, was in der 68er-Generation mit der sexuellen Revolution geschehen ist. Dazu gehört das Thema Zölibat genauso wie das Thema Persönlichkeitsentwicklung."
Schönborn stelle mit dieser Aussage aber in keiner Weise "den Zölibat in der katholischen Kirche des lateinischen Ritus in Frage", betonte die Erzdiözese Wien in einer Reaktion nach der Veröffentlichung des Textes.
Ansturm von Ratsuchenden
Kirchliche und weltliche Beratungseinrichtungen für Opfer verzeichnen eine stetig steigende Nachfrage. Seit einem Missbrauchsskandal um den ehemaligen Kardinal und Wiener Erzbischof Hans Hermann Groer Mitte der 1990er Jahre hat jede Diözese in Österreich eine eigene Ombudsstelle für Opfer sexuellen Missbrauchs in der Kirche. Die Ombudsstelle in Salzburg soll wegen eines wahren "Ansturms" von Ratsuchenden in den vergangenen Tagen erweitert werden, berichtete der ORF.
Innerhalb von zwei Tagen habe es mehr Anfragen gegeben als in den acht Jahre davor, sagte der Leiter. Nach einer Umfrage der österreichischen Nachrichtenagentur APA gibt es diesen Trend fast im ganzen Land - zugleich steigt die Zahl der Kirchenaustritte. Rund 75 Prozent der etwa acht Millionen Österreicher sind katholisch.