Panorama
Pistorius nach seiner Festnahme.
Pistorius nach seiner Festnahme.(Foto: Reuters)

Versehen nicht sehr wahrscheinlich: Pistorius droht Mordanklage

War es ein fataler Irrtum oder eine eiskalt geplante Tat? Der Verdacht gegen den Paralympics-Goldmedaillen-Gewinner Pistorius ist ungeheuerlich, eine Mordanklage nicht ausgeschlossen. Der Südafrikaner soll seine Freundin erschossen haben. Zuvor hatte es in seinem Haus nach Polizeiangaben mehrfach Vorfälle häuslicher Gewalt gegeben.

Bilderserie

"Blade Runner" Oscar Pistorius ist nach einem tödlichen Drama um seine Freundin Reeva Steenkamp unter Mordverdacht festgenommen worden. Südafrikas sechsmaliger Paralympics-Sieger soll das 30 Jahre alte Model am frühen Donnerstagmorgen in seinem Haus in Silver Lakes am Rande der südafrikanischen Hauptstadt Pretoria erschossen haben. Der Haftrichter soll am Freitag entscheiden, ob offiziell Mordanklage erhoben wird. Zuvor muss sich Pistorius in einem Krankenhaus einem Blut-Alkoholtests und Untersuchungen auf Spuren einer gewaltsamen Auseinandersetzung unterziehen. Laut Medienberichten soll Pistorius die Freundin für einen Einbrecher gehalten haben. Die Polizei wies allerdings darauf hin, dass diese Mutmaßung nicht von ihr stammt.

Pistorius' Freundin wurde nach Angaben der Polizei von vier Schüssen aus einer Neun-Millimeter-Pistole am Kopf und an der Hand getroffen worden, sagte Polizeisprecherin Denise Beukes. Die Tatwaffe sei auf Pistorius zugelassen. Das Opfer starb nach offiziellen Angaben an einem Kopfschuss.

Auch wenn sich die Behörden noch sehr bedeckt hielten, scheint es kaum einen Zweifel am Tathergang zu geben: Das 30-jährige Starmodell wurde in den frühen Morgenstunden in Pistorius' Haus von mehreren Schüssen tödlich getroffen. Nachbarn berichten, sie hätten zuvor eine lautstarke Auseinandersetzung im Haus des sechsmaligen Paralympics-Sieger mitbekommen. Diese Gerüchte bestätigte eine Polizeisprecherin jedoch nicht. Am Morgen der Tat wurden in der Nachbarschaft Zeugenaussagen aufgenommen.

Versehen nicht sehr wahrscheinlich

Das Paar bei einem gemeinsamen Auftritt im November 2012.
Das Paar bei einem gemeinsamen Auftritt im November 2012.(Foto: Reuters)

"Völlig überrascht" seien die Beamten gewesen, so Polizeisprecherin Beukes, als erste Medienberichte in Südafrika von "versehentlichen Schüssen gegen einen vermeintlichen Einbrecher" sprachen. Es habe keine Hinweise auf ein gewaltsames Eindringen in das Gebäude gegeben. Pistorius war der einzige, den die Beamten am Tatort neben dem Opfer fanden. Er wurde nach seiner Festnahme von der örtlichen Polizei des Distrikts Silverwood vier Stunden lang vernommen. Einem Polizeibeamten zufolge ist Pistorius "traumatisiert, weil er eine Person verloren hat, die ihm sehr nahe stand".

Der französischen Nachrichtenagentur AFP bestätigte Henke Pistorius, Vater des Athleten, die Tragödie: "Wir stehen unter Schock. Wir haben zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht viele Informationen. Die einzige Person, die genau sagen kann, was passiert ist, ist Oscar selbst." Wie die Polizei auf einer Pressekonferenz in Pretoria mitteilte, werde Oscar Pistorius nicht gegen eine von ihm selbst angebotene Kaution freigelassen. Sie berichtete zudem, es habe in der Vergangenheit schon mehrmals Fälle von Gewalt im Haus von Oscar Pistorius gegeben. Worum es dabei genau ging, ist unklar. Dass Pistorius gerne wilde Partys feiert, ist ein offenes Geheimnis und in Wort und Bild dokumentiert. Auch, dass er im letzten Jahr mit ein paar Männern wegen einer Frau handgreiflich wurde. Doch diesmal scheint die Lage völlig eskaliert zu sein.

Der Südafrikaner hatte mehrfach offen darüber gesprochen, eine Waffe zu besitzen und gelegentlich mit einer Neun-Millimeter-Pistole auf einem Schießstand zu trainieren. Der 26 Jahre alte Profisportler lebte wie viele wohlhabende Südafrikaner hinter hohen Mauern und unter strengen Sicherheitsvorkehrungen. Geschützte Luxus-Siedlungen wie das "Silverwoods Country Estate" sind eine Reaktion auf die beängstigend hohe Kriminalität in Südafrika. Die Mordrate ist etwa 20- bis 30-fach so hoch wie in Deutschland. Kriminelle gelten in Südafrika als besonders gewaltbereit. Oft werden bei Einbrüchen nicht nur Wertgegenstände gestohlen, sondern auch die Einwohner schwer misshandelt oder gar getötet.

Prominentes Opfer

Das Opfer des mutmaßlichen Mordes im Haus von Pistorius war in Südafrika ein durch Fernsehshows und Werbespots bekanntes Gesicht. Die 30-Jährige hatte noch am Tag vor ihrem Tod getwittert, wie sehr sie sich auf den Valentinstag freue: "Es sollte für jeden ein Tag der Liebe sein", schrieb sie. Das Model, das auch ein Jurastudium abgeschlossen hat, stand kurz vor einem neuen Höhepunkt seiner Fernsehkarriere: Steenkamp war eine von sieben Prominenten, die bei der südafrikanischen Variante von "Ich bin ein Star - holt mich hier raus" antraten. Die erste Episode der Realityshow "Tropika Island of Treasure" sollte am Samstag im Fernsehsender SABC ausgestrahlt werden.

Der drei Jahre jüngere Pistorius war mit Reeva Steenkamp seit einem Jahr zusammen. Das blonde Model, im vergangenen Jahr Cover-Girl eines britischen Männer-Magazins (FHM), habe ihren Freund laut eines Berichts der südafrikanischen Zeitung "Beeld" anlässlich des Valentintages überraschen wollen. Steenkamps Model-Agentur bestätigte, dass es sich bei der Toten um ihre Klientin handele.

Idol für Millionen

Oscar Pistorius ist der Star unter den Behindertensportlern. Er wurde im vergangenen Jahr vom Magazin Time sogar in die Top 100 der einflussreichsten Menschen weltweit aufgenommen. Bei der berühmten Wahl zum "Sexiest Man Alive" des US-Magazins People landete er in den Top 10. Von seiner großen Fangemeinde bekam Pistorius auf seiner Facebook-Seite Zuspruch. Im Alter von elf Monaten wurden Pistorius beide Beine unterhalb der Knie amputiert. Er läuft auf High-Tech-Karbonstelzen. Pistorius wollte bereits bei Olympia in Peking 2008 antreten, erhielt aber vom Leichtathletik-Weltverband IAAF keine Starterlaubnis. Die IAAF sah in den Wunderstelzen einen unzulässigen Wettbewerbsvorteil. Pistorius zog dagegen vor den Internationalen Sportgerichtshof CAS in Lausanne - und bekam Recht. Der Weg war damit auch frei für seinen historischen Auftritt bei Olympia 2012 in London.

Zu den Sponsoren des Sportlers gehört unter anderem der Ausrüster Nike. Zu den Folgen der Festnahme für das Sponsoring wollte sich eine Sprecherin nicht äußern. Es handle sich um einen "sehr tragischen Vorfall", sagte Seruscka Naidoo der Nachrichtenagentur AFP.

Der südafrikanische Bezahl-Fernsehsender M-Net nahm unterdessen eine Werbe-Kampagne mit dem Sportler "mit sofortiger Wirkung" aus dem Programm. Dies geschehe "aus Respekt und Sympathie" mit den betroffenen Angehörigen, erklärte der Sender über Twitter.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen