Panorama
Pistorius bei der Anhörung am Mittwoch.
Pistorius bei der Anhörung am Mittwoch.(Foto: REUTERS)

Polizei stellt ihren Chefermittler kalt: Pistorius kann auf Wende hoffen

Von Solveig Bach

Der Chefermittler im Fall des unter Mordverdacht stehenden Oscar Pistorius muss gehen. Gegen ihn wird wegen Mordversuchs ermittelt. Das Gericht braucht derweil vier aufwühlende Verhandlungstage, um über Pistorius' Freilassung gegen Kaution zu entscheiden. Südafrika steht vor einem juristischen Spektakel, bei dem sich die Polizei bereits bis auf die Knochen blamiert hat.

Hilton Botha wird wohl bald selbst auf der Anklagebank sitzen.
Hilton Botha wird wohl bald selbst auf der Anklagebank sitzen.(Foto: dapd)

Spektakuläre Entwicklung im Fall Pistorius: Der leitende Ermittler im Verfahren gegen den wegen Mordes angeklagten Sprintstar Oscar Pistorius muss gehen, nachdem er selbst unter dem Verdacht des versuchten Mordes geraten war. Der Polizeibeamte Hilton Botha sei des versuchten Mordes in sieben Fällen verdächtig und werde von seinen Aufgaben entbunden, teilte Südafrikas Polizeichefin Riah Phiyega auf einer eiligst einberufenen Pressekonferenz in Pretoria mit.

Konkret geht es um einen Vorfall im Jahr 2009, als Botha und andere Polizisten auf einen Kleinbus mit sieben Insassen schossen, um ihn an der Weiterfahrt zu hindern. Die Polizisten hatten nach einem Verdächtigen in einem Mordfall gesucht und dabei billigend in Kauf genommen, dass Menschen ums Leben kamen.

Derweil stehen die schweren Vorwürfe gegen Pistorius weiter im Raum. Noch immer ist vollkommen unklar, ob es sich bei dem Tod seiner Freundin Reeva Steenkamp um einen schrecklichen Irrtum oder um einen kaltblütigen Mord handelt. Als wirklich sicher kann bisher nach wie vor nur gelten, dass Pistorius Steenkamp am frühen Morgen des Valentinstages in seinem Haus in einem Nobelvorort von Pretoria mit mehreren Schüssen tötete.

Das Badezimmer, in dem die tödliche Schüsse fielen.
Das Badezimmer, in dem die tödliche Schüsse fielen.(Foto: dapd)

Doch schon bei der Anzahl der Schüsse wird es schwierig. In den ersten Polizeiberichten und auch in den anfänglichen Erläuterungen der Staatsanwaltschaft ist von vier Schüssen die Rede. Die Schüsse hätten Steenkamp am Kopf und an der Hand getroffen, heißt es am Todestag von einer Polizeisprecherin. In einer späteren Anhörung des jetzt gefeuerten Chefermittlers Botha spricht dieser dann plötzlich von acht Schüssen, muss sich aber auf Nachfrage korrigieren. Der vorläufig letzte Stand nach Bothas Befragung am Mittwoch ist nun, dass Steenkamps Leiche drei Schusswunden auf der rechten Körperseite aufgewiesen habe: Ein Schuss traf sie demnach im Kopf direkt unter dem Ohr, ein Schuss im Ellenbogen und ein Schuss in der Hüfte.

Botha gab an, er habe eine Patronenhülse auf der Schwelle zwischen Badezimmer und Schlafzimmer und drei weitere im Innern des Badezimmers gefunden. Nach seiner Ansicht sind drei der vier Schüsse im Badezimmer abgegeben worden. Das würde der Darstellung von Pistorius widersprechen, der ausgesagt hat, er habe auf der Schwelle hockend regelrecht um die Ecke geschossen, in Richtung eines Fensters, wo er den Einbrecher vermutete. Dabei habe er die auf der Toilette sitzende Steenkamp getroffen. Botha behauptet indes, der Schusswinkel verlaufe von oben nach unten. Dann müsste Pistorius gestanden haben.

Die Prothesenfrage

Was zu einer weiteren offenen Frage führt. Trug Pistorius seine Prothesen oder nicht? Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft zog der beinamputierte Pistorius in der Tatnacht zunächst im Schlafzimmer seine Prothesen an und ging dann mit einer Pistole bewaffnet zum Badezimmer. Botha sagt, Pistorius sei im Bad "hin und her" gelaufen. Pistorius allerdings bestreitet, seine Prothesen getragen zu haben. In der Anhörung am Dienstag sagte er: "Es war dunkel, ich hatte große Angst. Da ich meine Prothesen nicht anhatte, fühlte ich mich sehr verwundbar." Wahrscheinlich müssen nun Gutachter anhand der Einschusswinkel klären, aus welcher Höhe der Schütze gefeuert hat.

Bilderserie

Südafrikanische Medien berichteten zudem, im Haus von Pistorius sei ein blutverschmierter Cricket-Schläger gefunden worden. Welche Rolle dieser Schläger in der Tatnacht spielte, gehört ebenfalls zu den offenen Fragen des Falles. Nicht näher bezeichnete Polizeiquellen wurden zwischenzeitlich mit der Version zitiert, Pistorius habe seine Freundin bereits im Schlafzimmer damit attackiert und verletzt. Daraufhin sei sie ins Badezimmer geflohen, wo sie dann getötet wurde.

Pistorius jedoch hat ausgesagt, dass er den Schläger verwendet habe, um die Badtür aufzubrechen, nachdem ihm klar geworden war, dass Steenkamp nicht wie von ihm angenommen, im gemeinsamen Bett liegt. Botha bestätigte auf Nachfrage immerhin, dass ein Cricketschläger zu diesem Zweck benutzt wurde. Wenn tatsächlich Blut an dem Schläger war, könnte es möglicherweise auch später dorthin gekommen sein. Beispielsweise als Pistorius seine schwerverletzte und stark blutende Freundin in die Eingangshalle trug.

Schlampige Ermittlungen?

Einige Fragen müssten sich aus den Ergebnissen der Spurensicherung beantworten lassen. Die könnte allerdings nicht so penibel erfolgt sein, wie es angesichts der schweren Vorwürfe wünschenswert wäre. Pistorius' Verteidiger Barry Roux kritisierte in den bisherigen Anhörungen scharf, dass die Polizei bei der Spurensicherung erhebliche Fehler gemacht und es versäumt habe, unklare Sachverhalte zu ermitteln. Angeblich haben Pistorius' eigene Forensiker in dem Bad noch Munition gefunden, die von der staatlichen Spurensicherung übersehen worden war. Auch habe Botha bei der Erkundung des Tatorts keine Schuhüberzüge getragen. Dies räumte Botha ein.  Es seien "nicht genug da" gewesen. Botha musste auch zugeben, dass die Ermittlungsergebnisse der Rechtsmediziner und der Ballistiker noch nicht vorlägen.

Diese Einlassung bezieht sich auf Aussagen von Botha, in Pistorius' Haus seien zwei Kartons mit Testosteronpräparaten und Spritzen gefunden worden. Die Staatsanwaltschaft musste später offiziell erklären, es sei noch nicht belegt, dass es sich bei den gefundenen Substanzen um Testosteron handele. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Medupe Simaskiu, sagte dazu am Mittwochabend: "Wir können nicht sagen, was es ist". Erst die wissenschaftliche Analyse könne das klären. Laut Pistorius' Verteidiger soll es das pflanzliche Arzneimittel "Testo Compositum Coenzyme" sein. Dieses würden viele Athleten benutzen, und es sei nicht verboten. Für Pistorius stand damit jedoch auch noch der Doping-Vorwurf im Raum. In der Vergangenheit war der Sprintstar mehrfach getestet worden, ohne dass es auffällige Befunde gegeben hatte.

Mit Steenkamp war Pistorius seit November 2012 offiziell zusammen.
Mit Steenkamp war Pistorius seit November 2012 offiziell zusammen.(Foto: picture alliance / dpa)

Botha hatte auch ausgesagt, auf dem Boden des Badezimmers seien zwei Handys gefunden worden. Von keinem der Telefone aus habe Pistorius aber den Notarzt angerufen, wie er es zuvor in einer eidesstattlichen Erklärung versichert hatte. Auf Nachfragen der Verteidigung musste Botha allerdings einräumen, dass die Polizei nicht versucht hat, herauszufinden, ob Pistorius den Notarzt von einem anderen Handy aus gerufen hat. Auch der Frage, mit wem Pistorius unmittelbar nach den Schüssen gesprochen hat, sind die Ermittler nicht nachgegangen. In einigen Medien ist die Rede davon, er habe seinen Vater angerufen, in anderen, es sei eine in der Nähe wohnende Freundin gewesen. Laut Polizei waren bei ihrem Eintreffen ein Rechtsanwalt und der Bruder des Beschuldigten anwesend.

Selbst die Frage, ob Pistorius' Anruf in der Notrufzentrale eingegangen sei, versuchte die Polizei nicht zu beantworten. Es ist Pistorius' Verteidiger Roux, der die Antworten mit einer Liste aller Anrufe bei der Notrufzentrale in jener Nacht präsentiert: "14. Februar, 3.20 Uhr, Frau mit mehreren Schussverletzungen in Silver Lakes. Anrufer: Oscar Pistorius."

Nicht jede der vielen offenen Fragen wird sich so leicht und vor allem so klar beantworten lassen. Zeugen wollen gehört haben, dass Pistorius und seine Freundin vor den Schüssen laut gestritten haben. Pistorius besteitet das. Er berichtet von einem friedlichen Abend mit Steenkamp.

Prestigeträchtiger Fall

Dass es in diesem Fall juristisch und medial um alles geht, wurde bereits am Tattag offenbar. Medien verbreiteten nach Steenkamps Tod schnell Pistorius' Version, er habe seine Freundin versehentlich erschossen, weil er sie für einen Einbrecher gehalten habe. Die Polizei reagierte auf diese Darstellung überrascht. Polizeisprecherin Denise Beukes hielt mit der Information dagegen, dass es in der Vergangenheit Berichte über "Familienstreitigkeiten im Haus des Beschuldigten" gegeben habe.

Womit sich die möglicherweise alles entscheidende Frage nach dem Motiv stellt. Ist Pistorius ein extrem eifersüchtiger, gewalttätiger Mensch? Ein narzisstischer, testosterongesteuerter Leistungssportler, dem die in seinem Sport so hilfreiche Aggressivität nun zum Verhängnis wurde? Oder ist das alles nur ein schreckliches Missverständnis, und hat Pistorius in dem Bemühen, seine Freundin vor einem möglicherweise gefährlichen Einbrecher zu schützen, den ihm liebsten Menschen getötet?

Sprechen die verzweifelten Tränen, die Pistorius bei jeder Anhörung weint, für echte Trauer oder doch nur für Selbstmitleid? Oscar Pistorius sei noch in einem "Schockzustand", sagte der Onkel Arnold Pistorius in einem Fernsehinterview am Mittwochabend. Oscar sei tieftraurig, dass er selbst es war, der seine Liebe umgebracht habe. Er werde sicher lange brauchen, um damit fertig zu werden. Seine persönliche Webseite hat Pistorius inzwischen ganz dem Kriminalfall untergeordnet. "Nach den jüngsten tragischen Ereignissen und dem enormen Interesse weltweit hat die Familie von Oscar Pistorius entschieden, die offizielle Webseite den neuesten Nachrichten über Entwicklungen sowie Botschaften der Unterstützung zu widmen", heißt es in dem geänderten Internet-Auftritt.

Am Ende zuviel für Botha

Dies mag man als Zeichen für gewünschte Transparenz und Aufklärung deuten, es könnte aber auch einfach nur eine professionell gehandhabte PR sein. Pistorius kann es sich leisten, sich von renommierten Juristen und Experten unterstützen zu lassen. Zu ihnen zählen der Star-Anwalt Kenny Oldwage, der britische Medienberater Stuart Higgins, der südafrikanische Forensiker Reggie Perumal und sein Verteidiger Roux.

Dass all diese Männer ihre Arbeit gut machen, wird schnell deutlich. Chefermittler Botha war nicht mehr zu halten, nachdem altbekannte Vorwürfe auftauchten, er habe 2009 auf einen Kleinbus mit sieben Menschen geschossen und zumindest billigend in Kauf genommen, dass sie ums Leben kommen könnten. Das Bild eines schlampigen Ermittlers, das er in der richterlichen Anhörung abgegeben hat, war am Ende seiner Glaubwürdigkeit nicht förderlich. In jeder US-Serie lässt sich nachvollziehen, dass die Diskreditierung eines Hauptbelastungszeugen allemal ein wirksames Mittel ist, den Angeklagten "rauszuhauen".

Im Kreuzverhör musste Botha schließlich zugeben, dass am Tatort keine Belege dafür gefunden worden seien, die den bisherigen Darstellungen von Pistorius widersprächen. Der "wasserdichte Fall", von dem Staatsanwalt Gerrie Nel vor wenigen Tagen noch sprach, ist der Fall Pistorius jedenfalls nicht.

Quelle: n-tv.de

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